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Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Dortmund-Agentur / Stefanie Kleemann

Mobiler Dienst der Bibliotheken

Bücher und ein Lächeln

24.02.2015, Petra Schrader

In der Zentralbibliothek und in den Stadtteilbibliotheken leihen sich Menschen Bücher und andere Medien. Doch nicht alle, die gerne lesen, sind körperlich in der Lage, in eine Bibliothek zu gehen. Deshalb hat der Rat vor fast 30 Jahren beschlossen, einen mobilen Bibliotheksdienst einzurichten.

Mobiler Dienst der Bibliotheken

Die "Mobis" Wayne Pankoke (links) und Paul Rojahn sind im Auftrag der Bibliotheken unterwegs
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Petra Schrader

Begonnen hat der Mobile Dienst der Bibliotheken mit jeweils vier Zivildienstleistenden. Heute gibt es keinen Zivildienst mehr. Menschen, die sich im Rahmen des Bundesfreiwilligendienstes gemeldet haben, haben diese Aufgabe übernommen – so wie Paul Rojahn (21) und Wayne Pankoke (20).

Vor der Zentralbibliothek steht, sauber gewaschen, ein weißes Auto. Das Auto ist, wie sein Vorgänger, eine Spende der Sparkasse Dortmund. Ohne diesen PKW wäre der mobile Dienst der Bibliotheken so nicht möglich. Seit dem 1. September 2014 sind Paul Rojahn und Wayne Pankoke für diesen Dienst unterwegs. Die Tasche mit einer Auswahl von Romanen in Großdruck landet im Kofferraum und los geht es Richtung Körne. Paul fährt. Er fährt gerne Auto und auch deshalb hat er sich entschieden, im Bundesfreiwilligendienst zum Mobilen Bibliotheksdienst zu gehen. "Mobis" werden die jungen Männer hier liebevoll genannt.

Weder Paul noch Wayne ahnen an diesem Februarvormittag, dass der Tag anders als geplant verlaufen wird. Sie sind unterwegs zu einer ihrer liebsten Kundinnen: Aus einem Angebot von mehreren Büchern soll sich gleich die fast 100 Jahre alte Lydia Arendt ihre Lektüre für die nächsten vier Wochen aussuchen. "Am Telefon hat sie gesagt, vielleicht nimmt sie nur noch zwei, statt bislang vier Bücher, wegen der Augen, die wollen nicht mehr so", erzählt Wayne. Der 20-Jährige möchte Industriekaufmann werden und sucht noch einen Ausbildungsplatz. Bis dahin will er "Mobi" sein, denn nur so zu Hause rumzuhängen ist nicht das Ding des eher zurückhaltenden jungen Mannes.

Die beiden finden, Frau Arendt ist ihre Lieblingskundin: Sie freut sich immer auf die Bücher, aber auch auf ein Gespräch mit den beiden "Mobis", hält meistens ein bisschen Schokolade bereit. Für den Besuch bei ihr planen Paul und Wayne meistens eine gute halbe Stunde ein. Ganz anders, als bei einem anderen Kunden, der auch einmal im Monat Bücher von ihnen gebracht bekommt, die er vorher ausgesucht hat. "Das dauert keine drei Minuten, dann sind wir wieder im Auto. Kein freundliches Wort, schon gar kein Gespräch, ein bisschen wie beim Pizzaservice", findet Wayne. Irgendwo zwischen Frau Arendt und diesem älteren Mann sind die übrigen Kunden anzusiedeln, die vom mobilen Dienst der Bibliotheken ca. ein Mal im Monat zu Hause mit Medien versorgt werden.

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Bücherleiherin Lydia Arendt hat mit fast 100 Lebensjahren eine lange Lesekarriere
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Vorreiterrolle

Als die Dortmunder Stadt- und Landesbibliothek diesen Dienst einführte, gab es ihn im Ruhrgebiet nur noch in Gelsenkirchen. Mit den aktuell 32 Privatkundinnen und -kunden sowie fünf Seniorenzentren, die von den beiden Mobis betreut werden, ist Petra Grübner, stellvertretende Leiterin der Stadt- und Landesbibliothek, ganz zufrieden. "Das sind, denke ich, mehr als in vergleichbaren anderen Städten."

Die Bibliotheken machen für diesen besonderen Service nicht viel Werbung: "Seit es keine Zivildienstleistenden mehr gibt, wissen wir nie, ob wir den mobilen Dienst aufrechterhalten können. Es ist von Jahr zu Jahr ungewiss, ob das Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben die Finanzierung sicherstellen kann, und ob sich Menschen für den Bundesfreiwilligen Dienst melden. Und wenn sie da sind, können sie, anders als die Zivis, jederzeit gehen."

