Dortmund überrascht. Dich.
Phoenixsee

Aus unserer Stadt

Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Dortmund-Agentur / Stefanie Kleemann

Lioba Albus

Dem Ego ’ne Fönfrisur verpassen

14.03.2013, Gaye Suse Kromer

Licht aus, Spot an, Bühne frei. Eine Frau mit angerauter Pudelwelle, züchtigem Faltenrock und schwarzer Lacktasche kommt resoluten Schrittes auf die Bühne des Kleinkunsttheaters Fletch Bizzel. Auftritt: Mia Mittelkötter, ihres Zeichens Alter Ego der Kabarettistin und Autorin Lioba Albus.

Lioba Albus

Lioba Albus bittet zu Tisch
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Dortmund-Agentur / Anja Kador

Lang Federlesen ist ihre Sache nicht. Die Sauerländer Schönheit Mia Mittelkötter bricht von Null auf Gleich einen verbalen Tzunami los: Es geht um Bayerns Ministerpräsidenten Horst Seehofer und seine „außereheliche Samenspende“, Doris Schröder-Köpf, die an der Seite des Alt-Kanzlers Gerhard Schröder von der renommierten Journalistin zur Hundekalender-Produzentin absank und über Berlusconi – „Keine Ahnung, wie das Original aussieht!“ – der sich „die Pelle so straff hat ziehen lassen, dass er beim Lächeln das Bein heben muss“... Für Mia Mittelkötter sollte es ein Vokabelheft geben: Flatterfleisch, Achseldackel und hormongebeutelte Aknewunder sind nur die Spitzen der oft nicht ganz jugendfreien Lästerlichkeiten.

Wir haben uns in einen richtigen Rausch geschrieben!

Mitschreiben ist nicht mehr nötig: In ihrer bekanntesten Rolle hat Lioba Albus zusammen mit John Fettersen alias Journalist Lutz Debus nun das Buch „In der Ruhr liegt die Kraft“ vorgelegt. Es geht um die Verlegung der Bundeshauptstadt möglicherweise ins Ruhrgebiet. Der Berliner Sozialwissenschaftler Jan Fettersen soll im Namen der Regierung herausfinden, ob sich der Pott als neuer Regierungssitz eignet. Seine fachkundige Mail-Partnerin: eben, Mia Mittelkötter. Peu a peu entwickelt sich aus dem beruflichen Interesse ein ganz persönliches zwischen diesen beiden. Der Roman ist eine rasante Mischung aus politischer Satire, zarter Liebesgeschichte und spannendem Krimi.

Weil die angefragten Verlage darauf drangen, sich auf ein Genre zu beschränken, gründeten die beiden kreativen Köpfe ihren eigenen Verlag „FönNixe“: Lioba Albus: „Ich möchte auch in Zukunft genreübergreifend schreiben können. Das hat sich bewährt.“ In der Tat innerhalb kürzester Zeit schmolzen die 5.000 gedruckten Exemplare auf die Hälfte herunter.

Hand hält Wasserglas

Alles im Griff
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Dortmund-Agentur / Anja Kador

Die Arbeit ging der Dortmunder Kabarettistin und dem Neusser Journalisten schnell von der Hand. Vom ersten Satz bis zur gedruckten Lektüre – inklusive Verlagesgründung – dauerte es nur acht Monate. „Wir haben uns in einen richtigen Rausch geschrieben“, so die Autorin. Und es soll nicht das letzte Buch bleiben. Vor dem 140-Seiter standen die Kolumnen für Zeitschriften, die Albus motiviert durch Debus schrieb und heute noch schreibt. Der rege Austausch über Daten-Highway und Telefonleitung hatte herzfeste Folgen: Während sich Albus und Debus eifrig über die Stadtgrenzen hinweg austauschten wurden sie sie tatsächlich ein Paar. Behaupte noch jemand, Bücher seien blanke Fiktion!

Im zivilen Leben sieht man Lioba Albus die Mittelkötter nicht an: kurze, blonde Haare, sportliche Jeans, modische Weste. Albus’ privater Style ist vom altbackenen Kostüm der Mittelkötter so weit weg wie nur was. Was bedeutet Eitelkeit für die Kabarettistin? „Eitelkeit ist dem Ego ’ne Fönfrisur zu verpassen. Ich bemühe mich, ihr nicht allzu viel Raum zu lassen, aber natürlich bin ich eitel.

