Dortmund überrascht. Dich.
Phoenixsee

Aus unserer Stadt

Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Dortmund-Agentur / Stefanie Kleemann

Kulinarisches Dortmund

Couscous und Lehmofen

04.03.2009, Von Gerd Ruebenstrunk

Was die portugiesische Hafenkneipe an den Landungsbrücken für Hamburg, die Sushi-Bar an der Kö für Düsseldorf – das sind bei uns in der Münsterstraße das „Marrakesch“ oder das „Tandura“. Eine (kulinarische) Entdeckungsreise durch den „Süden“, der tatsächlich in der Dortmunder Nordstadt liegt, lohnt sich allemal.

Kellnerin serviert Köstlichkeiten in einem Restaurant

Südländische Köstlichkeiten sind immer ein besonderer Genuss.
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Karin Hessmann

„Du musst den Platz sehen, wenn die Sonne scheint! Dann spielen da die arabischen, türkischen und marokkanischen Jungen Fußball bis nach Mitternacht und die Alten sitzen auf den Bänken und unterhalten sich.“ Mustafa Korkmaz zeigt durch die große Scheibe seines Schischa-Cafés auf den Platz vor der katholischen St. Joseph-Kirche, der an diesem grauen Regennachmittag nur von ein paar eiligen Passanten überquert wird.

Die Wärme des Südens lässt sich hier dennoch spüren: in vielen Geschäften und Lokalen rund um die Kirche und in der Freundlichkeit der Menschen, denen wir im Laufe der nächsten Stunden begegnen werden. Willkommen also im Süden – der überraschenderweise in der Dortmunder Nordstadt liegt. Denn hier, am oberen Ende der Münsterstraße, hat sich in den letzten Jahren eine lebendige Szene entwickelt, die den Namen multikulturell wirklich verdient.

Dessertteller im Restaurant Andalusia

Den süßen Verführungen kann niemand widerstehen.
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Karin Hessmann

Wir beginnen unsere Entdeckungsreise im Nargile. Hier wird geraucht – und zwar Wasserpfeife. Zehn verschiedene Tabake stehen zur Wahl. „Apfel, Melone und Kirsch sind die Bestseller“, erklärt uns Korkmaz, der hauptberuflich als ICE-Zugbegleiter der Deutschen Bahn arbeitet. Seine Kunden im Nargile sind Deutsche und Türken. „Viele kommen aus anderen Städten zu uns, denn als eines der ersten Schischa-Cafés genießen wir einen guten Ruf.“ Bei entspannter arabischer Musik sitzen die Gäste um die Tische, ziehen an ihren Wasserpfeifen und spielen dazu Backgammon. Und das gerne bis sechs Uhr morgens.

Gleich nebenan bietet das Andalusia seine süßen Gaumenfreuden an. „Bei uns gibt es Gebäck, Kuchen und Torten aus allen Ländern des Mittelmeerraums“, so Zeidan Mohamad, der selbst libanesischer Abstammung ist. „Damit sind wir in Dortmund einzigartig.“ Teigrollen mit Pistazien aus Marokko, griechische Eclairs, Nusskugeln aus dem Iran, libanesischer Dattelkuchen oder Mandelkuchen aus Syrien – schon beim Anblick läuft uns das Wasser im Mund zusammen. Dazu gibt es, auch nicht gerade alltäglich, frisch gepressten Guavensaft oder Dattelsirup, der mit Wasser verdünnt und mit Pistazien oder Pinienkernen getrunken wird.

Marokkanische Vielfalt

Bei Najim Zariouh ist es noch gar nicht so lange her, dass er der Sonne Marokkos den Rücken gekehrt hat. 2005 kam er auf Wunsch seiner Familie nach Dortmund.

Marokkanischer Supermarkt in der Nordstadt

Im marokkanischen Supermarkt wird Frische garantiert.
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Karin Hessmann

Er hatte in der marokkanischen Hafenstadt Nador bereits ein Restaurant betrieben – was lag da näher, als das in seiner neuen Heimat auch zu tun?

