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Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Dortmund-Agentur / Stefanie Kleemann

Kanalmeisterin

Powerfrau in einer Männerdomäne

05.09.2011, von Petra Schrader

Mit 16 war sie als Schülerin dabei, als sich der Abwasserbetrieb des Tiefbauamtes 2006 zum ersten Mal am Girls’Day beteiligte. Heute ist Judith Spittler 21 Jahre alt und Meisterin für Rohr-, Kanal- und Industrieservice – wahrscheinlich bislang die jüngste in Deutschland.

Judith Spittler ist eine sportliche junge Frau. Jeden Morgen, es sein denn draußen liegt Schnee, legt sie die gut 25 Kilometer zwischen zu Hause und dem Dortmunder Betriebshof in der Nortkirchenstraße mit dem Fahrrad zurück. Ihr Arbeitsplatz sind die Abwasserbetriebe: Dort ist es dunkel, feucht, muffig und wenn man nicht aufpasst, dann laufen einem kleine Nagetiere über die Stiefel. So sehen Unbedarfte den Arbeitsplatz bei den Dortmunder Abwasserbetrieben, den Judith Spittler sich vor einigen Jahren sehr bewusst ausgesucht hat.

Judith Spittler und Rad

Judith Spittler fährt jeden Tag sportliche 25 Kilometer mit dem Rad zur Arbeit und wieder nach Hause
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Anja Cord

Sie selbst sieht ihre Arbeit ganz anders: "Hier habe ich sehr viel mit Technik zu tun, es ist einfach spannend sich zum Beispiel mit noch gemauerten Kanälen zu beschäftigen, der ganze Job bietet mir viel. Egal, ob ich eine Begehung mache, den Saug-Spülwagen benutze oder Menschen berate, ich mache meine Arbeit so richtig gern", sagt sie.

Das Berufsbild und den Ausbildungsweg gibt es erst seit 2002, vorher wurden für den Beruf Ver- und Entsorger ausgebildet. Nun haben Fachkräfte für Rohr-, Kanal- und Industrieservice ihren Platz in einer veränderten Berufswelt eingenommen. Die ersten sechzehn Meister und eine Meisterin in diesem jungen Beruf legten 2008 ihre Prüfung ab.

Vom Girls’Day zur Meisterschule

Mit der Wahl ihres Berufes, der Ausbildung zur Fachkraft für Rohr-, Kanal- und Industrieservice, hat Judith Spittler eine Männerdomäne betreten. In der Berufsschule war sie die einzige Frau unter 60 Männern. An der Meisterschule in Kempen traf sie dann auf Kolleginnen, die ebenfalls ihre Meisterinnenprüfung ablegen wollten. "Allerdings waren die alle ein gutes Stück älter als ich", sagt Judith Spittler.

Über den Girls’Day in ihrer Heimatstadt knüpfte sie erste Kontakt zur Arbeit im Abwasserbereich: "Eigentlich war das ein Zufall. Ich wollte beim Girls’Day mitmachen und nur im Abwasserbetrieb war noch ein Platz frei, den habe ich dann genommen", erinnert sie sich. Dem ersten Schnuppern in der 8. Klasse folgten mehrere Praktika in diesem Bereich.

Probearbeit

Am Girls'Day hing die junge Meisterin am Haken
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Stadt Dortmund / Andre Hain

"Ich habe gemerkt, dass das genau mein Ding ist. Ich wollte unbedingt in diesem Bereich arbeiten Hier habe ich mit modernen technischen Geräten zu tun, untersuche die Kanalisation mit Hilfe einer ferngesteuerten Kamera, arbeite mit Seilwinden und Spezialwerkzeugen um die Kanalisation sauber zu halten, also Verstopfungen und Ablagerungen zu vermeiden. Und ganz ehrlich, der Kanal ist völlig anders als die meisten Menschen das erwarten", so Judith Spittler.

Sie bekommt glänzende Augen wenn sie von der Kunstfertigkeit erzählt, mit der früher Kanäle gemauert wurden, die heute noch halten oder berichtet, welche neuen Mess-Steuer und Regeltechniken heute den Beruf zu einer solch anspruchsvollen Aufgabe machen. Schließlich sorgen die Kolleginnen und Kollegen aus den Abwasserbetrieben mit ihrer Arbeit dafür, dass unser Grundwasser sicher ist. Dafür bedarf es umfassender Kenntnisse zur neuen Entwicklung in der Wissenschaft und Technik.

