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Aktionsplan Soziale Stadt

Altes Rathaus und Berswordthalle
Foto: GPM Foto

Selig sind, die hungert und dürstet nach Gerechtigkeit, denn sie sollen satt werden.

Pfarrer Friedrich Stiller, Vereinigte Kirchenkreise Dortmund - Predigt in St. Reinoldi zum Sozialpolitischen Buß- und Bettag 2007

Liebe Gemeinde,

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber manchmal, wenn ich abends von der Arbeit nach Hause komme, habe ich richtig Hunger. Dann stürze ich mich in der Küche auf irgendeinen Rest vom Mittagessen oder ein paar Brote. So was Ähnliches haben Sie wahrscheinlich auch schon erlebt. Hunger haben, das kennen wir.

Etwas anderes ist es, wenn man hungert. Hungern heißt, sich so nach Essen zu sehnen, dass man an nichts anderes mehr denken kann. Noch schlimmer ist es mit dem Durst. Wir kommen etwa 6 Wochen ohne Nahrungsmittel aus, aber nur 7 Tage ohne Flüssigkeit, ohne Wasser. Dürsten ist eine Steigerung von Hungern.

Hungern und Dürsten sind starke, unausweichliche Empfindungen. Sind sie da, wird alles andere unwichtig. Das Denken, Fühlen und Trachten richtet sich nur noch auf die eine Frage: Wo bekomme ich etwas zu Essen, wo bekomme ich etwas zu Trinken her?

Als Jesus seine Grundsatzrede, die "Bergpredigt hält", sagt er, was Gott von den Menschen erwartet, was Gottes Willen ist. In den Seligpreisungen nennt er Beispiele. Und spricht: "Selig sind, die hungert und dürstet nach Gerechtigkeit, denn sie sollen satt werden."

Hungern und Dürsten - nach Gerechtigkeit. Die meisten seiner Zuhörer in Israel, damals vor 2000 Jahren, wussten vermutlich genau, wie sich echter Hunger und echter Durst anfühlt, anders als wir. Und sie hatten wahrscheinlich auch am eigenen Leib erfahren, was Ungerechtigkeit ist. Ihnen und uns macht Jesus unmissverständlich klar, welche hohe Bedeutung die Sehnsucht nach gerechten Verhältnissen und gerechtem Handeln hat. Der Hunger nach Gerechtigkeit ist im Sinne Jesu, im Sinne Gottes.

"Selig sind, die hungert und dürstet nach Gerechtigkeit, denn sie sollen satt werden."

Die Forderung, die Vision der Gerechtigkeit fließt wie ein breiter Strom durch die Bibel, im ersten und im zweiten Testament. Gerechtigkeit, soziale Gerechtigkeit, ist das, was schon die Propheten einklagen, woran Könige und Herrscher gemessen werden und was den Menschen als Maßstab ihres Lebens gelten soll.

Wer sich daran orientiert, wer diese Sehnsucht empfindet, den oder die preist Jesus selig. "Selig sein" bedeutet, mit Gottes Willen übereinstimmen, glücklich sein in der Einheit mit Gott, seine Bestimmung finden. Wer nach Gerechtigkeit hungert und dürstet, befindet sich im Einklang mit Gottes Willen.

Wir haben aus den Berichten vorhin gehört, und wir können es in verschiedenen Untersuchungen aktuell nachlesen: Es gibt ein Gerechtigkeitsproblem in Deutschland und es gibt ein Gerechtigkeitsproblem auch in unserer Stadt. Das zeigt auch der neue Sozialbericht in Dortmund.

Spüren wir diese Sehnsucht, den Mangel auszugleichen, lassen wir uns berühren und öffnen unsere Herzen? Mancher wird sagen: Das ist aber heutzutage nicht so einfach, soziale Gerechtigkeit. Was genau ist denn damit heute gemeint?

Zunächst müssen wird denen widersprechen, die behaupten, schon die Frage sei falsch. So hat es beispielsweise Friedrich August Hayek gesagt, der Vater des modernen Wirtschaftliberalismus. Er meinte, soziale Gerechtigkeit sei eine Illusion. "Soziale Gerechtigkeit" hält er für eine "sinnentleerte Wortverbindung".

Aber auch unter denen, die sich der Gerechtigkeit verpflichtet fühlen, gehen die Meinungen weit auseinander.

Die einen denken zuerst an Leistungsgerechtigkeit, die jene belohnt, die etwas können und leisten.

Andere betonen die Verteilungsgerechtigkeit, nach der alle einen möglichst gleichen Anteil bekommen und ein sozialer Ausgleich geschaffen werden soll.

Über diese Meinungen hinaus geht ein anderes Verständnis von Gerechtigkeit: Teilhabe-Gerechtigkeit. Sie will mehr. Sie will gerechte Teilhabe aller, gerade der Armen. Sie will niemand ausschließen und möglichst alle mitnehmen. Teilhabe-Gerechtigkeit meint den Anspruch, an den Lebensmöglichkeiten der Gesellschaft teilhaben zu können: Niemand darf von den grundlegenden Möglichkeiten zum Leben ausgeschlossen werden. (EKD-Denkschrift "Gerechte Teilhabe"). Das gilt materiell. Das gilt aber auch für die Startchancen, den Lebensweg zu gestalten. Das meint: Lernen zu dürfen, um überhaupt etwas mitleisten zu können. Das meint auch, den massenhaften Ausschluss von Menschen vom Arbeitsmarkt nicht hinzunehmen und als Skandal zu verstehen. Und nicht zuletzt heißt das auch, den hartnäckigen Impuls zum sozialen Ausgleich zwischen arm und reich festzuhalten und Allianzen der Solidarität zu schmieden.

Wie wir mit den Schwachen, den Benachteiligten und den Armen unter uns umgehen, daran entscheidet sich, ob wir den Weg der Gerechtigkeit gehen oder nicht. Ob wir auf Jesu Weg sind oder nicht.

Hungern und Dürsten nach Gerechtigkeit, sich danach sehnen, dass möglichst alle teilhaben können- das sind die Wegmarken auch für uns in Dortmund.

"Selig sind, die hungert und dürstet nach Gerechtigkeit, denn sie sollen satt werden."

Jesus zeigt uns mit den letzten Worten der Seligpreisung noch etwas: Gerechtigkeit ist sicher keine Illusion, sie aber auch nicht nur eine Vision, ein menschlicher Wunsch. Für Christen ist sie vor allem eine Verheißung. Verheißen als das, was kommen soll und kommen wird. Denn sie sollen satt werden. Satt werden, ohne Hunger, satt werden, ohne Durst. Das kann uns in Bewegung setzten, als einzelne, als Stadtgemeinschaft, in Kirche, Gewerkschaft und Parteien. Jesus ruft uns an die Seite der Armen.

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