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Rotunde im Museum für Kunst und Kulturgeschichte

Museum für Kunst und Kulturgeschichte

Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Karin Hessmann

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Objekt des Monats Juni 2020 im Museum für Kunst und Kulturgeschichte

"Berthe"

Nadelspitze; Point de Venise, Leinen
Anfang 20. Jahrhundert, verm. Belgien
Länge: 192 cm, Breite: 19 cm
Museum für Kunst und Kulturgeschichte, Inv.Nr. 1991/576
Nachlass Spitzenmanufaktur Louis Franke Wiesbaden - Brüssel

Berthe aus den Nachlass der Spritzenmanufaktur Louis Franke Wiesbaden – Brüssel

Berthe aus den Nachlass der Spritzenmanufaktur Louis Franke Wiesbaden – Brüssel
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Museum für Kunst und Kulturgeschichte, Joana Maibach

Berthen hießen die großen Ausschnittumrahmungen an Ballkleidern um 1830. Generationen von Frauen haben sie danach getragen, wobei sich nur ihre modische Form änderte. Zunächst aus feinen Stoffen, verziert mit Bändern, Rüschen, Stickereien und Spitzen, waren sie um 1900 ganz aus Spitze gefertigt. Unser Objekt des Monats stammt aus der Spitzenmanufaktur Louis Franke, Wiesbaden – Brüssel. Den Katalogen der Manufaktur zufolge waren Berthen besonders kostbare Accessoires für das Dekolleté der festlichen Damentoilette. Die teuersten waren Luxusobjekte aus verschiedenen Nadelspitzenarten mit Preisen von 135 bis 475 Goldmark. Die Berthen hatten eine innere Weite von etwa 1 Meter und eine äußere von bis zu 2 Metern. Die Breite differierte je nach Preislage nicht unerheblich. Berthen waren nur leicht mit dem Kleid verbunden, auswechselbar, vielseitig, modisch und hoch elegant. Sie konnten vielfältig dekoriert werden, einfach rund, jabotartig mittig oder seitwärts fallend, als Bolero, passend zum viereckigen Ausschnitt.

Unser Stück ist aus Venezianischer Nadelspitze gearbeitet, eine sog. Point de Venise. Mit einer Breite von fast 20 Zentimetern ist es ein prächtiges, aufwändiges modisches Beiwerk, das den Wohlstand der vermutlich noblen Trägerin zum Ausdruck brachte. Venezianische Spitzen, deren Blütezeit im Barock lag, erlebten um 1900 im Historismus eine regelrechte Renaissance. Herstellungszentrum war Burano mit seiner königlichen Spitzenschule. Venezianische Spitzen wurden aber auch in Belgien und anderen Spitzengebieten hergestellt. Typisch für die je nach Güte aus unterschiedlich feinem Leinengarn hergestellten Venise sind dichte, flach oder erhaben reliefierte Ornamente, die durch Stege verbunden sind. Beliebt war in der Zeit um 1900 die Reproduktion "antiker" Spitzen. In Frankes Angebot befanden sich Venezianische Spitzen unterschiedlicher Qualität, von einfachen Besätzen bis hin zu einem derartigen kostbaren Kragen zur Verzierung einer Abendrobe.

Historische Abbildung einer Berthe, Bild: "Spitze. Luxus zwischen Tradition und Avantgarde", hg. v. Gisela Framke, Ausstellungskatalog Museum für Kunst und Kulturgeschichte Dortmund, Heidelberg (Ed. Braus) 1995, S. 196

Historische Abbildung einer Berthe, Bild: "Spitze. Luxus zwischen Tradition und Avantgarde", hg. v. Gisela Framke, Ausstellungskatalog Museum für Kunst und Kulturgeschichte Dortmund, Heidelberg (Ed. Braus) 1995, S. 196

Historische Abbildung einer Berthe, Bild: "Spitze. Luxus zwischen Tradition und Avantgarde", hg. v. Gisela Framke, Ausstellungskatalog Museum für Kunst und Kulturgeschichte Dortmund, Heidelberg (Ed. Braus) 1995, S. 196

Historische Abbildung einer Berthe, Bild: "Spitze. Luxus zwischen Tradition und Avantgarde", hg. v. Gisela Framke, Ausstellungskatalog Museum für Kunst und Kulturgeschichte Dortmund, Heidelberg (Ed. Braus) 1995, S. 196

Die Blütezeit der Spitzen-Manufaktur Louis Franke fiel in die Zeit zwischen 1890 und 1914. Wiesbaden, seit 1867 ständiger Geschäftssitz der Firma, entwickelte sich um die Jahrhundertwende zu einer der elegantesten und mondänsten Kurstädte. Das Frankesche Geschäft befand sich auf der neuen Wiesbadener Prachtstraße, der Wilhelmstrasse, mitten im Zentrum des Weltbades. Kaiser Wilhelm II. reiste jährlich im Mai hierher, während die Kaiserin und ihr Hof in Bad Homburg vor der Höh weilten. Dort betrieb Franke seit Mitte der 1890er Jahre neben Bad Ems eine Filiale.