Lioba Albus als Sauerländerin Mia Mittelkötter

Die bekannteste Figur aus dem großen Repertoir der Albus: die Sauerländerin Mia Mittelkötter
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Dortmund-Agentur / Gaye Suse Kromer

Das Dauerbalzverhalten, das einem als Frau anerzogen wird, legt man nicht leicht ab. Ein Luxus des Älterwerdens: die Eitelkeit verwächst sich. Es ist entspannend, wenn man sagen kann ‚Sehe ich heute halt aus wie ein Wohnklo. Was soll’s’.“ Diese unprätentiöse Art gilt genauso für Kritiken und Preise. Nach über 20 Jahre auf der Bühne, gleiten sie an ihr ab wie Wasser auf Wachs: „Es ist Geschmackssache, wer auf meinen Humor kann. Es gibt Menschen in meinem Umfeld, wenn die meinen, die Szene sei nicht gut, nehme ich das ernst. Was man allgemein gesagt bekommt, muss man im richtigen Verhältnis bewerten. Das, was Menschen auf der Bühne sehen, ist so getaktet, wie sie gerade drauf sind. Und die Ehrungen haben mich genauso zufällig getroffen wie böse Kritiken – wie ein Schauer. Entweder hast du einen Schirm dabei oder nicht.“

Das Politische im Privaten

Ihr Schwerpunkt ist der ewige Reigen der Geschlechter: Frau und Mann, Mann und Frau. Alles schon gehört, alles schon gesehen. Wirklich? Albus’ Kabarett geht weit über das hollywoodeske „Boy meets girl“ hinaus.

Sehe ich heute halt aus wie ein Wohnklo. Was soll's'.

Bei ihr wird’s politisch. Ihrer Meinung nach funktioniert nichts mehr selbstverständlich zwischen Frauen und Männern. Und die Gründe werden statt im Politischen im Privaten gesucht: „Ich bin zu einem Zeitpunkt auf die Kabarettbühne gegangen, als in unserer Gesellschaft das Kleinfamilientum immer weiter auseinander brach. Es kann nicht sein, dass ein gesamtgesellschaftliches Phänomen von der Politik so dargestellt wird, als seien wir alle zu doof, unsere Ehen hinzukriegen. Ich habe mich gefragt, was sich in den letzten Jahrzehnten politisch und gesellschaftlich verändert hat. Verändert hat sich, dass die Frau nicht mehr finanziell vom Mann abhängig ist, das heißt sie kann jederzeit gehen. Unsere Wohnungen sind kleiner geworden – wir wohnen mit unseren Kindern wie in Legebatterien. Karrierestrategien haben sich verändert. Das sind alles politisch-gesellschaftlich Phänomene, die sozial und privat erlebt werden.“

Lioba Albus als Journalistin

Schauerlich lustig ist die Figur des Journalisten, der einen Toast auf seinen besten Freund ausspricht
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Dortmund-Agentur / Gaye Suse Kromer

Die vielbeschworene und von unzähligen Seiten für eigene Zwecke missbrauchte Forderung oder Verunglimpfung der Frauenquote ist für Lioba Albus auch so ein Ding: „Es hat sich leider nicht verbessert. Ich gucke mir die Chefetagen an und dann gucke ich mir einen STERN-Titel an, bei dem Frauen, Frauen!, sagen ‚Wir brauchen keine Quote.’ Solange Frauen immer noch nicht in den Chefetagen sitzen, brauchen wir sie. Was wir nicht brauchen sind Frauen, die aus ihrer Stutenbissigkeit heraus sagen, sie hätten es allein geschafft. Frauen werden die Rentenverliererinnen der nächsten Jahre sein. Daran sind auch Frauen Schuld, weil sie nicht nach dem greifen, was ihnen zur Verfügung steht. Warum haben wir eine Kanzlerin? Weil sie Frauenpolitik total verarscht. Sie agiert viel mehr als Mann, als das ein Mann jemals tun könnte. Es muss ein Bewusstsein geschaffen werden für weibliche Bedürfnisse in der Gesellschaft, in der Politik, in der Arbeitswelt. Ich würde gerne andere Themenschwerpunkte wählen. Aber das funktioniert nicht, solange die Verhältnisse so sind wie sie sind.“

Lioba Albus weiß, wovon sie spricht. Trotz zwei kleiner Töchter, trennte sie sich von ihrem Mann und ging auf die Bühne. Ungewöhnlich, denn viele Ehen halten sich nur durch die Kinder: „Ich bin gegangen wegen der Kinder. Es kann für sie nicht gut sein, in einer dauergereizten Atmosphäre groß zu werden. Mir war es wichtig, die Ehen zu verlassen, bevor das Schlimmste passiert. Wenn andere sich diese Denkweise erlauben würden, würde viel Elend vermieden.“

Was wir nicht brauchen sind Frauen, die aus ihrer Stutenbissigkeit heraus sagen, sie hätten es allein geschafft.

