Dortmund überrascht. Dich.
Phoenixsee

Aus unserer Stadt

Bild: Dortmund-Agentur / Stefanie Kleemann

Läden

Geschichten aus’m Viertel

24.11.2016, Gaye Suse Kromer

Lädchen, Tante-Emma oder Bude – ganz egal wie man die kleinen, meist Inhaber betriebenen Geschäfte nennt, sie sind Kult- und Sehnsuchtsort, Stammbezug für Zeitung und Zigaretten, Weingummi-Quelle, Stiftedepot, Notbehelf nach Ladenschluss. Vor allem aber sind diese Läden kommunikativer Tummelplatz für die Nachrichten eines Viertels. Sie stellen das pulsierende Herz im Revier dar und sind so beliebt wie lange nicht. Ein ganz besonderes Exemplar hat seinen Sitz im Kreuzviertel.

Frau hinter Ladentheke

Frau Kemper in ihrem Refugium
Bild: Dortmund-Agentur / Gaye Suse Kromer

In diesem Jahr gibt es zwei Jubiläen zu feiern. 70 Jahre Mechthild Kemper und 40 Jahre "Kleines Kaufhaus Kemper". Das ist der Namen ihres Geschäfts. Steht dran, am Laden, außen vor, damit jeder gleich Bescheid weiß. Woher Idee stammt? Ganz einfach: "Den Namen hat sich ein Kunde ausgedacht. Fand ich gut."

Mechthild Kemper steht in einer würdigen Tradition – familiär und ruhrgebietshistorisch gesehen. Was man ihr nicht ansieht, sind ihre Lebensjahre. Wie kann man jenseits von chirurgischen Eingriffen so sensationell frisch aussehen? Auch sieht man Frau Kemper die 4 Jahrzehnte Arbeit nicht an.

Och, ich glaube, das macht mir Spaß. Den Laden nehme ich.

40 Jahre, kehr nä. Ganz schön lange. Dabei begann die ganze Geschichte als Spaß. Übernommen hat die gelernte Industriekauffrau – von den Kreuzviertelianern respektvoll "Frau Kemper" genannt – den Laden von ihrem ehemaligen Schwiegervater aus einer Laune heraus: "Er wollten den Laden wegen seines Alters aufgeben. Da habe ich zu meinem damaligen Mann, seinem Sohn, gesagt ‚Och, ich glaube, das macht mir Spaß. Den Laden nehme ich‘." Dabei ist es geblieben.

Sie hatte immer mal wieder ausgeholfen parallel zu ihrer Hauptarbeit im Betrieb der Edelstahlwerke Witten Thyssen Stahl. Die Leidenschaft für das Geschäft in Eigenverantwortung hatte sie irgendwann gepackt und blieb auch, als die Leidenschaft für ihren Mann erkaltete und sich das Paar scheiden ließ. Der Mann war Geschichte, das Kleine Kaufhaus Kemper die Zukunft.

Epizentrum Ladenbesitzer

Genau genommen hebt sich das Geschäft von Mechthild Kemper ziemlich ab von den klassischen Buden. Die Bezeichnung hört sie sowieso nicht gerne – genauso wenig wie Kiosk. "Auf ‚Kiosk‘ reagier‘ ich allergisch. Das klingt abwertend", verzieht sie das Gesicht. Und irgendwie passt der Begriff "Kiosk" auch so gar nicht auf das heimelige Ambiente, mit den Ecken, Kanten und Nischen und der herzlichen Atmosphäre, die jeden Kunden beim Betreten des Ladens sofort umfängt.

Schreibwarensortiment

Schreibwarensortiment
Bild: Dortmund-Agentur / Gaye Suse Kromer

In ihrem Kleinen Kaufhaus vertreibt Frau Kemper Süßes und Tabak, Tageszeitungen und Zeitschriften, Batterien und Feueranzünder in mannigfacher Zahl. Es gibt durchaus Bier, aber das Angebot ist eher ein Zugeständnis an die Fußball-Fans – fußläufig sind es nur 15 Gehminuten zum Stadion – als tatsächliche Überzeugung. Entsprechend wird der Schaumtrunkt nur Flaschen-, nicht Kistenweise verkauft. "Alkohol ist einfach nicht mein Ding, aber in so kleinen Mengen ist es okay", erläutert Mechthild Kemper den Kompromiss mit sich selbst.

