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Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Dortmund-Agentur / Stefanie Kleemann

Immanuel-Kant-Gymnasium

Erste "Schule ohne Rassismus" bundesweit

17.03.2015, Anja Kador

Am 21. Juni 1995 schrieb das Immanuel-Kant-Gymnasium (IKG) in Dortmund-Asseln bundesweit Geschichte. Im Beisein des damaligen Oberbürgermeisters Günter Samtlebe konnte das IKG als erste Bildungseinrichtung den Titel "Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage" (SoR) entgegennehmen.

Immanuel-Kant-Gymnasium

"Wie wollen wir zusammen leben" war das Motto der Projektwoche
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Anja Kador

20 Jahre später gehören dem größten Schulnetzwerk in Deutschland fast 1.700 Schulen an, die von über einer Million Schülerinnen und Schülern besucht werden. "Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage" ist ein Projekt von und für Schülerinnen und Schüler. Es bietet ihnen die Möglichkeit, das Klima an ihrer Schule aktiv zu gestalten und bürgerschaftliches Engagement zu entwickeln. Das Projekt wendet sich gegen alle Ideologien der Ungleichwertigkeit. Es beschäftigt sich mit Diskriminierungen aufgrund der Religion, der sozialen Herkunft, des Geschlechts, körperlicher Merkmale, der politischen Weltanschauung oder der sexuellen Orientierung.

Immanuel-Kant-Gymnasium

NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann im Gespräch mit Schulleiter Klaus-Markus Katthagen
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Festakt mit NRW-Schulministerin

Die Selbstverpflichtung, sich gegen Diskriminierung jeder Art zu positionieren, ist für das IKG Programm. Schulleiter Klaus-Markus Katthagen erklärt: "Neben der regelmäßig stattfindenden Arbeitsgemeinschaft ‚SoR’ mit ihren Projekten und Aktionen, bedeutet die gesamte Initiative, dass die Idee der Akzeptanz von Verschiedenheit von der ganzen Schule getragen wird". Anlässlich des 20-jährigen Bestehens "Schule ohne Rassismus" lief vom 11. bis 13. März 2015 eine Projektwoche, an der alle Schülerinnen und Schüler von der 5. Klasse bis zur Oberstufe teilnahmen. Unter dem Motto "Wie wollen wir zusammen leben?" arbeiteten die Jugendlichen in insgesamt 43 Projekten an Themen wie etwa "Rechte Musik als Köder", "Multikulti in der Küche" oder "Gewaltprävention/Zivilcourage". Am Freitag, 13. März, fand in der Aula des IKG die Projektpräsentation statt. Im Anschluss beging das Gymnasium einen großen Festakt, unter anderem mit NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann und Bürgermeisterin Birgit Jörder, dem neuen Projekt-Paten, BVB-Stadionsprecher Norbert Dickel, sowie Karl-Heinz Czierpka, Bezirksbürgermeister im Stadtbezirk Brackel.

Immanuel-Kant-Gymnasium

Insgesamt 43 Projekte zu unterschiedlichen Themen erarbeiteten die Schülerinnen und Schüler während der Projektwoche
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IKG-Schüler brachten das Projekt aus der Jugendarbeit mit

Czierpka war derjenige, der vor 20 Jahren in Asseln als Lehrer dabei war und das Projekt maßgeblich mit angeschoben und koordiniert hat. 1995 unterrichtete er die Fächer Physik und Chemie am IKG und war sogenannter "Verbindungslehrer" - also von Schülerinnen und Schülern gewählt, um die Schülervertretung (SV) mit zu organisieren und unterschiedliche Interessen zusammenzubringen. Er erinnert sich, wie das Projekt "Schule ohne Rassismus" am IKG Fahrt aufnahm. Das Projekt war seinerzeit bereits seit mehreren Jahren in Belgien und den Niederlanden etabliert. "Und zwar als richtig großes Projekt, mit der richtigen finanziellen Unterstützung", weiß Czierpka.

Immanuel-Kant-Gymnasium

Ein tolles Graffitti sprayten Schülerinnenund Schüler während der Projektwoche an die Wand des Schulgebäudes
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Es gab Handbücher, Anleitungen, fertig formulierte Formblätter. Über die Jugendarbeit kam die Idee, sich mit Rassismus im Sinne von "Benachteiligung von Minderheiten" aktiv auseinanderzusetzen, dann nach Deutschland. Die Evangelische Kirche war in Dortmund die Kontaktstelle, die sich mit der Adaption des Projektes auf deutsche Verhältnisse beschäftigte. Die Kirchen-Beschäftigten begannen, die Handbücher zu übersetzen. "Einige der IKG-Schüler, die dort in der Jugendarbeit waren, guckten denen quasi über die Schulter und brachten das dann mit an die Schule", berichtet Czierpka.

