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Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Dortmund-Agentur / Stefanie Kleemann

Satire

Das Prinzip Sträter

19.02.2015, Gaye Suse Kromer

Warum Autor, Vorleser und Satiriker Torsten Sträter auf die Achtziger Jahre gar nicht gut zu sprechen ist, beantwortet er im Gespräch so: "Wir mussten uns anziehen wie Idioten. Lederhandschuh rechts, Netzhemden über Sweatshirts, Karottenhosen in Farben, bei denen Gott sein Gesicht verhüllt." Ganz zu schweigen von der Neuen Deutschen Welle und Monchichis. Diesen Text und andere kann man in Sträters Buch "Selbstbeherrschung umständehalber abzugeben" lesen.

Torsten Sträter

Autor und SatirikerTorsten Sträter kurz vor seinem Auftritt im Flech Bizzel
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Stadt Dortmund, Anja Kador

Lassen Sie uns über Humor sprechen. Lassen Sie uns über Torsten Sträter sprechen. Wie kann man seine Geschichten beschreiben? Vielleicht so: Es sind Alltagssituationen realen Ursprungs, die unter der Feder des gebürtigen Dortmunders immer absurdere Formen annehmen. Komisch sind die Geschichten alle. Durchaus im doppeltem Sinne. Man kann sie in Sträters Büchern lesen. Noch schöner ist es aber, den Autor bei seinen Bühnenlesungen zu erleben. Ruhig, beinah stoisch trägt er seine Texte vor, garniert seine Auftritte mit Anmerkungen und Abschweifungen und steigert so die Abstrusität der Geschichten.

Egal, wie man Bekanntschaft mit ihm macht – das "Prinzip Sträter" gilt für jeden seiner Inhalte: "Alle Leute, die mich kennen, kennen das Prinzip: Jeder, der was Bescheuertes macht und ich kriege das mit, ist selber Schuld." Klar, man kann ihn bitten, doch nicht ausgerechnet DIESE Episode zum Anlass eines neuen Textes zu wählen. Das kann klappen. Oder aber: "Manchmal gibt es Sachen, die zu reizend sind, um nicht erzählt zu werden."

Vom Alltäglichen zum Absurden

Torsten Sträter ist ein Original. Oder, wer es feiner ausdrücken möchte, er ist authentisch. Er redet wie er schreibt wie er auf der Bühne steht. Sträters große Kunst besteht darin, aus dem Alltag die besonderen Momente herauszufischen und ihnen ein persönliches Häubchen der Komik aufzusetzen. Er kommt gerne von Höcksken auf Stöcksken bis zum ultimativen Finale. Zum Alltäglichen fügt Sträter eine Prise Aberwitz hinzu. Nein, meistens eine gewaltige Schaufel. Er versteht es peu a peu die Daumenschrauben so anzuziehen, bis nur noch Lachen Erleichterung verspricht.

Der Endvierziger hat eine Grundeigenschaft, die dem Ruhrgebietler zu Eigen ist: Es gibt kein Thema, das nicht besprochen werden kann. Ereignisse, die ihm in einer Auftrittspause passieren, verarbeitet er postwendend in seinen Lesungen. Eines Tages zum Beispiel steckte ihm ein zehnjähriger Junge in eben solch einer Pause einen Zettel mit seiner selbstgeschriebenen Geschichte zu. Die kam beim Profi so gut an, dass er sie nach der Pause auf der Bühne vortrug. Außerdem ließ er sie in einem seiner Bücher mit einer Ermutigung für den kleinen Nachwuchsautor abdrucken. Eine uneitle Geste. Auch so eine Eigenschaft, die man den Bewohnern des Ruhrgebiets nachsagt.

Thorsten Sträter

Sträter ist überzeugt: Jeder hat Humor
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Stadt Dortmund, Anja Kador

Familienbande

Familie, Freunde und andere Menschen in Sträters nächster Umgebung finden sich, gemäß seinem Prinzip, also regelmäßig auf Papier gebannt wieder. Alltagsgeschichten eben. Oder eben auch nicht. Da wäre etwa die Geschichte mit Struppi, dem unberechenbaren Hund von Oma Christel, in deren Verlauf das Tier dahinscheidet und die Beerdigung durch den jüngeren Sträter-Bruder eine bizarre Wendung nimmt. "Die Geschichte ist, natürlich nicht genauso, aber im Wesentlichen so abgelaufen", plaudert der Autor. Überhaupt, seine Brüder – immer wieder taucht speziell der Jüngste in den Texten auf: "Mein kleiner und mein großer Bruder sind meine Helden. Da lass ich nichts drauf kommen. Sie sind schon gute Typen."

