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Phoenixsee

Aus unserer Stadt

Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Dortmund-Agentur / Stefanie Kleemann

Sport

Sehnsucht nach Meer

28.04.2015, Gaye Suse Kromer

"Am Sonntag will mein Süßer mit mir segeln gehen..." besingt ein klassischer Schlager das Wind- und Wasservergnügen. Vor den Genuss hat die deutsche Schifffahrtsregelung allerdings die Bootsführerscheine gesetzt. Und zwar ganz schön viele. Alle Scheine rund ums (Hochsee-) Segeln kann man jetzt auch Mitten in Dortmund erwerben. In Dortmund? Genauso ist es.

Segelschule

A.S.T.-Geschäftsführer Jörg ‚Joe’ Handwerker auf seinem Motorboot im Hafen der Nordstadt
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Stadt Dortmund, Stefanie Kleemann

Der PHOENIX See in Hörde bietet Gelegenheit, sich mit Hilfe der Dortmunder Segelschule Adriatic Sailing Team (A.S.T.) peu a peu in die hohe Kunst des Segelns einzufuchsen. Inhaber und Geschäftsführer Jörg Handwerker, genannt Joe, ist immer noch begeistert, dass es 2014 mit einer Konzession für seine Jolle auf dem Stadtsee geklappt hat: "So was gab es noch nicht in Dortmund. Wie auch? Im Nordstadt-Hafen durftest du ja nicht segeln", stellt er fest.

Kompletter Fuhrpark

Die Jolle, mit knapp 5 Metern ein überschaubares Bötchen, ist der Einstieg für den Sport und nicht das einzige Schiff des A.S.T. Im Hafen liegt ebenfalls eines – das Motorboot. Wer es bis zum Hochsee-Segelführerschein schaffen will, muss nach der Jolle erstmal rein in den Hafen und rauf aufs Motorboot. Die Königin im A.S.T.-Stall liegt an der Adria-Küste in Kroatien: eine Hochseeyacht mit 13 Metern Länge. Hier schult das Team die Fortgeschrittenen. "Die Flotte ist mit unserer Yacht nun komplett", so Joe. Puh. Kompliziert.

"Nicht wirklich", widerspricht Geschäftsführer. "Grundsätzlich gibt es zwei Sportbootführerscheine: einen für Binnengewässer und einen für Seegewässer. Das ist die Basis. Alle anderen Scheine bauen darauf auf." Grobe Richtlinie für Landratten: Binnengewässer sind vom Land umschlossene Gewässer, unter Seegewässer kann man den großen Rest verstehen. Wann welcher Schein sinnvoll ist und vom angehenden Segler gemacht werden kann, erklären die A.S.T.-Mitarbeiter auf dafür eingerichteten Infoabenden. Wie weit man mitsegeln will, muss der potenzielle Seebär allerdings schon selbst entscheiden.

"Es führen eben viele Wege aufs Wasser"

Jörg Handwerker

Auch vor der Gründung vom A.S.T. konnte man Segeln lernen: Es gibt verschiedene Vereine in Dortmund, unter anderem in unmittelbarer Nachbarschaft des A.S.T. Man schätzt sich, kooperiert sogar miteinander. Es führen eben viele Wege aufs Wasser: entweder als festes Vereinsmitglied mit allen Vorzügen und Pflichten einer Mitgliedschaft oder eine temporäre Bindung für die Schulungen beim A.S.T., das hochoffiziell als einzige gewerbliche Schule in Dortmund arbeitet.

Segelschule

Am Steuerrad wird die Richtung bestimmt
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Stadt Dortmund, Stefanie Kleemann

Raus aufs Meer

Die Schule gründete Joe 2009. Als Geschäftsführer leitet er ein Team bestehend aus 9 Leuten, die in Theorie und Praxis ausbilden bzw. Verwaltung der Schule und Organisation von Gruppen übernehmen. Inzwischen macht die Segelschule 1.000 Scheine pro Jahr. Die Kunden kommen aus Dortmund und der Region, für die Hochseeyacht melden sich Interessenten sogar aus ganz Deutschland, Österreich und der Schweiz beim A.S.T. an.

In seinem "ersten" Leben arbeitete Joe 17 Jahre erfolgreich als Kameramann, drehte für private und öffentlichrechtliche Sender rund um den Globus Reportagen, Dokus und News. Der Job forderte seinen Tribut: "Das Fliegen hat mich zum Schluss verrückt gemacht, die Hotels, nicht Zuhause sein zu können … Ein halbes Jahr am Stück auf der anderen Seite der Welt unterwegs und daheim hast du kleine Kinder. Nö, das wollte ich nicht mehr." 2007 mit der Geburt seines Sohnes war Schluss. Endgültig. Er habe alles sehen dürfen, aber: "Ich bin durch mit dem Thema, heute mache ich nicht mal mehr Fotos."

