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Bild: Dortmund-Agentur / Stefanie Kleemann

Sport

Dreidimensionaler Wasserspaß

19.12.2016, Gaye Suse Kromer

Tropisch feuchte Wärme umfängt den Gast, leichter Chlorgeruch liegt in der Luft, am Rand des Schwimmbeckens sitzen Menschen, die gespannt die unruhige Wasseroberfläche beobachten. In Abständen springen sie selbst ins Wasser, wenn ein anderer an die Oberfläche kommt. Es ist Dienstag, 21 Uhr. Im Südbad läuft seit einer halben Stunde das Training für Unterwasserrugby.

Gutes Zusammenspiel beim Unterwasserrugby

Gutes Zusammenspiel
Bild: Jan Weckelmann

Seit etwa drei, vier Jahren ist Unterwasserrugby fester Bestandteil im SV Westfalen“, erzählt Vorstandsvorsitzender Uwe Weckelmann. Von Vorteil ist sicherlich, dass seine drei Kinder Kai, Jan und Sarah ebenfalls dem Verein angehören und begeistert Unterwasserrugby spielen.

Nur noch beim SV Derne kann auch Unterwasserrugby (UWR) gespielt werden. Uwe: „Meine Kinder und Melvin, ein weiterer UWR-Spieler, haben mich gefragt, ob wir uns das Angebot im Verein vorstellen können. Ich habe ja gesagt – wir sind für alles offen.“

Mit der großen Truppe sind wir insgesamt 42 Leute, davon 24, die Liga spielen

Jan Weckelmann

Was recht übersichtlich und bescheiden mit einer Frage und einer Handvoll Enthusiasten begonnen hat, ist nun auf eine stattliche Anzahl an Spieler gewachsen.

Jan Weckelmann, Leiter der Presseabteilung im SV Westfalen: „Mit der großen Truppe sind wir insgesamt 42 Leute, davon 24, die Liga spielen.“

Zwei Körbe und ein Schnorchel

Die Mannschaftssportart mutet noch immer exotisch an, obwohl sie in den 1960er Jahren im Ruhrgebiet ihren Anfang nahm und die erste Meisterschaft 1966 in Mühlheim ausgetragen wurde. Erst Anfang der 1970er Jahre bekam Unterwasserrugby auch internationale Aufmerksamkeit. Inzwischen taucht das Norwegische Molde in weltweiten Gefilden vorne weg.

Warten auf den nächsten Einsatz

Warten auf den nächsten Einsatz
Bild: Jan Weckelmann

Das Equipment für Spieler ist recht übersichtlich: wahlweise Badeanzug oder Badehose, eine Wasserballkappe, Schnorchel und Flossen. Fertig. Die einzigen mit offizieller Genehmigung für eine Pressluftflasche sind die beiden Schiedsrichter im Becken. Des Weiteren braucht’s einen Ball – er ist mit Salzwasser gefüllt, damit er sinken kann – zwei Metallkörbe, ein Becken von bis zu 5 Meter Tiefe.

Zwei gegnerische Teams spielen quer zum Becken. Die Teams bestehen aus 6 Spielern und 6 Auswechselspielern. Der Wechsel der Spieler erfolgt fließend: Sobald ein Spieler das Becken verlässt, geht der nächste rein. Immer schön und vor allem schnell der Reihe nach.

Unterwasserrugby

Einer nach dem anderen
Bild: Dortmund-Agentur / Gaye Suse Kromer

Ein Spiel dauert 2 x 15 Minuten. Ziel ist es, den Ball in das gegnerische Tor am Beckenboden zu buchsieren. Das Team mit den meisten Toren gewinnt. Ein vermeintlich leichtes Ziel für eine der anspruchsvollsten Sportarten, denn der Gegner kann überall sein –oben, unten oder seitlich.

Voller Kontakt – voller Einsatz

Jan: „Deshalb sprechen wir auch von einer dreidimensionalen Sportart. Ein Spieler muss immer aufmerksam sein, ohne den Blick auf das Tor oder den Spielverlauf zu verlieren.“ Oder auf die eigene Mannschaft. Oder die der anderen. Und wer sich schon mal im Wasser bewegt hat, weiß, wie anstrengend Bewegungen im nassen Element werden können. Insbesondere unter der Oberfläche.

Einer der Reize für Jans älteren Bruder Kai, Spieler und Kooperationsleiter im Verein. Er kam vor 10 Jahren vom Schwimmen zum UWR: „Die Anstrengung habe ich am Schwimmen immer schon gemocht. Im Unterwasserrugby kann man bis an die Leistungsgrenzen gehen.“

Der Sport ist schön anstrengend, ein toller Mannschaftssport und man muss zeitgleich taktisch denken.

