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Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Dortmund-Agentur / Stefanie Kleemann

Kulturhaus Taranta Babu

Mikrokosmos der Kulturen

16.09.2009, Von Gaye Suse Kromer

Gepolsterte Sitzecken, offene Theke, jede Menge Kerzen und Bücher auf Regalen, zwischen Fensterbrettpflanzen, inmitten der Sitzgelegenheiten. Das Literaturcafé Taranta Babu im Herzen des Dortmunder Klinikviertels macht einen behaglichen Eindruck: Hier dürfen Gedanken frei sein, hier sollen sie frei sein.

Inhaber Hasan Sahin vor dem Taranta Babu

Der Initiator vor seinem Taranta Babu: Hasan Sahin

"Sprache bedeutet Heimat", begrüßt Hasan Sahin, Initiator des Taranta Babu. Was sich zwischen der vielen Literatur einfach anhört, ist das Ergebnis einer intensiven politischen Auseinandersetzung. Anfang der 1970er Jahre von der türkischen Insel Büyükada nach Deutschland gekommen, lernte er Menschen mit gleicher Gesinnung und ähnlicher, von politischer Verfolgung geprägten Geschichte kennen. Mit nächtelangen Diskussionen schlug sich das Grüppchen um die Ohren: "Es ging um Fragen wie 'Wer sind wir?', 'Was heißt Gesellschaft?' und 'Wo ist Zuhause?'. Die ganze Welt wollten wir damals verändern".

Küche des Taranta Babu

"Man muss keine bestimmte Ansicht vertreten, um im Café ein Getränk zu bekommen."

Später ging es darum, die Theorie in die Praxis zu übersetzen, Starthilfen zu geben für andere Minderheiten: "Ich wollte den Menschen was geben, aus dem sie etwas machen können. Wir fingen mit den ganz Kleinen an, boten den Kindern der - damals so genannten - Gastarbeiter Hausaufgabenhilfen, Freizeitgestaltung, führten sie an die Literatur ihrer Muttersprache heran."

Drei auf einen Streich

Mit dem Tun kamen mehr Ideen, mit mehr Ideen wuchs das Engagement. Neben dem Café, nur einen Durchgang weiter, geht es in die Buchhandlung. Auf der gegenüberliegenden Seite befinden sich die Räume des "Vereins zur Förderung der interkulturellen Lesekultur und Medienkompetenz", dessen Vorsitzender Hasan Sahin ist. Seit den 1980er Jahren hat er mit diesem "Taranta-Babu-Dreieck" ein Kulturzentrum des Gedankenaustausches geschaffen.

Die Bücherei des Taranta Babu

Neben Lesungen und Buchvorstellungen runden Kabarettveranstaltungen und Konzerte das Programm ab.

Das Angebot wird ständig erweitert. Heute schon gibt es etwa Lesungen im Café. In den Vereinsräumen entsteht gerade eine neue Bühne, auf der Kabarettveranstaltungen und Konzerte ihren Platz finden. Sahin ergänzt: "Die Bücher-, Film-, oder Veranstaltungsprogramme entstehen nach Anregungen der Gäste im Taranta Babu."

Bücherregal

Zwischen Kochbüchern und Bestsellern findet man auch exotische Literatur

Die zwei wesentlichen Bausteine Politik und Literatur des Kulturzentrums spiegeln sich im Namen wieder: Taranta Babu war in den 1930er Jahren eine äthiopische Freiheitskämpferin. An sie - sowie an andere Gefährten - schrieb der bedeutende türkische Autor und Aktivist Nazim Hikmet aus dem Gefängnis Briefe. Heute ist der Name in Verbindung mit den Projekten des Kulturzentrums als Würdigung von Hikmet und Babu zu verstehen.

Babylon positiv

Was in der Vergangenheit ausgesät wurde, trägt in der Gegenwart zarte Blüten. "Neben verschiedenen Gruppen wie Lesezirkeln, Umwelt- und Kreativgruppen treffen sich hier auch Studenten. Sie werden wieder politischer. Das gefällt mir", freut sich Hasan Sahin.

Bei so vielen Interessensgruppen geht es im Taranta Babu manchmal ganz schön hoch her. Inhaltlich, aber auch sprachlich. An manchen Tagen sind bis zu sieben verschiedene Sprachen zu hören. Unverständliches Kauderwelsch wie Klein-Babylon? Nein, es gibt eine Regel: An der Theke wird Deutsch gesprochen. "Das ist ein Konsens, mit dem alle Gäste gut umgehen können."

Hasan Sahin

"Der Spaß kommt hier mit Sicherheit nicht zu kurz"

Hasan Sahin ist es nach vier Jahrzehnten Deutschland einerlei, ob sein Gegenüber Hans oder Ali heißt. Die Umgehensweise mit dem kulturellen Background ist es nicht: "Wir Minderheiten müssen uns an die eigene Nase fassen. Die Frage lautet nicht, was kann die Mehrheitsgesellschaft für mich tun, sondern was gebe ich der Mehrheitsgesellschaft? Ich wünsche mir, dass die Kommunikationsstrukturen, die Ideen und Dynamiken zwischen den Kulturen, die hier entstehen, zurück in die Gesellschaft fließen."

Gelebte Hinterhofkultur

Geschirr im Taranta Babu

Ein Platz an dem jeder so sein kann wie er möchte

Bei all den schwergewichtigen Themen, wo bleibt da die Muße? “Der Spaß kommt hier mit Sicherheit nicht zu kurz“, lacht Sahin, “Jeder ist eingeladen, vom Schüler bis zum Professor. Man muss keine bestimmte Ansicht vertreten, um im Café ein Getränk zu bekommen.“

Auch die unmittelbare Nachbarschaft schlendert gerne auf einen Schwatz vorbei, tauscht den neusten Tratsch des Viertels aus. Im Taranta Babu blühen bunte Reservate, die immer offen sind für das Außen.

"Das ist lebendige Hinterhofkultur, so wie ich sie verstehe. Letztlich geht es immer um das menschliche Beisammensein, um Kommunikation, einen Platz, an dem jeder so sein kann, wie er möchte. Und vielleicht sogar noch Anregungen mit in den Alltag nimmt." Die ganze Welt hat Hasan Sahin nicht verändern können, aber er hat einen Ort für ein besseres Miteinander geschaffen.