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Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Dortmund-Agentur / Stefanie Kleemann

Gastronomie

Kleiner Treffpunkt Großbritannien

10.02.2015, Gaye Suse Kromer

Süße Erdbeermarmelade auf sahniger Clotted Cream und luftigen Scones. Für herzhafte Genießer gibt’s gegrillte Tomaten, saftige Würstchen oder Spiegelei. Für alle auf jeden Fall Tee! Das Ganze serviert in einem sehr britischen und urgemütlichen Café in Kurl. Wer hier kulinarisch nicht schwach wird, trainiert für den Iron Man oder hat eine Wohlfühl-Allergie.

Victorias Cottage Cafe

In jeder Ecke ist es im Café gemütlich
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Stadt Dortmund, Anja Kador

Der britischen Küche wird im Allgemeinen nachgesagt, sie sei für Menschen Kontinentaleuropas ungenießbar. Das Vorurteil findet Catherina Read einfach nur furchtbar: "Das ist wie in Deutschland mit Schnitzel: Du kannst wirklich Pech haben und sie verkaufen dir eine Schuhsohle. Du kannst aber auch richtig Glück haben. In England ist es nichts anderes – das Essen kann grottenschlecht oder ganz wunderbar sein." Entscheidend ist eben das Können des Kochs respektive der Köchin. Und Catherina Read tritt mit der durch und durch britisch geprägten Speisekarte den Beweis dieser Behauptung in ihrem Victoria’s Cottage Café an – einzigartig im Ruhrgebiet.

Auszeit bei Teezeit

Doch einen Schritt zurück: Vor sechs Jahren eröffnete inmitten von Kurl das deutsch-englische Ehepaar Read das Café oder besser gesagt, einen Tearoom. Catherina ist hier aufgewachsen, ihr Mann John ist gebürtig aus der Region der Grafschaft Gloucestershire, kam als junger Soldat nach Dortmund – und blieb.

Kurl ist ein eher abgelegener, ländlich geprägter Ortsteil, trotzdem wissen Menschen in und um Dortmund den Tearoom mit seinen Kostbarkeiten zu schätzen. Catherina Read begrüßt Gäste aus dem gesamten Ruhrgebiet. Wer klug ist, reserviert sich sonntags einen Platz – an diesem Tag herrscht Hochbetrieb. Stammgäste, Familien, Freundeskreise … sie alle genießen das Wochenende gerne bei Baked Beans und Toast oder Cream Tea – Tee (mit oder ohne Milch), Clotted Cream (streichbarer Rahm) und Scones (englisches Süßgebäck).

Victorias Cottage Cafe

Catherina Read betreibt das Café seit nun sechs Jahren
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Stadt Dortmund, Anja Kador

"Natürlich habe ich auch meine Kurler ‚Omma’, die hier ihren Tee trinkt und mir genauso lieb ist", so die Cafébetreiberin. "Die älteren Herrschaften sind nicht nur für mich wichtig, sondern auch umgekehrt. Mein Café ist ein Ort, zu dem sie hingehen können." Und konstatiert nüchtern: "In Kurl geht es eher beschaulich zu." Das nun wiederum ist echtes britisches Understatement. Nur weil es näher an der Innenstadt mehr Amüsiermöglichkeiten gäbe, ist das Café sicher nicht voll.

Die Beliebtheit liegt an den bis ins Detail liebevoll gestalteten Räumen mit Möbeln im Landhausstil, Teekannen, englischen Büchern, romantischen Kerzenleuchtern, Spruch-Postkarten und den selbstgemalten Bildern ihres Mannes John. Die Beliebtheit liegt am vorzüglichen Essen und last but not least an Catherina Read selbst. Bei der Dame des Hauses fühlt sich jeder Gast persönlich willkommen. Freundlich, offen und charmant weiß sie es, anderen Menschen in ihrem Tearoom zu begegnen.

