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Norman Manea

Das Dasein des Humanisten

05.12.2011, von Gaye Suse Kromer

Zwei Horror-Regime überlebt, verfolgt, vertrieben, nie aufgegeben, mit 50 Jahren vollkommen neu gestartet: Die Biographie des erfolgreichen, rumänischen Autors Norman Manea reicht für fünf weitere.

Am Sonntag, 4. Dezember 2011, ist er mit dem mit 15.000 Euro dotierten Nelly-Sachs-Preis ausgezeichnet worden. Mit diesem Preis werden Autoren geehrt, die sich in besonderer Weise einsetzen für Toleranz, Verständnis und Versöhnung unter den Völkern.

Norman Manea

Der in New York lebende Schriftsteller Norman Manea
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Dortmund-Agentur / Anja Kador

In der Jurybegründung zur Nelly-Sach-Preis-Verleihung heißt es unter anderem. "[...] Norman Manea ist ein bedeutender Vertreter der aufgeklärten literarischen Moderne. Sein beeindruckendes, moralisch so unerschrockenes wie sprachlich virtuoses Roman-Selbstporträt 'Der Rückkehr des Hooligan' legt, vor dem Hintergrund der eigenen Biografie, die unheimlichen Tiefenschichten der rumänischen Geschichte offen."

Wenige überlebten ein solch schweres Schicksal wie Manea: Zwei Terror-Systeme durchlitt der Autor. 1941, schon mit fünf Jahren in ein Konzentrationslager in Transnistrien (Teil Moldawiens) mit dem jüdischen Teil seiner Familie verschleppt, erlebte er, wie Krankheiten und Hunger im Lager fünfzig Prozent der Menschen dahinraffte. Darunter seinen geliebten Großvater.

Erst 1945 mit der Befreiung durch die sowjetische Armee kehrte der nun Neunjährige mit der verbliebenen Familie nach Rumänien zurück. Trotz all der grausamen Erlebnisse bewahrte sich Manea seine Humanität – und nicht zuletzt seinen Humor, mit dem er vom sicheren Heute ins harte Gestern blickt: "Ein humorvoller, satirischer [...] Ansatz ist manchmal das Resultat einer gewissen Distanziertheit. Wenn keine Hoffnung mehr da ist – das ist der Augenblick, wenn die Komik eintritt."¹

Von Märchen und Realitäten

Direkt nach der Rückkehr aus dem KZ kam Manea in die Schule. Eine völlig neue Welt eröffnete sich dem kleinen Jungen Norman: Er entdeckte seine Liebe zu Büchern und zur Literatur: "[...] nach allem, was ich durchgemacht hatte, war es für mich das Paradies, in einem Klassenzimmer mit Lehrern, Büchern, Witzen, Spielen zu sein. [...] Also begann ich zu lesen und war verzaubert von Büchern."¹

Manea trägt sich in das Goldene Buch der Stadt Dortmund ein

Im Rahmen des Festaktes trug Norman Manea sich in das Goldene Buch der Stadt Dortmund ein
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Schon das erste Buch – ein rumänisches Märchen – nahm ihn mit auf die Reise ins Innere der Phantasie: "Das war meine Einführung in die Welt der Literatur: in die unwirkliche Welt des Wirklichen. So wurde ich zum eifrigen Leser, ich las, wie gesagt, alles."¹

Nach dem Lyceum (ähnlichem dem deutschen Gymnasium) begann er ein Ingenieur-Studium, von dem der Autor schnell wusste, dass er für den Beruf nicht geschaffen sein würde. Manea biss sich trotzdem durch, ja, er arbeitete sogar 14 Jahre als Ingenieur, bevor er sich 1974 ganz der Schriftstellerei widmete. In der Zeit des Lyceums, als Pubertierender, glaubte Manea, wie er selbst sagt, an das kommunistische Märchen vom "neuen Menschen", engagierte sich in einer kommunistischen Jugendorganisation. Da war es wieder: ein Märchen. Und der geschundene Junge wollte so gerne daran glauben. Das es etwas Besseres gab, als die Vergangenheit mit all ihren Erniedrigungen.