Das Sortiment ist optimal auf die Bedürfnisse der Kreuzviertel-Bewohner abgestimmt. Der Schwerpunkt liegt auf Schreibwaren und Bürobedarf. Um’s Eck sorgt eine Grundschule für regen Absatz. Mitarbeiterin Inge Kehlau, sie steht Mechthild Kemper seit drei Jahren zur Seite, hat inzwischen ihre eigenen Erfahrungen gemacht: "Die Kinder kommen ja immer gleich im Rudel. Das ist so schön!" Frau Kemper ergänzt mit einem feinen Schmunzeln: "Es ist ulkig, wenn jemand fragt ‚Wieso, wer ist Frau Kemper?’ sagen die ‚Wie? Du kennst Frau Kemper nicht?’"

Das Markenzeichen solcher kleinen Geschäfte: Sie sind wie Chamäleons, passen sich schnell und elegant den Bedürfnissen ihrer Kundschaft an, die sich aus der unmittelbaren Nachbarschaft speist. Die Betreiber prägen das Profil ihrer Geschäfte. Sie sind das Herzstück, Epizentrum, der Dreh- und Angelpunkt eines Ladens und können das Profil eines ganzen Viertels prägen – so wie es Frau Kemper seit vier Jahrzehnten tut.

Sticker

Sticker
Bild: Dortmund-Agentur / Gaye Suse Kromer

Von Schuhen zu Stiften

Den Laden gibt es schon seit über 80 Jahre. Der ehemalige Schwiegervater betrieb hier als Meister eine Schuhmacherei. Er nahm später das Tabakgeschäft dazu. Und dann kam kurioserweise eine Art Mini-Bücherei mit ins Geschäft. Noch heute stehen im Kleinen Kaufhaus Kemper ein paar der inzwischen antiquarischen Bücher auf den Regalen, die der Schwiegervater an die Kreuzviertelianer verliehen hatte.

Mit Frau Kemper zog auch ein anderes Sortiment ein. "Die Schreibwaren habe ich ganz alleine aufgebaut. Ich dachte, nur Tabakwaren, das wird auf Dauer nichts. Auch mit den Zeitschriften ist kein Geld mehr zu machen. Die Umsätze kommen aus den Schreibwaren", erklärt die tüchtige Geschäftsfrau ihr bewährtes Geschäftsmodell. Ihre Weitsicht hat sich in Zeiten von Gesundheitskult und Informationsbeschaffung übers Internet ausgezahlt. Heute steht das Geschäft und mit diesem Frau Kemper auf gesunden Beinen.

Wacker zu Frau Kemper

Während des Interviews bimmelt immer wieder die Ladenglocke. Mal wird ein Stift gebraucht, mal die Zeitung abgeholt. So geht es die ganze Zeit. "Dabei", seufzt Mechthild Kemper, "ist heute kaum etwas los." "Sind Ferien", schiebt Inge Kehlau erklärend hinterher. Also, wenn ein ständiges Kommen und Gehen "nicht viel los" bedeutet ... Aber Frau Kemper kennt ihre Pappenheimer eben. Sie kann – wie ein Kapitän die Ebbe und die Flut – den Rhythmus der Kundschaft exakt deuten.

Ladenspiegel

Ladenspiegel für den Überblick
Bild: Dortmund-Agentur / Gaye Suse Kromer

"Viel los ist, wenn die Schule anfängt. Eltern kommen mit ihren Kindern und den Listen der Schule. DAS ist wirklich Hochzeit im Laden", lacht Frau Kemper. Und dann muss alles sehr schnell gehen. Bedienen, bestellen, abkassieren und manchmal erklären, dass Bestellungen kurz vor knapp, wenn alle das gleiche wollen, eben auch mal einen Tag Lieferzeit brauchen.