"Natürlich habe ich auch meine Kurler ‚Omma’, die hier ihren Tee trinkt und mir genauso lieb ist"

Catherina Read

Renaissance einer Tradition

Was genau kann man sich eigentlich unter einem traditionellen "Tearoom" vorstellen? Catherina Read erklärt: "Normalerweise machen die Tearooms in England um 14 Uhr auf und schließen um 17.30 Uhr. In dieser kurzen Spanne bieten sie die klassische Teatime an. Selten mehr. Natürlich gibt es Variationen und an die lehnen wir uns an."

Eine Variante ist etwa das kräftig-englische Frühstückangebot. "Frühstück müssen wir mit anbieten, weil das die Gäste in einem Café einfach erwarten", erklärt die Inhaberin und erzählt weiter: "Die Teatime erlebt gerade eine Renaissance. Sie ist in den letzten Jahren auch in Deutschland modern geworden. Das ist ja auch ein Erlebnis. Das Essen wird nett präsentiert und das ganze Drumherum ist schön."

Victorias Cottage Cafe

Die Einrichtung: mit Liebe zum humorigen Detail
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Stadt Dortmund, Anja Kador

Alle Gerichte im Victoria’s sind übrigens handmade: "Wir machen alles selbst: die Marmelade, Gebäck, selbst die Clotted Cream ist von uns." Der Rahm ist besonders aufwändig in der Herstellung: ein viertel Liter Sahne ergibt gerade mal fünfzig Gramm Clotted Cream. Dafür muss die Küchenfee schon einiges an Arbeit investieren, um die begehrte Cream in ausreichender Menge herzustellen.

Um all die Leckereien zu zaubern, steht ihr eine Köchin zur Seite. Zu Beginn war sie verzweifelt, weil sie so backen und kochen musste wie Catherina Read und ihr die "richtige Note" zunächst nicht gelingen wollte. "Sie sagte immer ‚Man muss ein englisches Herz haben, sonst klappt es nicht.’ Heute nach 5 Jahren macht sie das toll, ihr Herz ist englisch geworden", lacht die Inhaberin.

"Wir machen alles selbst: die Marmelade, Gebäck, selbst die Clotted Cream ist von uns."

Catherina Read

Read (’s) books

Es gibt weitere Besonderheiten im Victoria’s, z. B. die Möglichkeit Bücher zu tauschen. Vor dem Café steht eine typische englische Telefonzelle in Rot Spalier. Nur, dass hier kein Telefon die Verbindung zu einem Gesprächspartner herstellt, sondern über und über mit Lektüre gespickt ist. Im Café geht es weiter: Bücher im Vorraum, im ersten und im zweiten Gästeraum.

Außer im stillen Örtchen sind überall Bücher zu finden. Natürlich nur englische. "Die in der Telefonzelle kannst du mitnehmen oder tauschen. Die Bücher hier drin sind alle meine privaten. Da entscheide ich spontan. Eine Australierin kommt regelmäßig hierhin. Uns gefallen die gleichen Bücher. Ich gebe ihr von meinen welche mit und sie bringt mir ihre."

Victorias Cottage Cafe

In drei Räumen können es sich die Gäste schmecken lassen
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Stadt Dortmund, Anja Kador

Allerdings gibt es auch bei dieser Dortmunder Variante des Tearooms Grenzen und die setzt Catherina Read – Überraschung! – bei den kulturell zurzeit sehr beliebten öffentlichen Lesungen: "Der Markt ist schon so satt. Es ist einfach nicht meins, ich möchte den Tearoom nicht verwässern. Gäste, die herkommen nehmen sich ein Buch, setzen sich und können hier abschalten. Sie haben nicht das Gefühl, sie müssen reden, sondern sind für sich und haben völlig freie Bahn mit ihren Gedanken."

Diejenigen allerdings, deren Sinn nach Gemeinschaft steht, haben in Catherina Read eine wunderbare Gesprächspartnerin. Wenn der Laden nicht zu voll ist, gibt es immer wieder Zeit für einen kleinen Plausch. Übrigens auch in Englisch! Sie beherrscht die Sprache perfekt.