Den Schritt in die Kommunistische Partei tat Manea allerdings nie. Mit Beginn seines Studiums begann er aufzuwachen, sich den Wahrheitsgehalt von Märchen genauer anzusehen. Das Leben in Rumänien mit all den unbequemen Fragen an die Wahrheit, begann unbequem zu werden. Für Manea, aber auch für die Staatsmacht.

Norman Manea mit Ehefrau Cella

Norman Manea und seine Frau Cella
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Seine Kritik am rumänischen Ceau?escu-Regime nahm zu, dennoch blieb Manea in Rumänien, dem "Armenhaus des Ostblocks", machte seinen Abschluss und zog später nach Bukarest, wo er seine Frau Cella kennenlernte, mit der Manea noch heute in einer glücklichen Ehe lebt.

Holpern, stolpern, stehen

Seine ersten, nach eigenem Bekunden, wackeligen Schritte in die ernsthafte Schriftstellerei begann Manea im Studium: "Ich schrieb schon als Jugendlicher. Gedichte. [...] Ernsthaft zu schreiben begann ich in der Universitätszeit. Schritt für Schritt, Prosa. Es war ein langsamer und holpriger Prozess [...]"¹ Im Rückblick sieht Manea seine Werke selbstkritisch und mit einer guten Portion Heiterkeit: "Manche Gedichte waren gut. Gewiss nicht groß. Sie waren erträglich, vielleicht auch vergnüglich zu lesen. Nicht genial."¹

Heute sind die Zeiten der literarischen Fingerübungen definitiv vorbei. Norman Manea wurde inzwischen vielfach ausgezeichnet für seine Romane und Erzählungen. Außerdem ist er angesehener Professor am Bard College im Staat New York, lehrt dort seit zwei Dekaden Literatur.

Maneas Grund zu schreiben sieht er als "eine tiefe Unzufriedenheit mit dem, was das alltägliche triviale Chaos zu bieten hat. Man braucht etwas, das darüber hinaus geht – sei es, um einen Sinn in diesem Chaos zu finden, sei es, um der Wirklichkeit eine andere, eine weitere Wirklichkeit hinzuzufügen: jene des eigenen Selbst, der eigenen Phantasie, der eigenen Persönlichkeit."¹

Strukturell bedingt

Die technischen Gegebenheiten waren zunächst bescheiden: Manea schrieb in Rumänien erst mit der Hand, tippte erst sehr viel später auf einer Schreibmaschine aus DDR-Beständen. In Rumänien waren private Schreibmaschinen ab Mitte der 1980er Jahre nur denen erlaubt, die sich – und ihre Schreibmaschine – Jahr für Jahr einer polizeilichen Überprüfung unterzogen. Erst in den USA kaufte sich der Autor in Begleitung des Schriftstellers und Freundes Philip Roth einen Computer.

Dr. Ina Hartwig hielt die Laudatio

Literaturkritikerin und Jurorin für den Nelly-Sachs-Preis 2011 Dr. Ina Hartwig hielt die Laudatio auf Norman Manea
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Dortmund-Agentur / Anja Kador

Inhaltlich legt Manea – der sich selbst durch seine Doppeldeutigkeiten für einen komplizierten Schriftsteller hält – viel Wert auf die Struktur seiner Bücher, so wie bei seinem 2004 auf Deutsch erschienenen Werk "Die Rückkehr des Hooligan": "[...] ich war befriedigt, als ich eine Struktur gefunden hatte. [...] Als die Struktur der vier Teile gefunden war, aus denen das Buch besteht, gefiel es mir."¹

Zunächst wehrte sich der Autor gegen das Buch. Nur dem guten Zureden des Verlegers ist es zu verdanken, dass Manea sich doch an das – weniger chronologisch reale, mehr romanhaft irreale – Selbstporträt heranwagte, in dem er seine Lebenslinien nachvollzieht.

