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Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Dortmund-Agentur / Stefanie Kleemann

Konzerthaus

Klingender Wunderkasten

06.08.2009, Von Waltraud Murauer

Im Dortmunder Konzerthaus ist Klassik nicht elitär, beim ersten deutschen Pop-Abo bebt der Saal. Hier haben Schubert und Schostakowitsch ebenso Platz wie Sabrina Setlur. Mitten im Szeneviertel Brückstraße geben sich Popstars und Klassik-Protagonisten die Klinke der Garderobentür in die Hand.

Gitarrist auf der Konzerthausbühne

William Tyler, Gitarrist der Band "Lambchop", ist begeistert vom Konzerthaus und dem Dortmunder Publikum.
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Lutz Kampert

Auf den Monitoren im Foyer lodern virtuelle Feuer, sie machen das Motto der Spielzeit sichtbar: „Das Feuer ist entfacht“. Wenige Minuten später im Saal: Valery Gergiev betritt die Bühne, rauer Haarkranz, Frack, schwarze Lackschuhe – klassisch. Gemessenen Schrittes, kerzengerade geht der große Mann am Orchester vorbei zum Dirigentenpult. Auftakt. Seine Hände fliegen leicht durch die Luft. Die Finger bewegen sich so schnell, dass sie an Schmetterlingsflügel erinnern.

Einen Taktstock braucht der Erste Dirigent und Künstlerische Leiter des weltberühmten Mariinsky-Theaters aus St. Petersburg nicht. Das Orchester und sein Leiter werden eins. Drei Abende lang Rimsky-Korsakow und Tschaikowsky – russische Romantik pur, aber auch Puccini und Berlioz stehen auf dem Programm dieser ersten „Zeitinsel“ der Spielzeit.

Foyer des Konzerthaus

Kurze Verschnaufpause im Foyer, bevor wieder musikalische Genüsse locken.
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Lutz Kampert

Im Saal springt der Funke über, von der Bühne ins Parkett, die Musik füllt den Raum, gewaltig und weich zugleich und so intensiv, dass hör- und fühlbar wird, was das Wort Klangkörper bedeuten kann. Am Ende Standing Ovations – was sonst.

Musikalische Zeitinseln

„So klingt Dortmund“, sagt Benedikt Stampa, der für die Intendanz des Dortmunder Konzerthauses der Hamburger Laeizhalle den Rücken kehrte, und erzähltvoller Begeisterung von der besonderen Kraft seiner „Zeitinseln“. „Bildlich gesprochen ist das eine Art abgeschlossenes Atoll, in dem wir uns eine Zeit lang niederlassen können, drei Tage, vier Tage oder fünf Tage.“ Entweder sind die „Zeitinseln“ einem bestimmten Komponisten gewidmet oder den Interpreten, Orchestern und Solisten.

Es ist die Natur eines Konzerthauses, dass jeden Abend etwas anderes, etwas Neues passiert; ein Orchester packt die Koffer, das nächste öffnet sie. Es gibt kein Ensemble, niemanden, an den sich das Publikum gewöhnen kann. „Das ist, als wenn jeden Abend eine Premiere stattfindet“, sagt Benedikt Stampa. Die Zeitinseln sind dagegen ein gelungenes Beispiel, wie man Ruhe in einen Spielplan bringen kann. In der Spielzeit 2008/2009 gibt es drei davon.

Restaurant im Konzerthaus

Neben genussvollen Klängen bietet das Konzerthaus auch klangvollen Genuss.
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Anneke Wardenbach

200 Musiker und ein Triangel

Mit dem Engagement des Mariinsky ist dem Konzerthaus-Team ein besonderer Coup gelungen. Das Orchester gehört zu den besten der Welt und Valery Gergiev ist ständiger Gastdirigent der Metropolitan Opera New York, Erster Dirigent des London Symphony Orchestra, steht an den Pulten fast aller wichtigen Konzerthäuser der Welt und gründete mehrere renommierte Musikfestivals.

„Das Urbild eines Managers“, sagt Sprecher Dr. Jan Boecker, „der mehrere Handys gleichzeitig bedient und ständig in Bewegung ist.“ Mit fünf verschiedenen Flugzeugen reisten mehr als 200 Musiker, Sänger und Mitglieder des Mariinsky-Managements an. Manche kamen aus Mailand, andere aus St. Petersburg oder sonst wo her. Die Instrumente kamen per Spezialtransporter auf dem Landweg. Eine logistische Herausforderung für das kleine Dortmunder Team. „Aber es hat alles wunderbar geklappt“, erzählt Jan Boecker. „Einzig ein Triangel fehlte. Doch damit haben die Dortmunder Symphoniker gerne ausgeholfen ...“

