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Veranstaltungskalender

Bild: Dortmund-Agentur / Soeren Spoo

HMKV

Korpys/Löffler - "Personen Institutionen Objekte Sachen"

Rasterfahndung – deutsche Pionierleistung

Der Pionier der deutschen Kriminalgeographie, Horst Herold (*1923), wurde 1971 Präsident des Bundeskriminalamts und schon bald darauf mit seinem Credo „Wir kriegen sie alle“ zur Symbolfigur der Terrorismusbekämpfung in der BRD der 1970er Jahre. Herold stattete das Bundeskriminalamt mit Computern aus, richtete Datenbanken ein, entwickelte maschinenlesbare Identifizierungstechniken und die Rasterfahndung als Methode polizeilicher Ermittlungen. Bahnbrechend war nicht nur sein Ansatz, möglichst viele Daten der gesamten Gesellschaft zu sammeln und auszuwerten, sondern insbesondere seine Idee, nach Abweichungs- und Ausschlusskriterien zu fahnden: Zu den Tätern führe das, was sie eben nicht taten – und dabei von normalem Verhalten abweichen. Dementsprechend müssten in der Ermittlungsarbeit Randerscheinungen und Nebensächlichkeiten beobachtet, kategorisiert und analysiert werden, um Muster zu erkennen und den Zielpersonen auf die Spur zu kommen. Die von Herold gegründete Datenbank Personen Institutionen Objekte Sachen (PIOS) enthielt dafür im Jahre 1975 ca. 240.000 Einträge. Was damals ein absolutes Novum war, erscheint aus heutiger Sicht eher niedlich: Denn Suchmaschinen wie Google und soziale Netzwerke wie Facebook und What’s App sammeln stündlich ein Vielfaches an personenbezogenen Daten. Und Geheimdienste wie die US-amerikanische NSA und der britische GCHQ – durch den Whistleblower Edward Snowden wurde es öffentlich – haben mit den staatlichen Überwachungssystemen PRISM und TEMPORA die Analyse von Big Data zur globalen Perfektion getrieben. Ihr Grundgedanke folgt nach wie vor der von Herold entwickelten negativen Rasterfahndung.

Korpys/Löffler – Methoden und Thematiken

Die Ränder des Geschehens beobachten und im scheinbar Nebensächlichen Indizien sammeln, um Muster erkennen zu können – dies ist auch die durchgängige Arbeitsmethode der international bekannten Medienkünstler Andree Korpys (*1966) und Markus Löffler (*1963), die seit ca. 25 Jahren als Duo kooperieren und derzeit Professoren an der Hochschule für Künste Bremen sind.

In ihren künstlerisch-dokumentarischen Projekten wenden Korpys/Löffler die Methoden des modernen Überwachungsstaats aber nicht auf Individuen sondern auf diesen selbst an. Sie befassen sich mit dem geheimen Wirken und den offiziellen Repräsentationen von staatlicher Macht, sowie mit ihren Herausforderern in der gesellschaftlichen Opposition (wie z.B. früher die Rote Armee Fraktion und heute Blockupy oder die Anti-Castor-Bewegung). „Die Macht“ kann in den Arbeiten von Korpys/Löffler ein Gesicht haben – wie etwa der Präsident der USA oder des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, oder der Papst – öfter aber wird sie in ihren institutionellen Erscheinungen untersucht: Die Künstler nteressieren sich für öffentlichkeitsscheue Organe wie etwa das Bundeskriminalamt, den Bundesnachrichtendienst, die Bundesanwaltschaft, die Europäische Zentralbank, das Gefängnis oder auch die Polizei.

Mit Adleraugen beobachten Korpys/Löffler die Außenhaut solcher Organe und zeigen in präzise komponierten Kunstwerken die Mechanik ihres Funktionierens. Die Künstler betreiben dabei keinen investigativen Journalismus sondern konzentrieren sich auf die Ästhetik von Randereignissen, Nebengestalten und Details, die von selbst zu sprechen beginnen: Personen, Institutionen, Objekte, Sachen. Der Rote Faden durch ihr OEuvre läuft entlang der bildgewaltigen, aber weder moralisch noch politisch wertenden Analyse von Kontrollstrukturen und ihres medialen Niederschlags.

Multimediale Projekte im HMKV

Im Zentrum der impulsgebenden Projekte von Korpys/Löffler steht zumeist eine raffiniert vertonte Filmproduktion, die mittels begleitender Elemente in verschiedenen Medien (Fotografie, Zeichnung, Siebdruck, Malerei, Objekt) aufgefächert und synästhetisiert wird. So entstehen neuartige Rauminstallationen, in denen das jeweilige Sujet durch multiplen Medienwechsel sowie durch den von den Künstlern immer wieder betriebenen Seitenwechsel zwischen Macht und Gegenmacht umkreist wird. Die Ausstellung Personen Institutionen Objekte Sachen führt die wichtigsten Arbeiten von Korpys/Löffler in einer großen Werkschau zusammen. Der Ausstellungs-Parcours zieht sich im HMKV durch die gesamte Ausstellungsfläche (ca. 11 Multimedia-Projekte in 8 Räumen mit insgesamt 800 Quadratmetern). Begleitend sind interdisziplinäre Kooperationsveranstaltungen zu Themen wie Datenschutz und Geheimdienste, Bildjournalismus und Medienwirklichkeit geplant. Personen Institutionen Objekte Sachen ist zugleich der Titel einer jüngeren Videoinstallation von Korpys/Löffler, die sich mit der künstlerischen Beobachtung des Neubaus für den Bundesnachrichtendienst in Berlin beschäftigt. Ab 2017 soll dieses mit 1,1 Milliarden Euro Kosten teuerste vom Bund je realisierte Gebäude Platz für 4.000 Agenten bieten.

Eine Ausstellung des HMKV (Hartware MedienKunstVerein) in Kooperation mit der Kunsthalle Tübingen und dem Kunstverein Braunschweig. Gefördert vom Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen.

Veranstaltungsinformation

HMKV: Korpys/Löffler - "Personen Institutionen Objekte Sachen"

Veranstaltung liegt in der Vergangenheit.
Sonntag, 23. September 2018
(26.05.2018 - 23.09.2018)
11:00 - 18:00 Uhr

Hartware MedienKunstVerein im Dortmunder U
44137 Dortmund