Rotunde im Museum für Kunst und Kulturgeschichte

Museum für Kunst und Kulturgeschichte

Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Karin Hessmann

Objekt des Monats Mai 2022 im Museum für Kunst und Kulturgeschichte

Ein geschwungenes Bett aus Holz mit hellblauem Bezug und weißem Baldachin

Paradebett, Lit en bateau, um 1830, Nadelholz, Kirschbaum furniert, gefasst, 210 x 117 x 107 cm, Inv. Nr. C 3930
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Museum für Kunst und Kulturgeschichte / Joana Maibach

Paradebett, Lit en bateau

Um 1830
Nadelholz, Kirschbaum furniert, gefasst
210 x 117 x 107 cm
Inv. Nr. C 3930

Dieses Empire-Bett wurde 1934 als ein "Paradebett aus einem westfälischen Schlosse" bei einem Berliner Kunsthändler angekauft.

Paradebett? Was ist eigentlich ein Paradebett?
In zeitgenössischen Enzyklopädien ist zu lesen, dass das Wort "Parade" "denjenigen Sachen beygeleget wird, die da mehr zum prächtigen Ansehen und zum Staat, als zum Gebrauche dienen sollen, und nur zum Aufputz und Zierde aufgestellet werden."¹

Das Paradebett ist Teil des Paradeschlafzimmers und damit meist neben dem Thronzimmer der Höhepunkt einer langen Abfolge von Paradezimmern, welche ausschließlich repräsentativen Zwecken dienen. Ursprung dieser Abfolge war das Schloß von Versailles, wo Ludwig der XIV. gemäß dem höfischen Zeremoniell das Lever & Coucher, das An- und Auskleiden des Königs im Beisein des Hofstaates, abhielt.² Auch wenn die offiziellen Staatsgeschäfte und Empfänge in anderen europäischen Fürstenhäusern eher in Audienzzimmern stattfanden, war Versailles das architektonische Vorbild und prägte die Raumaufteilung.
Im Empire prägte wiederum Napoleon mit seinen römischen Kaiserzeitphantasien und ägyptischen Eroberungszügen die Sehnsucht nach der Antike und damit den fürstlichen Möbel- und Einrichtungsstil. Das Bett wurde als solches ganz neu in seiner Form erfunden. Verschmolz es früher mit der Kopfseite als Teil der rhythmischen Felderein­teilung der Wandvertäfelung und ordnete sich dem Gesamtkonzept unter, steht es jetzt als isoliertes, plastisches Gebilde vor einer neutralen Wand.
Das fürstliche Schlafzimmer ähnelt nun einem antiken Tempel, indem das Bett mittig auf einem Podest und längs vor der Wand in Einzelstellung gesetzt wird. "Unter einem Baldachin mit Dreiecksgiebel, als Tempel in einem Tempel, […] wie ein Altar durch Stufen isoliert.“³
Eine große Herausforderung für die klassizistischen Architekten, das Bett symmetrisch und einheitlich zu gestalten, war die Verbindung der vertikalen Kopf- und Fußwand mit den Bettbrettern der Seiten zu einer stimmigen Gesamtform. Mit der eleganten antikische Kurve des Ruhebetts von Madame Recamiere war es in einer Perfektion gelungen, die als Vorbild vom Lit en bateau diente, dem Gondelbett, auch Kahn- oder Schlittenbett genannt, und avancierte zur gebräuchlichsten Bettform des Empire.⁴ Der Gondelcharakter entsteht durch das gleich hohe Kopf- und Fußteil, welches gewölbt oder oben eingerollt ist. Eine weitere Spezialität des fürstlichen Prunkmöbels dieser Form ist das Lit en bateau als "geschnitzte Bett" wobei die rein lineare Form durch eine stilisierte Tierfigur ersetzt wird, in unserem Fall durch Schwäne.