Sein 11-jähriger Sohn ist ebenfalls fester Bestandteil des Sträter-Universums, im privaten natürlich und im literarischen. Genauso absolvieren Freund Uwe aus Jugendtagen oder Olli, der um die Ecke wohnt, den einen oder anderen Auftritt in den Texten. Sie finden es toll, wesentlicher Bestandteil der Geschichten zu sein. Oder nehmen es Torsten Sträter jedenfalls nicht übel. Verständlich, denn man kann ihre Verewigungen wohl als eine ganz besondere Art der Liebeserklärung verstehen.

"Mein kleiner und mein großer Bruder sind meine Helden"

Torsten Sträter

Das Leben, der Luxus, die Ruhe

Ein weiteres Prinzip Sträters: Sein Humor mag zwar derb sein und direkt, aber nicht gemein oder entblößend. "Ich finde es blöd, Leute, die man nicht mag, in Geschichten zu verwursten und sie zu schikanieren." Das hat einen handfesten Grund: „Ich möchte mich nicht mehr damit befassen, was Leute tun müssen, um mir auf den Sack zu gehen. Das kann ja nicht das Grundprinzip sein. Es ist viel wichtiger, dass man Dinge macht, die einem selbst gut tun und dann, wenn man den Luxus hat, auch anderen Leuten eine Freude zu bereiten."

Es ist schwer, den geerdeten Autor derart zu reizen, dass er seine sprichwörtliche Ruhe verliert. Die berühmte Ruhe, die Sträter in seinen Lesungen kultiviert: "Ich bin genauso perfekt wie andere Leute auch. Nämlich nicht. Ich ruhe in mir selbst, seit ich machen kann, was ich möchte. Jahrzehntelang wusste ich nicht, dass ich das, was ich jetzt mache, gerne machen möchte … oder ich war früher einfach zu blöde."

"Es ist viel wichtiger, dass man Dinge macht, die einem selbst gut tun und dann, wenn man den Luxus hat, auch anderen Leuten eine Freude zu bereiten"

Torsten Sträter

Jeder hat Humor

Niemand kann sicher sein, dass Torsten Sträter ihn (oder sie) nicht gerade auf die Rolle nimmt. Sträter kann vor sich selbst kaum sicher sein. Genauso oft, wie er andere herzlich hops nimmt, stellt er sich seiner eigenen Ironie. Selbst diejenigen im Publikum, die sich vorgenommen haben, sich auf keinen Fall zu amüsieren, haben kaum eine Chance, dem Sträterschen Humor zu entgehen. Zwar ist es ihm schon passiert, dass keiner im Publikum lacht "und das ist entsetzlich", erzählt Sträter "aber ich habe gelernt, dass man sich selbst nicht so ernst nehmen soll. Ein schlechter Auftritt ist ein schlechter Auftritt."

Gegenmittel: nicht erstarren. "Die Leute haben immer noch Geld bezahlt für den Auftritt. Es muss eine Variante geben, sie zu unterhalten. Es darf nicht sein, dass sich Leute nicht amüsieren, weil beispielsweise das Gefälle zu groß ist zwischen Ruhrgebietshumor und dem Humor in Baden Baden. Da muss ich die Kurve kriegen. Es gelingt mir vielleicht nicht vollends das Ruder rumzureißen, das ist manchmal so, aber es gelingt mir oft, die Situation zu verbessern." Einen Joker, den Torsten Sträter dabei zieht ist eine Situation, die alle kennen und die er ordentlich mit seinem Humor emulgiert: "Der Widererkennungswert und die Dinge dann zu überspitzen, sind Humorgaranten. Ich neige dazu, es ziemlich auf die Spitze zu treiben. Das funktioniert ganz häufig."