Kinder, Kinder

Oft fuhr sie als Mädchen mit ihren Eltern nach England. Heute besucht sie mit ihrem Mann und den drei gemeinsamen Kindern regelmäßig Johns englische Familie. Wenn Catherina Read vom Beginn ihrer Beziehung spricht, überzieht eine charmante mädchenhafte Röte das Gesicht der gestandenen Geschäftsfrau und Mutter. In Dortmund auf der Rolltreppe eines schwedischen Bekleidungsunternehmens trafen sich vor 18 Jahren ihre Blicke.

Obwohl sie sich wahrnahmen, verloren sie sich. Es sollte 2 weitere Jahre dauern, bis sie sich wiedersahen. Diesmal zufällig in einem Laden, indem Catherina damals arbeitete. John erkannte Catherina sofort wieder. Bei ihr dauerte es etwas länger: "Wir unterhielten uns an dem Tag lange. John erinnerte sich sofort. Ich dachte, es sei seine Masche. Am nächsten Tag an der Ampel fiel mir siedendheiß ein, dass wir uns tatsächlich auf der Rolltreppe getroffen hatten!" Dann ging alles sehr schnell. "Ich glaube, wir wussten vom ersten Moment an, dass es das mit uns ist."

Victorias Cottage Cafe

Read more books: Die Telefonzelle dienst als Büchertauschbörse
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Stadt Dortmund, Anja Kador

Aus der Read-Ehe sind ihre älteste Tochter Sophie und die beiden Jungs James und John hervorgegangen. Die Kinder haben immer Priorität, weshalb das Türchen zur zauberhaften Welt der Catherina Read nur zwischen donnerstags und sonntags geöffnet ist. Ansonsten kümmert sie sich um die Kinder, fährt sie zum Sport, zum Musikunterricht und anderen Aktivitäten, ist bei Sorgen und Nöten an ihrer Seite. Am Samstag und Sonntag, wenn Trubel im Café herrscht, kümmert sich John Read um die Kids. "Manchmal sagt er, er komme sich vor, wie ein Ex-Mann, der das Kinderwochenende einläutet", lacht Catherina Read.

"Man muss ein englisches Herz haben, sonst klappt es nicht"

Catherina Read

Ergänzungen und Unterstützungen

Unter der Woche betreibt Vater Read seit über einem Jahrzehnt ein erfolgreiches Tattoostudio in Hörde. Beide Geschäfte laufen zwar getrennt voneinander, gehen allerdings auch ein Stück ineinander über. So kommen Johns Kunden gerne zu Catherinas Teatime und umgekehrt sieht man kunstvolle Gemälde von ihm im Café. Das Café kann man kaum verfehlen, was wiederum mit der Kunstfertigkeit John Reads zutun hat: Wer in die Kurler Straße zum Victoria’s einbiegt, sieht den genialen Beatlesgründer John Lennon auf der anderen Seite des Cafés vom Wohnhaus der Reads herunterlächeln: ein Ergebnis der kreativen Kooperation von John und Sophie Read.

Bei den künstlerischen Arbeiten am Gebäck unterstützt er seine Frau und bemalt einen Kuchen in Skateboardform mit fantasievollen Strukturen oder gestaltet eine Torte mit dem Porträt des Lieblingssängers der Tochter. So fotografischrealistisch war das Porträt gelungen, dass die Familie es nicht übers Herz brachte, den Kuchen zu zerschneiden. Also wurde vorsichtig der Deckel vom Gebäck getrennt, der Kuchen genossen und der Deckel nebst Porträt für die Ewigkeit getrocknet. Na ja. Oder zumindest bis zum nächsten Lieblingssänger. "Um alles Filigrane kümmert sich John. Ich bin Grobmotoriker", scherzt Catherina Read.

