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Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Dortmund-Agentur / Stefanie Kleemann

HOSPIZ

"Mitleid ist fehl am Platz"

03.12.2015, Elena Hesterkamp

Der Tod ist Teil des Lebens – und ein Thema, das in unserer Gesellschaft eher gemieden wird. In Hospizen sind Leben und Tod gleichermaßen Teil des Alltags. Dort verbringen Menschen ihre letzte Lebenszeit. Trotzdem schwebt über dem Hospiz Am Ostpark keine dunkle Wolke der Traurigkeit, viel mehr ist es ein freundlicher, einladender Ort. Ein Ort, wo gelacht und geredet, und kein BVB-Spiel verpasst wird. Die Mitarbeiter im Hospiz nehmen die Menschen auf ihrem letzten Weg an die Hand.

Hospiz

Das Hospiz Am Ostpark wird von den von Bodelschwinghschen Stiftungen, Bethel.regional, getragen
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Stefanie Kleemann

Ein Sonnenstrahl fällt auf das gemachte Bett. Auf einem kleinen Tisch steht eine Vase, darin zwei orangenfarbene Rosen. Noch ist das Zimmer unbewohnt. Vielleicht hängen hier bald BVB-Schals an den Wänden, der Raum nimmt dank einem Dutzend Pflanzen ein dschungelartiges Aussehen an oder auf dem Bett rollt sich eine Katze zusammen. Das alles hat es schon gegeben im Hospiz Am Ostpark. Es ist eins von drei stationären Hospizen in Dortmund.

Zehn Zimmer hat das Hospiz. Zehn Zimmer, die Sterbenskranken ein letztes Zuhause sind. Die sie nach ihren Wünschen einrichten können. "Die meisten Angehörigen, die sich noch nicht intensiv damit beschäftigt haben, verbinden mit einem Hospiz eher Dunkelheit, etwas Bedrückendes. Und wenn sie die Räume betreten, merkt man, dass erst einmal aufgeatmet wird", sagt Sozialarbeiterin Jutta Ahring. Dunkel und bedrückend ist das Gebäude nicht in einer einzigen Ecke. Die Räume sind lichtdurchflutet und in hellen, freundlichen Farben gestaltet. Von den einzelnen Zimmern aus können die Gäste den Garten betreten.

Raum zum Leben

Die Menschen, die hier den letzten Abschnitt ihres Lebens verbringen, werden von den Mitarbeitern bewusst nicht Patienten genannt, denn das sind sie nicht. Sie werden als Gäste begriffen, denen dort ein eigener Raum gegeben wird. Raum, in dem sie leben können, aber auch Raum, um ihre Gedanken zu sammeln, sich zu fragen "Was wünsche ich mir? Was ist für mich jetzt noch von Bedeutung?", wie Ahring es formuliert.

Die Mitarbeiter des Hospizes begleiten im Jahr circa 140 Menschen. Menschen, deren Lebenszeit begrenzt ist. Diese letzte Lebenszeit soll nicht von Schmerzen geprägt sein – und nicht von Einsamkeit. Alle Mitarbeiter und Ehrenamtlichen im Hospiz tragen dazu bei, dass sich die letzten Tage oder Wochen der Menschen lebenswert und menschenwürdig gestalten.

Insgesamt 31 Mitarbeiter sind in der Einrichtung beschäftigt. Zum größten Teil sind es Pflegefachkräfte mit einer sogenannten "Palliative Care" Ausbildung – das heißt sie sind auf die Begleitung schwerstkranker und sterbender Menschen spezialisiert. "Außerdem arbeiten hier abwechselnd 30 Ehrenamtliche", erklärt Bärbel Uhlmann. Sie ist Leiterin des Hospizes Am Ostpark, das sie vor zwölf Jahren mit aufgebaut hat.

Hospiz

Bärbel Uhlmann leitet das Hospiz Am Ostpark seit zwölf Jahren
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Stefanie Kleemann

Die ehrenamtlichen Mitarbeiter bringen Zeit mit, können ein Stück Alltag schenken. Eine, die ihre Zeit teilt, für Gespräche, eine Tasse Kaffee oder einen Spaziergang, ist Angelika Mannel. Seit zehn Jahren arbeitet die 65-Jährige ehrenamtlich im stationären Hospiz. Zum Hospiz Am Ostpark hat sie einen persönlichen Bezug: Eine Freundin hat hier ihre letzten Tage verbracht. Zuvor war Mannel bereits in der ambulanten Begleitung tätig.