Diamanten und Terror

Maneas Sätze sind Diamanten, fein geschliffen, klar und doch in vielen Schichten funkelnd. Immer aber bleiben sie mit ihrer Irrealität dicht an der Realität. So heißt es – auch in Anlehnung an Proust, den der Autor schätzt – in "Die Rückkehr des Hooligan": "Ich konnte mich nicht mehr auf die Suche nach der verlorenen Zeit begeben, und keine wundersame Droge konnte sie mir wiedergeben. Ohne Vergangenheit, ohne Zukunft wohnen in einer gemieteten Gegenwart, einer unsicheren Falle?"²

Das grausame Triumvirat von Holocaust, Gleichmacherei und Vertreibung bildet die Basis des Buches. Unter dem Ceau?escu-Regime war es unmöglich, sich dem Holocaust-Trauma anzunähern, ja darüber auch nur nachzudenken.

Manea zu seinem literarischen Schwerpunkt: "Ich bleibe beim Thema der Entfremdung, der Unterdrückung, des Unbehagens, wo immer es sich einfinden mag: ob in den Lagern, unter dem Kommunismus oder hier im Exil."¹ Dabei geht es dem Autor nicht – nur – um sein persönliches Schicksal: "Es geht um die Spannung zwischen dem Individuum und den gesellschaftlichen Umständen."¹

Exil ohne Wiederkehr

Unter dem grausamen Gleichschaltungssystem Ceau?escus, der nach seinem politischen Sturz mit Ehefrau Elena von einem rumänischen Militärgericht 1989 hingerichtet wurde, litt die Bevölkerung an ständigem Nahrungsmittelmangel. Spitzel und Geheimpolizei verhinderten das kleinste bisschen Privatheit, Kritiker wurden verschleppt, gefoltert, getötet, Frauen zu staatlich überwachten Gebärmaschinen degradiert.

Ceau?escu trieb Rumänien menschlich, politisch, wirtschaftlich und kulturell mit seinem Absolutheitsanspruch gleich einem Orwellschen "1984" in seiner 25 Jahre währenden Schreckensherrschaft in den Ruin.

Norman Manea empfängt von Oberbrügermeister Ullrich Sierau die Urkunde zum Nelly-Sachs-Preis

Norman Manea empfing von Oberbürgermeister Ullrich Sierau die Urkunde zum Nelly-Sachs-Preis
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Dortmund-Agentur / Anja Kador

Trotz der allgemeinen und der ganz persönlichen Repressalien, harrte der Autor lange in diesem, dem Wahnsinn immer mehr verfallenden Land aus. Unverständlich? Nicht wirklich: "Ich blieb so lange, weil ich in der rumänischen Sprache verwurzelt war, weil die rumänische Kultur mich geformt und deformiert hatte."¹ Er dachte: "meine Identität und meine Integrität seien auf die rumänische Sprache, also auch auf das Land, bezogen."¹

Warum er dann doch ging? "Die Lage in Rumänien war 1986, als ich das Land verließ, absolut unerträglich in allen Bereichen des Alltagslebens. Da war das tägliche Elend, da war der Terror, da war die Geschlossenheit einer ohnehin schon sehr geschlossenen Gesellschaft. [...] Es gab auch zunehmend Antisemitismus, dieses Mal sehr offen. [...] Ich hatte schon ein ziemlich gespanntes Verhältnis zu den Behörden. Ich wurde in den Zeitungen angegriffen, mein Roman 'Der schwarze Umschlag' wurde von der Zensur schwer beschädigt."¹

In einem Alter, in dem andere die Früchte ihres Arbeitslebens zu genießen beginnen, musste Manea sich in einem vollkommen neuen Leben sortieren. Mit 50 Jahren verließ er mit Cella Rumänien. Endgültig. Erst ging es für die beiden Eheleute nach Berlin. Dort erlebte der Autor zu seiner großen Freude die Veröffentlichung des Buchs "Roboterbiographie und andere Erzählungen" auf Deutsch und die positiven Resonanzen darauf.

