Dortmund überrascht. Dich.
Phoenixsee

Aus unserer Stadt

Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Dortmund-Agentur / Stefanie Kleemann

Ein Gewinn für drei Generationen

Projekt Dortmunder Wunschgroßeltern

15.06.2016, Petra Schrader

Kinder brauchen Großeltern - und Großeltern brauchen Kinder. Was aber, wenn Kinder keine Großeltern haben oder Menschen im Großelternalter keine Enkel? Oder wenn Enkel und Großeltern viel zu weit voneinander entfernt wohnen? Dann ist das Projekt „Dortmunder Wunschgroßeltern“, das 2009 als Kooperation zwischen dem Mütterzentrum und dem Familienbüro Hombruch ins Leben gerufen wurde, genau das Richtige.

Josef S. ist 72 Jahre alt. Früher war er als Unternehmer aktiv, hatte verschiedene Firmen. Seine Tochter und seine 23jährige Enkelin leben 600 Kilometer entfernt von Dortmund. Die Beziehung zueinander ist trotz der Entfernung sehr eng, sagt der Ruheständler. Aber die beiden leben nun einmal leider nicht in Dortmund. Deshalb ist er glücklich, über die Dortmunder Wunschgroßeltern auch in seiner Stadt die Großvaterrolle übernehmen zu können: Für die kleine Eva, die heute 5 ½ Jahre alt ist, ist Josef S. seit zwei Jahren „Wunschgroßvater“. Einmal in der Woche trifft er Eva und ihren Vater. Sie spielen zusammen, sie unterhalten sich, doch vor allem hat Evas Vater im Wunschopa Josef einen väterlichen Freund gefunden.

Projekt "Dortmunder Wunschgroßeltern"

Das Projekt "Wunschgroßeltern" bringt drei Generationen zueinander, wenn die eigentlichen Großeltern nicht greifbar sind.
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Ruhr Nachrichten / Schütze

Über solche Konstellationen freut sich besonders Marion Reichenberg vom Familienbüro Hombruch. Sie erinnert sich noch gut daran, wie die Idee „Wunschgroßeltern“ geboren wurde: „Wir haben bei unseren Besuchen in Familien immer häufiger gehört: Hier vor Ort haben wir keine Großeltern, es wäre aber so schön, wenn unser Kind eine Oma oder einen Opa hätten. Die Großeltern fehlten einfach“, erzählt sie.

Auch im Mehrgenerationenhaus Mütterzentrum Dortmund e.V.gab es diese Erfahrung, so lag eine Kooperation nahe. Gemeinsam begann man, Kontakte zwischen den Generationen anzubahnen. Schnell gelang es, Familien mit Kindern und Senioren zusammen zu bringen.

Im vergangenen Jahr ist das Projekt dafür mit einem Sonderpreis der Brost-Stiftung im Ideen-Wettbewerb Kooperation Ruhr "Demografischer Wandel als Fortschrittsmotor" ausgezeichnet worden. Das Familien-Projekt hatte das Projekt „Wunschgroßeltern“ in der Kategorie "Kooperation von Kommunen, Kreisen und kommunalen Einrichtungen" eingereicht.

Wir haben mehr als 40 Familien auf unserer Liste, die sich eine Wunschoma oder einen Wunschopa wünschen. Doch es fehlen uns noch die dazugehörigen Senioren

Eva Siebert-Treidel vom Mütterzentrum

Senioren gesucht

In unserer Gesellschaft sind die Menschen räumlich und zeitlich mobiler geworden. Früher wohnten Eltern, Großeltern und Kinder oft an einem Ort, heute leben die verschiedenen Generationen weit voneinander entfernt. Und doch wünschen sich viele Eltern, dass ihre Kinder Kontakt zur Großelterngeneration haben.

Wie groß der Bedarf allein bei den Dortmunder Familien mit Kindern ist, zeigt die lange Warteliste: „Wir haben mehr als 40 Familien auf unserer Liste, die sich eine Wunschoma oder einen Wunschopa wünschen. Doch es fehlen uns noch die dazugehörigen Senioren“, berichtet Eva Siebert-Treidel vom Mütterzentrum, als Ansprechpartnerin für das Projekt „Dortmunder Wunschgroßeltern“.

Wunschoma und Wunschenkel profitieren von einander

Wunschoma und Wunschenkel profitieren von einander.
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Ruhr Nachrichten / Schütze

„Innerhalb der Familien sind Großeltern sehr oft eine Entlastung für Eltern wie für Kinder und wenn es eben keine „leiblichen“ Großeltern gibt, dann können Wunschgroßeltern wunderbar diese Rolle ausfüllen. Und tatsächlich haben ja alle Beteiligten etwas davon“, sagt Pilar Wulff Koordinatorin der „Frühen Hilfen“ im Familienprojekt. Sie wünscht sich gemeinsam mit den Kooperationspartnern, dass sich noch möglichst viele Senioren finden, die Wunschgroßeltern werden wollen. Damit das geschieht, wird an vielen Stellen im Stadtgebiet für das Projekt geworben.