Familiäre Bande

Die Segelluft, die ihn nicht mehr losließ, schnupperte er bereits 1989 in der Karibik bei einer Katamaranfahrt mit Freunden. Später, nach dem Bruch mit der Fernseh-Karriere, ergab das eine das andere. "Ich war mit Kumpels segeln. Die erzählten das anderen, die das auch machen wollten. Ich habe einen Törn organisiert, danach noch einen und noch einen." Die Leute wollten mehr Hintergrundwissen. Joe begann Kurse zu schreiben: "So ist der Laden langsam gewachsen."

Dass die Wahl für die A.S.T.-Hochseeyacht auf Kroatien fiel, lag für Joe quasi in der Familie. Seine Mutter kommt gebürtig von dort. "Ich kenne die Küste seit meiner Kindheit von Umag bis Dubrovnik. In den Ferien habe ich immer meine Großeltern besucht. Da bin ich mit Schülern ruhigen Gewissens unterwegs." Joe kennt nicht nur die Adria, die "Karibik Europas", wie seine Westentasche, sondern spricht auch die Sprache fließend.

In Dortmund die Theorie, die Ausbildung mit der Jolle am PHOENIX See und dem Motorboot im Hafen und dann geht es runter an die Adria."

Jörg Handwerker

Dennoch nachgehakt: Wie kommt man auf die Idee, ausgerechnet in Dortmund eine Segelschule aufzumachen? Joe lacht herzhaft: "Ich bin geborener Dortmunder. Watt soll ich mach’n? Das hier ist genauso meine Heimat wie Kroatien und eine ideale Brücke. In Dortmund die Theorie, die Ausbildung mit der Jolle am PHOENIX See und dem Motorboot im Hafen und dann geht es runter an die Adria."

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Schiffstaue gehören ordentlich aufgewickelt
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Stadt Dortmund, Stefanie Kleemann

Alles ist machbar

Jeden Sommer geht es mit einer Flottille – eine kleine Gruppe von Schiffen – mit Schülern, die beim A.S.T. schon die Hochseeausbildung durchlaufen haben an die Adria. "Sie bekommen ein eigenes Schiff und ein Rahmenprogramm mit Skippertraining im Hafen. Jeden Morgen findet eine Besprechung statt: Wie sieht die heutige Strecke aus, was macht das Wetter und wohin soll es gehen?"

Alles ist organisiert. In den Marinas – Anlegehäfen für Sportschiffe – sitzen abends Teilnehmer und A.S.T.-Mitarbeiter an einem großen Tisch. Immerhin bis zu 70 Personen. Sogar kleine Regatten – Sportwettfahrten – richten Joe und seine Leute aus: "Die Gäste können einen 10 Kilo Schinken gewinnen. Eine schöne Segelwoche ist das. Unser Konzept: Wir wollen den Teilnehmern die Schönheit des Landes und das tolle Hobby näher bringen."

Mit seiner zupackenden Art sagt Joe: "Machbar ist alles". So kann man beim A.S.T. etwa reine Frauen-, Familien- oder Firmentörns buchen oder Schulungen vor den Kapverdischen Inseln: "Dort üben wir Starkwind. Der Atlantik ist etwas anspruchsvoller als die Badewanne Kroatien", stapelt Joe tief. Wer es individuell mag oder nur ein bisschen mitsegeln möchte – es gibt unendliche viele Möglichkeiten, beim A.S.T. ein individuelles Rundum-Glücklich-Paket schnüren zu lassen.

Perspektivisch will sich der Macher weiter in Dortmund verankern: "Ich möchte uns mehr etablieren und unseren Ruf soweit ausbauen, dass wir im Ruhrgebiet einen Name haben, an dem niemand vorbeikommt." Zurzeit baut der Geschäftsführer die Kooperationen mit Dortmunder Schulen auf und aus. Ein sehr erfolgreiches Referenzprojekt lief letztes Jahr mit der Hauptschule am Hafen.

