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Nelly-Sachs-Preis

Nur dem eigenen Gewissen verpflichtet

01.12.2015, Gaye Suse Kromer

Die französische Autorin Marie NDiaye erhält am 13. Dezember den mit 15.000 Euro dotierten Nelly-Sachs-Preis der Stadt Dortmund.

Marie N'Diaye

Am 13. Dezember nimmt die Autorin den Nelly-Sachs-Preis im Rathaus entgegen
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Alle Rechte vorbehalten Heike Steinweg

Rätselhafte Frauenfiguren, düstere Ereignisse und komplexe Handlungen sind die Basis, auf die die französische Autorin Marie NDiaye ihr literarisches Schaffen stellt. Das tut sie mit großer Eloquenz, nun ausgezeichnet mit dem mit 15.000 Euro dotierten Nelly-Sachs-Preis, der renommierten Literaturehrung der Stadt Dortmund. Am 13. Dezember wird die Autorin den Preis im Rathaus entgegen nehmen.

Die Jury begründet ihre Entscheidung unter anderem mit der sinnlich-expressiven Erzählweise der Autorin, die sich auf das Thema der unsicheren familiären Identität gründet. Weiter heißt es: "Die Männer und vor allem Frauen […] sind sich fremd geworden. Oft ist der Grund dafür eine tiefe Schuld, die sie in sich tragen, weil sie sich von ihren Eltern oder Kindern abgewandt haben. Die Zugehörigkeit zu einem Land oder einer Kultur spielt neben der zur Familie eine Nebenrolle. Denn Marie NDiaye überschreitet mit der Intensität ihrer Literatur mühelos alles, was sich unter Schlagworten wie Multikulturalität oder Integration scheinbar leicht fassen lässt." Sie lade zum Nachdenken über andere Lebensweisen ein, um aufzuzeigen wie elend eine Zivilisation ohne Verständnis und Toleranz sei.

NDiaye

Schon mit 17 Jahren veröffentlichte die Autorin ihren ersten Roman
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Alle Rechte vorbehalten Catherine Hélie/Editions Gallimard

Selbstbewusst und unabhängig

Die hochpolitische Autorin wurde 1967 als Tochter einer Französin und eines Senegalesen geboren. Schon mit 17 Jahren brachte das "literarische Wunderkind" ihren ersten Roman heraus. Es folgten weitere Romane, Theaterstücke und Kinderbücher. Vieles davon preisgekrönt und gut bespielt. An ihrer sehr frühen und selbstbewussten Entscheidung Schriftstellerin zu werden, gab es nie einen Zweifel. Auf ihrem Weg zur geehrten Autorin unterstützte NDiaye: "Niemand! Ich habe mich ganz allein unterstützt, muss aber auch sagen, dass ich nie jemanden um etwas gebeten habe."

Mag sein, dass NDiaye keine Unterstützung benötigte, aber Vorbilder gab und gibt es. Ihre Liste liest sich wie das Who-is-Who starker, unbestechlicher Autoren der Weltliteratur, darunter Virginia Woolf, James Joyce, Joyce Carol Oates, William Faulkner und Sylvia Plath. Auch wenn ihr Mann ihr größter Kritiker ist, bewahrt sich NDiaye - wie ihre Vorbilder - die Unabhängigkeit der eigenen literarischen Stimme: "Ich fühle mich nichts und niemandem verpflichtet, außer vielleicht meinem eigenen Gewissen. Ich muss von der 'Ehrlichkeit' meines Unternehmens überzeugt sein, um mit Freude und Ausdauer schreiben zu können."

Starkes Rückgrat einer Europäerin

Ehrlich ist sie. Und kompromisslos. NDiaye kritisierte 2009 Frankreichs konservative Regierung unter dem damaligen Staatspräsident Nicolas Sarkozy (2007-2012) wegen der einhergehenden Migrationspolitik. Sarkozy "vergifte" das Land, Frankreich sei unter ihm "monströs" geworden, konsternierte die Autorin öffentlich. Etwas später erhielt NDiaye für ihren Roman "Drei starke Frauen" den Prix Goncourt, die höchste literarische Auszeichnung Frankreichs. Ein konservativer Regierungsabgeordneter forderte darauf hin, dass sich Preisträger politisch zurückzuhalten hätten. Im Land entwickelte sich eine Debatte über das Für und Wider kritischer politischer Äußerungen von Intellektuellen zur politischen Situation in Frankreich.

NDiaye bewies ein starkes Rückgrat und ließ sich weder einschüchtern, noch ideologisch oder physisch "anbinden". In "diesem Frankreich" wollte sie auf keinen Fall leben. NDiaye wohnte mit drei Kindern und ihrem Mann Jean-Yves Cendrey, ebenfalls Schriftsteller, inzwischen in vielen Städten Europas, zum Beispiel Barcelona, Rom oder London. Gelandet ist die Familie, zumindest vorläufig, in Berlin, wo sie sich freundlich aufgenommen fühlt, trotz ihrer, nach eigener Aussage, immer noch schlechten Deutschkenntnisse.