Das werden auch Paul und Wayne tun, sobald sie einen Ausbildungsplatz gefunden haben. Doch solange sind sie kreuz und quer im Stadtgebiet unterwegs und bringen Menschen, die in ihrer Mobilität wegen ihres Alters oder einer Krankheit eingeschränkt sind, Bücher ins Haus. "Manchmal sagen unsere Kunden sehr genau, welche Bücher sie gerne lesen möchten. Andere geben eine Richtung vor, wollen nur Krimis, oder auf keinen Fall Krimis oder so ähnlich. Dann machen wir uns selbst Gedanken und stellen Bücher zusammen, die unserer Meinung nach für diese Frau oder diesen Mann geeignet sind", erzählt Paul.

Welche Bücher sie ausleihen, müssen die "Bufdis" – wie sie auch genannt werden – technisch erfassen. Zu ihren Aufgaben gehört auch, eine Statistik zu den geliehenen Medien zu führen, Medien ins Ausleihzentrum zurück zu bringen und für Kunden und potentielle Kunden telefonisch und elektronisch ansprechbar sein. Außerdem kümmern sie sich darum, dass ihre Kunden von den Bibliotheken einen Gruß zum Geburtstag erhalten. Oft sind die "Mobis" auch bei Aktionen der Bibliotheken dabei und helfen beim Auf- und Abbau oder transportieren Material.

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Diese Büchertasche zum Literaturglück nehmen die "Mobis" immer zu ihrer Kundschaft mit
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Ende einer Passion

Gemeinsam mit Wayne ist Paul so oft bei Frau Ahrends gewesen, dass er für den Weg aus der Innenstadt in den Vorort kein Navigationsgerät mehr benötigt. Der Wagen wird ordentlich geparkt, die Tasche mit den Büchern in Waynes Hand stehen die beiden Mobis vor dem Haus und klingeln. "Hoffentlich hört sie uns, manchmal überhört sie die Klingel und dann müssen wir irgendwie auf uns aufmerksam machen", sagt Paul.

Doch der Türsummer gibt den Weg frei und in der Wohnungstür erwartet Frau Arendts die beiden. Allerdings nicht mit guten Nachrichten: "Ich will nun keine Bücher mehr. Ich bin jetzt hundert Jahre alt und habe genug gelesen", sagt sie anstelle einer Begrüßung. Dann aber bittet sie die Besucher doch noch in ihr Wohnzimmer. Auf dem Tisch liegen die Bücher, die Paul und Wayne ihr das letzte Mal gebracht haben: "Sollen wir Ihnen nicht doch zwei Bücher dalassen?"

Nein, die beiden sollen alles in die große Tasche packen. Frau Arendts will nicht mehr, oder genauer ihre Augen wollen nicht mehr. "Mehr als 50 Jahre habe ich Bücher aus der Bibliothek geliehen. Erst Bücher aus der Zechenbibliothek, dann in Eving aus der Stadtteilbibliothek und dann über den mobilen Dienst. Jetzt ist Schluss, ich will nicht mehr – und ich kann nicht mehr" sagt die zierliche alte Dame.

Und sieht doch zufrieden aus, als die "Mobis" nicht einfach nur einpacken, sondern sich ihrer Bitte entsprechend noch eine Weile zu ihr auf das Sofa setzen. Wie viele Bücher sie gelesen hat? Das weiß sie nicht mehr. Viele auf jeden Fall und seit sie körperlich eingeschränkt ist und den mobilen Bibliotheksdienst in Anspruch nimmt, jeden Monat vier. "Mein Lieblingsbuch war eines über Afrika", sagt sie.

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Für Wayne und Paul geht es nun weiter zum nächsten Leser
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Petra Schrader

Für ein Lächeln

Paul und Wayne nehmen alle Bücher mit, versichern der alten Dame, sie könne es sich jederzeit anders überlegen, falls sie doch nicht ohne Bücher auskommt und machen sich auf den Rückweg – Schokolade gab es heute keine. In der Zentralbibliothek werden sie die Bücher zurückstellen und ihre Tasche neu packen. Am Nachmittag wartet eine knapp 70-jährige Kundin auf die beiden. Sie ist Science-Fiction-Fan "Meistens bringen wir ihr so fünfzehn Bücher und oft ruft sie uns nach spätestens drei Wochen an und bittet um neue Lektüre", erzählt Paul.

Und Wayne berichtet, wie er Bücher aussucht: "Manchmal loben Kunden einen Autor und dann denke ich, das könnte auch für andere Kunden ein gutes Buch sein. Ansonsten lese ich die Klappentexte." Reich werden die beiden in ihrem Jahr im Freiwilligendienst nicht, denn für sie gibt es maximal ein Taschengeld von 360 Euro. Aber sie haben ein Jahr Zeit, sich Gedanken über ihre Zukunft zu machen und haben dennoch eine Tagesstruktur. Das Besondere, was sie von diesem Jahr haben, fasst Paul knapp zusammen: "Ein Lächeln, wenn wir die Bücher bringen."