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Tanztheater

Begegnungen in Bewegungen

01.09.2014, Gaye Suse Kromer

Die Theorie: Dinge brauchen einen Namen wie etwa "Inklusion". Seit 2008 ein Modewort. In diesem Jahr trat die Behindertenrechtskonvention der UNO in Kraft. Demnach soll behinderten Menschen die uneingeschränkte Teilnahme an allen gesellschaftlichen Aktivitäten möglich gemacht werden.

Julia und Ute Mittelbach

Tanzpädagogin und Choreografin Ute Mittelbach (rechts) mit Ensemble-Mitglied Julia
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Soweit, so umständlich. Blick in die Praxis: Es gibt Initiativen, die diesen Begriff nicht brauchen. Sie leben "Inklusion" ganz selbstverständlich. Und so eine Initiative ist TanzRäume Unterwegs.

"Wenn wir einen Workshop eröffnen, stellen wir uns nicht vor mit ‚Ich möchte Sie herzlich begrüßen. Das ist ein Workshop von Behinderten und Nicht-Behinderten’", erklärt Ute Mittelbach. Bei dieser Vorstellung müssen sie und Michael Mittelbach lachen. Ein Hinweis darauf, wie irritierend das Ehepaar den Gedanken findet, wie selbstverständlich sie als Leitung in ihrer Initiative mit den vielen Individuen umgehen.

"Es gibt starke Persönlichkeiten in unserer Gruppe. Wir sagen nicht ‚Du bist behindert. Du kannst nur dies oder jenes machen.’ Von ihnen gehen starke Impulse aus", erzählt Michael Mittelbach: "Das haben wir dadurch dokumentiert, dass wir etwa Heike als Assistentin ernannt haben, obwohl sie eine betreute Bewohnerin ist." Heike lebt und arbeitet in der Werkstatt Gottessegen in Dortmund, einer Einrichtung für Menschen mit geistiger und körperlicher Behinderung.

"Wir sagen nicht du bist behindert."

Michael Mittelbach

So gemischt wie sich der kreative Bereich der Initiative aufstellt, so bunt ist die Gruppe der Assistenten bei TanzRäume Unterwegs, die die beiden Leiter in künstlerischer und organisatorischer Hinsicht stützen. Abgesehen davon, dass es 2006 das Wort "Inklusion" – in diesem Jahr startete TanzRäume Unterwegs – für die Integration von Behinderte in alle gesellschaftliche Bereiche noch nicht gab, ist die Initiative ein Tanz- und Bewegungstheater, bei dem, kurz gesagt, jeder mitmachen darf und kann. Das schließt ganz ausdrücklich behinderte Menschen mit ein. Oder besser umgekehrt: Auch nicht-behinderte Menschen sind herzlich zum Mittun eingeladen.

Michael Mittelbach

Ehemann Michael Mittelbach
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Eine Idee entsteht

Begonnen hat es mit dem Satz von Ute Mittelbachs Tochter Johanna, die geistig behindert ist. Sie forderte ihre Mutter auf: "Mach doch mal was für uns!" Dieser Satz war ein Mosaikstein für den Weg, den die Mittelbachs instinktiv sowieso schon eingeschlagen hatten. Mit weiteren Steinchen bauen sie beständig an dem, was sich heute TanzRäume Unterwegs nennt. Der Name ist Programm: einen Raum geben, um immer wieder neue Ausdrucksmöglichkeiten in Themen, Bewegungen und Begegnung zu finden. Ute Mittelbach war zuvor im pädagogischen Bereich tätig: "Auch neben dem Beruf habe ich viel getanzt und gemerkt, ich möchte etwas mit Bewegung machen. Dann habe ich mir eine Ausbildungsstätte gesucht, in der man etwas entwickeln kann für Menschen mit Handicap." Das war eine Bochumer Akademie für Tanzpädagogik mit der Wohn- und Lebensgemeinschaft Christopherus-Hof e.V. in Witten, eine Einrichtung der Behindertenhilfe.

Michael Mittelbach ergänzt: "Wir haben dort mit einer kleinen Gruppe von geistig beeinträchtigten Menschen angefangen. Weitere Beeinträchtige sind dazugekommen, außerdem jemand vom Personal der Einrichtung." Es gab den ersten Tanz-Workshop, Kontakte zur TU Dortmund entstanden. Gut 20 Studierende aus dem Fachbereich Rehabilitationspädagogik sahen sich das Projekt an.

