Rotunde im Museum für Kunst und Kulturgeschichte

Museum für Kunst und Kulturgeschichte

Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Karin Hessmann

Objekt des Monats September 2022 im Museum für Kunst und Kulturgeschichte

Fragmente eines Ringpanzerhemds, Eisendraht, korrodiert, Fundort: Dortmund Oespel, Jüngere Römische Kaiserzeit, Inv. Nr. 415/411/721

Fragmente eines Ringpanzerhemds, Eisendraht, korrodiert, Fundort: Dortmund Oespel, Jüngere Römische Kaiserzeit, Inv. Nr. 415/411/721
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Museum für Kunst und Kulturgeschichte / Joana Maibach

Fragmente eines Ringpanzerhemds

Eisendraht, korrodiert
13,5 x 9 x 6,5 cm
Fundort: Dortmund-Oespel
Jüngere Römische Kaiserzeit
Inv.-Nr. 415/411/721

Vor über anderthalb Jahrtausenden schützte dieses auf den ersten Blick unscheinbare Objekt einen Menschen in lebensgefährlichen Kämpfen. Heute braucht es selbst speziellen Schutz, um weiter die Zeiten überdauern zu können.

Dies sind die stark korrodierten Reste eines Ringpanzerhemds der ersten Hälfte des 1. Jahrtausends nach Christus. Es wurde bei Ausgrabungen einer germanischen Siedlung im heutigen Dortmunder Stadtteil Oespel gefunden. Die umgangssprachliche Bezeichnung „Kettenhemd“ benennt die Hauptmerkmale dieser Rüstungsform recht treffend: In einer scheinbar unendlichen Kette miteinander verbunden, formen eiserne Ringe einen hemdartigen Überwurf, der den Träger vor Schnitten und Stichen zu schützen vermochte. Diese Art der Panzerung wurde im 1. Jahrtausend vor Christus nördlich der Alpen entwickelt, von der römischen Armee aufgegriffen, weit verbreitet und bestand auch nach der Antike in unterschiedlichen Varianten bis ins 16. Jahrhundert fort

Leicht unterschätzt man heute den Materialwert und Arbeitsaufwand, den ein solcher Ringpanzer bedeutete. Im Vergleich zu den späteren Kettenpanzern des Hochmittelalters, welche den gesamten Körper bedecken konnten, erscheint die Lorica hamata der Römer, welche von den Schultern bis etwa zur Mitte des Oberschenkels, seltener bis zum Knie reichte, eher leicht. Jedoch trug ein Legionär mit einem solchen Panzer bereits rund 10 Kilogramm Metall am Leib – in ca. 30.000 einzelnen Ringen.
Diese Ringe wurden aus massivem Eisen hergestellt, welches zunächst zu Draht verarbeitet werden musste. War der Draht, möglichst gleichbleibend, 1,2 bis 2 Millimeter dick, wurde er in engen Windungen um einen Stab mit einem Durchmesser von meist ca. 6 bis 10 Millimetern gewickelt. Entfernte man nun den Stab und schnitt die entstandene Drahtspirale mit einer Zange auf, erhielt man offene Ringe. Jeder einzelne Ring wurde mit jeweils vier weiteren Ringen verbunden, bevor man ihn durch Nieten oder Verschweißen verschloss. Diese Arbeit nahm für jedes einzelne Kettenhemd, selbst bei spezialisierter Produktion, viele Tage, oft Wochen in Anspruch.
Der Materialwert des qualitätvollen Eisens war ebenfalls beachtlich. Der Recyclingwert war bereits in der Antike so groß, dass die Wiederverwertung dieser Stücke bei nahezu einhundert Prozent gelegen haben wird. Es verwundert daher nicht, dass Archäologen nur sehr selten Reste solcher Schutzausrüstung finden. So war auch das hier ausgestellte Fundstück eigentlich zur Wiederverwertung vorgesehen:
Es fand sich zusammen mit anderem "Altmetall" an einem Ort, der vermutlich einem Schmied als Materialdepot diente.

Ringpanzerhemden schützten ihre Träger vor Schnitt- und Stichverletzungen, weniger vor den Auswirkungen wuchtiger Hiebe, da sie die Energie der Schläge nicht effektiv ableiten konnten. Diesen Nachteil glichen sie jedoch durch ihre enorme Flexibilität aus: Sie schränkten die Bewegungsfähigkeit des Trägers kaum ein. Das häufige Tragen und die ständige Bewegung schützten dabei diese Art der Panzerung vor dem Hauptnachteil eiserner Gegenstände – dem Verrosten. Auch ohne besondere Pflege sorgte der permanente Abrieb dafür, dass Rost nicht zum Problem wurde. Sicherlich wurden die teuren Panzer aber dennoch regelmäßig gereinigt und geölt.

Fragmente eines Ringpanzerhemds, Eisendraht, korrodiert, Fundort: Dortmund Oespel, Jüngere Römische Kaiserzeit, Inv. Nr. 415/411/721

Fragmente eines Ringpanzerhemds, Eisendraht, korrodiert, Fundort: Dortmund Oespel, Jüngere Römische Kaiserzeit, Inv. Nr. 415/411/721
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Museum für Kunst und Kulturgeschichte / Joana Maibach

Als dieses Panzerhemd nicht mehr genutzt wurde, führte die große Oberfläche des Drahtgeflechts recht schnell zu einer massiven Oxidation, das Material rostete untrennbar zu einem Klumpen zusammen. Über die Jahrhunderte im Boden wirkten auf unser Stück dann weitere ungünstige Einflüsse ein, die auch heute noch, trotz sorgfältiger Ausgrabung und Restaurierung, zum weiteren Verfall dieses seltenen Fundes beitragen: Salze haben sich während der Bodenlagerung im Eisen angereichert. Diese reagieren mit dem Sauerstoff und der Feuchtigkeit unserer Raumluft, lösen immer weiter Metall an und kristallisieren bei langsamer Trocknung aus. Die so entstehenden Salzkristalle sprengen dann ganze Oberflächenpartien des korrodierenden Fundstücks ab – ein Vorgang der nicht komplett aufgehalten, nur stark verlangsamt werden kann. Um unsere unscheinbaren, aber besonders wertvollen Ringpanzerfragmente vor dem Verfall zu bewahren, werden sie daher in einer hochmodernen, klimatisierten Vitrine aufbewahrt. Die relative Luftfeuchtigkeit ist darin auf 30 Prozent reduziert. Dies bremst die Reaktionen der eingelagerten Salze stark ein und schützt somit diese – damals wie heute – wertvolle Schutzausrüstung vor weiterem Verfall.

Philipp Sulzer

Hinweis

Das aktuelle Objekt des Monats kann ab dem ersten Tag des Monats eintrittsfrei in der Dauerausstellung des Museums für Kunst und Kulturgeschichte besichtigt werden, für interessierte Besucher liegen vor Ort und auf der Homepage des Museums (www.mkk.dortmund.de) weiterführende Informationen bereit.

Zu Beginn eines jeden Monats werden Schätze aus der Sammlung des Museums als Objekt des Monats präsentiert und den Besuchern vorgestellt. Sie möchten gerne ein Exponat aus einem bestimmten Sammlungsbereich oder zu einem ausgewählten Thema sehen?

Dann richten Sie Ihre Wünsche und Anregungen an unsere Mitarbeiterin Joana Maibach und wir gehen für Sie auf die Suche!

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