Dortmund überrascht. Dich.
Front des Rathauses mit Post-it-Männchen hinter der Scheibe

DiverseCity Dortmund

Bild: Dortmund-Agentur / Stefanie Kleemann

DiverseCity - Dortmund 2013

Rund 100 Interessierte trafen sich am 12. Juni im Rathaus zum zweiten Diversity-Kongress "Vielfalt entdecken - Chancen nutzen". Die Veranstaltung wurde von verschiedenen Aktionen flankiert.

Runder Tisch mit Frauen

Bei der DiverseCity 2013 stand das Rathaus ganz im Zeichen der Vielfalt
Bild: Dortmund-Agentur / Stefanie Kleemann

Oberbürgermeister Ullrich Sierau freute sich in seiner Begrüßung darüber, dass genau neun Monate nach der Auftaktveranstaltung zum zweiten Mal Verantwortliche aus Wirtschaft, Verwaltung, Wissenschaft und Zivilgesellschaft das Thema Vielfalt in all seiner Bandbreite unter dem Dach des Dortmunder Rathauses diskutierten. Der Kongress war eine Kooperationsveranstaltung der Stadt Dortmund, dem Völklinger Kreis e. V., den Wirtschaftsweibern e. V. und der Stadttochter DSW 21.

Auf Realitäten reagieren

Sierau betonte die Wichtigkeit von Diversität: „Die Veranstaltung steht im Kontext des Aktionstages der Charta der Vielfalt e.V. Wir freuen uns, einen Beitrag zum 1. Deutschen Diversity Tag der Charta der Vielfalt zu leisten! Die heutige Veranstaltung stellt wieder ganzheitlich das Thema ‚Vielfalt’ in den Mittelpunkt. Es ist ein Thema, das besondere Aufmerksamkeit verdient. Allein schon aufgrund demografischer Entwicklungen können wir uns dem Thema nicht verschließen. Um in Zukunft wettbewerbsfähig zu bleiben, müssen Unternehmen, Politik, Verwaltung, Zivilgesellschaft schnellstmöglich auf diese neue Realität reagieren.“

Die Stadt Dortmund habe bereits 2008 die Charta der Vielfalt unterzeichnet und sei damit die Selbstverpflichtung eingegangen, ein Arbeitsumfeld zu bieten, das frei von Vorurteilen und Ausgrenzungen sei, so Sierau. Ziel solle dabei sein, eine wertschätzende Unternehmenskultur zu schaffen und Vielfalt als Stärke zu begreifen.

Zum Abschluss hob der Oberbürgermeister hervor: „Diversity ist kein Fremdkörper, es ist Bewusstseinsschaffung und -schärfung. Darin sehe ich einen Gewinn für unsere Gesellschaft und für unsere Wirtschaft.“

In seiner Rede verwies er auch auf die öffentliche Kunstaktion „Triptychon der Liebe“, die vor Kongressbeginn entstand: ColouraDo, ein Zusammenschluss lesbischer, schwuler, bisexueller und transidenter Beschäftigter der Stadtverwaltung Dortmund, kreierten aus 1.200 Klebezetteln drei menschengroße Strichfiguren – heterosexuell, schwul und lesbisch. Sie brachten das Werk an der Rathausfensterfront an, so dass es vom Friedensplatz aus betrachtet werden konnte.

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Runder Tisch mit Frauen 18 Bilder
Bei der DiverseCity 2013 stand das Rathaus ganz im Zeichen der Vielfalt
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Doppeltes Plus

Susanne Hillens begrüßte die Gäste als Vorstandsvorsitzende der Wirtschaftsweiber e. V. Der Verein ist ein unabhängiges Businessnetzwerk von inzwischen 170 Mitgliedern, das das Ziel verfolgt, das Potential lesbischer Frauen in der Wirtschaft zur stärken, aber auch Unternehmen zu beraten. „Die sexuelle Orientierung ist noch immer die am wenigste beachtete Dimension im Diversity-Management“, so Hillens. Und weiter: „Es ist noch immer nicht selbstverständlich, mit Homosexuellen zu leben, weil sie weiterhin als Deformation der Gesellschaft begriffen werden.“ Das doppelte „Handicap“ weiblich und lesbisch wolle ihr Verein in ein doppeltes Plus verwandeln.