Britta Hempel

Ähnlich sieht es Britta Hempel, UWR-Spielerin beim SV Westfalen: „Ich habe mit Schwimmen aufgehört und nach einer Alternative gesucht. Mein Bruder hat mich letztlich auf diesen Sport gebracht. Begonnen habe ich dann 1992. Der Sport ist schön anstrengend, ein toller Mannschaftssport und man muss zeitgleich taktisch denken. Mir macht das inzwischen mehr Spaß als nur Bahnen zu ziehen.“

Dreiklang

UWR wirkt trotz der Dynamik und schnellen Spielerwechsel nicht so aggressiv wie vergleichbare Sportarten. „Das liegt vermutlich daran“, so Kai, „dass es bei uns in einem gewissen Rahmen erlaubt ist, den Gegner festzuhalten.“ Festgehalten werden darf der Spieler, der den Ball hat, z. B. am Fuß oder am Arm. Der Gegner darf sogar umklammert werden.

Verboten sind dagegen Angriffe auf Schnorchel oder Flossen und rohe Gewalt. Aber das versteht sich von selbst. Der Spieler muss sofort losgelassen werden, wenn er den Ball weiterspielt. „Es entstehen weniger Fouls, wir arbeiten mit kontrollierter Härte“, so Kai.

Der Sport ist wettkampforientiert und ein Vollkontaktsport. Man fasst sich eben an.

Kai

Was nicht bedeutet, dass es im UWR weniger kämpferisch zugeht. Im Gegenteil. Kai dazu aus der Praxis: „Der Sport ist wettkampforientiert und ein Vollkontaktsport. Man fasst sich eben an.“ Unter Wasser zu sein, vom Gegner festgehalten zu werden, zeitgleich an das Spiel zu denken und entsprechend zu handeln erfordert Kraft, Tempo und Geschick – körperlich wie mental.

Ein Sport für alle

Das klingt ja nun sehr ambitioniert hinsichtlich der Anforderungen an einen Spieler. Für wen eignet sich UWR da eigentlich noch? Die wunderbare Antwort lautet: Für – fast – alle Altersgruppen und vollkommen geschlechterunabhängig. Das Training unter Wasser hält Körper und Geist fit und schont zeitgleich Knochen wie Gelenke. Der SV Westfalen bietet dreimal die Woche ihr UWR-Training im Süd- und im Nordbad an.

Vereinsvorsitzender Uwe Weckelmann (links) und Jan Fuss, Abteilungsleiter UWR

Vereinsvorsitzender Uwe Weckelmann (links) und Jan Fuss, Abteilungsleiter UWR
Bild: Dortmund-Agentur / Gaye Suse Kromer

Sinnvoll ist der Einstieg ab 12 Jahren. „Die Jugendlichen sollten schon schwimmen können, weil wir uns hier auf das UWR-Training konzentrieren“, erläutert Kai. Optimal vorbereitet sind diejenigen, die über erste Erfahrungen beim Schnorcheln verfügen. Allerdings ist das keine Voraussetzung für den Einstieg in diese Sportart.

Kai weiter: „Es gibt auch Menschen die mit 30, 40 oder 50 vorbeikommen und das erste Mal UWR ausprobieren. Wer mitmachen will, sollte einfach wasseraffin sein.“ Nicht jeder will dabei in den Liga-Wettkampf einsteigen. Das ist für die Vereinsmitglieder in Ordnung. Interessierte sind beim Training herzlich willkommen.

Intensive (Nachwuchs-) Förderung

So jung der Sportzweig im SV Westfalen ist, so ehrgeizig sind die Pläne die Sparte Unterwasserrugby auszubauen.

Stichwort Nachwuchsförderung: „Unser Jugendtraining ist sehr gut anlaufen. Inzwischen haben wir 6 Jugendliche, die regelmäßig zum Training kommen. Manchmal kommen sogar mehr. Wenn das so weiter geht, haben wir die erste Dortmunder Jugendmannschaft zusammen und könnten an den Jugendturnieren teilnehmen“, berichtet Jan und hofft: „Es gibt eine Jugendnationalmannschaft. Wäre schön, wenn dort irgendwann Spieler aus Dortmund dabei wären.“

Vater Uwe ergänzt: „Während zum Schwimmtraining der Nachwuchs fast automatisch kommt, muss man UWR mehr bewerben.“ Schon allein, weil nicht jedem die Sportart ein Begriff ist.