Konzerthausintendant Benedikt Stampa

Intendant Benedikt Stampa: "Wir holen die jungen Klassikstars nach Dortmund!".
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Lutz Kampert

Dortmunder Dramaturgie im klingenden Wunderkasten

In der internationalen Musikszene haben das Haus und sein Team einen guten Ruf. Die Süddeutsche Zeitung nennt es einen „klingenden Wunderkasten“ und die Musiker loben die herausragende Akustik, die freundliche Betreuung und die unprätentiöse Art der Dortmunder. Nicht zuletzt dieser gute Ruf ist es, der es immer wieder möglich macht, Weltstars in die Stadt zu holen. Der junge chinesische Klaviervirtuose Lang Lang trat auf, der Weltklasse-Cellist Yo-Yo Ma, das London Symphony Orchestra unter Daniel Harding eröffnete die Saison – und so weiter, und so weiter im Who-is-Who der internationalen Musikwelt.

Aber nicht nur das macht die von der Fachpresse mittlerweile so titulierte „Dortmunder Dramaturgie“ aus. Benedikt Stampa will seinem Haus eine eigene Identität geben, hat den Anspruch, es für alle zu öffnen. „Es ist schwer, ein Konzerthaus profiliert zu führen, weil es ja keinen Regisseur, keinen Bühnenbildner, keine Schauspieler oder Sänger gibt, die kontinuierlich da sind.“

Junge Frau im Konzerthaus Foyer

Auch das jüngere Publikum fühlt sich vom abwechslungsreichen Programm angesprochen.
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Lutz Kampert

Ein Konzerthaus sei viel mehr eine Art Durchlaufstation für reisende Künstler, erklärt er und hat „Exklusivkünstler“ ans Haus gebunden. Die jungen Solisten werden für fünf Jahre verpflichtet und treten mindestens drei Mal pro Spielzeit auf. Zurzeit sind es der Pianist und Komponist Fazil Say und der Geiger Renaud Capuçon. „Dann die Reihe Junge Wilde, die wurde von uns kreiert und viel kopiert, sie ist unterdessen wohl eine der erfolgreichsten Klassikreihen in Deutschland“, erklärt Benedikt Stampa. „Wir bringen damit junge Klassikstars nach Dortmund, die sich ihre Programme hier aussuchen können und wir binden sie für drei Jahre ans Haus. Die Musiker spielen auch miteinander und das Publikum lernt sie kennen, erkennt sie wieder und bekommt eine Beziehung zu den Künstlern. Außerdem treten sie in Schulen auf und nach dem Konzert treffen sie das Publikum bei ‚meet the artist‘.“ Die acht jungen Wilden vermitteln: Klassik ist nicht elitär.

Konzerthaus Dortmund

Im September 2002 eröffnete das Konzerthaus mitten im Szeneviertel Brückstraße.
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Gerd P. Müller

Unterdessen gibt es sogar eine eigene Website mit Einspielungen von ihnen und der Aufforderung zum Komponieren. „Was Bach, Beethoven und Mozart konnten, können Sie schon lange“, hieß es provokant in der Ankündigung. Und wer sich drauf einlässt, kann mit Streichern, Bläsern und Klavier ein eigenes Stückchen Musik schaffen. Die längste Komposition der Welt soll so entstehen – die „Nie Vollendete“.

Nachaufnahme einer Trompete

Beim Pop-Abo haben die klassischen Instrumente Pause und Drums, Gitarre und Bass übernehmen.
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Lutz Kampert

Erstes deutsches Pop-Abo – akustisch

Aber nicht nur im Internet geht das Konzerthaus ganz neue Wege, neben Reihen wie JAZZnights und World Music gibt es jetzt das erste deutsche Pop-Abo und auch dazu ist eine eigene Website mit Community- Qualitäten online. „Pop-Abo, das ist fast schon ein semantischer Widerspruch“, sagt Benedikt Stampa. Doch er trifft mit seinem Angebot den Nerv der Jungen. In die Konzerte kommen die, die normalerweise mit dem Wort Abonnement nicht viel anfangen können und sie hören Sabrina Setlur, Lambchop oder Tomte akustisch in der fantastischen Akustik des Konzertsaals.

„Wir sind angekommen“, sagt Benedikt Stampa, der 2005 das Dortmunder Haus übernommen hat. Und die Zahlen geben ihm Recht – der Abonnementverkauf hat sich in den letzten Jahren fast verdoppelt. Dabei steht die „Philharmonie Westfalens“ auf zwei gesunden Beinen: 50 Prozent der Besucher kommen aus der Stadt, die anderen 50 Prozent reisen regelmäßig aus dem Umland an, sogar aus dem Siegerland und aus Ostwestfalen. Sie haben Feuer gefangen...