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Dortmunder U

Museum Ostwall

MO Kunstpreis für Bastian Hoffmann

Der MO Kunstpreis „Follow me Dada and Fluxus“ der Freunde des Museums Ostwall wird in diesem Jahr zum vierten Mal verliehen.
Preisträger ist Bastian Hoffmann mit seinen sechs 2-4 minütigen Videoarbeiten „Today I want to show you“, welche im MO Schaufenster im Dortmunder U zu sehen sind.

Bastian Hoffmann, Gravel pile (Videostill), aus der Tutorial Clip-Serie “Today I want to show you...”, 2012 – fortlaufend, 4:33 Min; Video, Farbe, Ton

Bastian Hoffmann, Gravel pile (Videostill), aus der Tutorial Clip-Serie “Today I want to show you...”, 2012 – fortlaufend, 4:33 Min; Video, Farbe, Ton
Bild: © Bastian Hoffmann

DIY – Do it yourself scheint das Motto der Video-Tutorials von Bastian Hoffmann zu sein. Mit den Worten „Today I want to show You…“ („Heute zeige ich Euch…”) leitet er seine Bauanleitungen ein, die auf den ersten Blick den Videos von Youtubern ähneln, die vor laufender Kamera Make up-Anleitungen geben oder heimwerken. Statt eines umwerfenden Lidstrichs oder eines stabilen Kaninchenstalls präsentiert Hoffmann allerdings, wie man einen perfekten Schotterhaufen anlegt.

Bastian Hoffmann, How to turn a wooden board into a pressboard (Videostill), aus der Tutorial Clip-Serie “Today I want to show you...”, 2012 – fortlaufend, 3:14 Min; Video, Farbe, Ton

Bastian Hoffmann, How to turn a wooden board into a pressboard (Videostill), aus der Tutorial Clip-Serie “Today I want to show you...”, 2012 – fortlaufend, 3:14 Min; Video, Farbe, Ton
Bild: © Bastian Hoffmann

So, wie die „Hobbythek“ im WDR vorführte, wie man selbst Hautcrèmes herstellen kann, oder so, wie die Bücher der Reihe „Jetzt helfe ich mir selbst“ seit 1962 Anleitungen zum Autoreparieren liefern, zeigt Hoffmann Schritt für Schritt, wie man Dinge selbst macht. Aufmerksame Zuschauer/innen beschleicht jedoch schon nach wenigen Minuten ein Gefühl der Irritation:

Der Schotterhaufen („Gravel Pile“) wird in mühevoller Handarbeit aus Zementabgüssen ein und desselben Steins hergestellt, und nach stundenlanger Arbeit auf einem Untergrund aus tausenden ähnlicher, aber natürlicher Steine neben einem Gleisbett aufgeschichtet.

Bastian Hoffmann, Pile of Gravel, 2016, Beton, Lack, Puder, 600 identische, handbemalte Schottersteine, (Herkunftsort: Hudson River, New York, USA)

Bastian Hoffmann, Pile of Gravel, 2016, Beton, Lack, Puder, 600 identische, handbemalte Schottersteine, (Herkunftsort: Hudson River, New York, USA)
Bild: © Bastian Hoffmann

Wie man mit Hilfe eines Holzschredders, Holzleim, Schraubzwingen und einer selbstgebauten Hohlform aus einem massiven Holzbrett ein Pressspanbrett herstellt, erklärt Hoffmann in „how to turn a wooden board into a pressboard“. Das Ergebnis: „Nice shape, straight and solid“ (“Schöne Form, gerade und stabil”).

Ähnlich sinnstiftend sind seine aufwendig im Freien installierte „Permanente Pfütze“ („Permanent Puddle“) oder seine sorgsam aus einer Haushaltskerze gegossene „Individuelle Kerze“ („Individual Candle“), die sich rein äußerlich nicht vom Ausgangsmaterial unterscheidet. Auch die komplizierte Apparatur, die dafür sorgt, dass man auch bei schönem Wetter mit dem Fahrrad durch den Schlamm fahren kann, oder der aus Styropor gefertigte Isolierkasten, der den Heizkörper vom übrigen raum abschirmt, und so für eine konstante Angleichung von Innen- und Außentemperatur sorgt, scheinen zunächst der Mühe nicht wert. Denn natürlich drängt sich die Frage auf: Warum sollte man Zeit und Arbeit investieren, um Dinge zu produzieren, die so offensichtlich sinnlos sind? Die Antwort ist ebenso einfach wie naheliegend: Weil man es kann.

Durch seine Interpretation von Heimwerkervideos hinterfragt Hoffmann die DIY-Kultur, die oftmals in stundenlanger Heimarbeit Dinge produziert, die sich günstig im Einzelhandel kaufen ließen. Gleichzeitig führt er uns den Kern des DIY vor Augen: Das Tun als Wert an sich. Durch das Auswählen eines Steins, das Fertigen einer Silikonform, das Erstellen von insgesamt 600 identischen Abgüssen und deren Bemalung, schließlich das Bestäuben mit Zementstaub und das Aufschichten der so gewonnenen „Steine“ zu einem Haufen entsteht eben nicht irgendein, sondern ein besonderer Schotterhaufen.

Bastian Hoffmann, How to prepare a bike that cycles everyday in mud (Skulptur), aus der Tutorial Clip-Serie “Today I want to show you...”, 2011 – fortlaufend, Fahrrad, Kanister, Schläuche, Spanngurte, Wasser, Erde

Bastian Hoffmann, How to prepare a bike that cycles everyday in mud (Skulptur), aus der Tutorial Clip-Serie “Today I want to show you...”, 2011 – fortlaufend, Fahrrad, Kanister, Schläuche, Spanngurte, Wasser, Erde
Bild: © Bastian Hoffmann

Dinge bewusst und mit einer gewissen Hingabe zu tun, dabei aber nicht den Humor zu verlieren verbindet die Video-Tutorials von Bastian Hoffmann mit den Happenings und Performances der Fluxus-Bewegung. Alison Knowles Performance „Make a salad“, bei der gemeinsam ein Salat angerichtet wird, oder Allan Kaprows Happening „Moving”, bei dem die Teilnehmer/innen temporär in ein leerstehendes Haus ziehen und dieses vier Tage lang bis zum Auszug bewohnen, rücken Alltagshandlungen in den Fokus, die sonst beiläufig erledigt werden. Welche Entscheidungen werden bei der Zubereitung von Essen getroffen? Welche Rolle spielt das Wohnen in unserem Leben?

Gleichzeitig gehen Hoffmanns Video-Tutorials über den rein performativen Akt hinaus. Hoffmann ist in erster Linie Bildhauer, und so steht am Ende jedes Tutorials eine Skulptur mit einer besonderen künstlerischen Qualität: Der Schotterhaufen ist nicht nur handwerklich perfekt, sondern reflektiert durch die Gleichförmigkeit der Steine das Spannungsverhältnis zwischen natürlicher Schönheit und menschengemachter Perfektion. Wie eine komplizierte Bauanleitung erschließt sich dies nur denjenigen, die genau hinsehen.

Zum Thema

Eröffnung und Verleihung des MO Kunstpreises 2017:
12. November, ab 11.00 Uhr im Innogy Forum und Ebene 4

MO Schaufenster #20: „Today I want to show You…“
MO Kunstpreis für Bastian Hoffmann
14. November 2017 bis 4. März 2018