Die Ehrenamtlichen erhalten eine intensive Ausbildung vom Diakonischen Werk. Es ist Träger des ambulanten Hospizdienstes. Der Vorbereitungskurs umfasst etwa 100 Stunden. Für sechs Wochen hospitieren die Ehrenamtlichen in einem Krankenhaus, einem Altenpflegeheim, einem Hospiz oder bei einem ambulanten Dienst. Einmal im Monat treffen sie sich zum gegenseitigen Austausch in einer Begleitgruppe.

"Mitleid ist fehl am Platz, das wollen die Gäste nicht“.

Angelika Mannel

Haustiere erlaubt

Mannel besucht das Hospiz ein Mal in der Woche. Dabei geht sie nicht immer zu den gleichen Menschen. An manchen Tagen möchte ein Gast für sich sein, während der andere reden will. "Man kommt von Höcksken auf Stöcksken", lacht Mannel. Worüber spricht sie mit Menschen, die wissen, dass sie bald sterben werden? "Über Krankheit direkt wird hier nicht geredet, außer der Gast möchte es. Der Mensch steht im Vordergrund", sagt Mannel und fügt hinzu "Wenn ich in ein Zimmer komme, weiß ich nicht, welche Diagnose dahinter steckt. Das interessiert mich in dem Moment auch nicht". Die Person und ihre Wünsche stehen im Mittelpunkt. "Mitleid ist fehl am Platz, das wollen die Gäste nicht".

„Über Krankheit direkt wird hier nicht geredet, außer der Gast möchte es. Der Mensch steht im Vordergrund“

Angelika Mannel

Es geht viel mehr darum, den Menschen in ihrer letzten Lebensphase eine wohnliche Umgebung zu bieten, in der sie selbstbestimmt ihren Alltag leben können. Das ist es, was das Hospiz auszeichnet: Der Tag orientiert sich an den Gästen, es gibt keine festgelegten Abläufe. Auch das unterscheidet das Hospiz vom Krankenhaus. Manche Gäste haben ein hohes Ruhebedürfnis, andere möchten eine neue Brille kaufen – dann begleitet ein Ehrenamtlicher die Person zum Optiker.

"Wir versuchen, das möglich zu machen, was dem Gast möglich ist", erklärt Bärbel Uhlmann. Die Gäste können Essenswünsche äußern, selbst entscheiden, wann und wo sie essen, selbst entscheiden, ob sie Gesellschaft möchten oder nicht – und eben auch selbst entscheiden, mit wem oder was sie ihren Raum teilen. Selbst die Mitnahme von Haustieren ist nach Absprache möglich – solange sich Freunde oder Verwandte um das Tier kümmern. Jutta Ahring erinnert sich an einen sehr genügsamen Kater. Es hat auch schon mal jemand seinen Papagei mitgebracht. Freunde und Verwandte sind im Hospiz stets willkommen. Sie können in den Zimmern schlafen, es gibt aber auch seperate Übernachtungsmöglichkeiten. Bärbel Uhlmann erzählt: "Letztens hat sogar eine ganze Familie hier die Nacht verbracht".

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Angelika Mannel ist eine von 30 Ehrenamtlichen im Hospiz
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Stefanie Kleemann

Gemeinsame Fernsehabende

Im Hospiz können Gäste für sich sein, zur Ruhe kommen. Genauso gibt es die Möglichkeit zum geselligen Beisammensein – ob mit anderen Gästen, Angehörigen oder Mitarbeitern.

In der großen Wohnküche können Menschen zusammen sitzen, essen, eine Tasse Kaffee trinken oder einfach nur reden. Das große Wohnzimmer ist ein lichter, gemütlicher Raum. Durch die hellgelben Gardinen scheint die Sonne hinein. An einer Wand steht ein Bücherregal, gegenüber ein Klavier aus dunklem Holz.

Einige hellblaue Stoffsessel formen eine Sitzgruppe. Daneben steht ein Flachbildfernseher. Er oder viel mehr das, was darauf zu sehen ist, ist der Grund weshalb das Wohnzimmer regelmäßig prall gefüllt ist. Denn: hier können alle Spiele des BVB verfolgt werden. "Das ist ganz wichtig", sagt Mannel lachend. "Wenn der BVB spielt, werden die Gäste mit ihren Betten ins Wohnzimmer geschoben und können dort das Spiel schauen". Außerdem gibt es spendenfinanzierte Mal- und Musikangebote.

Schmerzen lindern

„Ein Hospiz ist ein Ort, wo Menschen aufgenommen werden, die nicht zu Hause versorgt werden können, die Unterstützung brauchen und die nur noch eine kurze Lebenszeit vor sich haben“.

