Eine Portion Ruhrgebiet tanken
Wenn Sie demnächst die Rolltreppe im Dortmunder U hinauf fahren und neben ihnen spielt eine nur leicht bekleidete Bergmann-Kapelle ein Medley aus "La Paloma" und dem "Steigerlied" in Moll – dann steckt Filmemacher Adolf Winkelmann dahinter. Der Experte für skurrile Typen verwandelt den U-Turm innen und außen, mit magischen Bildern, fiktiven Fensterszenen und überraschenden Perspektiven. Ein Interview.
EINE FILMINSTALLATION IN DREI STATIONEN VON ADOLF WINKELMANN
Ab dem 8. Oktober 2010 sind alle drei Stationen der Filminstallation zu sehen.
1. Station Dachkrone
außen U-Turm Bilderuhr
Die Bilderuhr definiert die Tage, die Stunden und die Jahreszeit. Jeder Tag hat ein eigenes Filmmotiv. Zur vollen Stunde erscheinen die Tauben, werktags Brieftauben, sonn- und feiertags weiße Tauben und ab Sonnenuntergang die Erinnerung an die Motive der vergangenen Woche. Durch die semi-transparenten Bilder hindurch kann man die Kathedralenfenster, die Dachfläche und den Himmel sehen. Die Bilderuhr läuft täglich von 6:00 Uhr morgens bis Mitternacht.
2. Station Eingangshalle
Ruhrpanoramen
34 maschinell geschwenkte Panoramen, stumm, aufgenommen auf Straßen, Plätzen und Aussichtspunkten des Ruhrgebiets. 8 assoziativ montierte Pseudopanoramen als Bilderkette, kombiniert mit Klangkompositionen. Der Betrachter kann die Leinwandkette von keiner Position aus als Ganzes sehen.
3. Station Vertikale
Neun Fenster
9 Projektionsflächen fungieren als Bühne für 150 Film-Miniaturen, die in täglich veränderter Abfolge gezeigt werden.
Schauspieler August Zirner und Adolf Winkelmann bei den Proben zu einer der Fenster-Szenen aus der Filminstallation "Fliegende Bilder“.
Foto: Winkelmann Filmproduktion GmbH 2009
Im Eingangsfoyer werden die Besucher von elf miteinander verbundenen Leinwänden empfangen, auf denen Ruhrgebiets-Panoramen zu sehen sind, aufgenommen an Kreuzungen, an Kanälen, in Fabriken, in der Natur... In der ersten, zweiten und dritten Etage wird man an der hohen vertikalen Wand Ruhrgebietsmenschen kennen lernen – keine echten Menschen, sondern ein Destillat aus allen Typen, die ich in 50 Jahren Ruhrgebiet erlebt habe. Die werden von Schauspielern wie August Zirner, Dietmar Bär oder Peter Lohmeyer gespielt. Diese Ruhrgebietstypen leben in Fenster-Löchern, sie erzählen dem Zuschauer von ihren kleinen Sünden, oder sie spielen ein Medley aus "Glück auf" und "La Paloma". Ganz oben auf dem Turm und weithin sichtbar werden Filmszenen projiziert: Das U wird zum riesigen Aquarium, oder einem Taubenschlag, oder zur Umlaufbahn des Sechs-Tage-Rennens...
Video: Adolf Winkelmann
Der Aufwand war durchaus vergleichbar mit dem für einen Spielfilm, und die Dreharbeiten haben mich an Orte geführt, an denen ich noch nie war. Ich bin 100 Meter hoch auf ein Windrad geklettert, habe mich an einen fahrenden Roboter in einem Hochregallager geschnallt und am Förderband in der Müllsortierung gefilmt. Für die 360-Grad-Panoramen, bei denen wir quasi dokumentarisch eine ganz normale Szene irgendwo im Ruhrgebiet zeigen, haben wir mit einem Schwenkkopf aus der Astronomie gearbeitet, der normalerweise beim Fotografieren von Sternen benutzt wird, die eine Stunde lang belichtet werden. Nur so wurden die Aufnahmen präzise genug.
Die Besucher kommen ins U und wollen ja eigentlich etwas anderes: ein Ticket kaufen, ihren Mantel holen. Mein Ehrgeiz ist es, Bilder zu zeigen, die so faszinierend und gleichzeitig so klischeefrei sind, dass man quasi nebenbei eine Portion Ruhrgebiet tankt. Ich will Menschen erreichen, die sich in klassische Musentempel nicht reintrauen. Für mich ist das Gebäude magisch, und ich möchte, dass es durch meine Inszenierung rätselhaft bleibt und Fragen stellt. Auch wer das dritte Mal kommt, soll noch Neues zu sehen bekommen.
Adolf Winkelmann drehte seine Filme für das Dortmunder U unter anderem auf dem Windrad, in der Müllsortierung oder im Hochregallager.
Foto: Michael Wiczoreck
Als Filmemacher reizt es mich außerdem, neue Wege zu gehen. Das bewegte Bild hat eine rasante Entwicklung hinter sich – heute sieht man Filme ja überall im öffentlichen Raum, allerdings meist zu Werbezwecken. Ich will das Medium für die Kunst zurück erobern.
Damals hatte das Gebäude allerdings noch kein U auf dem Dach. Schon damals habe ich mir Licht herbeigewünscht: Immer, wenn vier beleuchtete Tannen auf dem Dach standen, war bald Weihnachten. Damals war die Stadt noch nicht an allen Ecken illuminiert, da waren die vier Bäume eine Attraktion.
Nein, nicht dass ich wüsste. Zu jeder Film-Szene gehört übrigens auch Ton. Wir arbeiten noch daran, den Ton zu den Außen-Inszenierungen für die Betrachter draußen hörbar zu machen – nicht über Lautsprecher, wir denken da eher an eine Übertragung mittels Handy. Wenn das gelingt, wäre das die erste Medienfassade der Welt. Insofern sind die "Fliegenden Bilder" auch Forschungsprojekt.
Adolf Winkelmann (Jahrgang 1946) ist Filmregisseur und –produzent aus Dortmund. Seine Kino- und Fernsehfilme wurden mehrfach und zahlreich prämiert, zuletzt erhielt etwa sein Fernsehfilm "Contergan" den Deutschen Fernsehpreis, einen Bambi und die Goldene Kamera. Er lehrt als Professor für Film-Design im Studiengang Film/Fernsehen an der Fachhochschule Dortmund. Um seine neuesten Filme zu sehen, muss man weder ins Kino gehen noch fernsehen, sondern nur auf und in das Dortmunder U schauen. Winkelmann wird dessen Einweihung im Jahr 2010 mit der Filminstallation "Fliegende Bilder" krönen.