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Museum für Kunst und Kulturgeschichte

Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Jesús González Rebordinos

NRW-Wanderausstellung

"Weimar im Westen": Multimediale Schau über die erste Demokratie Deutschlands zu Gast im MKK Dortmund

Nachricht vom 17.05.2019

“Weimar im Westen – Republik der Gegensätze” heißt die Wanderausstellung, die vom 19. Mai bis 23. Juni 2019 im Museum für Kunst und Kulturgeschichte (MKK) zu sehen ist. Sie will ganz neue Einblicke geben in die Zeit der ersten deutschen Demokratie.

v.l. Dr. Christian Walda (Projektleiter), Alexandra Hilleke, Dr. Jens Stöcker und Dr. Julia Paulus

Dr. Christian Walda (Projektleiter), Alexandra Hilleke, Dr. Jens Stöcker und Dr. Julia Paulus (v.l.) präsentierten die Ausstellung nebst einem lebensgroßen Aufsteller des ersten Reichspräsidenten der Weimarer Republik Friedrich Ebert.
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Dortmund-Agentur / Torsten Tullius

Die Weimarer Republik ist eine Republik der Gegensätze: Politische Aufbrüche, soziale Fortschritte und kultureller Aufbruch gehen mit sozialen Konflikten und extremer Gewalt einher. Die erste Demokratie Deutschlands entsteht nach der Urkatastrophe des Ersten Weltkriegs, dem Zusammenbruch des Kaiserreichs, der Revolution und während der Besetzung des Ruhrgebiets und des Rheinlands durch alliierte Truppen aus einer Situation größter politischer wie gesellschaftlicher Orientierungslosigkeit und Ungewissheit. Gleichzeitig gilt die Verfassung der Weimarer Republik als die modernste der Welt.

Die multimediale Wanderausstellung "Weimar im Westen: Republik der Gegensätze" nimmt die widersprüchlichen Entwicklungen und Ereignisse dieser Zeit für das Rheinland und Westfalen-Lippe unter die Lupe. Nirgends sonst werden die Gegensätze der Weimarer Republik auf engstem Raum verdichtet so gut sichtbar wie in dieser Region. Die Ausstellung ist ein Projekt des LWL und des LVR im Verbund mit "100 Jahre Bauhaus im Westen". "Zahlreiches Material stammt aus Dortmund, diesem Nukleus Westfalens, was das Großstädtische anbelangt", erklärt Dr. Julia Paulus, LWL-Institut für westfälische Regionalgeschichte. "Dortmund stand nicht nur für Sport, Kunst und Kultur, hier spielte auch politisch die Musik", fährt Paulus fort. "Bei Straßenaufmärschen etwa zeigte sich wohin es künftig geht: weiter Richtung Republik oder rückwärts".

Aufbrüche auch in Technik, Kultur, Bildung und Sozialem

Die Weimarer Republik steht ebenso für eine Zeit sozialer und politischer Aufbrüche wie für technische und kulturelle Experimente, wie sie etwa in den Bauhausgebäuden des Rheinlands und Westfalens, in sozialen Reformprojekten oder im Wandel von Lebensstilen auch in der "Provinz" sichtbar werden. "Der demokratische Rahmen der Weimarer Republik hat das Bauhaus erst möglich gemacht, auch wenn dessen Vorläufer noch im Kaiserreich verortet sind. 'Die Welt neu denken', wie Bauhausgründer Walter Gropius formulierte - das war allerdings erst unter demokratischen Rahmenbedingungen möglich", sagt Alexandra Hilleke vom Kuratorium. "Beide, Weimarer Republik und das Bauhaus, haben ihren Ursprung im Jahr 1919, die Ausstellung im MKK verbindet beide Jubiläen."