Bereits ein Jahr nach seiner Ankunft in Dortmund übernahm er das Marrakesch, das uns nicht nur durch seine Ausstattung in eine andere Welt versetzt. Auch kulinarisch verspricht bereits das Studium der Speisekarte eine Vielfalt von verheißungsvollen Genüssen: vom Couscous in vier Variationen, stilecht in einem speziellen Topf gegart, über sieben traditionelle, geschichtete Tajine, benannt nach der gewölbten Tonschale, deren Deckel sich oben verjüngt, bis zu marokkanischen Nudeln, Blätterteiggerichten und Gebäck – das alles serviert in einer original marokkanischen Umgebung. „Die Wandfliesen, die Hocker, die Lampen und der Wandschmuck sind alle aus Marokko“, betont Najim Zariouh, der, wie sein Kellner, in eine Gandora gekleidet ist, ein langes, farbiges Hemd mit weißen Stickereien auf Kragen und Ärmeln.

Service im Restaurant Marrakesch

Der Inhaber des Marrakesch Najim Zariouh (rechts) und sein Mitarbeiter servieren in landestypischer Kleidung.
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Karin Hessmann

Schräg gegenüber vom Marrakesch machen wir eine Stippvisite im marokkanischen Supermarkt mit seinen großzügigen Fisch- und Fleischtheken. Hier gibt es eine Auswahl, die jeden Feinschmecker begeistern dürfte. In den fast deckenhohen Regalen stapeln sich Tüten mit Nüssen, Datteln, Feigen und Couscous, Dosen und Becher mit Oliven, Tees, Kaffee und jede Menge silberne Teekannen.

Anatolisches Feuer

Unser letztes Ziel an diesem Nachmittag ist das Tandura, ein anatolisches Restaurant. Das Erste, was uns beim Eintreten in den großen Raum auffällt, ist der würzige Geruch in der Luft, das Zweite die angenehme Wärme.

Marokkanische Teezeremonie

Die Teezeremonie im marokkansichen Restaurant Tandura lädt zu entspannten Stunden ein.
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Karin Hessmann

Der Lehmofen ist traditioneller Bestandteil der anatolischen Küche. Und den Unterschied zum normalen Backofen kann man deutlich schmecken. 400 Grad Hitze herrschen im Inneren und lassen jedes Gericht, ob Fisch, Fleisch oder Fladen in wenigen Minuten garen. Bis zu 25 Gerichte gleichzeitig passen in den feurigen Schlund – und verlangen dem Koch Höchstleistungen ab. „Das geht nur mit Gefühl“, sagt Mürsel Demir, der das Tandura seit 1998 betreibt. „Eine Minute zu spät – und das Gericht ist verbrannt.“

Alle hier servierten Speisen sind „Halal“, dürfen also ohne Bedenken von Muslimen gegessen werden. „Auch unser Fladenbrot backen wir im Lehmofen selbst“, so der Inhaber, der großen Wert auf Frische und Naturbelassenheit der Zutaten legt. Die Gäste wissen das zu schätzen. Ebenso wie die Gastlichkeit, die dem Besucher entgegengebracht wird.

Für beides ist der riesige, von Hand gebaute Lehmofen verantwortlich, der den Raum dominiert. „Zwei Tonnen Holz verfeuern wir jeden Monat“, erklärt Inhaber Mürsel Demir. „Drei Tage dauert es, bis sich der Ofen abkühlt.“

Langsam wird es dunkel. Wir schlendern an den jetzt erleuchteten Fassaden von libanesischen Restaurants, arabischen Bäckereien und vietnamesischen Imbissen vorbei, die wir bei unserem heutigen Streifzug durch den Süden im Norden auslassen mussten. Aber das macht nichts. Denn wir werden bestimmt wiederkommen, um diesen Teil Dortmunds zu genießen.