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Rotunde im Museum für Kunst und Kulturgeschichte

Museum für Kunst und Kulturgeschichte

Bild: Karin Hessmann

Objekt des Monats Dezember 2011: Weihepokal

Der silberne Weihepokal wurde als „Willkomm“ für den Besuch den deutschen Kronprinzen Friedrich Wilhelm 1902 in Dortmund angefertigt. In verschiedenen Formen dienten solche Willkomm-Becher seit dem Mittelalter dazu, Ehrengäste würdig zu empfangen; diese durften bei feierlichen Anlässen als erste daraus trinken. Willkomm-Becher waren zunächst im höfischen Bereich verbreitet und dann besonders in den Traditionen des Zunftwesens etabliert. Hier handelte es sich meist um zinnerne Becher, die höfischen dagegen bestanden aus edlerem Material und waren oft einige Kilo. Die repräsentative Funktion des Willkomm bedingte in seiner Blütezeit eine Ausführung in hochwertigen Materialien.

Pokal für den Weihetrunk des Kronprinzen 1902

Pokal für den Weihetrunk des Kronprinzen 1902
Bild: Elke Torspecken

Im 18. Jahrhundert finden Willkomm-Becher oder Pokale fast nur noch in den Zünften Verwendung, erst im Historismus lebt der Willkomm-Brauch wieder auf. Ein anschauliches Beispiel dafür ist der Kaiserbecher, aus dem Wilhelm II. (1859-1941) anlässlich seines Besuchs in Dortmund 1899 trank. Als 1899 Wilhelm II., Deutscher Kaiser und König von Preußen, zur Einweihung des Dortmunder Hafens erwartet wurde, besann sich das Dortmunder Bürgertum auf die Bedeutung seiner Stadt im Mittelalter als Freie Reichs- und Hansestadt. Unter anderem wurde für den Kaiserbesuch ein historistisch gestaltetes Ratssilber in mittelalterlicher Tradition gestiftet. Der Kaiserbecher – den Sie in unserer Abteilung „Neue Stadt“ besichtigen können – ist ein Teil dessen.

Der nur drei Jahre später entstandene Weihepokal für Kronprinz Friedrich Wilhelm (1882-1951) steht zwar kulturhistorisch in derselben alten Tradition, ist in seiner äußeren Form jedoch sehr modern. Friedrich Wilhelm, der zu dieser Zeit in Bonn studierte, kam 1902 nach Dortmund, um seinen Vater Wilhelm II. bei der Einweihung des Kaiser-Wilhelm-Denkmals auf dem Syberg zu vertreten. Das Denkmal war seit 1893 im Bau, der Hannoveraner Architekt Hubert Stier (1838-1907) hatte es im Stil der Neorenaissance entworfen. Das Standbild Kaiser Wilhelms I. flankierten Statuen von Otto von Bismarck und Graf von Moltke, die beide maßgeblich zur Nationalstaatsbildung und Reichseinigung 1870/71 beigetragen hatten. Der Bau des Denkmals fiel in den sogenannten Wilhelminismus, eine Zeit wirtschaftlichen Booms, imperialer Bestrebungen und nationalen Denkens. Die Prosperität des Deutschen Reiches stand in Zusammenhang mit der vorangegangenen Reichseinigung, so dass parallel auch eine neue Kaiserverehrung zur Blüte kam und sich u.a. im Bau von Denkmälern wie dem auf dem Syberg äußerte. Um Friedrich Wilhelm ebenso würdig wie seinen Vater zu empfangen, wurde der Weihepokal als „Willkomm“ in Auftrag gegeben.

Der Pokal wurde von der Heilbronner „Silberwarenfabrik Peter Bruckmann & Söhne“ gefertigt, einem Unternehmen, das seine Wurzeln im Gold- und Silberschmiedehandwerk hatte und als Pionier der industriellen Herstellung von Silberwaren galt. In dieser Herkunft liegt der Grund für die moderne, schlichte Gestaltung des Pokals: Die geschäftsführenden Brüder Bruckmann waren Gründungsmitglieder des Deutschen Werkbunds, einer Vereinigung von Künstlern, die einen hohen Qualitätsanspruch an industriell produzierte Waren hatten und diese nicht mehr in Imitation des alten Handwerks herstellen wollten. Ziel war die Etablierung einer neuen Warenästhetik, befreit von einem Übermaß an Ornament und ausgerichtet auf die Funktion. Der Weihepokal spiegelt diese Gestaltungsprinzipien wider: Die Form ist aus geometrischen Elementen, dem Kreis, dem Kegel und der Halbkugel, zusammengesetzt, das Dekor tritt, zugunsten der Flächenwirkung des Silbers, in den Hintergrund. Der Fuß ist, bis auf die Inschrift, ohne Verzierung, er geht über getreppte Wulstringe in einen völlig glatten Schaft über, der zur Kuppa hin nur durch einen Wulstring unterbrochen wird. Die Kuppa des Pokals umläuft ein geometrisierendes Ornamentband, das aus zwei einander abwechselnden Elementen besteht: Ein verschlungenes, floral abstrahiertes Ornament, in dessen Mitte ein Achat gefasst ist, das für das Art nouveau sehr typisch ist. Das zweite Element ist ein Adlerkopf, der einen Achat im Schnabel hält. An den Kopf schließen, stark geometrisiert, die Schwingen an. Der Adler ist seit der Antike ein Macht- und Siegessymbol, er kommt im Großen Wappen des Deutschen Kaisers vor und ist daher auch Wappentier der ehemals Freien Reichsstadt Dortmund.

Den Weihepokal des Kronprinzen und den Kaiserbecher verbindet nicht nur die gemeinsame Willkomm-Tradition, beide Pokale gelangten durch bürgerschaftliches Engagement in kommunalen Besitz. Der Kaiserpokal ist Teil des von Bürgern gestifteten Ratssilbers, der Weihepokal kam durch die Dortmunder Museumsgesellschaft zur Pflege der bildenden Kunst e.V. (Museumsgesellschaft) wieder zurück nach Dortmund, nachdem sich seine Spur bis ins Jahr 2009 verloren hatte. In diesem Jahr wurde er dem Museum für Kunst und Kulturgeschichte aus Privatbesitz zum Kauf angeboten. 2010 konnte er von der Museumsgesellschaft erworben und dem Museum geschenkt werden. Die Dortmunder Museumsgesellschaft besteht seit 1908, sie wurde anlässlich des 25-jährigen Bestehens des Museums ins Leben gerufen mit dem Ziel, „zur Vermehrung der Sammlungen des städtischen Kunst- und Gewerbe-Museums beizutragen, künstlerische Bestrebungen zu fördern und durch Ausstellungen Vorträge usw. anregend zu wirken.“ (Dortmunder Zeitung, 30.05.1908, zitiert nach: Walter, Präsent, Dortmund 1998). In ihrem nun über 100-jährigen Bestehen ist sie diesem selbst gestellten Auftrag durch zahlreiche Schenkungen hochwertiger sammlungsrelevanter Objekte gerecht geworden.

P. Bruckmann & Söhne
Silber, gegossen, vier Achate
Marken: Mond und Krone, 800, Adler, Stern, 45
Deutschland 1902
Inschrift: Aus diesem Becher trank der deutsche Kronprinz Friedrich Wilhelm den Weihetrunk des Kaiserdenkmals auf Hohensyburg am 30. Juni 1902
Inventarnummer: 2010/25

Museum für Kunst und Kulturgeschichte