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Gauklerbrunnen im Stadtgarten

Kunst im öffentlichen Raum

Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): zielske photographie

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Künstler: Künstler unbekannt

Titel: Gedenkstein der alten Nicolaikirche

Im 1982 neu gestalteten Dortmunder Stadtgarten erinnern in der Nähe der Hansastraße gepflasterte Umrisslinien und ein quaderförmiges Postament mit Säulenstumpf an die Kirche St. Nicolai, deren Ursprünge bis ins Jahr 1198 zurückreichen. Die 1232 geweihte Pfarrkirche war eine „der frühesten dreischiffigen und durchgehend dreijochigen Hallenkirchen der Soester Baugruppe am Hellweg“. (Scholle 1982/1983) Sie wurde um 1250 vollendet. Ihr gotischer Chor, die Sakristei und der Kapellenanbau entstanden 1436-1460. Noch 1717 erhielt die Nicolaikirche einen barocken Hauptaltar, aber bereits Ende des 18. Jahrhunderts verfiel sie zusehends. Gisbert Freiherr von Romberg, Präfekt des Ruhrdepartements, während der französischen Besatzung stellte 1810 beim Minister des Inneren des Großherzogtums Berg ein Gesuch „zur Verminderung überflüssiger Kirchen und zur bezweckten Verbesserung der Pfarrgehälter, des Kirchenfonds und des Schulwesens die Petrigemeinde zu Dortmund mit der Nicolaigemeinde daselbst zu vereinigen und die Nicolaikirche abzubrechen.“ (Scholle 1982/1983) Die Gemeinden wurden zusammengelegt und die Nicolaikirche trotz Widerspruchs der Gemeinde 1811 meistbietend versteigert, 1812 schließlich abgebrochen. UG

Standort:
Do-Mitte, Stadtgarten, nahe Hansastraße, 44135 Dortmund
Jahr:
nach 1857, 1982 neu aufgestellt
Beschriftung:
Text auf dem Postament: "An dieser Stätte, die ich bezeichne, stand 759 Jahre ein Altar und Tempel, trotzend den Stürmen der Zeit. Wanderer und Nachkommen! Ehret mein Dasein, erhaltet es künftigen Geschlechtern"/ Was 759 Jahre dem Wechsel der Zeiten widerstand und mit Mühen und Opfern erbaut worden ist, daß stürzte ein Machtanspruch des franzöischen Herrschers 1810 nieder"/ Um mich her ruhen Zahllose, die einst mit geweihtem Ernste an heiliger Stätte weilten, und, in Glauben und Hoffnung gestärkt, dem Rufe des Ewigen folgten."/ Entweihe keiner diese geheiligte Erde, die Tausende deckt und verbirgt! Und weilst du, Wanderer, in meiner Nähe beim Sonnenschein oder Sternenschimmer, dann erblicke in meinem Bilde das Vergängliche und über dir das Ewige, wofür du bestimmt bist." Auf einer kleinen Messingtafel aus dem Jahre 1996 heißt es: "Hier stand der Hauptaltar im Chorraum der St. Nicolaikirche (1193-1812)".
Technik/Material:
Sandstein, Messingplatte
Höhe:
1,5 m
Breite:
1,5 m
Kunstwerknr.:
44135-023
Gedenkstein Nicolaikirche
Gedenkstein Nicolaikirche

