Dortmund überrascht. Dich.
Rotunde im Museum für Kunst und Kulturgeschichte

Museum für Kunst und Kulturgeschichte

Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Karin Hessmann

Objekt des Monats Juli 2021 im Museum für Kunst und Kulturgeschichte

Louise Henry, Die Familie Felix Henri du Bois-Reymond, Öl/Lwd., 86 x 96 cm, Inv.-Nr. 1998/26, Stiftung Ilse Winterheimer-ZölffelLouise Henry, Die Familie Felix Henri du Bois-Reymond, Öl/Lwd., 86 x 96 cm, Inv.-Nr. 1998/26, Stiftung Ilse Winterheimer-Zölffel

Louise Henry, Die Familie Felix Henri du Bois-Reymond, Öl/Lwd., 86 x 96 cm, Inv.-Nr. 1998/26, Stiftung Ilse Winterheimer-Zölffel
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): MKK, Madeleine-Annette Albrecht

Louise Henry
Die Familie Felix Henri du Bois-Reymond, 1832

Öl auf Leinwand, 86 x 96 cm
Inv.-Nr. 1998/26
Stiftung Ilse Winterheimer-Zölffel

"Do women have to be naked to get into the Met. Museum?"

Fragte die anonym operierende Künstlergruppe Guerilla Girls ironisch auf einem Plakat aus dem Jahr 1989. Darauf zu sehen ist ein weiblicher Rückenakt, der eine Gorillamaske trägt. Eine Persiflage auf das berühmte Gemälde »Die große Odaliske« des Künstlers Jean-Auguste-Dominique Ingres von 1814. Ebenfalls auf dem Plakat abgedruckt finden sich erstaunliche Zahlen: so waren 1989 im New Yorker Metropolitan Museum nur fünf Prozent der ausgestellten Kunstschaffenden Frauen, dafür aber 85 Prozent der gezeigten Akte weiblich. Bei einer weiteren Untersuchung 2012 waren die Zahlen immer noch ähnlich.

"Im Kunstbetrieb ist nach wie vor die Frau, der weibliche Körper, eher ein Objekt der Darstellung oder der Begierde oder – Stichwort: MeToo – der übergriffigen Begierde, als dass sie als handelndes Subjekt die Kunstwelt erobert."¹

Die von der Gruppe begründete Institutionskritik am männerdominierten Kunstbetrieb und die Diskussion um Gendergerechtigkeit im Ausstellungsbetrieb ist also auch heute noch hoch aktuell, obwohl seit Jahren zunehmend mit Sonderausstellungen und umstrukturierten Dauerausstellungen dieser Unterrepräsentation von kunstschaffenden Frauen entgegengewirkt werden soll. Es geht dabei nicht darum eine spezifisch weibliche Kunstauffassung auszumachen, sondern vielmehr um ein "Gewahr-Werden und (Wieder-)Entdecken", wie Yvette Deseyve und Ralph Gleis in der Einführung zum Ausstellungskatalog "Kampf um Sichtbarkeit. Künstlerinnen der Nationalgalerie vor 1919" aus dem Jahr 2019 so passend schreiben.² Denn es gibt sehr viele Künstlerinnen, die aufgrund des männlich geprägten Kunstkanons in Vergessenheit geraten sind. Es geht also um eine Stärkung der Sichtbarkeit von Künstlerinnen sowie von Frauen generell und das nicht nur am Internationalen Frauentag, der jährlich am 8. März zelebriert wird.

Das Gemälde "Die Familie Felix Henri du Bois-Reymond" aus dem Jahr 1832 zeigt offensichtlich keinen Akt, sondern ein gesittetes Familienbild aus dem Biedermeier. Aber gemalt wurde es von einer Frau, genauer von Louise Henry (1798 – 1839) und ist das einzige Gemälde einer Künstlerin, das in unserer Dauerausstellung zu sehen ist. Natürlich haben wir in unserer Dauerausstellung und in unserer gesamten Sammlung mehr weibliche Kunstschaffende als nur Henry vertreten, aber eine Bestandsaufnahme hat gezeigt, dass auch bei uns ein großes Ungleichverhältnis herrscht. Zudem zählt die Künstlerin zu den in Vergessenheit geratenen Berliner Künstlerinnen und zu einer wichtigen Vertreterin der Kunst des Berliner Biedermeiers, die es verdient hat sichtbar gemacht und wiederentdeckt zu werden.