Tanzende Menschen

Aufwärmtraining des Ensembles Windspiel
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Von Brücken und Verbindungen

Natürlich blieben nicht alle, aber: "Es waren die ersten dabei, die den Eindruck hatten, hier entsteht was und sie möchten dabei sein. Je mehr wir Gelegenheiten hatten, einen Rahmen mit Workshops zu schaffen, je mehr wir geworben haben, weil die Arbeit davon lebt, dass das Verhältnis zwischen Beeinträchtigten und Nicht-Beeinträchtigten stimmt, desto mehr sind wir gewachsen", erinnert sich Michael Mittelbach.

"Als Abschlussarbeit", schließt Ute Mittelbach den Kreis, "kam ein Tanztheaterstück heraus. Meine Dozenten bestärkten mich, die inklusive Tanzpädagogik für Menschen mit und ohne Handicap weiterzuentwickeln. Da hat mein Mann gesagt ‚Mensch, komm, du musst dich selbstständig machen und den Weg gehen.’" Und so ist sie heute als Tanzpädagogin und Choreografin die einzige Festangestellte bei TanzRäume Unterwegs, während der diplomierte Psychologe Michael Mittelbach neben seiner Tätigkeit bei der Initiative im Jobcenter arbeitet. Er sorgt bei TanzRäume Unterwegs für Organisation, Finanzen, Logistik und Öffentlichkeitsarbeit.

"Die Arbeit lebt davon, dass das Verhältnis zwischen Beeinträchtigten und Nicht-Beeinträchtigten stimmt"

Michael Mittelbach

Die Mittelbachs empfinden die Entwicklung ihres Tanz- und Bewegungstheaters als einen Auftrag, mit dem sie Brücken schlagen, Verbindungen schaffen, damit sich Gruppen aus ganz unterschiedlichen Lebenszusammenhängen begegnen: junge Menschen, Erwachsene, Senioren, Studierende, Beeinträchtigte, Nicht-Beeinträchtigte, Sozialpädagogen, Psychologen, Menschen mit Freude an Kunst und Tanz. Das Zusammenwirken dieser Menschen ist homogen. Sie eint das Ziel, ihrer Bewegungsfreude einen kreativen Raum geben zu können. Das gilt für die Workshops ebenso wie für Projektarbeiten und ganz besonders gilt das für das Herzstück der TanzRäume Unterwegs: dem aus 23 Tänzern bestehenden Ensemble Windspiel, das sich zum Teil aus Mitgliedern der ersten Stunde der Initiative zusammensetzt.

Tänzer unter Tuch

Ein indischer Schal ergänzt den Tanz der Gruppe
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Formen und Figuren, Linien und Kreise

Es ist Sonntag, im Saal des Internationalen Begegnungszentrums an der Dortmunder TU. Das Ensemble Windspiel trifft sich für ihr vierstündiges Training, das alle zwei Wochen stattfindet. Ganz schön lang. Ute Mittelbach lächelt: "Sobald es auf eine Aufführung zugeht, können die Trainings fünf Stunden oder länger dauern. Wir treffen uns dann jede Woche. Die Energien werden frei. Es tut gut, wenn man richtig reingehen kann." Heute ist etwa die Hälfte da. "Das ist eine Gruppe von Menschen, die sich sehr nahe stehen, weil manche in Wohngemeinschaften zusammen leben, gemeinsam arbeiten oder durch die Kontinuität in der Zusammenarbeit seit Jahren mit uns", so Michael Mittelbach. Tochter Johanna steht mit einem Assistenten der TanzRäume Unterwegs am Mischpult der Musikanlage.

Zum Warm-up klingen sphärische Töne durch den von Sonne durchfluteten Raum. Die Ensemble-Mitglieder tanzen in weichen, wellenartigen Bewegungen. Ute und Michael Mittelbach sind mittendrin. Die Körper tanzen zart aufeinander zu, um sich wieder zu trennen und in anderen Konstellationen zueinander zu finden. Ute Mittelbachs Vorgabe: "Alles ist in Bewegung – der Kopf, die Schultern bis in die Fingerspitzen hinein." Wer nicht weiter mag, setzt mal kurz am Rand aus. Langsam bilden sich Formen und Figuren heraus, die Gruppe erschafft Linien und Kreise, die wieder sanft zerfallen. Die Musik bekommt einen wilden spanischen Rhythmus vermischt mit Balkanklängen. Die Tänzer bewegen sich ausgelassen durch den Saal. Die Freude an den freien Bewegungen ist unübersehbar. Deutlich zu spüren ist außerdem ihr Gefühl zueinander, das Eingespieltsein.