Bärbel Uhlmann
Hospiz

Sozialarbeiterin Jutta Ahring berät die Gäste und deren Angehörige
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Stefanie Kleemann

Dass die Gäste am Alltag teilnehmen und diesen selbstbestimmt gestalten können, das ist das Ziel des Palliative Care Konzeptes. Der wesentliche Aspekt des Konzepts ist die Linderung von belastenden Symptomen wie Schmerzen, Angst und Übelkeit. Der Auftrag eines Hospizes liegt im Gegensatz zu dem eines Krankenhauses nicht in der Behandlung und Therapie der Krankheit.

Bärbel Uhlmann erklärt: "Ein Hospiz ist ein Ort, wo Menschen aufgenommen werden, die nicht zu Hause versorgt werden können, die Unterstützung brauchen und die nur noch eine kurze Lebenszeit vor sich haben". Die durchschnittliche Verweildauer der Gäste im Hospiz beträgt 20 bis 22 Tage. Das Hospiz am Ostpark ist eng mit Ärzten des Palliativärztlichen Konsiliardienstes Dortmund und den Palliativstationen der Krankenhäuser in der Umgebung vernetzt.

Die medizinische Versorgung der Gäste kann auf Wunsch durch den jeweiligen Hausarzt weitergeführt werden. Effektive Palliativmedizin ermöglicht es, dass einige Gäste für ihre letzten Tage doch noch mal nach Hause gehen. Doch beim Palliativ Care Konzept werden nicht nur die Sterbenskranken begleitet, sondern genauso deren Angehörige. Denn auch sie werden mit der Diagnose des Vaters, der Mutter, des Sohnes oder der Tochter aus dem Alltag gerissen. Sozialarbeiterin Jutta Ahring betreut Angehörige und Gäste bei allen Fragen und Sorgen. Seelsorgerische Begleitung bietet eine Pfarrerin an.

Hospiz

Ein unbewohntes Zimmer
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Stefanie Kleemann

Tabuthema Tod

Am Eingang des Hospizes steht eine Kerze. An diesem Tag brennt sie nicht. Sie wird angezündet, wenn ein Gast verstorben ist. Der Verstorbene bleibt in seinem Zimmer, Angehörige und Freunde haben einen ganzen Tag Zeit, um Abschied zu nehmen. Vier Mal im Jahr findet eine Erinnerungsfeier für die Angehörigen der Verstorbenen statt. Hier können sie gemeinsam trauern und sich austauschen. Nähe schaffen, wo andere sich distanzieren. Viele der Gäste im Hospiz leiden an einer schweren Krebserkrankung.

"Heute ist Krebs eher ein Thema, worüber gesprochen wird. Trotzdem höre ich von Erkrankten immer wieder, dass sich Bekannte zurückziehen, Berührungsängste entwickeln, weil sie nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen", sagt Bärbel Uhlmann ernst. "Was die Hospizbewegung ausmacht, ist auch das bürgerschaftliche Engagement, die Solidarität. Dass die Menschen nicht ausgegrenzt werden".

Angelika Mannel hat in den 10 Jahren, in denen sie mit schwerstkranken Menschen arbeitet, eine andere Sichtweise auf den Tod gewonnen. "Ich kann darüber reden", sagt sie. Vor 20 Jahren war ihre Mutter an Krebs erkrankt. Heute, sagt Mannel, würde sie anders mit der Krankheit umgehen. "Keine Chemo mehr, keine Bestrahlung. Was irreparabel ist, sollte man lassen. Man kann andere Wege gehen, das Leben noch lebenswert machen". Angelika Mannel spricht ein schwieriges Thema an, doch sie findet die richtigen Worte.

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Die Kerze wird angezündet, wenn ein Gast verstorben ist
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Stefanie Kleemann

In Zeiten der Tausend-Möglichkeiten-Medizin wird das Thema Tod an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Vielleicht fällt es gerade in diesen Zeiten umso schwerer zu akzeptieren. Den Tod zu akzeptieren. Und darüber zu sprechen. Doch vielleicht ist gerade das der erste und wichtigste Schritt, um dem Menschen bis zuletzt ein würdiges Leben zu ermöglichen. Vielleicht gewinnt dann nicht die Dauer, sondern die Qualität des Lebens an Bedeutung. Hospize bringen das Thema Sterben zurück in die Gesellschaft. Sterben: der Tod und das Leben sind untrennbar miteinander verbunden.

Zum Thema

In Dortmund gibt es insgesamt drei stationäre Hospize.

Das Hospiz Am Ostpark gibt es seit 2003.

Träger des Hospiz Am Ostpark ist sind die von Bodelschwinghschen Stiftungen, Bethel.regional.

Jeden ersten und dritten Donnerstag im Monat von 15 bis 17 Uhr informieren Mitarbeiter des "Lebensraum Hospiz" zum Thema "Sterbenskrank – was nun?".

Ort: Reinoldiforum an St. Reinoldi, Ostenhellweg 2.

Link Reinoldiforum: www.reinoldiforum.de