Dass ein Mensch bar jeden Humors lebt, daran glaubt er nicht. Es sei nur eine Frage, wo man den Hebel richtig ansetzt: "Kein Mensch steht dem Leben endgültig ohne Humor gegenüber. Humor fächert sich in viele Kleinigkeiten auf. Sarkasmus, Ironie oder Slapstick – das hat jeder in sich drin. Humorlose Leute haben ihren Humor vielleicht verloren durch Schicksalsschläge, aber Humor ist in dir drin und der muss rausgekitzelt werden. Jeder hat Humor."

"Ich habe gelernt, dass man sich selbst nicht so ernst nehmen soll"

Torsten Sträter
Torsten Sträter

Immer nah dran am Alltag des Bizarren
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Stadt Dortmund, Anja Kador

Richtige Zeit, richtiger Ort

Die Preise, die er inzwischen eingeheimst hat, geben ihm recht. Darunter sind renommierte Preise wie der Prix Pantheon und das Passauer Scharfrichterbeil sowie diverse Poetry-Slam-Preise. Sträters Haltung zu solchen offiziellen Ehrungen ist eher eine ambivalente. Einerseits ist er dankbar dafür. Andererseits: "Ich schätze es nicht sonderlich, gegen Kollegen anzutreten. Preise zu gewinnen – oder zu verlieren – sind immer Momentaufnahmen, die nichts über deine Fähigkeiten aussagen. Gar nichts! Kabarettpreise sind ein Spaß für das Publikum, für die Kabarettisten in der Regel nicht."

Sträter der Lässige, der der einen hohen Anspruch hat, seinen Gästen Freude zu schenken, scheint seine geehrten Leistung eher unter dem Aspekt Glück zu betrachten. Mit der ganz eigenen Sträterschen Logik erklärt er die Sache mit dem Schreiben und dem Erfolg so: "Ich wollte das Schreiben einfach versuchen. Das war alles. Der Rest war Glück. Seitdem ist alles Glück. Es wäre arg vermessen zu sagen, dass das auf spezielle Fähigkeiten zurückzuführen ist. Ich bin ganz oft der richtige Mann am richtigen Ort. Und wenn ich am falschen Ort bin, stört’s mich nicht, also bin ich dann auch wieder am richtigen Ort und deshalb komme ich ganz gut durch momentan."

"Ich wollte das Schreiben einfach versuchen. Das war alles. Der Rest war Glück. Seitdem ist alles Glück"

Torsten Sträter

Inzwischen kommt der ehemalige Poetry Slammer nicht nur im Literaturbetrieb "gut durch", sondern auch im Fernsehen. Man sieht ihn in bekannten Comedy-Formaten wie Nightwash und TV Total. Beim ARD Satiregipfel ist er regelmäßig zu Gast. Genauso regelmäßig betritt Sträter in der NDR-Sendung extra3 als "Vize-Ersatz-Pressesprecher" die Bühne und "wirbt" in dieser Rolle mal für Russlands Präsidenten Putin, mal für die Ölkonzerne oder die Waffenlobby. Elegant stichelt er dabei mit dem Verbal-Florett gegen alles, was zur Macht drängt und an der Macht hängt.

Einen strengen Trennungsstrich zwischen Schreiben und Auftritten mag er nicht ziehen: "Wenn du für die Bühne schreibst, ist beides ein Prozess, der richtig Bock macht. Du sitzt am Schreibtisch mit einer Tasse Kaffee, hast ne Kippe an und denkst dir ‚Das werden die Leute geil finden.’ Dann freue ich mich. Manchmal schreibe ich Sachen, die sich auf der Bühne als totale Scheiße erweisen. Die schmeiße ich einfach weg. Da machste nix."

"Manchmal schreibe ich Sachen, die sich auf der Bühne als totale Scheiße erweisen"

Torsten Sträter

Horrorstart

Bevor er sich ganz dem Schreiben widmete, absolvierte er eine Ausbildung als Herrenschneider, arbeitete später in einer Spedition und auch mal in einer Buchhandlung. Sein bürgerlicher Broterwerb liegt derart lange zurück, dass er fast schon nicht mehr wahr ist. Gelesen hat er immer schon viel. Auch vor dem Schreiben. Ephraim Kishon, Wilhelm Busch, Heinz Erhard etwa oder auch Stephen King. Von Erhard konnte er als Dötzchen ganze Regale auswendig und heute immer noch einige Verse hersagen. Wie er Schreiben definiert? Ganz einfach: "Wer nicht liest, kann auch nicht schreiben. Punkt. Sagt King. Sage aber auch ich. Schreiben ist veredeltes Denken."