Meisterliche Spiele

Außerdem hat es der SV Westfalen geschafft, im Mai 2016 die Deutschen Meisterschaften im UWR nach acht Jahren wieder nach Dortmund zu holen. Die Atmosphäre gestaltete sich familiär. Man kennt sich bundesweit in der übersichtlichen, aber feinen Szene genauso gut wie man auch untereinander vernetzt ist.

Der Verein hatte zur Meisterschaft technisch und atmosphärisch sichtlich aufgefahren, um die sportliche Crème de la Crème nebst Fans gebührend im Südbad zu empfangen. Drei Unterwasserkameras übertrugen die Bilder vom Spielverlauf auf Bildschirme in die Halle, in die Cafeteria und ins Internet.

Kommentatoren während der DM in Dortmund

Kommentatoren während der DM in Dortmund
Bild: Johannes Maas

Zwei Moderatoren kommentierten die Meisterschaft, der Eintritt war während der zweitägigen Meisterschaft frei. In den Pausen gab es Rocksound auf die Ohren und in der Cafeteria kulinarische Stärkung für Sportler und Gäste. Der starke TC Bamberg hatte sich zwar den Sieg souverän erspielt, aber wer weiß, wie weit die Dortmunder bei ihrem Tempo noch kommen werden …

Bilderstrecke: Deutsche Meisterschaft Unterwasserrugby

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Ausrichter der DM 2016
Bild: Dortmund-Agentur / Gaye Suse Kromer

Alle Bilder dieser Serie finden Sie auch im Medienportal.

Jede Stärke zählt

Ungewöhnlich für eine solche Mannschaftssportart ist, dass Frauen und Männer sowohl in Damen- und Männerteams spielen, als auch in gemischten Teams. Der Grund ist ganz einfach: weil es funktioniert. Unter Wasser verändern sich die Kräfteverhältnisse, so dass ein Zusammenspiel möglich wird.

Spielen gemeinsam UWR (von links) Jan Weckelmann, Britta Hempel und Kai Weckelmann

Spielen gemeinsam UWR (von links) Jan Weckelmann, Britta Hempel und Kai Weckelmann
Bild: Dortmund-Agentur / Gaye Suse Kromer

Kai ist ein Fan dieses Gebots in seinem Lieblingssport: „Es ist reizvoll, dass man gemischt spielt – Frauen, Männer in allen Altersklassen können zusammenkommen. Jeder Einzelne hat Stärken und Schwächen, die man im Spiel taktisch einsetzen kann.“

Es ist reizvoll, dass man gemischt spielt – Frauen, Männer in allen Altersklassen können zusammenkommen.

Kai

Es gibt so gar keine Unterschiede im weiblichen und männlichen Spiel? UWR ist also ein gleichberechtigtes Spiel? Es wird ein bisschen rumgedruckst, ein bisschen verlegen gelacht bei den Vereinsmitgliedern. Gleichberechtig schon, aber Unterschiede sind auszumachen. Britta: „Wenn reine Damenmannschaften spielen, ist der Zusammenklang sehr eng. Mit Männern gibt es mehr Einzelaktionen, der Ball wird viel schneller abgespielt.“ Eine Erfahrung, die Kai teilt: „Frauen spielen oft überlegener, haben die Gesamtsituation im Blick. Männer wollen den Ball ins Tor kriegen, egal, ob rechts oder links noch jemand ist, den man anspielen könnte.“

Enorme Erfolge

Die Damen der Deutschen Nationalmannschaft sind zwar als amtierende Weltmeisterinnen enorm erfolgreich, dennoch sind Frauen in dieser Sportart unterrepräsentiert. Schade, finden das die Dortmunder UWR-Aktiven. Allerdings gibt’s einen Silberstreif am Horizont. Britta: „Es ist eine Bewegung spürbar. Das Interesse steigt. Es sind über die Jahre mehr Frauen geworden.“

Und Kai ergänzt: „Früher wurde viel mit Kraft gespielt. Heute ist das Spiel schneller und taktischer. Es geht nicht mehr darum, viel Kraft zu haben, um jemanden aufzuhalten, sondern erst gar nicht in die Situation zu kommen, festgehalten zu werden.“ Das Spielsystem wird offensichtlich dynamischer und weiblicher.

Dem SV Westfalen steht im Bereich Unterwasserrugby noch einiges an Arbeit bevor. Beim Werbezug für diese Sportart sollen natürlich vor allem der Spaß am Team und die Freude am Sport im Vordergrund stehen. Alles in allem sieht es schon ganz gut aus: Zuwachs bei den Jugendlichen, Zuwachs bei den Frauen … Die Zeichen stehen gut beim SV Westfalen, Abteilung Unterwasserrugby. Wenn das mal keine idealen Voraussetzungen für eine Renaissance im Ruhrgebiet sind!