Rotunde im Museum für Kunst und Kulturgeschichte

Museum für Kunst und Kulturgeschichte

Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Karin Hessmann

Objekt des Monats Januar 2023 im Museum für Kunst und Kulturgeschichte

Objekt des Monats Januar 2023

Ettore Sottsass, Teekanne Lapislazzuli, Entwurf von 1972, Ausführung durch Alessio Sarri für Anthologie Quartett Deutschland 1987, Steingut, glasiert, 20 x 19,5 x 18 cm, Inv.-Nr. 1988/59
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Museum für Kunst und Kulturgeschichte / Joana Maibach

Teekanne Lapislazzuli (Ettore Sottsass)

aus der Serie The Indian Memory, Entwurf 1972
Ausführung: Alessio Sarri für Anthologie Quartett, Deutschland, 1987
Steingut, glasiert
Maße: 20 x 19,5 x 18 cm
Inv.-Nr. 1988/59
Foto: Joana Maibach

Die mintfarbene, matt gestaltete Teekanne mit dem klangvollen Namen Lapislazzuli - italienische Schreibweise für den blauen Halbedelstein Lapislazuli oder Lapis Lazuli – weckt mit ihrer ungewöhnlichen fünffach gestuften und nach oben hin verjüngenden Form einige Assoziationen. So erinnert sie mit ihrem skulpturalen Charakter an Architekturformen, an eine mehrstöckige Tortenkreation oder aber auch an Wolken, fantastisch ist sie allemal. Sie passt durch ihre besondere Gestaltung kaum in das tradierte Bild von Teegefäßen, dennoch ist sie ein »skulpturales Nutzobjekt«, deren Funktion als Teekanne durch ihre Form nicht beeinträchtigt wird. Sie gehört zu der Keramikserie The Indian Memory, welche von dem italienischen Designer und Architekten Ettore Sottsass (1917-2007) zu Beginn der siebziger Jahre entworfen und 1987 durch den Töpfermeister Alessio Sarri hergestellt wurde. Die Serie umfasst noch fünf weitere Teekannen – drei davon ebenfalls hier in der Vitrine zu sehen – und zwei Obstschalen. Inspiration für die Entwürfe der Serie war eine Indienreise Sottsass, worauf auch der Name der Serie verweist und spiegelt sein Interesse an anderen Kulturen wider.

Mit seinen fantasievollen, bunten und auch humorvollen Entwürfen zu dieser keramischen Serie, fernab der üblichen Konventionen, zeigt der Designer eine der Grundideen der von ihm mitbegründeten Künstlergruppe Memphis. Diese hatte sich an einem Winterabend im Jahr 1980 in der Mailänder Wohnung von Sottsass zusammengeschlossen. Die Mitglieder der Gruppe kamen aus verschiedenen Disziplinen: unter ihnen waren Möbel-, Textil-, und Keramikdesigner*innen, Architekten und die Autorin und Designkritikerin Barbara Radice. Der Name des Kollektivs soll von dem Bob Dylan Song »Stuck Inside of Mobile with the Memphis Blues Again« abgeleitet worden sein, den die Gruppe an diesem Abend mehrfach hörte, während sie über die Ideen einer neuen internationalen Design-Gruppierung diskutierten.

Memphis war dabei primär eine ästhetische Reaktion auf den »[…] als kalt, technokratisch und einseitig bloß rational empfundenen Funktionalismus, der die Architektur und das Produktdesign bis dahin dominiert hatte.« Der offiziellen Doktrin des Funktionalismus, »form follows function«, setzte die Gruppe Entwürfe entgegen bei denen die Formen eben nicht mehr länger an Funktionen gebunden waren. Sie wandten sich mit ihren Entwürfen von den traditionell aufeinander bezogenen Kategorien Form, Funktion und Material ab und kombinierten bunte Farben, lebhafte Muster, verschieden wertige Materialien und phantasievolle, individuell gestaltete Formen miteinander, ein Mix aus Eleganz und Kitsch mit einer Prise Humor. In ihre Entwürfe flossen dabei, wie auch bei der Teekanne Lapislazzuli, verschiedene kulturelle Einflüsse mit ein.

Bevor die Gruppe mit ihren Entwürfen das funktionalistische Verhältnis von Funktion und der ihr dienenden Form radikal veränderte, hatte bereits die Mailänder Gruppe Alchimia, gegründet 1976, dieses zur Disposition gestellt. Sie ging aus der radikalen Bewegung der sechziger Jahre hervor und knüpfte an die Pop-Kultur an. In dieser war Ettore Sottsass bis zur Gründung von Memphis ebenfalls Mitglied. Im Gegensatz zu Memphis waren die Objekte der Alchimia-Gruppe auf Einzelstücke ausgerichtet, während Erstgenannte bewusst Entwürfe für die Massenproduktion anfertigte. Memphis stellte im September 1981 das erste Mal in der Galerie arc’74 in Mailand aus und sorgte mit den dort gezeigten Objekten, darunter Möbel, Keramikarbeiten und Lampen, für internationales Aufsehen und erregte die Gemüter. Die mediale Verbreitung war größer als der eigentliche Verkauf der Objekte und da das Bestehen der Gruppe von vorneherein nur auf kurze Zeit ausgerichtet war, löste sich Memphis bereits 1987 wieder auf. Ettore Sottsass hatte die Gruppe bereits zwei Jahre zuvor verlassen, denn die angestrebten Ziele waren erreicht: einen Denkanstoß geben und provokative Impulse im Design setzen.

Joana Maibach

Literatur

  • Volker Albus & Violker Fischer (Hg.): 13 nach Memphis: Design zwischen Askese und Sinnlichkeit, München 1995.
  • Bernhard E. Bürdek: Design. Geschichte, Theorie und Praxis der Produktgestaltung, Köln 1991.
  • Volker Fischer: Ornament & Versprechen. Postmoderne und Memphis im Rückblick, Ausstellungskatalog Museum für Angewandte Kunst Frankfurt am Main, Stuttgart/London 2005.
  • Lilli Hollein (Hg.): Memphis. Kunst/Kitsch/Kult. Eine Designbewegung verändert die Welt, Wien 2002.
  • Beat Schneider: Design – Eine Einführung. Entwurf im sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Kontext, Basel 2009.

Hinweis

Das aktuelle Objekt des Monats kann ab dem ersten Tag des Monats eintrittsfrei in der Dauerausstellung des Museums für Kunst und Kulturgeschichte besichtigt werden, für interessierte Besucher liegen vor Ort und auf der Homepage des Museums (www.mkk.dortmund.de) weiterführende Informationen bereit.

Zu Beginn eines jeden Monats werden Schätze aus der Sammlung des Museums als Objekt des Monats präsentiert und den Besuchern vorgestellt. Sie möchten gerne ein Exponat aus einem bestimmten Sammlungsbereich oder zu einem ausgewählten Thema sehen?

Dann richten Sie Ihre Wünsche und Anregungen an unsere Mitarbeiterin Joana Maibach und wir gehen für Sie auf die Suche!

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