Für den Völklinger Kreis e. V. sprach der Dortmunder Tierarzt Volker Borchers in Vertretung für den stl. Vorsitzenden René Behr die Begrüßungsworte: „Obwohl sich das Diversity-Management in Deutschland stetig weiterentwickelt, ist der gezielt konstruktive Umgang mit Vielfalt noch immer nicht in allen Organisationen selbstverständlich. Ein ganzheitlicher Diversity-Ansatz ist entsprechend noch seltener.“ Lobend hob er jedoch hervor, dass Dortmund mit der Veranstaltung zeige, wie wichtig Diversität sei und dass sich Vielfalt in der Stadt weiter etabliere.

Die Reise beginnt

Gerd Kirchhoff vom Völklinger Kreis e. V., der wie im letzten Jahr charmant und kompetent durch das Programm führte, leitete über zum nächsten Programmpunkt: die Unterzeichnung der Charta der Vielfalt durch die DSW21. Kirsten Sánchez Marin, stl. Vorsitzende Charta der Vielfalt e. V., erklärte zunächst den Hintergrund: Die Charta sei 2006 eine Unternehmensinitiative von Telekom, BP, Daimler und Deutscher Bank gewesen, in der sich Unternehmen für einen produktiven Umgang mit Vielfalt in ihrer Belegschaft und für ein vorurteilsfreies Arbeitsumfeld selbst verpflichteten.

Inzwischen konnten 1.500 Unternehmen für die Charta der Vielfalt gewonnen werden. „Wir sind guter Hoffnung, im nächsten Jahr die 2.000er Marke zu knacken – ein toller Erfolg, um Toleranz und Fairness in unserer Gesellschaft voranzubringen“, freute sich Sánchez Marin. Es gelte, Andersartigkeit wertzuschätzen und dieses kreative Potenzial im privaten und im beruflichen Leben zu nutzen. Sie verwies darauf, dass „die Unterschrift nicht das Ende einer Reise ist, sondern der Beginn“ und lud Manfred Kossack, DSW21-Vorstand, herzlich dazu ein, Diversität fest in die Unternehmenskultur zu verankern.

Manfred Kossack seinerseits war sich sicher, dass sich der arbeitsreiche Weg, den der ganzheitliche Ansatz mit sich bringt, lohne: „Sonst kann sich die Vielfalt und die Stärke des Unternehmens nicht entfalten.“ Wichtig war Kossack die Feststellung, dass die Unterschrift nicht Werbezwecken diene, sondern das Wesen der Charta aus der Belegschaft heraus bis in die Führungsebenen gelebt werden solle. Die Anwesenden begleiteten seine anschließende Unterschrift unter die Charta mit großem Applaus.

Bilder

Die vier ersten Plätze des Fotowettbewerbs 'Vielfalt entdecken' wurden ausgestellt
Bild: Dortmund-Agentur / Stefanie Kleemann

Vielfalt im Bild

Dass Diversity gelebte Praxis ist, zeigte der Fotowettbewerb, an dem sich alle Dortmunder Bürger beteiligen konnten. Ziel war es, die aktive Vielfalt der Stadt per Kamera einzufangen. Aus den zahlreichen Zusendungen prämierte die Stadtverwaltung im Rahmen der Veranstaltung vier Fotos, die mit 250 Euro, 150 Euro, 100 Euro und 50 Euro für den Sonderpreis dotiert waren. Oberbürgermeister Sierau überreichte die Ehrungen:

Der 1. Platz ging an Jennifer Tressat: Sie fotografierte die Divas des Dortmunder Rugby Football Clubs.

Der 2. Platz ging an Monika Niehaus. Ihr Bild zeigt ein Mädchen des Islamisch-Marokkanischen Zentrums in Mengede.

Der 3. Platz ging an Finlay David Daniel für sein Foto über das bunte Leben der Innenstadt.

Den Sonderpreis bekam Walter Strohschein. Sein Motiv zeigt einen Ruderer auf dem Dortmund-Ems-Kanal. Alle Preisträger nahmen die Auszeichnungen unter dem Beifall der Kongressteilnehmer persönlich entgegen.

