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Rotunde im Museum für Kunst und Kulturgeschichte

Museum für Kunst und Kulturgeschichte

Bild: Karin Hessmann

Objekt des Monats November 2011: Schnapsbecher

BRD, Mitte 20. Jahrhundert
Bodenprägung: EMKA Palettan, Made in Germany
Aluminium, eloxiert
1988/150 a-g

Alltagsobjekte aus den 1950er Jahren erscheinen häufig heiter, bunt und ganz auf dekorative Zwecke ausgerichtet. Tatsächlich war dieses Design, in der Tradition des Bauhauses stehend, grundlegend von der Orientierung an Funktion und Zweckmäßigkeit eines Gegenstandes geprägt. Die Gestaltung eines Objekts musste sich seiner Funktionalität unterordnen, Dekor und Verzierung traten in den Hintergrund. Diese Maxime ist auch in der Ausformung der Schnapsbecher und des Tabletts sichtbar, die Becher sind schlicht konisch geformt und frei von jeglichem Schmuck, das Tablett ist rechteckig mit leichtem Schwung.

Neu im Design der 1950er Jahre ist die Verweigerung der Gleichförmig- bzw. Gleichfarbigkeit. Dieser Trend wird an den unterschiedlichen Farben der Schnapsbecher deutlich, lediglich das gelb-gold des Tabletts wiederholt sich in einem der Becher. Nicht nur Pastelltöne, sondern auch kräftige Farben waren in der Nachkriegszeit sehr beliebt: die Schnapsbecher vereinen beides, ihre Außenseite ist licht und pastellfarben, wohingegen die Farbe im Inneren der Becher deutlich kräftiger und klarer erscheint. Teile eines Sets oder einer Garnitur zwar in der Form gleich, in der Farbigkeit aber unterschiedlich zu gestalten ist eine Mode der 1950er Jahre, die sich nicht auf Haushaltsutensilien beschränkt, sondern auch Sitzgarnituren und Möbeln zu finden ist. Diese Kombinationsfreudigkeit beruhte auch auf der Sorge, im Falle des Verlusts das exakt passende Teil nicht nachkaufen zu können, so dass man sich durch die Zusammenstellungen Erweiterungs- und Ersatzmöglichkeiten offen hielt.

Die uns heute ungewöhnlich erscheinende Wahl des Materials Aluminium liegt im ursprünglichen Zweck der Schnapsbecher begründet: Die bunt eloxierten Pinnchen waren als Campinggeschirr entworfen und begleiteten – beispielsweise im beliebten VW T1, dem „Bulli“ – ihre Besitzer auf Urlaubsreisen, die dank des wirtschaftlichen Aufschwungs nun für viele Bundesbürger möglich wurden und das Lebensgefühl der Zeit entscheidend prägten. Für den Einsatz als Campinggeschirr war Aluminium besonders geeignet. Der relativ junge Werkstoff existiert erst seit dem Ende des 19. Jahrhunderts und wurde, nach einigen Startschwierigkeiten, schnell zu einem beliebten, vielseitig eingesetzten Material: Aluminium ist leicht, korrosionssicher, preisgünstig, lässt sich in vielen Farben eloxieren und ist deutlich robuster als Kunststoff oder gar Glas.

Neben all diesen in der Beschaffenheit des Metalls liegenden Vorteilen sind auch wirtschaftliche Zwänge die Ursache für die immer größer werdende Verbreitung des Aluminiums im Gebrauchsdesign. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren andere Metalle nicht mehr in ausreichender Menge auf dem Markt und die industriellen Kunststoffe noch sehr teuer und nicht für alle Zwecke einsetzbar.

Die Aluminium-Becher der Firma „EMKA“ wurden in verschiedenen Größen hergestellt und waren sehr beliebt. Das weit verbreitete Schnapsbecher-Set gab es als Campingausführung gestapelt und mit einem Lederriemen zusammengehalten, in einem Drahtgestell, das zum Servieren diente, oder wie hier auf einem passenden Tablett. Die beiden letzten Ausführungen waren weniger für den Campingausflug als viel mehr für das gesellige Beisammensein gedacht. Parties waren in den fünfziger Jahren eine neue Form der sozialen Begegnung, die aus den USA übernommen wurde. Eine neue, bisher ungekannte Zwanglosigkeit prägte die Atmosphäre; trotzdem wurde von den Gastgebern erwartet, dass sie Knabbereien und Getränke reichten. Die sechs Schnapsgläser auf dem kleinen Tablett sind ein typisches Beispiel für solches Anbietgeschirr, dass auch Salzstangenhalter und mit Griffen versehene Schalen einschloss.

Sowohl formale Gestaltung, Farbgebung und Materialwahl dieses Sets erfüllen einen besonders wichtigen Anspruch des Konsumenten in den 1950er Jahren: Sie sind „modern“. Modern war ein allgegenwärtiges Schlagwort dieser Zeit, man trug moderne Kleidung, man richtete sich modern ein, man pflegte einen modernen Lebenswandel. Nach den Kriegsjahren und der entbehrungsreichen Nachkriegszeit verlangten die Käufer nach Produkten, deren Design dem neuen Lebensgefühl von Freiheit, Wohlstand und Frohsinn entsprach. Das Becher-Set der Firma EMKA verkörperte durch einen modernen Werkstoff, schlichtes auf Funktionalität ausgerichtetes Design und heitere Farben die neuen Ansprüche an Alltagsgegenstände und wurde so zu einem Klassiker des Gebrauchsdesigns der 1950er Jahre, der im Zuge der Retro-Mode wieder aktuell ist.

Museum für Kunst und Kulturgeschichte