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Rotunde im Museum für Kunst und Kulturgeschichte

Museum für Kunst und Kulturgeschichte

Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Karin Hessmann

Objekt des Monats September 2020 im Museum für Kunst und Kulturgeschichte

Rudolf von Alt (Wien 1812 – 1905 Wien)
Piazza di Sta. Maria Maggiore in Rom, 1850er Jahre

Öl auf Leinwand | 39,5 x 50,5 cm
Provenienz: Dorotheum Wien 1928 | Kunsthandlung Rusch

Dresden 1943 | MKK Dortmund 1943
Inv.-Nr. 1996/579

Rudolf von Alt (Wien 1812 – 1905 Wien) Piazza di Sta. Maria Maggiore in Rom, 1850er Jahre

Rudolf von Alt (Wien 1812 – 1905 Wien) Piazza di Sta. Maria Maggiore in Rom, 1850er Jahre Öl auf Leinwand | 39,5 x 50,5 cm Provenienz: Dorotheum Wien 1928 | Kunsthandlung Rusch Dresden 1943 | MKK Dortmund 1943 Inv.-Nr. 1996/579

Viel gemalt hat Rudolf von Alt nicht gerade. Sein erstes Werk in Öl vollendet er 1830 im Alter von achtzehn Jahren. Danach lebt er noch 75 Jahre, und trotzdem gibt es bloß zweiundachtzig gesicherte Gemälde. Er gehört dennoch zu den produktivsten und bis heute bekanntesten österreichischen Künstlern des 19. Jahrhunderts – als Aquarellist. Er ist der Porträtist des Wiener Stephansdoms, von dem es unzählige Veduten gibt, die Alt in Wasserfarben ausgeführt hat.

Bereits sein Vater ist bildender Künstler, auch sein jüngerer Bruder Franz Alt hat bereits in jungen Jahren gezeichnet und Lithografien seines Vaters eingefärbt. Mit diesem zusammen hat er in den 1820/30er Jahren sog. Guckkasten-Veduten gemalt, vor allem Landschaften der k.u.k. Monarchie, die vornehmlich für den österreichischen Kaiser bestimmt sind. Der Zeitkontext dieser Guckkasten ist der kurz vor der Etablierung der Fotografie (Joseph Niépce hat 1826 und Louis Jacques Mandé Daguerre in den 1830er Jahre die Fotografie entwickelt). Die naturgetreue Nachahmung der Natur ist in dieser Zeit konkurrenzlos und wichtiger Auftrag der bildenden Kunst. Alt ist klassisch ausgebildet, er studiert an der Wiener Akademie der bildenden Künste, ist danach Mitglied der Berliner Akademie und später Professor an seiner Ausbildungsstätte in Wien.

Das Gemälde der Piazza an der Kirche Santa Maria Maggiore in Rom stammt aus der Hochzeit des Künstlers. Zu sehen ist mit diesem frühchristlichen Gebäude, das Mitte des 18. Jahrhunderts eine barocke Fassade bekommen hat, eine der vier Papstbasiliken. Bei der Darstellung handelt sich allerdings nicht um eine nüchterne Architekturmalerei, sondern um eine beschauliche Stadtszene mit würdiger Kulisse: Zentral vor dem Portal zieht eine Reihe Pferdewagen vom linken Hintergrund in den rechten Vordergrund. Fußgänger sind auf der linken Seite zu sehen, die Wegerichtung geht zur Bildmitte, bald den Weg der Wagen kreuzend. Im rechten Vordergrund beschaut sich ein gut gekleideter Mann ein romanisches Portal, an dem, etwas unplatziert wirkend, zwei Mägde stehen, denen offenbar die Ziegen gehören.

Die Komposition des in tonigen Beige- und Brauntönen gehaltenen Gemäldes wird von gegenseitig sich aufhebenden Bewegungsrichtungen und sich ausbalancierenden Gebäudeteile geprägt. Die exakte topografische Gegebenheit wird diesem Schema geopfert: In Wirklichkeit steht die Mariensäule leicht links der Bildmitte nicht so dicht am Portal, und die Kuppel der nordestlich gelegenen Capella Paolina ist vor Ort aus dieser Perspektive gar nicht zu erkennen. Die Ansicht bekommt durch diese Verschiebungen und idealen Anpassungen aber die nötige Ausgewogenheit.

Längere Zeit vermutete man, das Gemälde stamme aus dem Jahr 1835, nachdem der Künstler in Italien gewesen ist und entsprechende Aquarelle mit dem gleichen Motiv entstanden sind. Die kurzen Pinselstriche und die dadurch erzeugte unruhige Lebendigkeit der Malerei in erdigen Tönen verraten aber die jüngere Entstehung in den 1850er Jahren.

Alt malt in der Tradition des Biedermeier. Die genrehaften Szenen sind geprägt von Stille und Innerlichkeit. Die Mitte des 19. Jahrhunderts anzutreffende immer stärkere motivische Hinwendung zu Menschen aus unteren Gesellschaftsschichten ist hier deutlich zu sehen. Dieser Stil entwickelt Alt aus seiner früheren Zeit, in der seine Gemälde klarer, mit deutlicheren Linien und oft mit dem Einbezug von Gegenlicht ausgeprägt sind. Alt soll sich aber noch weiterentwickeln, er bleibt neueren Stilentwicklungen aufgeschlossen. Nicht zuletzt begründet er später die Wiener Secession 1897 mit, und auch sein Malstil löst sich in der Spätphase noch weiter auf, er wird immer impressionistischer.

Dr. Christian Walda

Sammlungsleiter des Museums für Kunst und Kulturgeschichte Dortmund

Literatur

Blick aus dem Fenster. Gemälde und Zeichnungen der Romantik und des Biedermeier, hg. v. Rolf Fritz, Ausstellungskatalog Museum für Kunst und Kulturgeschichte Dortmund, Schloss Cappenberg, Dortmund 1956, Kat. Nr. 7.

Von Friedrich bis Liebermann. 100 Meisterwerke deutscher Malerei aus dem Museum für Kunst und Kulturgeschichte der Stadt Dortmund, hg. v. Brigitte Buberl, Ausstellungskatalog Kunstsammlungen der Veste Coburg, Städtische Galerie Rosenheim, Heidelberg 1999, S. 260.

Marianne Hussl-Hörmann: Rudolf von Alt. Die Ölgemälde, Wien 2011.

Hinweis

Das aktuelle Objekt des Monats kann ab dem ersten Tag des Monats eintrittsfrei in der Dauerausstellung des Museums für Kunst und Kulturgeschichte besichtigt werden, für interessierte Besucher liegen vor Ort und auf der Homepage des Museums (www.mkk.dortmund.de) weiterführende Informationen bereit.

Zu Beginn eines jeden Monats werden Schätze aus der Sammlung des Museums als Objekt des Monats präsentiert und den Besuchern vorgestellt. Sie möchten gerne ein Exponat aus einem bestimmten Sammlungsbereich oder zu einem ausgewählten Thema sehen?

Dann richten Sie Ihre Wünsche und Anregungen an unsere Mitarbeiterin Joana Maibach und wir gehen für Sie auf die Suche!

Museum für Kunst und Kulturgeschichte