Erdmann Linde, Journalist, ehem. Leiter des Landesstudios Dortmund des WDR - Beitrag im Sozialpolitischen Bußtagsgottesdienst der Evangelischen Kirche im November 2007 in der St. Reinoldikirche
Wir haben gehört von
Dem Elend der Kinderarmut.
Der Ausgrenzung durch Verweigerung von Bildung und Ausbildung.
Dem Stigma des Wohnens im falschen Viertel..
Das waren einige Beschreibungen des Lebens der Verlierer, der Menschen die zu großen Teilen in bereits ererbter Armut leben:
Sie werden immer mehr.
Werfen wir einen Blick auf die Gewinner, die zu großen Teilen in ererbtem Reichtum leben:
Sie werden immer mehr.
Unsere Gesellschaft reißt in der Mitte durch---zwischen erlebten Abstieg und Abstiegsängsten und den medial vermittelten Aufstiegen und Aufstiegshoffnungen klafft mittlerweile ein tiefer Graben. Und auf beiden Seiten des Grabens gibt es Zuwachs: Die Armut breitet sich scheinbar unaufhaltsam aus und es stimmt aber auch: Die Reichen werden immer reicher und zahlreicher.
Und hier sind nicht nur die Millionäre und die Milliardäre gemeint sondern die Wohlhabenden die über das mehrfache von Hartz4 verfügen können.
Woran das liegt wissen wir:
Unsere Gesellschaft ist ungerecht und unsolidarisch: Sie belohnt die Fitten und die Fixen und die im feinen Elternhaus Geborenen. Sie vergisst die Langsamen und Lahmen die hinterm Bahndamm aufwachsen.
Aber es ist kein aus den Augen verlieren das die Handelnden erschreckt sondern das Ergebnis einer falschen Politik.
Die letzten Steuerreformen haben die Wohlhabenden mehr und mehr beschenkt und die öffentliche Gemeinschaft verarmen lassen.
Immer wieder wird Wohlstand und Reichtum von der Allgemeinheit subventioniert.
Immer wieder werden wir Zeuge wie diejenigen die mit ihren starken Schultern mehr tragen könnten beim Steuerzahlen Champions im Tarnen, Trixen und Täuschen sind.
Wer aus dem Steuerbetrug einen Sport macht entzieht der Öffentlichkeit Geld für notwendige Hilfe und ist damit verantwortlich für die Armut auch in dieser Stadt.
Es ist eine Schande dass die ehrlichen Steuerzahler und die Millionen Mehrwertsteuerzahler als die sprichwörtlich Dummen gelten und Steuersünden immer noch als Kavaliersdelikte angesehen werden.
Wer nur für einen Gedankenaugenblick die Perspektive der Armen einnimmt der muss über seinen finanziellen Beitrag zur Hilfe für eigenverantwortliches Handeln anders denken. Ein gerechtes Steuersystem- von dem wir weit weit entfernt sind ist die Grundlage für eine gerechte Gesellschaft. Es ist das Mehl aus dem Brot und auch Kuchen gebacken werden. Freiwillige Wohltätigkeit mit Tafeln und Suppenküchen kann hiervon nicht freikaufen.
Diese Spenden sind notwendig und willkommen. Sie sind die Butter aufs Brot oder die Sahne auf den Kuchen. Aber zuerst muss das Mehl her damit überhaupt gebacken werden kann.
Wer nachhaltig helfen will muss zuerst dafür eintreten dass die öffentliche Hand nicht weiter arm gespart wird.
In unserem so reichen Land sollte eine Politik möglich sein die allen Menschen eine Teilhabe an Bildung, Kultur, Wohnen und Einkommen garantiert. Nennen wir diese Politik ruhig Teilhabegerechtigkeit.
Gerecht ist sie wenn sie Allen die es allein nicht schaffen- ob jung oder alt zu einem eigenverantwortlichen Leben hilft.
Möglich ist das.
Wir müssen es wollen und öffentlich dafür einstehen.