"Ich kann mir vorstellen, ein Buch zu einem anderen Thema zu veröffentlich, vielleicht mal ein Roman in humoristischer Form"

Torsten Sträter

Seine ersten – ernsthaften – schriftstellerischen Meriten verdiente sich der Satiriker übrigens als Horrorautor. Seinem ersten Buch "Hämoglobin" folgten weitere des "schwarzen Genres". Es verwundert nicht allzu sehr, dass er als Schreibratgeber Stephen King, ein Meister des Schreibens und ein Meister des Horrors, konsultierte, der die Lektüre "Das Leben und das Schreiben" herausbrachte – das Buch ist halb Autobiografie, halb Ratgeber für willige Textknechte. 15 Jahre alt ist es inzwischen, aber so wahr wie bei der Erstveröffentlichung. So jedenfalls Sträters Meinung. Eine der Erstausgaben befindet sich in seinem Besitz. Er ist stolz darauf, denn sie ist vom Meister höchst selbst signiert und für Sträter eine ewige Fundgrube guter Schreibtipps.

Torsten Sträter

Der Autor schreibt und redet wie gedruckt und ist dabei auch noch witzig
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Stadt Dortmund, Anja Kador

Den Start ins professionelle Schreiben datiert der Autor auf 2004, das Vorlesen auf 2007: "Ab Tag eins habe ich festgestellt, dass mir das Spaß macht. Das war bei meiner ersten richtigen Lesungsangelegenheit in der Bücherei Bochum Wattenscheid." Die Bochumer Veranstaltung hat ihn so geprägt, dass er die Geschichte noch heute in seinem Programm erzählt. Man kann darauf vertrauen, dass diese Geschichte natürlich eine humorige Wendung nimmt.

Fini – oder?

Seine künstlerische Entwicklung kann man vielleicht in Kürze so beschreiben: Probiert und drangeblieben. Oder besser: probiert, probiert, probiert und drangeblieben. Auch wenn der Weg ein leichter scheint, stellt Sträter rückblickend fest: "Ich bin die Strecke von 2004 zu Fuß gegangen. Vom Schreiben übers Liegen lassen über einen Kleinverlag." Der Rest ist bekannt: Poetry Slams, Touren, Fernsehen, Touren: "Ich habe einen Lauf. Viele Menschen sind mit mir viele Risiken eingegangen, als sie mich gebucht haben. Ich bin froh, dass ich sie nicht umfänglich enttäuscht habe." Nun, von Enttäuschung kann wirklich keine Rede sein.

Wie geht’s weiter? Zwar steuert Torsten Sträter etwa einmal jährlich Texte für Anthologien aus dem Horrorgenre bei, konzentriert sich inzwischen aber auf humoristische Texte. Im letzten Jahr erschien „Selbstbeherrschung umständehalber abzugeben“ als Taschenbuch. Als Lesemitschnitt gibt es eine gleichnamige Hör-CD. Davor erschien eine Sammlung seiner witzig-absurden Geschichten unter dem Titel „Der David ist dem Goliath sein Tod“.

"Ich bin die Strecke von 2004 zu Fuß gegangen. Vom Schreiben übers Liegen lassen über einen Kleinverlag"

Torsten Sträter

Natürlich steht Sträter auch weiterhin auf Bühnen in ganz Deutschland. "Ich kann mir vorstellen, ein Buch zu einem anderen Thema zu veröffentlich, vielleicht mal ein Roman in humoristischer Form. Ich kann mir vorstellen, dass meine Karriere mal den Bach runtergeht, dann sehen wir uns in zwei, drei Jahren hoffentlich im Fletch Bizzel mit vierzig Leuten wieder und man nimmt nur acht Euro Eintritt. Ich verspreche, ich werde nicht unzufrieden sein." Im Moment jedenfalls ist Torsten Sträters Zeit. Er ist wohl tatsächlich der richtige Mann an der richtigen Stelle zur richtigen Zeit …