Neue Hinweise auf Dortmunds Bedeutung im Mittelalter wurden bei Ausgrabungen auf dem Thier-Gelände gefunden.
Man vermutete es seit langem, doch die Belege waren bislang lückenhaft: Dortmund besaß zwei Keimzellen - zum einen eine Pfalz (Burg), von der niemand wirklich weiß, wo sie gestanden hat, zum anderen den Verwaltungssitz der Pfalz, von wo aus die Region beherrscht wurde und der für die Infrastruktur verantwortlich war.
Als Standort dieses Verwaltungssitzes war immer das Areal der früheren Thier-Brauerei angenommen worden. Neue Funde und Hinweise untermauern diese Theorie. Zu Tage traten sie bei den archäologischen Grabungen, die auf dem ehemaligen Brauerei-Gelände durchgeführt worden waren, bevor dort die Bagger anrückten, um die ECE-Einkaufsgalerie zu errichten.
Die gefundenen Gegenstände und die Spuren im Boden deuten auf eine überragende Stellung Dortmunds schon in der Anfangszeit des Mittelalters hin. Tiegel und Schlacken in großer Zahl beweisen eine umfangreiche Messingproduktion schon im 10. und 11. Jahrhundert. Gefäße und Glocken aus Bronze und Messing – Reste von Gussformen dafür lagen zu Tausenden in der Erde.
Daneben fanden sich Speichergruben für Getreide und Saatgut, die zur Versorgung von mehreren hundert Menschen ausgelegt waren. Eine gepflasterte Straße führte in Richtung eines Gebäudes. Sie war angelegt in der gleichen Technik wie der Hellweg, nur rund zweihundert Jahre früher zu datieren als der älteste Nachweis des Hellwegs in Dortmund. Bei dem Gebäude handelte es sich um ein sogenanntes Steinwerk, also um einen steinernen Keller in der Form eines Wohnturms. Derartige Gebäude waren in dieser Zeit Adeligen vorbehalten.
Vielleicht wohnte hier der vom König eingesetzte "Verwalter", der spätere Graf von Dortmund. Selbst eine Kapelle existierte schon in dieser Zeit. Von der Martinskapelle zeugen christliche Bestattungen, die am Rand des Grabungsfeldes ans Licht kamen.
Die archäologischen Spuren beleuchten eine Zeit, aus der die Historiker kaum Quellen besitzen. Sie sind alle durch die großen Stadtbrände vernichtet worden. Aber jetzt weiß man: Auf dem ehemaligen Brauerei-Gelände, auf dem jetzt die ECE-Stadtgalerie mit einer Mischung aus Einzelhandels-, Gastronomie- und Kulturangeboten entsteht, lebten die vom König eingesetzten "Verwalter" und legten von hier aus die Grundsteine für den Wohlstand und das Ansehen, das Dortmund seit den Zeiten der Hanse genießt. Vergleichbare Konzentrationen von Verwaltung und der Umfang ihrer Tätigkeiten sind bislang in Europa nur an ganz wenigen Orten nachgewiesen worden.