Familiäre Vorbilder halfen ihr nicht weiter, denn ihre Mutter, ausgebildete Lehrerin, blieb zugunsten der sieben Kinder daheim. Kraft und Mut musste Albus aus sich selbst schöpfen. „Mir stellte sich die Frage, inwieweit ich es mit meinem Selbstverständnis verantworten kann, jahrelang in einer abhängigen Position mit einem Mann zu leben, den ich nicht mehr will. Ich musste unbedingt einen Beruf finden, der sich mit Kindern vereinbaren lässt.“

Lioba Albus

Egal welche Figur, egal ob auf oder hinter der Bühne: Lioba Albus lebt Temperament
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Dortmund-Agentur / Gaye Suse Kromer

Sie begann als selbstständige Kindertheatermacherin und nahm die Töchter zu den Auftritten mit. Als die Kinder größer wurden, wechselte sie ins Erwachsenenfach, schrieb ihre eigenen Kabarettprogramme und kalkulierte die Gagen so, dass die Babysitter-Kosten mit drin waren: „Als das dritte Kind kam und ich mich mit dem Vater des Kindes nicht ausreichend verstanden habe, um mit ihm dauerhaft zusammen wohnen zu wollen, habe ich so weiter gemacht.“ Immer mit einer Armada guter Babysitter im Schlepptau.

Ich wollte auf keinen Fall eine verbitterte Unterhaltsempfängerin sein.

Überhaupt. Journalisten. Auch sie trifft der ätzende Witz der Albus. Und das kommt nicht von ungefähr. In der Top Ten der dämlichsten Journalistenfragen finden sich auf den vorderen Plätzen: „Können Sie davon leben?“ („Ja!“), „Wie können Sie sich den vielen Text merken?“ („Weil sonst nichts in meinem Kopf ist.“) „Haben Sie einen Mann?“ („Ich habe mehrere, weil man Gutes teilen muss“). Bei manch einem Pressevertreter hört der Spaß auf, wenn es ans eigene Fell geht: „Als Zugabe habe ich früher eine fingierte Kritik des aktuellen Abends vorgelesen. Die Original-Kritiken waren karikiert. Die Presse hat es mir so verübelt, dass ich den Gag gecancelt habe.“ Schade eigentlich ...

Dabei wollte sie ursprünglich dramatische Rollen spielen, damals auf der Schauspielschule in München. Sie sah sich schon als Maria Stewart oder als hochtragische Barblin aus Max Frischs „Andorra“. „Während meiner Ausbildung habe ich unterschiedliche Charakterfächer durchgearbeitet. Ich konnte noch so tragisch sein, meine Kollegen haben gelacht. Irgendwas an mir war immer komisch.“

Buch

Das neue Buch von Lioba Albus und Lutz Debus "In der Ruhr liegt die Kraft"
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Dortmund-Agentur / Gaye Suse Kromer

Eine Eigenschaft, die ihr heute zur Ehre gereicht: „Wenn 400 Leuten quieken vor Lachen, ist das eine wunderschöne Energie. Ich sehe mich als kleinen Hebel, der einen großen Prozess in Gang setzt. Wir stehen privat alle unter Druck, ein guter Ausgleich ist wahnsinniges Lachen. Offensichtlich habe ich das Glück, das Ventil zu finden, mit dem ich etwas lockern kann, das dann explodiert. Ein riesiges Geschenk!“

Jetzt mal an die Expertin der Komik: Ist Humor erlernbar oder eine angeborene Fähigkeit? „Günstig ist eine humorvolle Sozialisation. In unserer Familie wurde viel gelacht. Meine Mutter ist eine Kichererbse. Sie hat die große Autorität meines Vaters versehentlich durch Kichern unterwandert. Mein Vater war konservativ und versuchte als Patriarch zu erziehen. Wir Kindern mussten uns bei einer Standpauke nur etwas bewegen, da platzte meine Mutter schon raus. Ich sehe es bei meinen drei Töchtern. Wir lachen wahnsinnig viel. Wenn wir zusammen sind, sagen manche ‚Boah, ihr seid nervig.’“ Komik ist, wenn Pathos fällt.