Hohe Anforderungen

Ein Püppchen, so Judith Spittler, dürfe man in dem Job nicht sein, denn körperliche Arbeit sei gefragt. "Schon so ein Kanaldeckel wiegt seine sechzig Kilogramm und muss bewegt werden. Und die Düse eines Saug-Spülwagens ist auch nicht federleicht", sagt sie. Wer einmal eine explosionsgeschützte Lampe in der Hand hatte oder Atemschutzgeräte tragen musste, kann nachempfinden, dass die Arbeit bei aller eingesetzten Technik körperlich hohe Anforderungen stellt.

Judith Splittler im Büro

Auch Schriftverkehr im Büro gehört zu Judith Spittlers Job
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Anja Cord

Am Anfang ihrer Ausbildung hat sie in dieser Männerwelt erst einmal zeigen müssen, dass sie da mithalten kann: "Ich hatte am Anfang schon das Gefühl, dass die Männer ein wenig skeptisch waren. Aber ich habe gezeigt, dass ich anpacken kann. Ich musste alle Arbeiten mitmachen, weil das auch Bestandteil der Ausbildung war. Na ja, und die Kraft wächst, wenn man beständig mit schwerem Gerät umgeht."

Uwe Paluszak, Betriebsleiter der Abwasserbetriebe erinnert sich an das Auswahlgespräch: "Das war schon beeindruckend: Da saß ein junges Mädchen, das bereits mehrere Praktika in diesem Bereich gemacht, sich mit dem Beruf sehr auseinandergesetzt hatte und schon im Vorstellungsgespräch viel über die Ausbildungsinhalte und -abläufe wusste. Man merkte ihr schon damals die Freude am Beruf an."

In der Schule war sie gut: "Ich galt bei den anderen als Streberin, aber ich habe eben gewusst: Das ist der Weg, den ich gehen will". Ihre Ausbildung hat Judith Spittler verkürzt und vorzeitig ihre Prüfung gemacht. Kaum war sie im Frühjahr 2009 damit fertig, hat sie sich zur Meisterschule in Kempen bei Krefeld angemeldet. "Ich war gerade so gut drin im Lernen und wollte weitermachen. Ich wusste ja, bis zur Prüfung würde ich die erforderliche Berufspraxis nachweisen können", erzählt Judith Spittler.

Also drückte sie wieder die Schulbank, lernte eine Menge über Arbeitspädagogik, Betriebswirtschaft, den Umgang mit Mitarbeitern, Führung und Personal und natürlich über Kommunikation. Insgesamt an 16 Wochen war sie berufsbegleitend in der Meisterschule, war dafür von der Arbeitgeberin zwar freigestellt, hat aber selbst die 15.000 Euro bezahlt, die die Meisterschule gekostet hat.

Judith Spittler und ihre Kollegen im Kanal

Gucken nicht nur in die Röhre: Judith Spittler und ihre Kollegen
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Nils Laengner

Vorbildfunktion

"Ihr Engagement ist toll", findet Uwe Paluszak. "Das klingt vielleicht komisch, aber sie steht hier ihren Mann – und wenn sie etwas sagt, akzeptieren die Kollegen das. Mit dem, was sie macht, ist sie auch ein Vorbild für andere Auszubildende, denn sie zeigt welchen Weg man gehen kann", sagt er über seine motivierte Mitarbeiterin.

Reicht es Judith Spittler nun erst einmal mit der Lernerei? "Nee, so richtig nicht. Ich habe schon ein bisschen Entzug, will noch weiter meinen Kopf gebrauchen. Das ist schon ganz gut, wenn man dran bleibt. Deshalb habe ich mich bei der IHK angemeldet und werde dort ab März 2012 meinen technischen Betriebswirt machen", so Judith Spittler. Und dann? "Mal sehen, jetzt bin ich bereits in der Arbeitsvorbereitung tätig, nicht mehr nur draußen unterwegs. Ich denke, irgendwann wird eine Meisterstelle frei und ich freue mich darauf, dann als Meisterin hier tätig zu sein."