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Rotunde im Museum für Kunst und Kulturgeschichte

Museum für Kunst und Kulturgeschichte

Bild: Karin Hessmann

Objekt des Monats Oktober 2011: Klappbesteck

Ungarn, 1650-1700
Meistermarke: i
Leder, Stahl, Bronze, Perlmutt
C 6236 a-d

In der westlichen Welt besteht das Besteck heute ganz selbstverständlich aus Messer, Gabel und Löffel. Für den größten Teil der Weltbevölkerung ist unsere Art zu essen jedoch eher befremdlich, in vielen Kulturen wird mit Stäbchen oder der Hand gegessen. In Europa bestand das Besteck vom Ende des Mittelalters an üblicherweise aus Messer und Löffel und war ein sehr persönlicher Gegenstand, den man mit sich trug. Aß man also nicht zuhause, brachte man, egal ob bei einer Einladung oder einem Essen im Wirtshaus, sein Besteck mit. Dieser Praxis, dem Einstecken, verdankt das Besteck auch heute noch seinen Namen.

Zweizinkige Vorlege- und Tranchiergabeln dienten davor schon der Zubereitung von Speisen, wurden aber nicht zum Essen selbst benutzt. Die Speisegabel, den Römern schon bekannt, kam aus Byzanz nach Europa. Zu ihrer Verbreitung trug der Legende nach die byzantinische Prinzessin Agrillo bei, die im 11. Jahrhundert einen venezianischen Dogen heiratete. Bis sich die Gabel in Europa vollständig durchsetzte, dauerte es jedoch noch etwa 700 Jahre. Zunächst galt das Essen mit der Gabel als weibisch und gekünstelt, ja geradezu als anstößig, was wohl daher rührte, dass die Gabel bei Mätressen sehr beliebt war.

Während Martin Luther 1518 in Deutschland noch schrieb: „Gott behüte mich vor Gäbelchen“, war Italien der Mode voraus: Bereits um 1600 galt die Gabel nicht mehr als reiner Luxusgegenstand, sondern war in der Ober- und Mittelschicht weit verbreitet. Nördlich der Alpen wurde das Berühren der Speisen mit den Fingern während der Regentschaft des französischen Königs Ludwig XIV. (1654-1714) zum Tabu bei Hofe und damit der Gabelgebrauch obligatorisch. Im deutschen Raum ergänzte die Gabel ab etwa 1800 ganz selbstverständlich Messer und Löffel bei Tisch.

Das ausgestellte Besteck stammt aus Ungarn und wurde dort zwischen 1650 und 1700 angefertigt, zu einer Zeit also, als die Gabel ein modernes Esswerkzeug war. Diese besitzt darum auch nur zwei gerade gearbeitete Zinken. Alle drei Besteckteile sind zusammenklappbar, so dass sie im ledernen Etui verstaut werden können. Das Reisebesteck ist aus edlen Materialien hergestellt, die Griffe sind mit gravierten Perlmuttauflagen und vergoldeten Bronzebändern verziert, die Laffe des Löffels besteht ebenfalls aus Perlmutt. Auch das Etui ist besonders hochwertig gearbeitet, die Oberseite besteht aus geprägtem Schweinsleder, im Inneren ist die Schatulle mit feinstem rotem Ziegenleder ausgekleidet.

Die hochwertigen Materialien machen deutlich, dass es sich bei diesem Klappbesteck wohl um einen persönlichen Gegenstand einer vermögenden Person gehandelt hat. Das florale Dekor der Griffe weist das Besteck als Arbeit der Habaner aus, einer Gruppe der religiösen Täuferbewegung, die sich im 17. Jahrhundert aus den deutschen Ländern und der Schweiz kommend in Ungarn und der Slowakei ansiedelte. Das von den Habanern hergestellte Kunsthandwerk, besonders die Keramiken, waren weit verbreitet und sind noch heute beliebt.

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