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Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Dortmund-Agentur / Stefanie Kleemann

20 Jahre Grafit Verlag

Mörderisch erfolgreich

13.08.2009, Von Gaye Suse Kromer

Hass, Habgier, Rache: Im Krimi sind die Motive für Mord übersichtlich. „Ich liebe es zu lesen, wie aus einer einfachen Struktur eine komplexe Geschichte wird“, so Dr. Rutger Booß, Verlagsleiter einer der kleinsten und erfolgreichsten Krimiverlage Deutschlands. Und der kennt sich aus.

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Verleger mit Sinn für Lokalkolorit: Dr. Rutger Booß

Vor genau 20 Jahren machte sich der Lektor Booß als der Verleger Booß in Dortmund selbstständig: "Die Dortmunder Wirtschaftsförderung kam mir damals sehr entgegen mit einer finanziellen Unterstützung und wertvollen Tipps zur Selbstständigkeit". Er baute ab 1989 seinen Ein-Mann-Betrieb zu einem Verlag mit fünf Angestellten auf.

Ausschließlich mit Krimis. Krimis! Das kennt die geneigte Leserschaft doch. Meterweise Regalreihen füllt das Genre in Buchhandlungen und Bibliotheken, keine Bestsellerliste ohne mindestens einen Krimi. Genau andersherum wird ein Schuh draus: Anfang der 1990er Jahre, als Spannungslektüre deutscher Autoren von großen Verlagen als provinzielles Schmuddelgenre belächelt wurde, fand Grafit seine Nische. Und baute sie kräftig aus. Mit dem kleinen Verlag wurde Kriminalliteratur hoffähig.

Zuhause im Krimi

"Der Markt schrie förmlich nach Krimis mit Lokalkolorit", so Booß. Nicht zuletzt die Eifel-Bücher von Jacques Berndorf und – eine waschechte Dortmunderin – Gabriella Wollenhaupt mit ihrer Kommissarin Grappa gehören dazu. Warum gerade Spannungsliteratur "von daheim" bis heute so erfolgreich ist, erklärt sich der Verlagsleiter durch die wachsende Komplexität der Umwelt.

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"Wenn die Stammkneipe erwähnt wird, fühlt man sich gleich heimisch!"

"Wiedervereinigung, Globalisierung, der Einzelne verliert schnell den Überblick. Wenn die Stammkneipe erwähnt wird, fühlt man sich gleich heimisch. Das sind Strukturen, die der Leser liebt. Aus der Sicherheit schöpft man Vertrauen, weil das ein berechenbares Umfeld ist."

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Neben Stammautoren setzt der Verlag auch auf Newcomer. So bleibt Mord lebendig.

Jacques Berndorf, Gabriella Wollenhaupt, Jürgen Kehrer, Horst Eckert und noch einige mehr gehören zu den Zugpferden des Verlags. Grundsätzlich wenden sich die Autoren mit ihren Manuskripten an Grafit. Der Verlag vergibt keine Auftragsgeschichten. Die Autoren sollen ungehindert schreiben können.

Der Verlag zeigt ebenfalls Mut auf einer anderen Ebene: "Wir halten engen Kontakt zu unseren 'Stammautoren'. Aber wir setzen auch auf Newcomer. Unser Lektorat fischt eifrig nach den Perlen im Teich. Diese Arbeit ist zwar mühselig, aber es lohnt sich. Neue Autoren, die gefragt sind, erfrischen den Markt. So bleibt Mord lebendig!"

Zwei Morde pro Buch

Öffentlichkeitsarbeit kann in einen überschaubaren Verlag wie Grafit nur begrenzt geleistet werden. Große Werbemaschinerien wie bei den Megaverlagen sind nicht drin. Also, was ist das Geheimnis des Grafit-Erfolgs? "Qualität ist das A und O unserer Arbeit. Zur Qualität zählt allen voran die Spannung. Die Geschichte muss über eine bloße Zeitungsmitteilung hinaus gehen. Eine Story soll plausibel sein. Und: Die Figuren müssen leben!", setzt Booß hinzu. Oder sterben.

Im deutschen Krimi gibt es durchschnittlich 1,8 Morde pro Buch. "Ich habe es zwar noch nicht durchgezählt, aber wir kommen mindestens auf zwei pro Buch", sagt er und lacht: "Mehr braucht’s nicht!"

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Eine "Mords-"Geschichte landet auch schonmal vor Gericht

Mehr braucht’s nicht? Ein Zahlencheck zeigt, dass das schon eine ganze Menge ist. Rund 1.500 unaufgefordert eingesendete Manuskripte erreichen Grafit pro Jahr. Maximal zwei schaffen es zwischen die Buchdeckel. Wenn überhaupt. "Unser Lektorat ist sehr wählerisch und hat seine Ansprüche immer weiterentwickelt. Man kriegt für geeignete und ungeeignete Bücher ein scharfes Auge."

Dass eine reale "Mords-" Geschichte nicht eins zu eins ins Buch gehört, hat nicht nur was mit der fehlenden Spannung zu tun, sondern auch mit der juristischen Seite. Zweimal fand sich der Verlag vor Gericht wieder. Einige Personen meinten sich in Grafit-Büchern wiedererkannt zu haben. Zweimal entschieden die Gerichte zugunsten des Verlags. "So was kommt schon mal vor, aber wir provozieren solche Verfahren nicht."

Ausgezeichnete Literatur

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Internationale Autoren und renommierte Preise

Über 230 Titel sind derzeit im Angebot. Darunter sieben historische Kriminalromane. Außerdem bewegt sich Grafit seit 2000 auf dem internationalen Markt. Einige Bücher liegen inzwischen in Tschechisch, Niederländisch, Französisch sowie in Russisch vor. Umgekehrt fließen die kreativen Ströme ebenfalls: Unter anderem tummeln sich Niederländer, Finnen, Dänen unter dem Grafit-Logo. Dass der Verlag mit seinem Programm goldrichtig liegt, zeigen nicht nur die Verkaufszahlen – 1,6 Millionen Euro setzte Grafit 2008 um –, sondern auch Preise und Auszeichnungen, die die Grafit-Krimis einheimsen, darunter der renommierte Friedrich-Glauser-Preis für z. B. Horst Eckert oder auch der Eifeler Literaturpreis, der an Jacques Berndorf ging.

Verschiedene Grafit-Krimis gibt es außerdem als Hörbücher. Sogar das Fernsehen nahm sich der Krimis des Dortmunder Verlages an. Sind bei so viel Erfolgen überhaupt noch Wünsche offen? "Aber ja, ich wünsche mir, dass sich der Verlag seine Unabhängigkeit bewahrt und weiterhin eine wichtige Rolle in der Kriminalliteratur spielt." Mindestens für die nächsten 20 Jahre!