Bevor allerdings das Training dran ist, beginnt das Ensemble traditionell mit der Begrüßungsrunde. Zum Start erzählt jedes Mitglied, wie es sich gerade fühlt. Michael Mittelbach zum Sinn: "Man kann seine Befindlichkeit äußern, sich mitteilen, wie es einem geht und die anderen nehmen Anteil. Danach kann man sich umso besser und freier auf das bevorstehende Training einlassen."

Ute Mittelbach inmitten anderer Tänzer

Ute Mittelbach inmitten der Tänzer
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Gleiche unter Gleichen

Gerade holt Ute Mittelbach einen fünf Meter langen, himbeerfarbenen Schal in den Kreis, der sofort in die Bewegungen integriert wird. Zwei der Tänzer fassen den Schal an den mit goldener Borte verzierten Enden und führen ihn sanft über die am Boden kauernde Gruppe und wieder zurück. Das Bild zerfällt, ein neues entsteht. Zu Flamencoklängen wickeln sich die Teilnehmer in den Schal ein, rollen sich wieder heraus. Die Musik wird leiser bis sie ganz verklinkt. Bevor es mit der kreativen Arbeit weiter geht, ist erstmal Durchschnaufen bei Getränken und belegten Brötchen angesagt.

In der Pause gibt es Gelegenheit, mit Ensemblemitgliedern zu sprechen, wie etwa Rehapädagogin Maja. Schon immer tanzbegeistert hörte sie vor vier Jahren von der Initiative, schaute vorbei und blieb: "Mich hat sofort die Energie ergriffen bei Windspiel. Die Freiheit, die hier jeder genießt." Im Gespräch mit ihr fällt das Wort Inklusion. Auch hier steht wieder ein großes ABER: "Ich mag es, hier nicht als Pädagogin zu agieren, sondern Gleiche unter Gleichen zu sein." Besonders spürt sie das, wenn Lampenfieber vor den Aufführungen droht. Dann ist jeder für jeden da. Windspiel hat bisher schon drei Stücke vor großem Publikum auf die Bühne gebracht.

"Die Persönlichkeit jedes einzelnen wird in unsere Gruppe gestärkt. Ute hat einen guten Blick dafür", erzählt Maja. Sie denkt kurz nach: "Ich mag diese Leichtigkeit, mit der wir untereinander umgehen und mit der wir hier kreativ sind." Studentin Julia empfindet ähnlich: "Leistungsdruck und Leistungsgedanken finden hier nicht im üblichen Sinne statt. Klar, man muss schon was bieten. Man will ja später ein schönes Stück auf die Beine stellen. Hier wird man gewürdigt und anerkannt, mit dem, was man kann." Noel, Bewohner des Christopherus-Hofs, ist von Anfang an dabei und einer der ganz starken Tänzer. Auf die Frage, warum er bei Windspiel mitmacht, gibt er eine schlichte wie bestechende Antwort. "Ich mag die Bewegung!"

Zwei Männer tanzen

Kleine Hilfestellungen von Michael Mittelbach beim Training
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Ein Sommertag

Die Pause ist vorbei, die Tänzer gehen gestärkt zurück in den Saal. Der zweite Teil beginnt. Nachdem sich alle in einem Kreis gesetzt haben, fragt Ute Mittelbach, was den Tänzern zum Thema Sommertag in der Kindheit einfällt: "Schwimmen", "Eisessen!", "Eincremen", "Sandburgen bauen!". Jeder Ideengeber macht eine entsprechende Bewegung vor. Die Aufgabe für den nächsten Trainingsabschnitt: Die sich bildenden Arbeitsgruppen von drei bis vier Teilnehmern sollen aus diesen und anderen Einfällen eine fünfminütige, zusammenhängende Tanzsequenz formen und zum Abschluss präsentieren.

Während sich die Gruppen in die Ecken verteilen und ihre Abläufe zusammenstellen, wieder verschieben und proben, geht Michael Mittelbach mit einer kleinen Kamera herum und filmt. Die Aufnahmen wird sich Ute Mittelbach später ansehen und sortieren. Vielleicht schafft es die eine oder andere Bewegung in ein späteres Stück. Leicht, frei, warmherzig, selbstverständlich und diszipliniert – oder besser ernsthaft in der Sache – ist die Windspiel-Mischung. Das Ensemble bekommt regelmäßig von Gästen ihrer Aufführungen und anderen Initiativen, die ähnlich aufgestellt sind, ihre Professionalität gespiegelt.

