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Nelly-Sachs-Preis: Abbas Khider erhält Auszeichnung

Am Sonntag, 15. Dezember, verlieh Oberbürgermeister Ullrich Sierau dem Autor Abbas Khider den Nelly-Sachs-Preis 2013. Zur Würdigung kamen 300 Gäste ins Rathaus. Die Laudatio hielt Literaturkritiker Hubert Spiegel.

Oberbürgermeister Sierau übberreicht Abbas Khider Preis

Oberbürgermeister Sierau überreichte Abbas Khider die Urkunde des Literaturpreises.
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Stadt Dortmund / Anja Kador

Der deutsche Schriftsteller irakischer Herkunft erhielt den mit 15.000 Euro dotierten Preis für sein bisheriges literarisches Wirken und Schaffen. Die Jury begründete ihre Wahl so: "In seinen Romanen schildert Khider exemplarische Schicksale unserer zerrissenen Gegenwart. Die Flucht aus den Folterkellern Saddams, die Odyssee des illegalen Flüchtlings und die verzweifelten Versuche, die Verbindung zu Freunden und Verwandten in der Heimat aufrechtzuerhalten – das sind die Themen seiner bislang drei Romane. Lakonisch, humorvoll, erzählerisch versiert und literarisch avanciert, setzt sein Werk ein beeindruckendes Zeichen gegen Diktatur und Repression und für Humanität, Toleranz und Verständigung."

Ereignisreiches Leben

Ein ereignisreiches Leben zeichnet den politisch wie poetisch engagierten Literaten aus. 1973 geboren, entdeckte Abbas Khider früh die literarische Welt für sich und engagierte sich als Student gegen das Regime Saddam Husseins. Er wurde aufgrund seiner politischen Aktivitäten gegen den Diktator zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt, in denen er Folterungen und Schikanen ausgesetzt war.

Nach der Gefangenschaft flüchtete Khider 1996 über u. a. Libyen, Türkei, Griechenland und Italien Richtung Nordeuropa. Seit dem Jahr 2000 lebt der Schriftsteller in Deutschland. Khider studierte Literatur und Philosophie in München sowie Potsdam und schreibt seit dem zweiten Roman „Die Orangen des Präsidenten“ seine Texte auf Deutsch.

Neben zahlreichen Stipendien wurde Abbas Khider mit dem Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis und dem Hilde-Domin-Preis für Literatur im Exil ausgezeichnet. Er ist P.E.N.-Mitglied – einer der bekanntesten internationalen Autorenverbände. Der Verband setzt sich für die Rechte und die Durchsetzung freier Meinungsäußerung ein.

Abbas Khider (links) und Ullrich Sierau

Nach der Preisverleihung: Gelöste Stimmung bei Preisträger und Oberbürgermeister.
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Dortmund-Agentur / Anja Kador

Traditionsreiche Ehrung

Oberbürgermeister Sierau erinnerte in seinem Grußwort daran, dass der traditionsreiche Preis zu Ehren der Exilautorin Nelly Sachs seit 1961 in diesem Jahr zum 27. Mal verliehen wird: „Es ist mir eine große Ehre und eine besondere Freude, die Verleihung des Nelly-Sachs-Preises an Abbas Khider vornehmen zu dürfen.“ Die Ehrung wird immer an einem Sonntag im Dezember verliehen. Grund ist der Geburtstag der Namensgeberin am 10. Dezember 1891.

Mit dem Dortmunder Literaturpreis werden Persönlichkeiten geehrt und gefördert, die „überragende schöpferische Leistungen auf dem Gebiet des literarischen und geistigen Lebens hervorbringen“, zur Verbesserung von Kulturbeziehungen zwischen den Völkern beitragen und sich mit ihren Werken für Toleranz und Versöhnung zwischen den Völkern einsetzen.

"Die Jury hat ein außergewöhnlich gutes Gespür für die literarische Qualität bewiesen"

Oberbürgermeister Sierau

Darüber hinaus hob der OB mit Blick auf den aktuellen Preisträger hervor, dass die Jury mit der Wahl der Preisträger schon früh „ein außergewöhnlich gutes Gespür für die literarische Qualität bewiesen“: drei von ihnen – Nelly Sachs selbst (1961), Elias Canetti (1975), Nadine Gordimer (1985) – erhielten nach dem Dortmunder Literaturpreis den Nobelpreis für Literatur. Außerdem waren unter den bisherigen Preisträgern auch international bekannte Autorengrößen wie Ilse Aichinger, Erich Fromm, Hilde Domin, Christa Wolf, Rafik Schami sowie im vorletzten Jahr der rumänische Schriftsteller Norman Manea.

Die Jury setzte sich diesmal zusammen aus Stadtdirektor Jörg Stüdemann, Bürgermeisterin Birgit Jörder, Bürgermeister Manfred Sauer, den beiden Ratsmitgliedern Brigitte Thiel und Ulrike Märkel, Publizist Dr. Klaus Hübner, Literaturkritiker und Laudator Hubert Spiegel und Barbara Wahlster vom Deutschland Radio Kultur.

Gefährliche Schriften mit Humor

Nachdem sich – begleitet vom Applaus der Gäste – Abbas Khider in das Goldene Buch der Stadt Dortmund eingetragen hatte, hielt Literaturkritiker und Jurymitglied Hubert Spiegel die Laudatio. Er unterstrich, dass der Ruhm der Autoren, die mit dem Nelly-Sachs-Preis ausgezeichnet werden, weit über die aktuelle Saison gesichert ist.