Victorias Cottage Cafe

Alles isst, einer wacht…
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Stadt Dortmund, Anja Kador

Eines ist klar: Sie ist eine vorzügliche Köchin, dabei hat sie ursprünglich mal Kauffrau gelernt. Der unnachahmliche Geschmack ihrer Küche entsteht in experimentellen Phasen. Allein für die Scones hat Catherina Read 50 Rezepte ausprobiert. "Es hat sehr lange gedauert, bis sie so wurden, wie ich sie mir vorstellte. Ich probiere ein Gericht einfach so lange, bis es klappt." Ihr Mann gab für die lukullischen Kompositionen den Tipp: "Kochen ist wie Malen. Man stellt sich vor, diese Farbe passt gut zu der anderen." Und dieses Gewürz zu dem …

"Kochen ist wie Malen. Man stellt sich vor, diese Farbe passt gut zu der anderen."

Catherina Read

Übungen fürs Leben

Entsprechend sind die Torten für Hochzeiten oder Geburtstage ihrer Gäste ein Geschmackserlebnis und Augenweide zugleich. Inzwischen haben auch Pädagogen das Café entdeckt und verbinden das Nützliche mit dem Angenehmen. Lehrer kommen mit ihren Klassen für ein britisches Essen her. Ganz nebenbei möbeln die Schüler ihr sprachliches Können mit und bei Catherina Read auf.

Regelmäßige Besucher sind Senioren nach ihrem Rollatoren-Training im Johannes-Hospital. "Irgendwann war mal ein alter Mann ohne Rollator dabei. Ich habe ihn gefragt, ob er überhaupt mitmachen dürfe", lacht Catherina Read. "Er sagte: ‚Meine Nachbarin hat mir erzählt, hier sind so viele Frauen. Ich dachte mir, ich komme mal gucken, wie die so aussehen.’ Ein Mann, weit über 80!"

Victorias Cottage Cafe

Das Café beweist, dass die britische Küche besser als ihr Ruf ist
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Stadt Dortmund, Anja Kador

Es gab auch schon mal ein "Whodunnit-Dinner" für Englischlehrer, an das sich die Inhaberin gerne erinnert. Nicht zu vergessen: Ihr Tearoom stellt eine Enklave für hier lebende Briten dar: "Ich kann ohne Übertreibung sagen, dass die Briten gerne in Deutschland leben, aber die Sehnsucht nach Hause bleibt." Und dieses Stück Zuhause finden sie im Victoria’s.

Ganz klar, dass Catherina Read gut zusammenarbeitet mit der in Dortmund ansässigen Auslandsgesellschaft Deutschland. Zuletzt beim alljährlichen Burns Supper, einem Nationalfest, das die Schotten zu Ehren ihres Dichters Robert Burns abhalten. So ist es ganz und gar nicht übertrieben, wenn Catherina Read resümiert: "Wir sind eine Kultureinrichtung."

"Wir konnten das Café in Ruhe aufbauen und gaben dem Laden so eine Chance, wachsen zu können."

Catherina Read

Encounters and stories

Sicher hunderte spannende, lustige, bewegende Geschichten könnte Catherina Read über ihre Begegnungen mit all den Menschen, die zu ihr kommen, erzählen. Besonders berührt sie die eines älteren Herrn, der mit seiner Frau das Café besuchte. Er berichtete von seiner britischen Gefangenschaft nach dem Zweiten Weltkrieg: "Manchmal kann man es kaum glauben, aber er empfand die Gefangenschaft als die schönste Zeit seines Lebens. Die Briten seien so gut zu ihm gewesen, er hätte ihnen sein Leben zu verdanken."

Victorias Cottage Cafe

Die Royals dürfen natürlich nicht fehlen
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Stadt Dortmund, Anja Kador

Sie servierte dem Paar wie bestellt das englische Frühstück. Da passierte ein wahrer Zeitsprung: "Als der Geruch des Essen aufstieg, sprach der Herr plötzlich akzentfreies Englisch." Bis zu seinem Tode vor 3 Jahren war er treuer Gast des Tearooms. Der Respekt, die liebevolle Zugewandtheit gegenüber den Gästen ist immer zu spüren: "Wir konnten das Café in Ruhe aufbauen und gaben dem Laden so eine Chance, wachsen zu können." Gibt es vielleicht dennoch einen Wunsch, den die Familie Read hat? Catherina Read denkt einen Moment nach und erwidert dann lächelnd: "Wir sind da angekommen, wohin wir wollten."