Lachen ist aus den Arbeitsgruppen zu hören. Hier wird der Blick in den Himmel geprobt, dort der Sprung ins kühle Nass. Das Aufschneiden einer dicken Wassermelone kommt gut in einer Arbeitsgruppe an und wird dort sofort als Tanzszene verarbeitet. Nach kurzer Zeit entstehen die ersten roh zusammenhängenden Abläufe. Derweil schaut Ute Mittelbach kritisch in den mitgebrachten Musikfundus. Dann ist es soweit: die Präsentationen. Michael Mittelbachs Kamera surrt leise vor sich hin, während seine Frau einen Walzer auflegt.

"Windspiel hat diese Mischung aus dem menschlichen, super respektvollen Umgang miteinander"

Michael Mittelbach

Noel ist in der ersten Gruppe, die ihre Tanzidee vorführt. Kleine Kinder am Strand, Daumen lutschend klettern die vier Tänzer eine imaginäre Wasserrutsche hinauf, um gleich darauf ins wohltuende Nass zu gleiten. Puh, ganz schön heiß hier. Die ausgelassene "Kindergruppe" spritzt sich gegenseitig nass. Auf dem Höhepunkt – die Wassermelone! Wohin mit den Kernen? Im hohen Bogen werden sie ausgespuckt. Alle "Windspieler" lachen. Erstaunlich.

Eine komplette Szene spielt sich vor den Augen der Betrachter ab. Man wähnt sich selbst am Strand. Alle vier Arbeitsgruppen lassen diese fast greifbare Sommeratmosphäre aufleben. Die choreographischen Miniaturperlen, die innerhalb eines nachmittags entstanden sind, werden gegenseitig beklatscht und freudig goutiert. Und wer weiß, vielleicht gibt es mit der einen oder anderen ein Wiedersehen bei einer der Windspiel-Aufführungen.

Tänzer Noel

Noel tanzt seit Beginn des Ensembles mit
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Seltenheitswert – Wertschätzung

Neben dem tänzerischen Ausdruck nimmt der Inhalt einen wichtigen Stellenwert ein. Eines der Windspiel-Stücke – "Martha und der Pyrenäensteinbock" – entstand nach einem Berliner Kongress. Dort diskutierten Menschen mit Down-Syndrom. Einer der Redner sagte auf dem Podium "Ich finde es doof, dass es uns bald nicht mehr gibt." Michael Mittelbach erklärt: "Mittlerweile entscheiden sich neunzig Prozent der Eltern, die wissen, dass ihr Kind Down-Syndrom haben wird, dafür, es nicht zur Welt zu bringen. Wenn man diesen Umstand weiterdenkt, führt es dazu, dass Menschen mit Down-Syndrom aussterben."

Die Windspiel-Mitglieder, unter ihnen Menschen mit eben jenem Syndrom, sprachen darüber, dass Tiere, die vom Aussterben bedroht sind, von Menschen geschützt werden. Frage: Was macht man mit dem Down-Syndrom? Versucht man diese Menschen ebenfalls zu schützen? "Zeitgleich gab es einen Artikel in einem Magazin. Reproduktionsbiologen finden Wege, aus existierendem Material von ausgestorbenen Tieren, Genmaterial zu gewinnen, um ein Tier wieder zum Leben zu erwecken. Auf einmal war da etwas, was uns beschäftigt hat. Da gibt es ein Thema und dann muss man zusehen, dass man es wieder einfängt, wenn jemand mit Down-Syndrom plötzlich in Tränen ausbricht", so Michael Mittelbach.

Tanzgruppe

Jedes Windspiel-Mitglied gibt was möglich ist
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Ute Mittelbach dazu: "Im Raum stand die Frage ‚Was ist, wenn Menschen mit Down-Syndrom aussterben?’ Von Leben und Tod war die Rede. Da kommt die Wertschätzung wieder ins Spiel. Wir sind glücklich, dass diese Menschen mit uns zusammen sind, dass wir voneinander lernen können. Unsere Intensität ist mit in das Stück eingeflossen." Julia über die Zeit: "Dass die Bearbeitung auf so emotionaler, persönlicher Ebene stattfinden konnte, war ein Zeichen dafür, wie eng die Gruppe zusammensteht, wie sehr man sich vertraut."