Abbas Khider (links) trägt sich ins Goldene Buch ein, rechts Ullrich Sierau

Khider trug sich während der Feierstunde in das Goldene Buch der Stadt Dortmund ein.
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Dortmund-Agentur / Anja Kador

Im Hinblick auf Abbas Khiders literarisch-politische Aktivitäten, sowohl noch im Irak, als auch heute in Deutschland, erklärte Hubert Spiegel: „Literatur kann gefährlich sein für die Herrschenden, für Diktatoren und Tyrannen, aber auch für die Verfasser. Die Schrift ist gefährdet und gefährlich. Sie ist eine Waffe, die leicht gegen den gerichtet wird, der sie zu führen versteht. Dieses Gefahrenpotential, das mit der doch eigentlich Licht, Erkenntnis, Freude und Trost spendenden Literatur verbunden ist, diese doppelte Gefährlichkeit der Schrift ist für mich eines der zentralen Themen im Werk von Abbas Khider.“

Abbas Khider versteht es, seinem ernsten Grundtenor keine Betroffenheitstöne beizumischen. Ein Grundelement für eine kunstvolle Poesie ist dabei der Humor. Huber Spiegel dazu: „Humor spielt eine große Rolle im Werk von Abbas Khider. Der Mensch, so hat er einmal gesagt, habe die wunderbare Fähigkeit, selbst in der grausamsten Situation Humor haben zu können. Er sei sicher, dass auch im Nationalsozialismus einige Leute nur dadurch überlebten, dass sie sich ihren Humor bewahrt haben.“ Denn auch für Abbas Khider selbst war Humor die Überlebensstrategie in den dunkelsten Momenten seines Lebens.

"Damals habe ich festgestellt, dass man durch das Lesen mit der ganzen Welt verbunden sein kann"

Abbas Khider

Verbunden mit der Welt

Zu Beginn seiner Rede gestand Abbas Khider, dass er als junger Mann die Welt der Literatur betrat und seitdem nicht wieder herausgekommen sei: "Damals habe ich festgestellt, dass man durch das Lesen mit der ganzen Welt verbunden sein kann" – mit Lorca in Spanien, Pablo Neruda in Lateinamerika, mit Puschkin in Russland und Kafka in Deutschland. "Ich bin dann irgendwann auf die verrückte Idee gekommen, selbst Literat zu werden", so Abbas Khider lächelnd zu seinem Entschluss.

Zunächst sei er in seiner Schreib-Welt von großen Themen geprägt gewesen, die er spürte, aber nicht recht verstand. Kannte er doch bis dahin nur Gewalt, Diktatur und Chaos: "In einer gescheiterten Revolution bin ich Dichter geworden" und blieb es bis heute. Nach seiner Gefängnisentlassung 1995 erzählte ihm seine Mutter, sie habe alle von ihm geschriebenen Texte, die sich im Elternhaus befanden, am Tag seiner Verhaftung vernichtet, damit die Polizei durch seine Manuskripte nicht noch mehr gegen ihn finden konnte.

Im Exil ab 1996 lebte er illegal in vielen Städten der Welt und überlebte Kämpfe, andere Gefängnisse, das Leben auf der Straße, in Flüchtlingslagern.Die zweite Phase seines Schreibens fing an: "Es geschahen viele Grausamkeiten, überall in den arabischen Staaten, in denen ich weilte. Aber so gut wie alle Autoren schwiegen oder schrieben über den heiligen Präsidenten."

Bücher

Die Themen seiner bislang drei Romane: "Der falsche Inder", "Die Orangen des Präsidenten", "Briefe in die Auberginenrepublik".
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Stefanie Kleemann

Er zweifelte nun nicht nur an den Politikern, sondern auch an den Autoren und sah nur eine literarische Möglichkeit für sich: „Selbst gegen all diejenigen, die unser Leben als Albtraum verunstalten, und diejenigen, die die Blindheit verbreiten, schriftlich zurückzuschlagen. Das Schreiben war die einzige Möglichkeit, mich zu wehren.“ Auf der Flucht, an der Grenze zwischen der Türkei und Griechenland ging 1999 diese literarische Gegenwehr – drei Jahre Poesie zwischen Asien und Afrika – leider verloren.

"Ich wünsche mir eine neue Phase der Liebe zur Literatur und zu den Menschen"

Abbas Khider

Im Jahr 2000 in Deutschland angekommen, veränderte sich Abbas Khiders Verständnis vom Schreiben noch einmal. Seine erste Arbeit war Müllsortierer in einem Werkstoffhof. Das Schreiben war nun „kein Versuch mehr, die Welt nur zu erklären oder mich gegen sie zu wehren, sondern ein Versuch, die Welt neu zu formulieren beziehungsweise neu zu sortieren. Genau wie den Müll und daraus etwas Neues zu schaffen.“ Zum Ende seiner Rede formulierte der Autor einen Wunsch: "Ich wünsche mir eine neue Phase der Liebe zur Literatur und zu den Menschen, um weiter sortierte und unsortierte Texte schreiben zu können."

Die Anwesenden bedachten Abbas Khiders Rede mit großem und warmherzigem Beifall. Den Abschluss bildete das Duo Habaneras, das mit Cello und Klavier für wohltemperierte Klänge während der gesamten Veranstaltung sorgte.

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