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Rotunde im Museum für Kunst und Kulturgeschichte

Museum für Kunst und Kulturgeschichte

Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Karin Hessmann

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Objekt des Monats Mai 2020 im Museum für Kunst und Kulturgeschichte

Becher "Gesundheit | Liebe | Glück | u. Freude | bringe dir die Zeit"

Böhmen, um 1840, Glas weiß, mit rotem Überfang, H. 12,5 cm, Dm. oben 8,5 cm, Dm. unten 7,7 cm, Inv.-Nr. C 6905
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Museum für Kunst und Kulturgeschichte Dortmund, Foto: Joana Maibach

Becher "Gesundheit | Liebe | Glück | u. Freude | bringe dir die Zeit"

"Bleib(t) gesund!": In außergewöhnlichen Zeiten oder zu bestimmten Anlässen ist es uns ein besonderes Bedürfnis, unserem Gegenüber Gutes zu wünschen. So ist uns auch in den ver-gangenen, krisengeschüttelten Wochen vielfach der Wunsch nach Gesundheit begegnet.

Unser ausgewähltes Objekt verstehen wir mit seiner Kraft spendenden Aufschrift als ein Sinnbild des Durchhaltens, des Trotzes, mit dem wir im Wonnemonat Mai ein Stück Zuver-sicht schenken möchten!

"Rückzug in die Behaglichkeit": Es ist die fiktive Figur des Gottlieb Biedermeier, die in der humoristischen Wochenschrift "Fliegende Blätter" (München, ab 1845) regelmäßig zu Auf-tritten kommt und namensgebend für eine ganze Epoche wird. Von eher einfachem Gemüt, als bieder und hausbacken beschrieben, drückt die erdachte Serienfigur ihrer Zeit einen eher unrühmlichen Stempel auf. Der Begriff Biedermeier ist zu einem Spottnamen geworden.

Tatsächlich ist es die infolge der Karlsbader Beschlüsse (1819) stark beschnittene politische Mitbestimmung, die das Bürgertum zurück in die eigenen vier Wände drängt. Erstmals ge-winnt das Privat- und Familienleben nachdrücklich an Bedeutung, das im kleinen Rahmen gepflegt werden will. So verwundert es nicht, dass sich in jener Zeit beispielsweise Kaffee-häuser (für die Damen) und Stammtischtreffen (für die Herren) als Orte geselligen Zusam-mentreffens großer Beliebtheit erfreuen. Auch das Musizieren mit der Familie bietet eine weitere Möglichkeit gemeinsamer Zerstreuung – die Hausmusik war geboren! Die Bieder-meierzeit ist folglich auch eine Zeit des familiären Miteinanders, eines erstarkenden Zu-sammengehörigkeitsgefühls, das wir auch dieser Tage so merklich spüren.

"Probier's mal mit Gemütlichkeit!": Daneben rückt auch eine möglichst behagliche, beque-me Gestaltung des eigenen Zuhauses in den Fokus. Interessanterweise soll auch das wohl-klingende, Wärme und Geborgenheit versprühende Wort Gemütlichkeit in dieser Zeit erst-mals auf-gekommen sein. Mit multifunktionalen Möbelstücken, darunter innovative Ideen wie Schlittenbetten, Sekretäre oder Nähtische, zogen ebenso Zweckmäßigkeit wie Eleganz in wohlhabende Bürgerhäuser ein. Zumeist aus einheimischen Hölzern wie Nuss- oder Kirsch-baum gefertigt, stehen Biedermeiermöbel ganz im Zeichen hochwertiger Handwerksquali-tät. Den Wunsch nach Behaglichkeit gilt es auch im Kleinen zu erfüllen. Entsprechend halten gleichsam nützliche wie schmückende Einrichtungsgegenstände wie Gläser, Bilder- und Tischuhren Einzug in die heimelige Wohnstube, dem Vorläufer unseres heutigen Wohnzim-mers.

Auch unser Becher in Überfangtechnik datiert aus der Biedermeierzeit, und entstammt einer nicht näher bekannten Glashütte in Böhmen. Die Überfangtechnik beschreibt ein Verfahren, "einem Kernglas innen oder außen eine oder mehrere dünne Farbglasschichten aufzu-schmelzen" (Irmscher 1988, S. 19), etwa aus ästhetischen Gründen. In unserem Fall wechselt hierdurch der weiße Klarglaskern mit einer rötlichen Schicht.

Wenngleich der Becher per se das einfachste und wohl auch älteste Trinkgefäß ist, so setzt unser Stück dem eine überaus geschmackvolle Gestaltung entgegen. Über einem Rosetten-fuß läuft die mit Weinblättern durchsetzte Wandung des Bechers konisch zu. Sechs kreisrun-de Medaillons zieren verschiedene Allegorien, die sich zu einem Sinnspruch zusammenfü-gen. Als Beispiel sei der von einer Schlange umwundene Asklepiosstab genannt, dem charak-teristischen Symbol des Gesundheitswesens.

Mit Allegorien, Sinnsprüchen oder Monogrammen verzierte Becher, Kelche oder Pokale, wie sie im Biedermeier in Mode kommen, sind sozusagen gläserne Botschafter, die ein Anden-ken an etwas oder jemanden schaffen. Bis heute ist die Nachfrage nach Erzeugnissen aus böhmischer Glasindustrie ungebrochen, darunter etwa die für sein regenbogenfarbig schimmerndes (sogenanntes irisierendes) Glas bekannte Glashütte Johann Loetz Witwe aus Klostermühle aus den 1830er Jahren.

So möchten wir im übertragenen Sinne auch unseren Becher erheben:

Auf Ihre Gesundheit!

Johanna Schäckermann M.A.
Wissenschaftliche Volontärin

Zum Weiterlesen:
Glasmuseum Rheinbach. Spezialmuseum für nordböhmisches Hohlglas.
Bestandskatalog 1, bearbeitet von Günther Irmscher, Schriften des Rheinischen Museumsamtes Nr. 40,
Inventare rheinischer Museen, Bd. 1, Köln 1988.

Hinweis

Das aktuelle Objekt des Monats kann ab dem ersten Tag des Monats eintrittsfrei in der Dauerausstellung des Museums für Kunst und Kulturgeschichte besichtigt werden, für interessierte Besucher liegen vor Ort und auf der Homepage des Museums (www.mkk.dortmund.de) weiterführende Informationen bereit.

Zu Beginn eines jeden Monats werden Schätze aus der Sammlung des Museums als Objekt des Monats präsentiert und den Besuchern vorgestellt. Sie möchten gerne ein Exponat aus einem bestimmten Sammlungsbereich oder zu einem ausgewählten Thema sehen?

Dann richten Sie Ihre Wünsche und Anregungen an unsere Mitarbeiterin Johanna Schäckermann und wir gehen für Sie auf die Suche!

Museum für Kunst und Kulturgeschichte