Begleiteter Kontakt

Auch Josef S. hat diese Werbung erreicht: Während einer Veranstaltung im Hansmannhaus hat er vom Projekt „Wunschgroßeltern“ gehört und den Kontakt zum Mütterzentrum gesucht. In einem ersten Gespräch hat ihm damals schon Susanne Götz vom Mütterzentrum geschildert, was hinter der Idee der Wahlverwandtschaften steckt. Denn eines ist allen Beteiligten wichtig: Wunschgroßeltern ersetzen keine Betreuungsformen, wie z.B. eine Tagesmutter oder den Babysitter. Sie bauen auf den Kontakt zwischen den Generationen und leben mit und vom Familienanschluss. Josef S. kann sich noch gut an das erste Treffen im Mütterzentrum erinnern: „Ich habe Eva, die damals 3 ½ Jahre alt war, und ihre Eltern zusammen mit Frau Götz kennengelernt. Auch beim zweiten Treffen haben wir den Garten und das Café des Mütterzentrums genutzt, diesmal nur die Familie und ich. Langsam ist daraus Vertrauen gewachsen und wir haben beschlossen, dass wir gut zusammen passen.“

Ich bin telefonisch jederzeit erreichbar und wir können gern ein erstes Kennenlernen vereinbaren. So kann ich mir schon einmal ein Bild machen, welche Familie die passende sein könnte

Eva Siebert-Treidel vom Mütterzentrum

Das Mütterzentrum bietet einen guten Rahmen für die Treffen mit den Familien: Das Café mit seinem Offenen Treff und die Spielmöglichkeiten für die Kinder in Haus und Garten schaffen eine geschützte und gleichzeitig offene Atmosphäre zum Kennenlernen.

Eva Siebert-Treibel ist heute die Ansprechpartnerin im Mütterzentrum und hat immer ein offenes Ohr für die vielen Fragen der Interessentinnen und Interessenten. „Ich bin telefonisch jederzeit erreichbar und wir können gern ein erstes Kennenlernen vereinbaren. So kann ich mir schon einmal ein Bild machen, welche Familie die passende sein könnte“, freut sich Frau Siebert-Treidel auf neue Wunschgroßeltern. Zusätzlich zur persönlichen Beratung finden viermal im Jahr Wunschgroßeltern-Nachmittage zum Austausch mit Kaffee und Kuchen im Mütterzentrum statt.

Das Team vom Mütterzentrum und Familienprojekt: (v.l.)Susanne Götze, Marion Reichenberg, Pilar Wullf, Eva Siebert-Treidel

Das Team vom Mütterzentrum und Familienprojekt: (v.l.)Susanne Götze, Marion Reichenberg, Pilar Wullf, Eva Siebert-Treidel

Der kleinen Eva ist das Drumherum wahrscheinlich egal. Sie trifft sich einmal die Woche gemeinsam mit ihrem Vater mit ihrem Wunschgroßvater. War sie am Anfang zurückhaltend und scheu, freut sie sich heute darauf, mit ihm zu malen oder von ihm etwas vorgelesen zu bekommen. Nicht nur Eva genießt den Besuch: „Evas Vater und ich haben einen freundschaftlichen Umgang miteinander. Ich glaube, es tut ihm gut, mich um Rat fragen zu können, denn wie in jeder Familie läuft auch hier nicht immer alles rund“, erzählt Josef S. „Für mich ist es ein besonderes Geschenk, Wunschgroßvater sein zu dürfen. Es ist schön zu sehen, wie eine kleine Persönlichkeit heranwächst. Ich empfinde es fast schon als Wunder und ich habe große Ehrfurcht und bin dankbar, dass ich daran teilhaben darf“.

Aufgabe gefunden

So wie Josef S. geht es auch „Wunschgroßmutter“ Eva-Maria S.: Seit zwei Jahren begleitet die 67jährige die 11 Jahre alte Elisha und den 5-jährigen Ethiene. “Mal gehen wir schwimmen, mal ins Kino, manchmal unternehme ich nur mit einem der Kinder etwas. Das tut ihnen gut“. Frau S. ist froh, damit auch die alleinerziehende Mutter so einmal entlasten zu können. Doch bei aller Unterstützung ist ganz eindeutig geklärt, dass allein Eva-Maria S. bestimmt, wie viel Zeit sie in der Familie verbringen will. Dies ist die Grundvoraussetzung bei allen Wahlverwandtschaften des Projektes, um gewährleisten zu können, dass das Modell nicht als Ersatz für Babysitterdienste genutzt wird.

Wir bekommen von den Kindern bei jedem Besuch so viel zurück. Es ist eine Freude, sie wachsen zu sehen!

Josef S.und Eva-Maria S.

Frau S. erinnert sich, wie sie zu den Dortmunder Wunschgroßeltern gekommen ist: „Seit drei Jahren bin ich in Rente. Ich habe selbst weder Kinder noch Enkel und so habe ich nach einer neuen Aufgabe gesucht." In der Stadt- und Landesbibliothek lag ein Flyer zum Projekt Wunschgroßeltern aus. Ihr Interesse war geweckt und der erste Kontakt über das Familienbüro Hombruch schnell hergestellt. Auch nach zwei Jahren sagt sie: „Die Kinder halten mich bei der Stange, sie zu erleben ist etwas wunderschönes.“ Stolz berichtet sie vom Mut ihres Wunschenkelsohnes und Gesprächen mit der Wunschenkelin, mit der sie nun sogar ein paar Ferientage allein verbringen wird.

Josef S.und Eva-Maria S. sind sich einig: „Wir bekommen von den Kindern bei jedem Besuch so viel zurück. Es ist eine Freude, sie wachsen zu sehen!“ Ihr Rat an Seniorinnen und Senioren, die sich in ihrer Freizeit Kontakt zu jungen Menschen wünschen ist klar: Wunschgroßeltern werden!

Kontakt:

Marion Reichenberg
Familienbüro Hombruch
Telefon: 0231 50-28327
E-Mail: familienbuerohombruch@stadtdo.de

Eva Siebert-Treidel
Mehrgenerationenhaus Mütterzentrum Dortmund e.V.,
Telefon: 0231 141 662
E-Mail: kontakt@muetterzentrum-dortmund.de