Dabei unterscheidet Lioba Albus deutlich zwischen Kabarett und Comedy: „Im Kabarett ist die Pointe ein gewolltes Nebenprodukt eines Gedanken. In der Comedy ist der Gedanke ein nicht unbedingt gewolltes Nebenprodukt einer Pointe. Bei uns in Deutschland hat sich das Kabarett aus politischen Zusammenhängen entwickelt.

Weil sonst nichts in meinem Kopf ist!

Auf die Frage: "Wie können Sie sich den vielen Text merken?"

Stand-up-Comedy ist eine sehr amerikanische Form. Es ist eine oberflächlichere Art zu lachen, die auch ihre Berechtigung hat. Meiner Mentalität entspricht es aber nicht. Vielleicht ist das meinen sauerländischen Wurzeln geschuldet. Ich gucke lieber dahinter.“

Improvisationstalent

Alles, was auf der Bühne leicht wirkt, ist tatsächlich ein Ergebnis von Denkprozessen und Analysen, die sie auch am eigenen Scheitern angestellt hat: „Es ist nicht schlimm zu scheitern, schlimm ist, sich nicht zu fragen, warum man gescheitert ist, was der eigene Anteil daran war. Sich mit Humor aus einer Opferposition herauszubewegen, das ist spannend.“ Bei aller präzisen Arbeit liebt die Kabarettistin die Improvisation: „Wenn es mich reitet, mache ich was anderes als im Text steht und dann geht der Abend ganz anders zu Ende.“ Spontanes Agieren und Reagieren ist die Stärke der Albus: „Bei meinem letzten Auftritt vor Weihnachten in Castrop mit 700 Leuten war ich so gar, dass ich meine Perücke als Mittelkötter vergessen hatte. Ich habe mir eine Nikolausmütze aufgesetzt und die Mittelkötterkutte angezogen. Auf der Bühne habe ich den Gästen zugerufen ‚Jetzt ratet, wer ich bin!’ Eigentlich geht das nicht, aber das geht natürlich doch. Die Leute hatten ihren Spaß.“

Mit ihrer Improvisationssicherheit trieb sie schon manchen Kollegen in den Wahnsinn: „Beim Kindertheater hatte ich einen Kollegen, der, wenn er sah, dass es losging, mir zuflüsterte ‚Lioba, bitte, bitte nicht.’“ Manch einer weiß allerdings ihre Stärke zu schätzen wie etwa Kollege Bruno Knust: „Wir verabreden grob ‚Wenn ich das Stichwort sage, kommst du raus.“ Ich sage das Stichwort und Bruno kommt und kommt nicht. Auf der Bühne lachen wir uns manchmal selbst kaputt. Mit dem geht so was.“

Lioba Alsbus als Roswitta

Pommesschlampe "Roswitta" und ihre Sicht der Welt
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Dortmund-Agentur / Gaye Suse Kromer

Falls alle Stricke reißen, ist sie lange genug auf der Bühne, um professionell zu handeln: „Bei einer ‚Ladehemmung’, gibt es Standards, die man aus der Schublade holen kann.“

Der ewige Kreislauf des Lebens

Humor und Ernst liegen oft dicht beieinander: Die Kabarettistin hat eine Patenschaft für den Verein Camino übernommen. Der ambulante Hospizdienst ermöglicht es schwerkranken Menschen die Zeit bis zu ihrem Tod in den eigenen vier Wänden zu verbringen. Ein elementares Engagement für die Kabarettistin: „Für Camino habe ich mich entschieden, weil es wichtig ist, dass Menschen zuhause sterben dürfen. Jeder möchte doch daheim sterben. Ich lasse mich als Lioba Albus für Camino fotografieren, werbe Spendengelder ein und mache Benefizveranstaltungen für sie.“ Die Kabarettistin wirkt, als sei sie nach einer langen Reise angekommen, angekommen bei sich selbst. Und es sind nicht mehr die großen Dinge, die für Lioba Albus Glück bedeuten: „Glück ist für mich heute, wenn alles im Lot ist, wenn ich Freude geben und Freude empfangen kann.“ Von dieser Frau kann das Publikum noch einiges erwarten ...

Zum Thema