Da steckt Geschichte drin

In 40 Jahren war nun nicht alles Zucker. Die Geschäftsfrau hat ihre Sporen sauer verdient. Gleich am Anfang bestahl ihre erste Angestellte sie um 40.000 D-Mark. Fast hätte Frau Kempers grenzenloses Vertrauen das Aus für den Laden bedeutet: "Ich war naiv und musste erst lernen, als Chefin die Kontrolle zu behalten. Als ich den Grundsatz verstanden hatte, war’s fast zu spät. Trotzdem ist es nicht so, dass ich misstrauisch bin. Man kann ja nicht das, was man mit einer Person erlebt hat, auf alle übertragen. Ich bin ein positiver Mensch."

Verkaufsgespräch im Laden

Kundengespräch
Bild: Dortmund-Agentur / Gaye Suse Kromer

Zwei schwere Krankheiten überstand sie, später pflegte sie mit Unterstützung ihres Lebensgefährten ihre Mutter bis zu deren Ende – wohlgemerkt neben dem laufenden Geschäft. Mitarbeiterinnen kamen und gingen. Und so manche Auseinandersetzung mit dem Vermieter hat sie und mit ihr die Ladenperle im Kreuzviertel überstanden. Ohne ihre Leidenschaft zum Kleinen Kaufhaus, ihre Beharrlichkeit, ihren Lebensgefährt und vor allem die Liebe zu den Kunden hätte Mechthild Kemper längst die Türen geschlossen.

Diese Schwierigkeiten sind inzwischen eine Fußnote in der Historie des Geschäfts. Es muss weitergehen, es geht weiter unter veränderten Vorzeichen. Frau Kemper ist aus dem Kreuzviertel raus, mit ihrem Lebensgefährten nach Olfen gezogen: "In ein Holzhaus mit Garten. Nicht so exklusiv, wie ich das hier hatte, aber man muss ja für das Alter vorsorgen."

Ganz nach dem Motto "Immer positiv denken" gibt es einen großen Vorteil. Frau Kemper kommt in den Laden nach Dortmund und ist ganz im Geschäft für die Kunden da. In Olfen ist Entspannung angesagt: "Zuhause wird nicht mehr so viel geredet, gemacht oder getan. Da habe ich nur meinen Lebensgefährten." Bevor es zum nächsten Thema geht, wird Kaffee verteilt. Es gibt ihn nur schwarz, heiß, ohne Schnickschnack an der Theke. Dazu eine kleine Zigarette unterm Ladentisch. Das Geheimnis von Frau Kempers zeitloser Erscheinung ist somit gelüftet.

Zeitschriftenauslage

Zeitschriften wohin das Auge sieht
Bild: Dortmund-Agentur / Gaye Suse Kromer

Kommunikation, Merkfähigkeit, Freundlichkeit

Tja, die Kunden. Das ist so was. Eines geht hier wie geschnitten Brot und ist mit Geld nicht aufzuwiegen: das Gespräch. Mit Frau Kemper. Mit ihren Mitarbeiterinnen. Mit den Nachbarn. Das Kleine Kaufhaus ist ein Hort der Kommunikation und eine Institution im Viertel, wie ein Kunde in unmittelbarer Nachbarschaft begeistert formuliert. Die Liebesgeschichte zwischen Kreuzviertelianer und Frau Kemper ist eine innige und treue. Frau Kemper gerät regelrecht ins Schwärmen, wenn sie über ihre Kunden spricht: "Die Leute hier sind nett und haben Niveau. Da lässt keiner seine Position bei der Arbeit raushängen oder gibt mit irgendwas an."

