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Rotunde im Museum für Kunst und Kulturgeschichte

Museum für Kunst und Kulturgeschichte

Bild: Karin Hessmann

Objekt des Monats Januar 2012: Immerwährender Kalender

Eisen, Messing, Elfenbein
deutsch, 2. Hälfte 16. Jahrhundert
Inventarnummer: C 5618

Das Jahr beginnt am 01. Januar und endet am 31. Dezember, es hat 365 Tage und alle vier Jahre einen Schalttag. Diese Einteilung ist für uns so selbstverständlich, dass man beinahe annehmen möchte, es sei schon immer so gewesen. Doch dieser Jahreslauf existiert im protestantischen deutschen Raum erst seit 311 Jahren, er wurde mit der Gregorianischen Kalenderreform im Jahr 1700 eingeführt. In katholischen Herrschaftsgebieten geschah dies schon am Ende des 16. Jahrhunderts. Die Reform war notwendig geworden, weil das vorher im europäischen Raum verbreitete Julianische Kalendersystem nicht mit dem astronomischen Jahr übereinstimmte und es so zu Verschiebungen im Jahreslauf, zum Beispiel einem wandernden Frühlingsanfang kam. Von der Reform unberührt blieb, dass sich alle beweglichen christlichen Feiertage nach dem Ostersonntag richten. Dieser wiederum ist auf den ersten Sonntag nach dem Frühlingsvollmond festgelegt. Da unser Kalenderjahr nicht genau dem astronomischen Jahr entspricht, wandert der Frühlingsvollmond und damit das Osterfest und alle anderen beweglichen christlichen Feiertage wie Christi Himmelfahrt (+39 Tage), Pfingstsonntag (+49 Tage) oder Fronleichnam (+60 Tage).

Immerwährender Kalender, deutsch, 2. Hälfte 16. Jahrhundert

Immerwährender Kalender, deutsch, 2. Hälfte 16. Jahrhundert
Bild: Elke Torspecken

Diese Verschiebung ist der Grund dafür, dass der immerwährende Kalender aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts all diese Feiertage nicht anzeigen kann, sondern nur die an bestimmte Daten gebundenen Festtage. Der Kalender besteht aus zwei Eisenplatten, die mit dunklen Arabesken verziert sind. Diese werden zunächst als Relief in das Eisen geätzt und anschließend mit dunklem Lack gefüllt. Auf jeder der Eisenplatten ist mittig eine Drehscheibe aus Messing angebracht. Die Scheibe auf der Vorderseite des Kalenders muss auf den aktuellen Monat eingestellt werden und gibt dann die unbeweglichen Feiertage (Heiligengedenktage, Christi Geburt), das Tierkreiszeichen, den Namen des Monats, den Zeitpunkt des Sonnenaufgangs, die Länge des Tages, den Zeitpunkt des Sonnenuntergangs und die Länge der Nacht an. Da diese Drehscheibe nur einmal pro Monat um ein Zwölftel nach rechts gedreht wird, ist der Kalender mit einer gewissen Ungenauigkeit behaftet. Der Sonnenuntergang verschiebt sich beispielsweise im Monat Januar täglich um einige Sekunden oder Minuten nach hinten, dies kann der Kalender nicht anzeigen, er gibt als Sonnenuntergangszeit 4 Uhr an. Dasselbe gilt auch für Sonnenaufgang und damit die Länge von Tag und Nacht, hier gibt der Kalender nur volle Stunden an.

Auch die Tierkreiszeichen beginnen nicht jeweils am ersten Tag eines Monats und enden am letzten, sondern wechseln zwischen dem 20. und 24. Tag eines Monats. Der Kalender kann hier nur anzeigen, welchem Tierkreiszeichen der größte Teil des Monats zugeordnet ist (bspw. im Januar: Steinbock, 22. Dezember bis 20. Januar).

Die Scheibe auf der Rückseite des Kalenders ist mit den einzelnen Wochentagen und den Symbolen ihrer Planetenregenten beschriftet. Auf der darunterliegenden Eisenplatte stehen die Zahlen von 1 bis 31, so dass man jeweils zu Wochenbeginn den ersten Tag der Woche und das richtige Datum gegenüberstellen musste. Durch diese Funktionsweise ist der Kalender tatsächlich, wie auf der Tagesdrehscheibe eingeritzt, ein „Allgemeiner und immerwehrender Calender“. Da Monats- und Wochentagsanzeige getrennt voneinander funktionieren, lässt er sich immer auf das aktuelle Datum einstellen und könnte so heute noch benutzt werden.

Zwischen die beiden Stahlplatten sind vier schmale Elfenbeintäfelchen gebunden, so dass sich der Kalender auch als Notizbuch verwenden lässt. Elfenbein kann sowohl mit Bleistift als auch mit Tusche beschrieben werden. Bleistifte kamen im deutschen Raum gegen Ende des 17. Jahrhunderts auf, ihre Minen bestanden damals noch vollständig aus Graphit, der sich vom Elfenbein wieder abreiben ließ, auf den Täfelchen dieses Kalenders aber heute noch sichtbare Spuren hinterlassen hat. Tusche hingegen ist wasserlöslich, so konnten die Elfenbeinplatten also auch davon wieder gereinigt und immer wieder neu benutzt werden.

Zu Herstellungsort, Handwerker und Vorbesitzer existieren keine gesicherten Informationen. Ähnliche erhaltene Stücke aus der Zeit um 1700 entstanden in Augsburg und Nürnberg, so dass sich vermuten lässt, dass auch dieser Kalender aus dem süddeutschen Raum stammt. Jene immerwährenden Kalender bestehen häufig aus Silber und müssen daher als Luxusgegenstände der Zeit gelten. In seiner Ausführung ist unser Museumsstück eher schlicht, es besteht aus unedlen Metallen. Dennoch war ein solches Instrument im späten 16. und frühen 17. Jahrhundert keinesfalls ein Alltagsgegenstand und ist somit einem wohlhabenden und gebildeten Besitzer zuzuordnen. Keiner der aufgeführten Heiligen wird besonders hervorgehoben oder als Patron einer bestimmten Stadt gekennzeichnet, so dass kein Rückschluss auf den genauen Herstellungs- und Verwendungsort möglich ist. Die acht im Kalender verzeichneten Marien-Feiertage wiederum deuten darauf hin, dass Eigentümer oder Goldschmied möglicherweise katholisch waren.

Hinweis

Das aktuelle Objekt des Monats finden Sie jeweils ab dem ersten Tag des Monats im Vorraum der Ausstellungshalle des Museums für Kunst und Kulturgeschichte Dortmund, es ist eintritts- und barrierefrei zugänglich.

Beteiligen Sie sich an unserer neuen Reihe „Objekt des Monats“. Sie wollten schon immer einen Gegenstand aus unseren Sammlungsbereichen wie z.B. Keramik/Porzellan, Metall, Glas … näher betrachten, aber er wird in unserer Dauerausstellung nicht präsentiert.

Nennen Sie uns Ihr Wunschobjekt unter der untenstehenden E-Mail oder unter der Telefonnummer 0231 50-25514 und wir gehen in unseren Depots auf die Suche!

Museum für Kunst und Kulturgeschichte