Knoten lernten die Schüler vor der Segelwoche im Kunstunterricht. Während des eigentlichen Trainings übten sie mit dem A.S.T. Kentern im Nordbad. Das Segeln absolvierten die Schüler am Südufer des PHOENIX Sees: "Alle schön unserem Team hinterher wie die Ente mit ihren Jungen." 46 von 50 Schülern konnten am Ende der Woche ihren Optimistenschein in Empfang nehmen. Joe steht inzwischen mit weiteren Dortmunder Schulen in Gespräch, die ebenfalls Interesse signalisieren.

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Auf und unter Deck gilt: Safety first
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Stadt Dortmund, Stefanie Kleemann

Mit Neugier und Mut

Den ersten Segelschein kann man mit 7 Jahren machen. Das ist der sogenannte Optimisten- oder auch Optischein. Ab 14 Jahren ist mit der Jolle der erste Sportbootführerschein möglich. Mit mindestens 16 Jahren können Teilnehmer eine Prüfung "unter Maschine" ablegen, also auf dem Motorboot lernen. Ganz gleich wie und wann der Startschuss für die eigene Segelleidenschaft fällt – es gilt: ein ärztliches Attest, unter anderem zur Prüfung einer Rot-Grün-Sehschwäche, ist Pflicht. Ab 18 Jahre muss zusätzlich das Führungszeugnis her. Steht dort eine Straftat im Straßenverkehr, wird’s sehr schwierig mit einem Sportbootführerschein.

Gefragt nach den Fähigkeiten, die ein Segelfrischling idealer Weise mitbringt, antwortet Joe: "Gefühl, Orientierung, Mumm haben. Wissbegierde ist ebenfalls hilfreich. Das Segeln ist eine Mischung aus Intuition und Wissen. Nicht sofort Schiss bekommen, wenn das Schiff ein bisschen auf die Seite geht." Außerdem ist es nicht ungünstig, über technisches bzw. physikalisches Verständnis zu verfügen: "Man muss erstmal verstehen, warum Segeln möglich ist. Es ist ja nicht so, dass ein Lappen aufgehängt und da reingepustet wird."

Immer noch sind es mehr Männer als Frauen, die sich dem Segeln als Hobby widmen. Rund ein Viertel Frauen begrüßt Joe an Bord. Wieso nicht mehr? Das sei ein bisschen wie mit der Fernbedienung daheim auf dem Sofa, scherzt Joe: "Am Ende will immer der Mann der Skipper sein. Ich finde das schade." Wenn die Ansage mal kein Ansporn ist: Also, Frauen, rauf aufs Deck!

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Joe auf der Jolle am PHOENIX See
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Adriatic Sailing Team

Safety first

Der Geschäftsführer ist selbstverständlich ein geübter Segler, genauso wie seine Leute. Er hält nichts von "Schlaukackern" mit mehreren Scheinen in der Patte, aber kaum Seemeilen an Erfahrung. Trotzdem gibt es Situationen, die können auch den Härtesten umhauen: "Das Meer ist schön, aber es kann dich holen, deshalb muss man immer wachsam sein."

Richtig furchteinflößende Erfahrungen hat Joe bisher nicht gemacht, dreimal schnell auf Holz geklopft, allerdings schwingt der Respekt vor den Naturgewalten bei seinen Erzählungen mit: "Wenn du in einen Sturm mit bis zu 10 Windstärken kommst, kann das brutal abgehen, aber wir wissen, wie unsere Reserven aussehen und für solche Fälle ist das Material gemacht." Respekt und Vernunft sind das oberste Kredo, so dass es zu keinen großen Ausfällen kommen kann. Das "Schlimmste" auf der Liste von Unfällen war bisher ein aufgeschlagenes Knie nach dem Ausrutschen.

Ob Opti-Schein oder Hochseesegeln, es gilt: Safety first. Das fängt schon damit an, dass jeder, unabhängig vom eigenen Schwimmtalent, auf dem Boot eine Weste tragen muss. Beim Thema Sicherheit ist der geschmeidige Geschäftsführer rigoros. Kein Wunder. Bis zu 7 Menschen lässt er auf die Hochseeyacht und er als Skipper trägt an Bord die Verantwortung für die Mannschaft. Egal, ob Schüler, Mitarbeiter oder Familie: "Wir spielen nicht die Helden. Im Zweifel bleibst du in der Marina – das sage ich auch meinen Schülern. Das Segeln ist ein Hobby und da musst du kein Risiko eingehen."