Idee fiel auf fruchtbaren Boden

Auch wenn der Entschluss, sich an einem solchen Projekt zu beteiligen, in der Form völlig neu war, wurde am IKG schon vorher eine Tradition der Antirassismus-Arbeit praktiziert. "Hier lebten damals viele Spätaussiedler aus dem Osten", erläutert Czierpka. Darunter seien viele Schülerinnen und Schüler jüdischen Glaubens gewesen und am IKG habe es immer schon den Schwerpunkt gegeben, sich mit der deutschen Geschichte auseinanderzusetzen. "Also fiel die Idee auf fruchtbaren Boden", so Czierpka.

Schule ohne Rassismus

Szene aus einem Gebärdentheaterstück
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Motto "Alle anders, alle gleich"

Unter dem Motto "Alle anders, alle gleich" machten sich bis zu 40 Schülerinnen und Schüler aller Klassenstufen aus der SV an die Realisierung des Projektes. "Der Clou des Konzeptes ist ja gerade, dass die Jugendlichen sagen, wir wollen eine Schule ohne Rassismus sein - und nicht die Lehrer", erklärt Czierpka. Um das Gütesiegel zu erlangen, ist bis heute gefordert, dass 70 Prozent der Schulgemeinde (dazu zählen alle an der Schule Wirkenden wie Schüler, Lehrer oder Hausmeister) mit ihrer Unterschrift das Bekenntnis abgibt, sich für Minderheiten einzusetzen. Die SV organisierte den Prozess und bekam die erforderlichen Stimmen zusammen.

Immanuel-Kant-Gymnasium

Norbert Dickel ist der neue Projektpate
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In der Folge der Verleihung des Gütesiegels wurden viele schulische Aktionen organisiert, denn ein Projekt wie dieses musste mit Leben gefüllt werden. "Man braucht den Deutschlehrer, der die entsprechende Literatur liest oder den Kunstlehrer, der mal ein Plakat mit den Schülern entwirft", erläutert Czierpka. So wurden Spielzeugsammlungen für die Kinder im Übergangsheim durchgeführt, Lesungen zur Gedenkstättenarbeit wurden organisiert, die Schule führte ein Patensystem ein, bei dem ältere Schülerinnen und Schüler den Neuankömmlingen des IKG mit Rat und Tat zur Seite stehen - und das bis heute am IKG praktiziert wird.

Immanuel-Kant-Gymnasium

Bürgermeisterin Birgit Jörder
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Neues Patenprogramm für Jugendliche ohne Deutschkenntnisse

Schulleiter Katthagen hat das Patensystem nun weiterentwickelt. Ab Mitte März richtet das IKG eine Klasse für ausländische Schülerinnen und Schüler ohne Deutschkenntnisse ein. Die Kinder dieser Klasse kommen meist aus Syrien, Bulgarien, Marokko und dem restlichen afrikanischen Kontinent und dem Irak. Am IKG sollen sie Deutsch lernen, um dann nach zirka 1 ½ Jahren eine Regelklasse zu besuchen. Um diesen Kindern das Ankommen zu erleichtern, erarbeitet Katthagen während der Projektwoche mit Schülerinnen und Schülern ein speziell für die Zielgruppe der Jugendlichen mit Zuwanderungshintergrund bestimmtes Patenprogramm. "Wir nehmen diese Aufgabe gern an, die Neuen sollen sich vom ersten Tag an zugehörig zu dieser Schule fühlen. Dabei können unsere Jugendlichen wichtige Hilfestellungen leisten. Klar ist für uns, dass Integration und Akzeptanz tatsächliche Begegnung brauchen. Nur so kann die gesammelte Erfahrung nachhaltig sein", erläutert Katthagen den Ansatz.

IKG erfuhr bundesweite Aufmerksamkeit

So wichtig wie die Idee im Schulalltag heute ist, so hoch war 1995 die Aufmerksamkeit bundesweit bei der Umsetzung des Projektes am IKG als erster Schule in Deutschland: "Wir hatten bis Ende 1995 fast 500 Anfragen von anderen Schulen, die das auch machen wollten. Außerdem habe ich damals drei oder vier überregionale Lehrerfortbildungen besucht, bei denen ich das Projekt vorgestellt habe", berichtet Czierpka.

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Gegen Rassismus: Die Schüler haben eine Mauer gebaut, die es zu durchbrechen gilt
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Anja Kador

Die Schülerinnen und Schüler wurden zu Dialogforen - zum Beispiel von der damaligen Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth - eingeladen, um zu berichten. Sogar bei der Bundespressekonferenz in Bonn anlässlich der Einführung des Projektes in Deutschland stellten die IKGler das Projekt im August 1995 vor - mit prominenter Begleitung wie Ignatz Bubis vom Zentralrat der Juden in Deutschland und dem Sänger Smudo von den Fantastischen Vier. Czierpka zieht ein positives Fazit: "Es war eine interessante Zeit. Alle haben dort viel gelernt in Sachen Netzwerkarbeit."

Das IKG hat 1995 den Anfang gemacht und bildete damit in Deutschland den ersten Baustein eines Netzwerkes, das sich bis heute stetig vergrößert: Allein seit Beginn des Jahres 2015 konnten rund 30 Schulen in Deutschland neu mit dem Gütesiegel "Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage" ausgezeichnet werden.