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Rotunde im Museum für Kunst und Kulturgeschichte

Museum für Kunst und Kulturgeschichte

Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Karin Hessmann

Objekt des Monats Oktober 2021 im Museum für Kunst und Kulturgeschichte

Kokosnussbecher

Kokosnussbecher, Köln, um 1500, Kokosnuss, geschnitzt, Silber, gegossen, ziseliert, 9,5 cm, C 5412.
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Museum für Kunst und Kulturgeschichte

Kokosnussbecher

Köln, um 1500
Kokosnuss, geschnitzt, Fassung: Silber, gegossen, ziseliert
H: 9,5 cm
Inv.- Nr.: C 5412

Ehe sich Museen ausbildeten in denen die Schätze der Kunst- und Kulturgeschichte gesammelt, bewahrt und ausgestellt wurden, wurden Raritäten und kostbare Objekte in der Renaissance und im Barock in sogenannten Kunst- und Wunderkammern zusammengetragen. Derartige repräsentative Sammlungen vermittelten zum einen die humanistische Bildung der Renaissance. Zum anderen fungierten sie auch als Machtdemonstration von Fürsten, Herrschern und Gelehrten, denn sie dienten als Beweis für deren Bildung, Weltoffenheit und weitreichende Verbindungen der Diplomatie oder des Handels.¹ Sie entstanden im höfischen Umfeld und umfassten Sammlungen von kostbaren Kunstwerken (Artificialia), Naturalien (Naturalia), wissenschaftlichen Instrumenten(Scientifica), Objekten aus fremden Welten (Exotica) und wundersamen Dingen (Mirabilia).

Um ihre Kostbarkeit zu unterstreichen wurden Naturalia und Exotica oftmals in Gold und Silber eingefasst. So auch bei dem Kokosnussbecher der Sammlung des Museums für Kunst und Kulturgeschichte. Die halbe Nuss wird von drei gebrochenen Spangen gehalten, welche die die Nuss in drei Felder aufteilt. Die Kuppa, also die obere Schale des Trinkgefäßes, steht auf einem kurzen runden silbernen Fuß. Auf ihrer Außenseite sind drei Szenen der Heldengeschichte um Paris aus der griechischen Mythologie geschnitzt. Die erste figürliche Darstellung zeigt den an einem Brunnen schlafenden Paris, der von Merkur – der stehenden bärtigen Figur mit Szepter und Apfel – geweckt wird. Die zweite Szene zeigt drei Göttinnen und Paris, der Venus den Apfel überreicht. Über der Szene verweist ein Schriftband mit der Aufschrift „PALLAS VENUS JUNO PARIS" auf die Dargestellten. Die dritte Szene erzählt die Hochzeit von Paris und Helena. Mittig zu sehen sind die Brautleute, rechts ein Mundschenk mit Kanne und Schale und links zwei Musikanten mit Trommel, Laute und Flöte. Auf dem Spruchband steht „AL MET LOST VAT DAT COST“. Bei diesem Kokosnussbecher handelt es sich um den ältesten Kokosnusspokal mit geschnitzten figürlichen Darstellungen, der mit Köln und dem Niederrhein in Verbindung gebracht werden kann.² Sie wurden nach Vorbildern eines Haarlemer Holzschnitts von 1485 angelegt, für den wiederum Stiche des Banderolenmeisters Vorlagen lieferten.³ Die Inschrift in der Hochzeitsszene weist auf Holland und den Niederrhein hin.

Kokosnussgefäße wie dieser waren bereits im Mittelalter begehrte Sammlungsobjekte, da das Interesse an der der exotischen Ware Kokosnuss sowie an derartiger kunstvoller Veredelung groß war. Besonderheit erlangen sie auch dadurch, dass sie zwischen den Kategorien Exotica, Artificialia und Naturalis changieren. Denn die seltene Nuss kam in der heimischen Natur nicht vor und wurde durch handwerkliche Fertigkeiten, wie Schnitzereien und Gold- oder Silberschmiedearbeiten, nochmals aufgewertet. Nach derartiger Bearbeitung wurden die Objekte zu einem Gesamtkunstwerk bei dem göttliche Schöpfung, Natur und menschliches Geschick gleichermaßen Ausdruck finden. Die Faszination der Kokosnuss erstreckte sich jedoch nicht allein im Bereich des Kunsthandwerks, denn ihr wurden auch medizinische und heilende Eigenschaften zugeschrieben.⁴ Der Glaube an die Heil- und Schutzkraft der Kokosnuss erklärt, warum die Nussschalen meistens zu kostbaren Trinkgefäßen verarbeitet wurden. In den Kunst- und Wunderkammern Europas findet sich daher zahlreiches Trinkgeschirr dieser Art.

Sandra Happekotte

¹ Virginie Spenlé: Die Kunst und Wunderkammer in Renaissance und Barock, in: Georg Laue (Hrsg.), The Kunstkammer. Wonders Are Collectable, München: Kunstkammer Georg Laue 2016, S. 12-104.
² Vgl. dazu J. M. Fritz, Kölner Prunk- und Tafelsilber der Spätgotik, in: Festschrift für Herman Schnitzler, Düsseldorf 1965, S. 263 ff. – ders., Gold und Silber. Beschreibendes und kritisches Verzeichnis der Goldschmiedearbeiten des 12.-18. Jahrhunderts, Dortmund, 1965, Nr. 19.
³ Gerhard Langmeyer: Museum für Kunst und Kulturgeschichte der Stadt Dortmund, Band 1, Dortmund, 1983, S.220.
⁴ Vgl. Alexandra Dittmar: Zur Bedeutung der Kokospalme (Cocos nucifera L.) in der traditionellen Heilkunde Samoas, in: Anthropos, 1996, Bd. 91, S. 537-544.

Hinweis

Das aktuelle Objekt des Monats kann ab dem ersten Tag des Monats eintrittsfrei in der Dauerausstellung des Museums für Kunst und Kulturgeschichte besichtigt werden, für interessierte Besucher liegen vor Ort und auf der Homepage des Museums (www.mkk.dortmund.de) weiterführende Informationen bereit.

Zu Beginn eines jeden Monats werden Schätze aus der Sammlung des Museums als Objekt des Monats präsentiert und den Besuchern vorgestellt. Sie möchten gerne ein Exponat aus einem bestimmten Sammlungsbereich oder zu einem ausgewählten Thema sehen?

Dann richten Sie Ihre Wünsche und Anregungen an unsere Mitarbeiterin Joana Maibach und wir gehen für Sie auf die Suche!

Museum für Kunst und Kulturgeschichte