Unser Paradebett ruht symmetrisch auf vier gleichgestalteten Füßen, die sich nach außen volutenartig zusammenrollen. Ihre Vorderfront durch übereinanderliegende Federn ausgeschnitten aus der Oberfläche ist mit Pudergold auf grünem Grund gefasst. Kopf- und Fußteil sind horizontal konvex gewölbt, deren Schwung die Längsseiten aufnehmen und zur Mitte tief auslaufen. Verziert sind die Bettenden seitlich mit geschwungenen Schwanenhälsen, deren Federbusch aus dem höchsten Punkt des Bettes entspringt und deren Schnäbel auf dem Bettrand anmutig aufliegen. Auch sie sind mit Pudergold auf grünem Grund gefasst. Das Bett selbst ist mit Kirschbaumfurnier vertikal auf Stoß gespiegelt und bildet durch die Wahl astreichens Holzes ein interessantes, farblich changierendes Furnierbild.

Zwei geschwungene Schwanenhälse aus Holz, die das Bettende verzieren

Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Museum für Kunst und Kulturgeschichte

1998 wurde das Bett für die neue Dauerausstellung mikroskopisch untersucht, um ein Restaurierungskonzept zu erstellen. Die dazu gehörigen Malschicht­unter­such­ung­en zeigten im Querschliff die originale Farbigkeit und zwei weitere Überfassungen. Anhand des Ergebnisses wurde das ur­sprüng­liche Erscheinungsbild digital re­kon­stru­iert: Federbusch, Schnabel­horn­haut und Kopf­schmuck waren poliment­vergoldet,⁵ der Hals und der Kopf wiesen eine blaugrüne Fassung auf, die einer tiefdunklen Bronzepatina ähnelt.

Dr. Hans Ottomeyer, Kunsthistoriker und Sachverständiger, ordnete es bei einem Besuch im MKK in die Zeit des 2. Empires um 1830 ein und vermutete aufgrund der grazilen Form und der Schwan- Attribute, dass es das Paradebett einer fürstlichen Dame war.

Christiane Hummes

¹ ZEDLER 1740: S. 726 f.
² EVERS 2019
³ FEULNER 1980: S. 304

⁴ KREISEL/ HIMMELHEBER 1973:S.311
⁵ Polimentvergoldung: alte Vergoldertechnik, bei der mit Hilfe von Blattgold auf dem passenden Untergrund - Poliment (geleimter Ton) - eine mattgoldene oder glänzende Oberfläche erzeugt wird.

Literatur und Quellen:
Zedler, Johann Heinrich: Grosses vollständiges Universal Lexicon aller Wissenschafften und Künste, 64 Bde. und 4 Suppl. Bde, Bd. 26, Leipzig 1740
Evers, Susanne: Das Paradebett König Friedrichs I. im Schloss Charlottenburg in Berlin. Geschichte, Funktion und Restaurierung eines barocken Schaumöbels, in: In Situ 2019 Bd.40, Quelle: https://doi.org/10.4000/insitu.24534
Heinrich Kreisel / Georg Himmelheber: Die Kunst des deutschen Möbels. Klassizismus, Historismus, Jugendstil, München 1973
Feulner, Adolf: Kunstgeschichte des Möbels, Frankfurt/ Main 1980

Hinweis

Das aktuelle Objekt des Monats kann ab dem ersten Tag des Monats eintrittsfrei in der Dauerausstellung des Museums für Kunst und Kulturgeschichte besichtigt werden, für interessierte Besucher liegen vor Ort und auf der Homepage des Museums (www.mkk.dortmund.de) weiterführende Informationen bereit.

Zu Beginn eines jeden Monats werden Schätze aus der Sammlung des Museums als Objekt des Monats präsentiert und den Besuchern vorgestellt. Sie möchten gerne ein Exponat aus einem bestimmten Sammlungsbereich oder zu einem ausgewählten Thema sehen?

Dann richten Sie Ihre Wünsche und Anregungen an unsere Mitarbeiterin Joana Maibach und wir gehen für Sie auf die Suche!

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