"Was ist, wenn Menschen mit Down-Syndrom aussterben?"

Ute Mittelbach

Heraus kam ein bezauberndes Stück über die ganz großen Themen: Leben und Sterben, der Anfang und das Ende jeden irdischen Seins. Phantasievolle Kostüme, angelehnt an fernöstliche Ästhetik, gaben der inhaltlichen Schwere mit Leichtigkeit ein Gegengewicht. Auch hier: Alles ist selbst erdacht und selbst gemacht – Kostüme, Musikauswahl, Choreografie, Licht … So viel Phantasie darf sein beim Ensemble, so viel Phantasie muss sein, denn daraus erwachsen diese, durch und durch besonderen Ergebnisse, die Windspiel auf verschiedenen Bühnen in der Ruhrgebietsregion und darüber hinaus präsentiert.

Menschen sitzen auf Boden

Während Ute Mittelbach den nächsten Bewegungsablauf erklärt, filmt ihr Mann Bewegungsabläufe mit
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Freude und Anspruch

Die calvinistische Arbeitsethik vom spaßfreien Raum für ein maximales Arbeitsergebnis wird beim Ensemble Windspiel, bei der gesamten Initiative TanzRäume Unterwegs, ad absurdum geführt. Es wird viel gelacht. Beinah will man sagen: TROTZDEM ist das Gesamtkonzept der präsentierten Kunst – von den Requisiten über die Kostüme bis hin zum Tanz – sehr anspruchsvoll. Trotzdem, weil in Deutschland Spaß und Anspruch so oft den gemeinsamen Bus verpassen. Bei dieser Initiative sitzen sie nicht nur in einem Bus, sie sitzen unmittelbar nebeneinander. Genau DESHALB, weil so viel gelacht wird, ist das Ergebnis so exquisit.

Das hat vor allem mit den Mittelbachs zutun. Ute Mittelbach als künstlerischer Kopf: "Künstlerdasein ist nicht leicht. Es ist wertvoll, jemanden an der Seite zu haben, der sich mit der Materie der Finanzen und der Logistik auseinandersetzt, insbesondere, wenn man keinen Träger im Hintergrund hat." Damit das Ensemble reifen, damit es reisen kann und anderen Künstlern begegnet.

Tänzer

Ein Kopfsprung ins kühle Nass – getanzt natürlich
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Michael Mittelbach ist der starke Part im Hintergrund: "Es war immer wichtig, dass Ute das nicht allein macht, weil es ja jemanden geben muss, der Musik auflegt." Er lacht verschmitzt: "Abgesehen davon, dass Leute mitmachen, die Assistenzbedarf haben. Man darf sich das nicht so vorstellen, dass es einen Workshop-Leiter gibt, der verbal Ansagen liefert und jeder weiß, was zutun ist."

Und nicht nur das. "Michael managt", beschreibt seine Frau: "Man muss sich mit Institutionen in Verbindung setzen, etwa wenn Workshops mit Leuten aus unterschiedlichen Wohngruppen stattfindet. Die kommen teilweise von Zuhause oder von Wohneinrichtungen. Es muss kommuniziert werden, wann das Busunternehmen bereit ist, die Teilnehmer abzuholen, wann sie was mitbringen … Jedes Projekt stellt eine große Organisation dar, bei der man gut timen muss."

TanzRäume Unterwegs ist autonom. Und wächst. Das ist gut so. Damit wachsen allerdings auch die Aufgaben. "Wir wachsen rein und es bereichert sehr. Es gibt viele Fäden, die man für sich erschließen muss. Ich denke an die Kosten: Was kostet wie viel, wie kriegen wir das nächste Projekt finanziert, wer bezahlt wofür? Es ist eine große Freude und Bestätigung, Menschen zu finden, die Mittel bereitstellen für das, was wir machen." Darüber hinaus betreibt Michael Mittelbach die Website der Initiative, schreibt über und fotografiert die TanzRäume Unterwegs bzw. Windspiel.