Frau auf Motorrad

Bislang unbekannte Fotos und Filme stehen im Mittelpunkt der Schau, die erstmals einen umfassenden Blick auf "Weimar im Westen" eröffnet.
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): LWL-Medienzentrum für Westfalen

Das Vereinswesen boomt, und die Lebensreformbewegung befeuert neue Experimente in allen Bereichen der Bildung. Neue Künstler*innen-Gruppen setzen sich mit dem Fortschritt und alternativen Weltanschauungen auseinander. "Ähnlich dynamisch geht es auch im MKK zu, vom Jugendstil zur Weimarer Republik, von einem Aufbruch zum nächsten", sagt Dr. Jens Stöcker, Direktor des MKK schmunzelnd in Anlehnung an die Jugendstil-Ausstellung "Rausch der Schönheit" , die noch bis Ende Juni im MKK zu sehen ist. Darüber hinaus entwickeln die Westprovinzen einen ausgeprägten politischen Eigensinn. Die sogenannte Weimarer Koalition aus Sozialdemokraten, Zentrum und Liberalen kommt hier zu sehr viel höheren Wahlergebnissen als im übrigen Reich. Besonders die katholische Zentrumspartei feiert im Westen ihre größten Wahlerfolge. Gerade aufgrund dieser Vielfalt sei es falsch, Weimar rückblickend nur als gescheiterte "Vorgeschichte unserer Demokratie" zu begreifen, sagt Projektleiter Dr. Christian Walda. "Man spricht von 'Weimarer Verhältnissen', wenn man Krise meint. Die Republik wird dabei zu sehr aus der NS-Zeit heraus gedeutet – eine verkürzte Sicht. Weimar gab vielen Akteuren die Hoffnung und Möglichkeiten, ihre Interessen umsetzen zu können. Deren Ende im Nationalsozialismus war nicht zwangsläufig."

Zeit der Ausgrenzung und Abschottung

Zur selben Zeit sind Abschottung, Antisemitismus und Ausgrenzungen von Andersdenkenden sowie Gewalt fester Bestandteil der politischen Kultur. Das Rheinland und Westfalen-Lippe sind Zentrum reichsweiter Auseinandersetzungen. Der Ruhraufstand linker Arbeiter*innen zur Abwehr des Kapp-Putsches 1920 und der Ruhrkampf 1923 gegen die französische Militärbesatzung erregen weit über die Region hinaus die Gemüter aller Deutschen. Nicht zuletzt bestimmt der ökonomische Mangel den Alltag vieler Menschen in Rheinland und Westfalen. Wenngleich die Wahlergebnisse der NSDAP hier lange Zeit weit hinter dem reichsweiten Durchschnitt zurückliegen, erhalten nationalistisch-völkische Vereine auch im Rheinland und Westfalen-Lippe einen immer größeren Zulauf. Die Wahlerfolge der NSDAP in Lippe Anfang 1933 werden von den Nationalsozialisten schließlich als Startschuss einer "Machtergreifung" im Reich inszeniert.

Bislang unbekannte Fotos und Filme

Die Wanderausstellung "Weimar im Westen: Republik der Gegensätze" präsentiert in vier begehbaren Würfeln und an 16 Medienstationen ein vielfältiges multimediales Angebot. Bislang unbekannte Fotos und Filme stehen im Mittelpunkt der Schau, die erstmals einen umfassenden Blick auf "Weimar im Westen" eröffnet. Ergänzt wird diese regionale Perspektive durch eine umfangreiche Einführung in die allgemeine Geschichte Deutschlands zwischen Kaiserreich und Nationalsozialismus mit ihren vielfachen Bezügen zum Rheinland und Westfalen-Lippe.

Außerdem können die Besucher*innen anhand eines Wahlkompasses, ähnlich dem Wahl-O-Mat der Bundeszentrale für politische Bildung, feststellen, welcher Partei sie damals den Vorzug gegeben hätten.

Zum Thema

Erarbeitet wurden die Ausstellung sowie Unterrichtsmaterial für Schulen dazu vom LWL-Institut für westfälische Regionalgeschichte in Kooperation mit dem LVR-Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte und dem LWL-Medienzentrum für Westfalen sowie dem Weimarer Republik e.V. Zugleich ist die Ausstellung Teil des Bauhaus-Jubiläums in NRW.

Museum für Kunst und Kulturgeschichte