Manea auf dem Weg zu seinen Sitzplatz

Über 100 Gäste nahmen an dem Festakt im Rathaus teil
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Dortmund-Agentur / Anja Kador

Zwei Jahre später über ein Stipendium ein weiterer Aufbruch, diesmal die USA. Erst nach Washington, dann nach New York. Selbst nach dem Tode Ceau?escus gab es kein Zurück mehr in die Heimat: "Die Atmosphäre im Land und die intellektuellen Debatten vermittelten mir das Gefühl, dass die rumänische Elite sich am Jahr 1938 orientiert – nicht am Jahr 2000. Die großen Vorbilder der Vergangenheit kehrten zurück. Und diese Vorbilder waren nicht meine Vorbilder."¹ Allzumal sich für Maneas Empfinden ein unguter Nationalkommunismus heraus schälte.

Freiheit

Am New Yorker Bard College sollte der Autor nur ein Jahr bleiben. Aus diesem Jahr sind inzwischen über zwanzig geworden. Er hat die USA über die Zeit mögen gelernt, vor allem gefällt es Manea, dass auf diesem Kontinent, zumindest aus seiner Sicht, nicht zählt, welche Identität ein Mensch hat oder welche Gedanken.

Er ergänzt mit seinem ganz eigenen Humor: "Mir gefällt auch, dass die Regierung hier ‚administration’ genannt wird: Verwaltung. Es ist also eine Hausverwaltung. Wenn sie effizient ist – schön, und wenn sie nicht effizient ist – dann schlecht. Mir gefällt, dass es hier keine staatlichen Ausweispapiere gibt. Dass der Staat nicht wissen darf, wo ich wohne. All dies kam mir von Anfang an wunderbar vor. Ich finde es immer noch wunderbar."¹

Taubstumm in Amerika

Schwer war allerdings der Start in einem für die Maneas gänzlich anderen Land, mit völlig ungewohnten Regeln. Zunächst fühlte sich der Autor wie ein Fremder, ja, wie ein Niemand, isoliert von der Gesellschaft. Und die Katastrophe: "Ich hatte außerdem ein schreckliches Sprachproblem: Als ich hier ankam, sprach ich kein Wort Englisch. [...] Ich war ein Taubstummer in einer fremden Welt."¹

Manea zieht heute ein positives Resümee, empfindet sein Ankommen in den USA als Glück und lebt gerne hier: wegen der Widersprüchlichkeiten und Vielfalt dieses großen Landes, der Bewegungsfreiheit und nicht zuletzt wegen der Normalität in den USA ein Exilant zu sein.

Versöhnung

Im Jahr 2010 bereiste Manea mit dem italienischen Autor und Freund Antonio Tabucchi anlässlich einer Preisverleihung sein Geburtsland und machte völlig neue Erfahrungen mit ehemaligen Landsleuten: "[...] Ich war überall – wie ein Rockstar. Die Leute benahmen sich mir gegenüber gut. Vor allem die junge Generation. [...] Als ich Rumänien diesmal verließ, verstand ich sehr klar und plötzlich: Dies ist nicht mehr mein Ort."¹

Norman Manea – Autor, Humanist, Holocaust-Überlebender, Antikommunist, Exilant, streitbarer Geist: Es scheint, als habe er sich soweit es ihm möglich ist, ausgesöhnt mit Rumänien und nicht zuletzt mit seinem Leben. Es scheint, als mache Manea im Älter werden seinen Frieden mit der Vergangenheit, indem er vergibt, aber nicht vergisst.

¹Alle Zitate aus: Norman Manea/Hannes Stein, „Gespräche im Exil“, Matthes & Seitz Berlin, 12.80 €
² Norman Manea „Die Rückkehr des Hooligan“, Hanser, 24.90 €