Gruppe spielt Melonenessen

Mit eleganten Bewegungen zeigt die nächste Arbeitsgruppe das Meloneessen an einem Sommertag
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Sounds of Music

Wie ein gut funktionierendes Uhrwerk ticken die beiden miteinander. Eine weitere starke Verbindung schafft die Musik. Die Auswahl für Workshops und Bühnenstücke ist besonders, worauf die zwei sehr viel Wert legen und kann sie tagelang beschäftigen. Ute Mittelbach: "Zu recherchieren, welche Musik mitträgt oder unterstützt, dauert. Mir ist wichtig, dass es Musiker sind, die Inspiration und Dynamik vermitteln. Michael und ich sind dabei im Dialog." Ihr Mann setzt nach: "Musik ist auch jenseits der Theaterarbeit das, was uns bewegt. greife Anregungen zu neuer Musik gerne auf. Der Bassist einer Band ist dann vielleicht jemand, der einen zu einer anderen Gruppe führt. So lernen wir immer wieder Neues kennen."

"Jedes Projekt stellt eine große Organisation dar, bei der man gut timen muss."

Ute Mittelbach

Die Musikgenres sind vielfältig: Jazz, Klassik, Weltmusik, Folklore. Auch kann spezielle Musik wie chorische Gesänge dabei sein oder interessante Sounds oder sogar – bei den Bühnenstücken – eine Trommelgruppe, die live afrikanische Klänge vertonen. Wozu denn diese Mühe? Ganz einfach. "Konventionelle Musik, einfache Discomusik etwa, löst Bewegungsabläufe aus, die wir bei unserer Arbeit nicht unbedingt wollen – die Menschen tanzen wie in der Disco. Ganz automatisch. Deshalb haben wir von Anfang an nicht mit dieser Musik gearbeitet." Ute Mittelbach scherzt: "Keine Schlager!" "Schlager hören die Leute gern. Die sollen Schlagermusik hören und die sollen zur Schlagermusik tanzen. Vollkommen okay. Aber bislang haben wir ganz bewusst nicht damit gearbeitet", legt Michael Mittelbach das Konzept dar.

Ute Mittelbach: "Mir gefällt, wenn Menschen sensibilisiert werden für neue Musikrichtungen, wenn wir das Repertoire weiten können. Es ist toll, wenn das angenommen wird, etwa orientalische Musik. Alle stehen im Kreis, dann gehen die Männer drum herum und die Frauen tanzen in der Mitte mit Tüchern. Es ist sehr schön zu sehen ‚Aha, sie verstehen es, das macht ihnen Spaß.’ Sie fangen an, zu improvisieren und Ideen zu Bewegungen zu entwickeln."

Applaudierende Menschen

Das "Publikum" ist begeistert
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Kunst ohne Angst

Der respektvolle Umgang des Ehepaars miteinander, die gegenseitige Achtung für die Leistung des Gegenübers ist spürbar. Dieser Umgang färbt auf die Ensemblemitglieder ab. Einen langen Weg sind sie gegangen, vieles soll noch kommen. Soll noch vieles kommen? Ein letztes Thema vor dem Abschied. Welche Träume, welche Wünsche sind offen? Wohin soll die Reise gehen? Julia: "Windspiel hat diese Mischung aus dem menschlichen, super respektvollen Umgang miteinander und gleichzeitig eine enorme Kreativität. Ich wünsche mir noch ganz viele Auftritte."

"Reise" nimmt Michael Mittelbach wörtlich: "Es ist schön, mit der Truppe mit der Truppe unterwegs zu sein und wir werden sicherlich noch einige Reisen mit dem Ensemble unternehmen. In erster Linie macht es Spaß, mit Windspiel zu arbeiten. Es macht Spaß, wenn Menschen wie Julia dazukommen, die sich mit Ernsthaftigkeit und Engagement darein begeben. Das ist toll. Die Arbeitsweise von Ute hat etwas sehr Menschliches, aber auch etwas sehr Anspruchsvolles."

"Ich möchte Austausch mit künstlerisch Schaffenden. Ich wünsche mir, dass das Engagement, die Motivation und die Freude nicht verloren gehen" hofft Ute Mittelbach: "Wir wollen der Gesellschaft ein Stück weit vorausgehen. Wir wollen vorleben, dass man keine Angst haben muss, wenn sich verschiedene Gesellschaften begegnen und auf Augenhöhe etwas Neues im Sinne der Kunst entwickeln." Man darf zuversichtlich sein, dass die Mittelbachs mit ihrer gelebten Vision, ihrer Kraft und Kreativität immer wieder die richtigen Türen aufstoßen werden.

Bilderstrecke: TanzRäume Unterwegs

Begegnungen in Bewegungen

Julia und Ute Mittelbach 12 Bilder
Tanzpädagogin und Choreografin Ute Mittelbach (rechts) mit Ensemble-Mitglied Julia
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