Auf dem Gelände entstand in den 1850er Jahren die Nicolai-Schule, deren Schulhof Platz für einen "Denkstein" bot. Das untere Drittel einer zerstörten Säule – vermutlich eine Spolie aus der Nicolaikirche – wurde auf einen Quader gesetzt, dessen vier Seiten Inschriften erhielten. An der westlichen Seite heißt es: "An dieser Stätte, die ich bezeichne, stand 759 Jahre ein Altar und Tempel, trotzend den Stürmen der Zeit. Wanderer und Nachkommen, ehret mein Dasein, erhaltet es künftigen Geschlechtern." Die Jahresangabe ist nicht korrekt. Denn die Kirche existierte nachweislich nur 614 Jahre. Eine weitere Inschrift an der Nordseite verkündet: „Was 759 Jahre dem Wechsel der Zeiten widerstand und mit Mühen und Opfern erbaut worden ist, das stürzte ein Machtanspruch des französischen Herrschers im Jahre 1810 nieder." Auch dieser Text entspricht nicht ganz der Wirklichkeit. Zwar hatte Gisbert von Romberg den Abbruch der Kirche veranlasst, aber dieser Akt entsprach durchaus dem Zeitgeist und wurde von Teilen der Dortmunder Bürgerschaft mitgetragen. Schon 1805 – im Jahr vor der französischen Besatzung – war der nördliche Turm der Marienkirche abgerissen worden. 1809 verschwand das Katharinenkloster und 1810 die Heiligengeistkapelle. Auch als die Preußen ab 1815 Dortmund regierten, nahm die Abbruchwut kein Ende. Das Franziskanerkloster wurde 1816 niedergelegt und die Befestigung Dortmunds 1818-1836 abgetragen. Der 1833 beschlossene Abbruch der Marienkirche konnte nur durch Eingreifen des preußischen Kronprinzen Friedrich Wilhelm IV. verhindert werden. Genau genommen ist selbst die Inschrift an der Ostseite des Postaments nicht ganz zutreffend, wo es heißt: „Um mich her ruhen Zahllose, die einst mit geweihtem Ernste an heiliger Stätte weilten, und, in Glauben und Hoffnung gestärkt, dem Rufe des Ewigen folgten.“ Denn der Denkstein wurde im 19. Jahrhundert keineswegs über der abgerissenen Kirche bzw. auf deren Friedhof aufgestellt, sondern etwas weiter südlich. Seine korrekte Position erhielt er erst 1982 mit Neugestaltung des Stadtparks. Er wurde am Standort des ehemaligen Hauptaltars aufgestellt. Die gepflasterten Umrisslinien markieren den polygonalen Chorabschluss. Allein die vierte Inschrift des Postaments ist nicht zu kommentieren: „Entweihe keiner diese geheiligte Erde, die Tausende deckt und verbirgt! Und weilst du, Wanderer, in meiner Nähe beim Sonnenschein oder Sternenschimmer, dann erblick in meinem Bilde das Vergängliche und über dir das Ewige, wofür du bestimmt bist." UG

Verschönerungsverein zu Dortmund: Bericht über die 25jährige Tätigkeit des Verschönerungsvereins zu Dortmund (1883-1908), Dortmund 1909, S. 17-18; Anneliese Krömeke: Denkmäler, Gedenktafeln und symbolische Figuren im Raume Dortmund – Ein Beitrag zur Heimatkunde des Großstadtraums Dortmund. Pädagogische Akademie Dortmund 1960, S. 18-23; Heinrich Scholle: Die alte St. Nicolaikirche an der Wißstraße in Dortmund (1193-1812), in: Beiträge zur Geschichte Dortmunds und der Grafschaft Mark, Dortmund 1982/83, Bd. 74/75, S. 249-296, hier: S. 291, 293; Öffentliche Denkmäler und Kunstobjekte in Dortmund. Eine Bestandsaufnahme unter Leitung von Jürgen Zänker, erarbeitet von Iris Boemke u. a., Dortmund 1990, Nr. 9, S. 42f.; Anonym: Pflaster zeichnet die Spuren von St. Nicolai. Erinnerung von mittelalterlicher Kirche im Stadtgarten, in: Ruhr Nachrichten, vom 27. März 1996; Anonym: Zierkirschen säumen Altar am früheren Platz von St. Nicolai, in: WAZ, vom 27. März 1996; Anonym: Messingplatte erinnert an die Nicolai-Kirche, in: Westfälische Rundschau, vom 27. März 1996.

Quelle: Verschönerungsverein zu Dortmund: Bericht über die 25jährige Tätigkeit des Verschönerungsvereins zu Dortmund (1883-1908), Dortmund 1909, S. 17-18