Seit 1888 führte Elise Franke nach dem Tod ihres Mannes das Geschäft mit Unterstützung ihres Sohnes Louis Franke. Mit der Geschäftsübernahme durch ihn im Jahr 1901 errichtete er in Brüssel eine Dependance und nannte das Unternehmen fortan "Spitzen-Manufaktur Louis Franke, Bruxelles – Wiesbaden". Der Betrieb agierte seitdem als Einzelhandelshaus, als Großhandel und als Manufaktur. Das Unternehmen vermarktete sich regional und überregional gut mit attraktiven Angebotskatalogen und Werbeprospekten sowie auf Ausstellungen und Messen, woraus Anerkennungen und sieben Diplome als Hoflieferant für in- und ausländische Hoheiten resultierten. Das Angebot war weit gefächert und entsprach dem Geschmack der höfischen und mondänen Gesellschaft. Frankes Kundschaft war die sozial führende Schicht, die die sinnlichen Reize der handgearbeiteten Spitze und ihren Hauch des Besonderen noch zu schätzen wusste, die sich mit diesem kostbaren Luxusgut gesellschaftlich positionierte und für die die Spitzenobjekte durch ihre Kennerschaft zunehmend zu einem Kunst- und Sammelgut wurden.

Historische Abbildung einer Berthe, Bild: "Spitze. Luxus zwischen Tradition und Avantgarde", hg. v. Gisela Framke, Ausstellungskatalog Museum für Kunst und Kulturgeschichte Dortmund, Heidelberg (Ed. Braus) 1995, S. 196

Historische Abbildung einer Berthe, Bild: "Spitze. Luxus zwischen Tradition und Avantgarde", hg. v. Gisela Framke, Ausstellungskatalog Museum für Kunst und Kulturgeschichte Dortmund, Heidelberg (Ed. Braus) 1995, S. 196

Der Nachlass der Manufaktur Franke kam im Rahmen der Vorbereitungen für die Ausstellung "Spitze - Luxus zwischen Tradition und Avantgarde" (1995) in das Museum. Unseren Recherchen zufolge hatte Louis Franke als Spitzenhändler und -manufakteur im Deutschland der Kaiserzeit eine Monopolstellung inne. Der aus Spitzen und Firmenunterlagen bestehende Nachlass hat wohl als materielles Kulturerbe auf nationaler, vielleicht sogar europäischer Ebene singuläre Bedeutung. Wir erstellen derzeit die Grundlagen für ein umfassendes Forschungs- und Restaurierungsprojekt zur Erschließung des Nachlasses, das hoffentlich mit Mitteln des Landes NRW realisiert werden kann. Im Ausstellungsraum sind neben der Berthe drei Fächerblätter in verschiedenen Techniken und Ausführungen aus dem Nachlass Franke zu sehen. Eine Station von "Mein Dortmund" vermittelt darüber hinaus Einblick in die Vielfalt des Firmennachlasses der Spitzenmanufaktur.

Gisela Framke

Zum Weiterlesen:
Spitze. Luxus zwischen Traditon und Avantgarde, hg. v. Gisela Framke, Ausstellungskatalog Museum für Kunst und Kulturgeschichte Dortmund, Heidelberg (Ed. Braus) 1995

Hinweis

Das aktuelle Objekt des Monats kann ab dem ersten Tag des Monats eintrittsfrei in der Dauerausstellung des Museums für Kunst und Kulturgeschichte besichtigt werden, für interessierte Besucher liegen vor Ort und auf der Homepage des Museums (www.mkk.dortmund.de) weiterführende Informationen bereit.

Zu Beginn eines jeden Monats werden Schätze aus der Sammlung des Museums als Objekt des Monats präsentiert und den Besuchern vorgestellt. Sie möchten gerne ein Exponat aus einem bestimmten Sammlungsbereich oder zu einem ausgewählten Thema sehen?

Dann richten Sie Ihre Wünsche und Anregungen an unsere Mitarbeiterin Johanna Schäckermann und wir gehen für Sie auf die Suche!

Museum für Kunst und Kulturgeschichte