Megatrend Alter(n)

Über den Zusammenhang zwischen Diversity und einer zunehmend alternden Gesellschaft referierte im Anschluss Dr. Rainer Thiehoff, Geschäftsführender Vorstand des Demographie Netzwerks e. V. In seinem Vortrag „Verborgene Potentiale, Deutschlands ungenutzte Ressourcen – Diversity im demographischen Wandel“ machte Thiehoff deutlich, dass durch den Megatrend Alter(n) große gesellschaftliche Herausforderungen bevorstehen.

Nicht nur würden Menschen immer älter, sondern auch die Tätigkeiten in den Bereichen Information, Wissen und Kommunikation wüchsen. „Zukünftige Wachstumstreiber sind dabei die Organisation der Wissensgenerierung und des Wissenstransfers, das Betriebliche Gesundheitsmanagement und die Etablierung partnerschaftlicher Unternehmenskulturen“, so Thiehoff.

Er warnte davor, dass schon heute Fachkräfte fehlten und dabei stünde die Gesellschaft erst vor dem Anfang des Problems: „Im Jahr 2030 fehlen uns sechs Millionen Arbeitskräfte. Jeder wird das Problem persönlich im Geldbeutel merken, denn das derart hohe Fehlen von Arbeitskräften bedeutet auch 16 Prozent weniger Bruttosozialprodukt – pro Kopf!“ Es sei also nötig, dass die Erwerbsquote älterer Arbeitnehmer erhöht, die Gesundheit auch am Arbeitsplatz gefördert, für altersgerechte Arbeitsplätze und ein lebenslanges Lernen gesorgt würde.

Seine Lösungsansätze unter anderem: Förderung der Gesundheit, wertschätzender Umgang am Arbeitsplatz und die Möglichkeit zur Teilhabe sowie die Förderung der Vielfalt: „Heterogene bzw. altersgemischte Teams bringen es zu höchster Produktivität und Innovation, wenn Menschen die Chance haben, sich kennenzulernen. Vielfalt ist nutzbar und durch den demographischen Wandel unbedingt nötig“, erklärte Thiehoff.

Er plädierte dafür, sich gegenseitig Anerkennung zu zollen und zu akzeptieren, dass Menschen sehr verschieden an Aufgaben herangingen und (trotzdem) gute Ergebnisse erzielen. Thiehoff forderte dafür Unterstützung für Unternehmen und ein Wirken von unten nach oben, indem etwa nicht von oben bestimmt, sondern motiviert und zu Ideen angeregt würde. Für die Entwicklung sei es unbedingt nötig, dass Politik, Wissenschaft und Unternehmen Lösungen entwickelten und diese gemeinsam mit den Belegschaften umgesetzten.

Workshops

Nach dem ereignisreichen Vormittag begannen für die Kongress-Teilnehmer vier Workshops bzw. Worldcafés. Sie boten den Gästen die Möglichkeit, mit Expertinnen und Experten zu diskutieren, Informationen zu erhalten oder auch Anregungen zur Gestaltung von Vielfalt zu geben. Nach den Workshops und einer Kaffeepause, stellten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ihre Ergebnisse vor:

1. Workshop „Diversity Management – wie fängt man an und wann ist man fertig? – Eine erste Bestandsaufnahme mit „Online-Diversity“

Sina Vogt, Coach und Mitglied der Wirtschaftsweiber, trug die Ergebnisse der Gruppe vor. Das Tool www.online-diversity.de, aufgebaut als Lern- und Analysetool, sei zur eigenständigen Nutzung für Unternehmen gedacht. Möglich sei damit die Entwicklung eines Konzeptes, die Dokumentation darüber, das Tool ermögliche den Dialog mit der Belegschaft und gäbe Hinweise zu Gestaltungsmöglichkeiten im eigenen Unternehmen.

2. Worldcafé: „Erfolgsfaktor Vielfalt und was es kostet, es zu ignorieren“

Aus der Gruppe berichtete Susanne Hildebrandt, Koordinatorin für Lesben, Schwule, Transidente der Stadt Dortmund und Hauptorganisatorin der Veranstaltung. In diesem Worldcafé gingen die Teilnehmer drei Fragestellungen nach:

  • Wie motiviert man Unternehmer sich im Diversity-Management zu engagieren?