Herzlichkeit und Merkfähigkeit sind die schmackhaften Zutaten des Kleinen Kaufhauses, genauso wie das Zuhören und Reden. Die Geschäftsfrau dazu: "Man merkt sich nach gewisser Zeit, wer welche Zeitung kauft, welche Zigarettenmarke jemand bevorzugt und den Namen vom Kind oder Hund. Freundlichkeit ist wichtig. Ich sag zu meinen Mitarbeiterinnen, dass sie sich lieber auf die Kundschaft als auf das Staubputzen konzentrieren sollen." Nur sehr selten musste Frau Kemper richtig streng mit Kunden werden. Vielleicht drei oder, wenn es hochkommt, viermal in all den Jahren. Eine Frau, ein Wort, ein gerader Rücken.

Es kommen Eltern, Kinder, Enkel und manchmal sogar schon die Urenkel. "Ja ja, das geht über Generationen. Manchmal, wenn mir eine Kundin ihr Kind vorstellt, denke ich, die kann doch nicht so alt sein. Die hab ich gerade selber auf dem Schoss gehabt. Meine Güte." Kein Wunder also, dass die Verbindung der Kunden dem Kleinen Kaufhaus, und selbstverständlich mit Frau Kemper selbst, oft ein Leben lang hält: "Es gibt Kunden, die sich bei mir als Kinder ihr Mickey-Maus-Heft geholt haben und heute Die Zeit kaufen."

Mechthild Kemper und Inge Kehlau

Mechthild Kemper und Inge Kehlau
Bild: Dortmund-Agentur / Gaye Suse Kromer

Eine Verbindung für die Ewigkeit

Umkehrt funktioniert die innige Liebe genauso. Thomas ist gerade reingekommen. Er hat einiges zu sagen: "Ich bin schon immer Kunde hier gewesen. Seit ich hier wohne. Immer. Ich kann Ihnen einen Paradebeispiel nennen: Ich wollte einen bestimmten Kalender, den die Mechthild nicht mehr hatte. Da sagte sie, dass sie den am nächsten Tag aus der Stadt mitbringt. Ich sag ‚Und was ist mit Geld?’ Sagt sie: ‚Ach, hör doch auf.’ Ich habe ihn natürlich später bezahlt, aber mal ehrlich, wo kriegen Sie so was? Das mir Vertrauen geschenkt wird?"

Wer das Viertel am Leben erhalten will, der muss das Geld hier ausgeben.

Manche Stammkunden haben hinter der Theke eigene Körbchen. Hier sammelt die Kemperische Belegschaft die jeweiligen Zeitungen. Noch mal Thomas: "Ich muss mich gedanklich nicht kümmern. Mechthild hat eine Liste von mir, was ich will. Das Körbchen wird mit meinen Zeitungen gefüllt und irgendwann gebe ich ihr das Geld. Wer das Viertel am Leben erhalten will, der muss das Geld hier ausgeben." Er könnte noch mehr erzählen, wird aber liebevoll zur Ordnung gerufen und genauso liebevoll vor die Tür gesetzt.

Das Kaufhaus um die Ecke mit Schnackmöglichkeit kommt auch bei den jungen Leuten, die frisch ins Viertel ziehen, gut an. "Die könnten ja im Internet bestellen. Tun sie aber nicht. Sie kommen lieber in den Laden", erzählt Inge Kehlau. Kein Wunder, denn nur hier erfährt man die Neuigkeiten aus der Nachbarschaft. Frau Kemper: "Ich glaube, man kommt mit den Jüngeren klar, weil man nicht an denen rummäkelt, egal, was die machen. Meine Kundschaft ist insgesamt jünger geworden. Und lockerer."

Eines ist den alteingesessenen und neu hinzugekommenen Viertelbewohnern gemeinsam: Ihr Kiez ohne Frau Kemper? Undenkbar. Beim Abschied ein letzter Blick auf Frau Kemper inmitten ihres Refugiums. Hier kann sich jede und jeder willkommen fühlen, ein bisschen was mitnehmen und ein bisschen was dalassen. Das ist das pralle Leben in einem Kleinen Kaufhaus im Kreuzviertel.