Louise Henry, geborene Claude, kam 1798 als Kind einer aus Frankreich emigrierten Familie in Berlin zur Welt. Sie erhielt ab ihrem 14. Lebensjahr Zeichenunterricht nach Vorlageblättern und Gipsfiguren bei der Künstlerin Félicité Henriette Robert und später bei dem Hofmaler Friedrich Georg Weitsch. Ab 1817 war sie Schülerin im Atelier von Wilhelm Schadow, Sohn des Bildhauers Johann Gottlieb Schadow und erhielt dort Unterricht im Portraitmalen. Frauen wurde zu dieser Zeit eine Ausbildung in der Kunst vielfach erschwert, so wurde ihnen zum Beispiel das anatomische Zeichnen und das Studium lebender Modelle an den öffentlichen Akademien verwehrt, welches seit der Renaissance den Kern der künstlerischen Lehre bildete. Der Zutritt zum Aktsaal mit ausschließlich männlichen Modellen blieb ihnen nämlich aus sittlichen Gründen versperrt und galt ohnehin als eine rein männliche Domäne.

Mit ihrer Vermählung mit dem Pfarrer Paul Henry heiratete die Künstlerin in eine traditionsreiche Künstlerfamilie ein: ihr Ehemann war der Enkel des berühmten Kupferstechers Daniel Chodowiecki. Dessen Nachfahren, die Familie Henri du Bois-Reymond, sind übrigens auf dem Gemälde der Künstlerin zu sehen und auch er selbst ist darin in der Büste im rechten Hintergrund und in der Zeichenmappe, die Arbeiten von ihm enthalten, verewigt.

Seit 1812 war Louise Henry mit ihrer Kunst an den Berliner Akademie-Ausstellungen beteiligt und präsentierte dort in insgesamt 14 Ausstellungen rund 80 Werke in verschiedenen Techniken. Ihr OEuvre umfasst Portraits, Gruppen- und Familienbilder sowie Genreszenen. Der überwiegende Teil davon befindet sich heute in Privatbesitz. 1833 verlieh ihr die Preußische Akademie der Künste die »Außerordentliche Mitgliedschaft«. Allerdings sollte sie die vorerst letzte Frau sein, der diese Ehre zuteil wurde, bis erst 1919 mit Käthe Kollwitz die nächste Künstlerin in die Akademie aufgenommen wurde.

Joana Maibach

¹ https://www.deutschlandfunkkultur.de/die-verdraengte-weibliche-avantgarde-nur-als-musen ins.976.de.html?dram:article_id=450019 (Abgerufen am 23.6.2021).
² Vgl. Deseyve, Yvette und Ralph Gleis: Vorwort und Einführung, in: Dieselben (Hg.): Kampf um Sichtbarkeit. Künstlerinnen der Nationalgalerie vor 1919, Ausstellungskatalog zur gleichnamigen Ausstellung, Staatliche Museen zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, 11. Oktober 2019 – 8. März 2020, Berlin 2019, S. 11-15, hier: S. 11.

Hinweis

Das aktuelle Objekt des Monats kann ab dem ersten Tag des Monats eintrittsfrei in der Dauerausstellung des Museums für Kunst und Kulturgeschichte besichtigt werden, für interessierte Besucher liegen vor Ort und auf der Homepage des Museums (www.mkk.dortmund.de) weiterführende Informationen bereit.

Zu Beginn eines jeden Monats werden Schätze aus der Sammlung des Museums als Objekt des Monats präsentiert und den Besuchern vorgestellt. Sie möchten gerne ein Exponat aus einem bestimmten Sammlungsbereich oder zu einem ausgewählten Thema sehen?

Dann richten Sie Ihre Wünsche und Anregungen an unsere Mitarbeiterin Joana Maibach und wir gehen für Sie auf die Suche!

Museum für Kunst und Kulturgeschichte