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Bildung und Kultur

Dortmunder Fritz-Hüser-Institut würdigt vier Autor*innen mit vierstelligen Stipendien

Nachricht vom 27.07.2022

Eine Jury im Fritz-Hüser-Institut ehrt die Werke von vier Autor*innen mit jeweils 5.000 Euro. Ihre Texte - von Essay über Graphic Novel - beleuchten Phänomene der heutigen Arbeitswelt.

Cecilia Joyce Röski, Ilija Matusko, Eva Müller, Jana Volkmann (v.l.n.r.),

Cecilia Joyce Röski, Ilija Matusko, Eva Müller, Jana Volkmann (v.l.n.r.),
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Jelena Ilic, Anne Linke, Thorsten Wagner, Manfred Poor

Ob prekär beschäftigte Fahrradkuriere, die tägliche Sorgearbeit, Konflikte in der Klassengesellschaft oder Auswüchse des digitalen Plattformkapitalismus: Seit einigen Jahren ist Arbeit in all ihren Facetten eines der wichtigsten Themen in der Literatur. Das zeigt auch die Menge der eingegangenen Bewerbungen, die dem Aufruf des Fritz-Hüser-Instituts folgten: 66 Autor*innen aus Deutschland, der Schweiz und Österreich hatten für eines der Arbeitsstipendien ihr Exposé eingereicht.

Neben Textproben zu in Arbeit befindlichen Romanen und Erzählungen erreichten das Fritz-Hüser-Institut auch Theaterstücke und Essays, ebenso Hörspiele und Gedichte. Kriterien für die Vergabe der Stipendien waren die literarische Qualität sowie eine gelungene Auseinandersetzung mit Phänomenen der Arbeitswelt. Das meint nicht nur klassische Lohnarbeit, sondern schließt auch Bereiche prekärer oder unentlohnter Arbeit ein.

Vielversprechende Auseinandersetzungen mit der Arbeitswelt

Vier Stipendien hat das Fritz-Hüser-Institut vergeben, jeweils mit 5.000 Euro dotiert. Eine fünfköpfige Jury wählte die Texte von Ilija Matusko (Berlin), Eva Müller (Hamburg), Cecilia Joyce Röski (Leipzig) und Jana Volkmann (Wien). Die Jury bestand aus Prof. Dr. Moritz Baßler, Literaturwissenschaftler, Universität Münster; Daniela Dröscher, Autorin, Herausgeberin, Moderatorin; Martina Wunderer, Lektorin im Suhrkamp Verlag; Miriam Zeh, Literaturkritikerin, Deutschlandfunk Kultur; Raul Zelik, Schriftsteller und Sozialwissenschaftler.

Die Begründungen der Jury lauten wie folgt:

Essay: Die wirkmächtige Rolle der sozialen Herkunft

"Es riecht nach Pommes, Ilija kommt!" - Ausgehend von diesem Satz eines Mitschülers spürt Ilija Matusko in seinem klugen, dichten Essay "Verdunstung in der Randzone" der Kunst des Frittierens und dem Geruch als sozialem Unterscheidungsmerkmal nach. Aus der Halbdistanz des Bildungsaufsteigers - "vom Tellerwäscher zum Autor, der übers Tellerwaschen schreibt" - schaut er auf die Erfahrungswelt seiner Eltern und legt die Mechanismen frei, die sein und deren Leben so subtil wie wirkmächtig geprägt haben.

Ilija Matusko, geb. 1980, hat Soziologie und Politikwissenschaften studiert. Er lebt in Berlin, schreibt u.a. für die "taz". Veröffentlichungen in Anthologien und Zeitschriften. Sein Essay erscheint 2023 im Suhrkamp Verlag.

Graphic Novel: Arbeiterfamilie über drei Generationen

Eva Müller verknüpft in ihrer Graphic Novel "Scheiblettenkind" die deutsche Nachkriegsgesellschaft mit der eigenen Biografie und Familiengeschichte. Die größte Kraft entfaltet ihre Geschichte dort, wo es körperlich wird: Der von chronischen Wurzelentzündungen geplagten Großmutter werden von einem Pferdedoktor sämtliche Zähne gezogen. Das anatomisch illustrierte Gebiss der damals noch jungen Frau als Erzählung sozialer Verhältnisse, eine Verknüpfung von gesellschaftlichem Blick und physischen Bildern.

Eva Müller lebt in Hamburg als freie Comiczeichnerin, Autorin und Künstlerin. Ihre Zeichnungen wurden in Büchern und Magazinen veröffentlicht. Die Graphic Novel "Scheiblettenkind" erscheint im Suhrkamp Verlag.

Roman: Sexarbeit, Sorgearbeit und Machtstrukturen

Konsequent und stilsicher findet Cecilia Joyce Röski ihre ausdrucksstarke Erzählstimme. Sie lässt in ihrem Romanauszug "Delfine füttern" eine Sexarbeiterin von ihrem zunehmenden Bewusstsein für patriarchal-ausbeuterische Strukturen berichten. Ihre Sprache repräsentiert dabei sowohl die Anpassung an eine sexistische Arbeitswelt als auch die Möglichkeit, Sprachmacht zurückzuerobern und aus dem fetischisierten männlichen Blick auszubrechen.

Cecilia Joyce Röski, geb. 1994, hat am Literaturinstitut in Leipzig studiert. Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften. Ihr Debütroman wird im Frühjahr 2023 bei Hoffmann und Campe erscheinen.

Roman: Die Tiere verweigern demnächst die Arbeit

Jana Volkmanns Text "Der Vektor" nimmt Tiere als "revolutionäre Akteur*innen" in den Blick. Eine am Wiener Randbezirk lebende "chosen family" und ihre entlaufene Fiaker-Stute entflammen für die Idee eines Generalstreiks, den die als Arbeitskräfte ausgebeuteten Tiere der Nachbarschaft initiieren. Der formal streng komponierte, dabei aber leichtfüßig erzählte Text setzt einen Klassenkampf in Szene, zu dem menschliche Arbeiter*innen gegenwärtig kaum fähig scheinen.

Jana Volkmann, geb. 1983, lebt als Schriftstellerin und Journalistin in Wien. Zuletzt erschienen ihr Gedichtband "Investitionsruinen" (2021) und der Roman "Auwald" (2020). "Der Vektor" erscheint im Verbrecher Verlag.

Schon Fritz Hüser förderte die Gegenwartsliteratur

Mit der Förderung zeitgenössischer Autor*innen - genauer: einer Auseinandersetzung der Gegenwartsliteratur mit Phänomenen der Arbeitswelt - knüpft das Fritz-Hüser-Institut an die Aktivitäten des Namensgebers an: Fritz Hüser war nicht nur Bibliothekar, sondern zugleich maßgeblicher Förderer der Literatur der Arbeitswelt.

Zum Thema

Mit den vier Stipendiat*innen soll es eine Veranstaltung in Dortmund geben, sobald die geförderten Texte veröffentlicht sind. Auch 2023 wird das Fritz-Hüser-Institut ein Arbeitsstipendium ausschreiben.

Dieser Beitrag befasst sich mit Verwaltungsangelegenheiten der Stadt Dortmund. Dieser Hinweis erfolgt vor dem Hintergrund aktueller Rechtsprechung.