Bei den vielen lokalen Veränderungen und gerade im Hinblick auf ihr literarisches Schwerpunktthema Identität, liegt die Frage auf der Hand, wie NDiaye Heimat und Identität für sich definiert. Gefühlt sei die Vielgereiste Europäerin, aber darüber hinaus braucht es die stoffliche Physis der Welt nicht, denn: "Heimat bedeutet für mich in erster Linie Kultur, gleich gefolgt von Sprache." Wer sich auf ihre Bücher einlässt, dem schenkt Marie NDiaye die Fülle ihrer inneren Welt. Darauf kann man sich verlassen.

Von Mythen, Märchen und der Wirklichkeit

In einem Roman von Marie NDiaye heißt es: "Ich brauche, um jene Momente der Benommenheit, der tiefen Langeweile, der verstörenden Trägheit ruhig durchzustehen die Erinnerung daran, dass sie meine Gedanken, meine unterschwelliges Leben bevölkern, dass die da sind, reale Menschen und die literarischen Figuren zugleich, ohne die mir die Rauheit des Lebens Haut und Fleisch abschürfen würden bis auf die Knochen." (aus: Marie NDiaye, "Selbstporträt in Grün", Suhrkamp)

Reale Menschen und literarische Figuren - sie sind gleichermaßen Teil des inneren Kosmos' der Autorin. Bei jedem neuen Roman, den die Nelly-Sachs-Preisträgerin schreibt. Durch die Mischung aus Realität, inneren Abgründe und schauriger Fiktion wird sie von Rezensenten gerne als "Fürstin der Finsternis" tituliert. Sie selbst findet sich in der ambivalenten Überschrift zwar nicht wieder, stören tut es NDiaye dennoch nicht.

Man möchte meinen, dass eine solche literarische Wucht zwischen (Alp-) Traum und (düsterer) Wirklichkeit einen Bezug zur Autorin selbst hat - vielleicht stehen die beiden Dimensionen sogar in ihrem Leben gleichberechtigt nebeneinander, ja, spielen Mythen vielleicht eine große Rolle im Hier und Jetzt? Weit gefehlt: "In meinem Leben nicht. Ich bin ein rationaler Mensch, aber die Mischung in der Literatur hat mich immer fasziniert. Deshalb liebe ich auch Märchen."

Hohe Anforderungen - immer

Marie NDiaye ist durch und durch Literatin. Ob Kindertext oder Roman für Erwachsene oder auch Theaterstück: "Ich schreibe immer in dem gleichen Geist, egal, um welche Art von Buch es sich handelt. Für mich geht es um Literatur, auch wenn ich für Kinder schreibe. Dabei stelle ich die gleichen hohen Anforderungen an mich, wie beim Schreiben eines Romans." Das Zusammenleben mit einem Autor empfindet sie als Glück: "Wir wissen beide genau, was der andere macht, wie er arbeitet, was er in Bezug auf sein Werk empfindet." Provokant nachgehakt, wie sie sich eine Welt ohne Literatur vorstellt, ist die Antwort eindeutig: "Eine Welt ohne Literatur - und das gilt für die Kunst überhaupt - kann ich mir gar nicht vorstellen. Es wäre für mich wie eine Welt nach der Apokalypse: eisig und konzentriert auf Materielles."

Bei einer so hohen Affinität zum geschriebenen Wort, muss die Anforderung an den Leser ja ebenfalls immens sein, oder? Überraschung! Marie NDiaye nennt das Lesevergnügen als allererstes, was Leser aus ihren Bücher idealer Weise mitnehmen sollten. Ohne dieses könne man mit einem Roman nun mal nicht vorankommen. Und darüber hinaus? Hier ist sogar die sonst so schlagfertige "Fürstin der Finsternis" ein wenig ratlos: "Ich weiß es wirklich nicht." Auch das ein Geschenk an ihre Leser: Vermögen sie so den literarischen Raum mit eigener Phantasie zu füllen.

Übersetzung aus dem Französischen: Auslandsgesellschaft, Intercultural Academy

Zum Thema

Den sogenannten "kleinen Nobelpreis der Literatur" vergibt die Stadt Dortmund alle zwei Jahre. Er ist mit 15.000 Euro dotiert. Mit diesem Preis ehrt die Stadt Dortmund Autorinnen und Autoren, die im literarischen und geistigen Leben herausragende schöpferische Leistungen zeigen und in ihren Werken unter anderem grenzübergreifend Toleranz und Versöhnung fördern bzw. vorleben. Benannt ist der Literaturpreis nach der deutschen Lyrikerin Nelly Sachs.