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Der Skipper an Deck eines seiner drei Boot
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Stadt Dortmund, Stefanie Kleemann

Meer Lebensgefühl

Jetzt ist so viel über Sicherheit und Schulungen gesprochen worden. Wo bleibt eigentlich der Genuss? "Das Segeln ist eine wunderbare Art der Entschleunigung. Man kann das Ringsrum an Land vergessen. Das Segeln ist ein Kosmos für sich. Es ist wunderschön, wenn man draußen ist und sich die Delfine um einen tummeln oder man tolle Wetterereignisse erlebt."

Was Segeln wirklich bedeuten kann, erzählt der Geschäftsführer anhand einer Geschichte: "Vor einigen Jahren kam eine 62-jährige Dame an Bord, die mir verschwieg, dass sie ein Jahr unter einer schweren Grippe gelitten und sich nur schwer erholt hatte. Normalerweise sprechen wir vor dem Törn über so was. Total nette Frau. Sie hat sich komplett in den Bordalltag integriert, sogar bei der körperlichen Arbeit. Vor der Segelwoche waren die Augen klein, sie war blass. Danach: Sie war braungebrannt, hatte große wache Augen und lächelte die ganze Zeit."

Hochseetörns funktionieren wie Laborsituation. Eine Gruppe wildfremde Menschen muss eine Woche lang auf der Yacht zusammenarbeiten und miteinander klarkommen. In den allermeisten Fällen geht das gut. "Man muss sich einfach darauf einlassen. Wir sind in der Zeit eine Gemeinschaft. Das Ganze funktioniert wie eine Mikrofirma, die laufen muss. Der eine ist auf den anderen angewiesen und jeder weiß, wir haben eine Aufgabe, die wir meistern wollen." Alleingänge und Eitelkeiten haben mit einem 13 Metern Boot auf See einfach keinen Platz.

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Blick auf den Hafen
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Stadt Dortmund, Stefanie Kleemann

Von Seemannsgarn und Traditionen

Jahrhunderte war die berufliche und militärische Seefahrt bekannt für blühenden Aberglaube und buntes Seemannsgarn. Ungeheuer und Femmes Fatales mit Fischschwänzen gediehen besser auf See als an Land. Das Pfeifen an Bord war untersagt – man hätte damit einen Sturm heraufbeschwören können. Katzen sollten Glück bringen – nebenbei hielten sie Schiffe frei von Mäusen und Ratten.

Bei Meerjungfrauen hieß es als Matrose hingegen Vorsicht walten lassen. Diese wunderschönen, verdammten Wesen zwischen Küste und Meer zogen Seeleute angeblich mit in die Tiefe. Überhaupt die Frauen: Sie galten den rauen Matrosen lange als Unglücksboten – ebenso wie "Pfaffen". Vergangenheit. Zum Glück. Aufklärung und technischer Fortschritt haben ihren Teil dazu beigetragen. Aber wiederum nicht vollkommen...

"Ganz so verrückt sind wir als Hobbysegler zwar nicht, allerdings sind wir schon ein bisschen auf Tradition aus", räumt Joe ein. "Bei jedem Anleger gibt es ein Schnäpschen und einen Spruch für Rasmus, unseren Segelgott. Er hält seine schützende Hand über uns. Man muss schon ein bisschen klappern", grinst Joe. Rasmus, vormals der Heilige Erasmus, gilt den Seglern als Herr der Winde, im besten Fall ihrer Winde. Und ein Segler ohne Wind? Na ja, das ist wie ein Skifahrer ohne Schnee – unmöglich. So bringen die Segler bis in die Gegenwart hinein gerne ihre Trankopfer.

Bei allem Spaß: Wenn man ein Hobby zum Beruf macht, ist das eine heikle Angelegenheit. Aus Kür kann schnell Pflicht werden. Auch bei Joe hat sich das Gefühl zum Segeln verändert. Wenn er mit seinen Schülern unterwegs ist, geht es dem Geschäftsführer darum, dass sie etwas lernen und er ihnen Freude bereiten kann. Seinen Urlaub verbringt er mit Frau und den beiden Kindern ebenfalls an Bord seines Schiffes.

"Bei jedem Anleger gibt es ein Schnäpschen und einen Spruch für Rasmus, unseren Segelgott"

Jörg Handwerker

Nicht ganz unbeschwert, wie er zugibt: "Ich brauche Zeit zum Entspannen. So was geht nicht auf Knopfdruck." Außerdem nutzt er die Gelegenheit das private Segeln mit dem Check an Bord zu verbinden. Ist alles in Ordnung? Muss etwas verändert werden? Dennoch: "Die Leidenschaft ist eben da. Die geht nicht weg. Und das ist das Wichtigste." In diesem Sinne: Immer eine Handbreit Wasser unter dem Kiel!