Unter anderem durch die Kommunikation von Potenzialen und nicht von Problemen, die Wertschätzung für positive Beispiele und die Förderung von Vertrauen sowie von Kommunikation.

  • Wie können behinderte Menschen besser am ersten Arbeitsmarkt teilnehmen?

Etwa durch mehr Informationen zu Fördermöglichkeiten, mehr positive Beispiele und die Vernetzung z. B. im Kompetenznetzwerk der Arbeitsagentur Dortmund.

  • Was haben lesbische, schwule, bisexuelle und transidente Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer davon, sich zu outen?

Zufriedenheit steigt, Vorbildfunktion erleichtert anderen das Outing und der Krankenstand sinkt durch den steigenden Wohlfühlfaktor.

3. Worldcafé: „Sag mir wo die Fachkräfte sind“

Petra Schrader, Interne Unternehmenskommunikation der Stadt Dortmund, legte die Ergebnisse ihrer Gruppe dar, die vier Fragen in Bezug auf die „Generation Y“ (Bevölkerungsteil, der um den Jahrtausendwechsel zur Gruppe der Teenager zählte, oft gut ausgebildet und technikaffin sind) bearbeitete: Workshop 3

  • Welche Bedeutung hat die Universität als Wissenschaftsbetrieb für die Generation Y?

Wissenschaft bringt inhaltlich und strukturell beste Voraussetzungen mit durch Selbstständigkeit im Arbeiten und den offenen Informationszugang.

  • Wie hält man ausländische Studierende der Generation Y dauerhaft in Deutschland?

Indem etwa eine Willkommensstruktur geschaffen wird.

  • Chancen und Risiken zwischen „Alten“ und Generation Y

Alte Führungskräfte müssen jungen Mitarbeitern Vertrauen entgegen bringen. Alle müssen an einen Tisch gebracht werden, um gemeinsam Veränderungen anzustoßen und zu bewältigen.

  • Mittelstand und Generation Y – ein Konflikt?

Flexibilität ist gut, aber eine verbindliche Arbeitssituation für beide Seiten ist wichtig. Führungskräfte müssen weg von Law Order – vielmehr ist eine Begleitung als Coach wichtig.

4. „Die Herausforderung von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit für die Umsetzung von Diversity“

Für diese Gruppe referierte Hermann Schultenkämper, Stadt Dortmund. Ausgangsfrage waren die alltäglichen Vorurteile und Diskriminierungen über Homosexuelle, „Ausländer“, Behinderte usw., dabei seien nicht die kleineren und persönlichen, sondern die eingefahrenen Vorurteile das Problem.

Die deutsche Gesellschaft nehme an, sie sei homogen – das ist nicht so. Normal sei die Vielfalt und hier gäbe es verschiedene Zugänge: durch das Grundgesetz, Demokratie und die Stadtgesellschaft. Wichtig sei bei allem: von oben nach unten positive Normen setzen und von unten nach oben in Eigenverantwortung alltäglichen und kleinen Vorurteilen im Familien- und Freundeskreis entgegenzutreten. Die Gruppe vereinbarte, ihre Diskussion nach dem Kongress weiterzuführen.

Gelungener Abschluss

In ihrem Abschlusswort fasste Dr. Claudia Keidis, Wirtschaftsförderung Dortmund, den gelungenen Kongress noch einmal zusammen. Besonders strich sie heraus, dass während der Veranstaltung und besonders in den Workshops viel nachgedacht worden sei, aber „es ist auch viel gelacht worden. Ich hoffe, dass die neu entstandenen Kontakte an diesem Tag weiter ausgebaut werden, um gemeinsam und gestärkt am Thema Vielfalt weiterzuarbeiten.“ Sie schloss mit dem Karl-Valentin-Zitat: „Wo alle dasselbe denken, wird nicht viel gedacht.“ Sowohl Oberbürgermeister Sierau, als auch alle Beteiligten sind für eine Neuauflage des Kongresses im nächsten Jahr hoffnungsfroh.

Gaye Suse Kromer

DiverseCity Dortmund