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Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Dortmund-Agentur / Stefanie Kleemann

Nelly-Sachs-Preis

Die absurde Suche nach Normalität

30.11.2017, Gaye Suse Kromer

In diesem Jahr geht der mit 15.000 Euro dotierte Nelly-Sachs-Preis am 10. Dezember an Bachtyar Ali. In der orientalischen Welt ist der Schriftsteller und Essayist – der Kunst und Literatur als einzige Waffe gegen Grausamkeiten bezeichnet – schon seit vielen Jahren eine feste Größe. Nun hat er in Deutschland einen furiosen Durchbruch geschafft.

Die Stadt Dortmund verleiht den Nelly-Sachs-Preis alle zwei Jahre an Personen mit einer herausragenden schöpferischen Leistung im Bereich Literatur bzw. geistiges Leben, die sich der Toleranz und einem friedlichen Zusammensein von Völkern verschrieben haben. Literaturkritiker Stefan Weidner, Mitglied der Nelly-Sachs-Jury, begründet die diesjährige Entscheidung damit, dass Bachtyar Alis Werk ein Manifest des Lebenswillens und der Poesie sei: "Unter Rückgriff auf Mythen und die Spiritualität des Orients, getragen von hohem moralischem Anspruch und großem Engagement, bricht der Autor eine Lanze für die Menschlichkeit."

Impressionen von der Preisverleihung des Nelly-Sachs-Preises 2017

Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Dortmund-Agentur / Roland Gorecki

In der Tat: Die ganze Bandbreite der Kunstfertigkeit Bachtyar Alis zeigt sich in seinem aktuell auf Deutsch erschienen Roman "Die Stadt der weißen Musiker". Der Autor erzählt seine Geschichte mit den Ingredienzien eines Märchens, eines Märchens – wie es scheint – lange vor unserer Zeit. Hinweise deuten allerdings darauf hin, dass der Roman in der Gegenwart verortet ist, zu erkennen etwa an den mal mehr, mal minder subtilen Anspielungen auf zeitgeschichtlich aktuelle Vorkommnisse. Bachtyar Alis Figuren berühren auf wundersame Weise verschiedene zeitliche und räumliche Welten, ohne die Realität oder Gegenwart ganz zu verlassen. Sie oszillieren geschmeidig zwischen hüben und drüben, nehmen dabei den Leser mit auf ihre Reisen.

Die Magie seiner Kunst lässt sich zurückführen auf die Bedeutung, die das Schreiben für Bachtyar Ali hat: "Worte sehen besser als Augen. Schreiben heißt Erweiterung der Realität. Durch das Schreiben versuche ich Alternativen für die Realität zu entdecken. Unsere Wahrnehmungen und Vorstellungen von der Welt sind voll mit Lücken und Leerstellen – beim Schreiben versuche ich diese Beschränkungen aufzuheben."

Das nackte Leben

1966 in Sulaimaniya (Nordirak) geboren, war er durch politische Aktivitäten als Erwachsener gezwungen, das Land zu verlassen. Mitte der 1990er Jahr kam er in Deutschland an und lebt heute in Köln. Trotzdem Bachtyar Ali schon früh eine Begabung für Sprache und Schrift zeigte, mit 16 las er den französischen Autor Albert Camus und den Psychologen Sigmund Freud, war seine Entscheidung Poet zu werden nicht ganz freiwillig. Schon in den 1980er Jahren geriet Bachtyar Ali durch sein Engagement bei Studentenprotesten in Konflikt mit dem Saddam-Hussein-Regime: "Hussein war ein brutaler Diktator, gehasst vom Volk. Das Volk hat jede Gelegenheit genutzt, um zu protestieren." Bei einer dieser Demonstrationen trug der Autor Verletzungen davon, danach konnte und durfte er sein Geologiestudium nicht mehr fortsetzen.

Ich schreibe über die Unmöglichkeit der Liebe. Bei mir ist die Liebe mit Enttäuschung verbunden. Trotz der vielen Hoffnungselemente kann ich den Lesern nicht helfen, diese bittere Wahrheit zu vergessen. Was ich erzähle, kann die Leser in Unruhe und Verzweiflung versetzen.

Bachtyar Ali

Als Student war er geschasst, als Kanonenfutter allerdings gefragt – wie so viele seiner Generation: "Während der Zeit des Krieges zwischen dem Irak und dem Iran, wollte ich nicht Soldat werden, ich habe mich versteckt. In meinem Versteck habe ich sehr viel gelesen. Ich hatte keine andere Wahl, außer Dichter zu werden." Und damit nahm er die mächtigste Waffe gegen Diktatoren an sich +– das offene Wort. "Ich war Herausgeber der Zeitschrift Azadi. Meine Tätigkeiten als Journalist und Autor hat viele Politiker verärgert. Als 1994 im Nordirak ein blutiger Bürgerkrieg ausbrach, standen meine Freunde und ich mit unserer kritischen Zeitschrift unter großem Druck. Regelmäßig bekamen wir Drohungen. Wir konnten nicht mehr im Land bleiben."

Die Flucht gelang, aber die Ankunft in Deutschland gestaltete sich schwer. Das lag weniger an den äußeren Umständen, als vielmehr am zerrütteten inneren Zustand: "Mein Leben im Irak war so schlimm, dass ich bei meiner Ankunft keine großen Ansprüche mehr hatte. Um sich wie ein Bürger in einem Rechtsstaat zu fühlen, brauchte ich viel Zeit. Ich war ja nur ein Überlebender. Für eine sehr lange Zeit war für mich das nackte Leben genug."

Bücher - Nelly-Sachs-Preis

Die Bücher "Die Stadt der weißen Musiker" und "Der letzte Granatapfel" von Bachtyar Ali
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Dortmund-Agentur / Roland Gorecki

Literatur erklärt Realität

Bachtyar Ali gehört in der orientalischen Welt schon lange zu den renommierten Autoren mit einer wichtigen Stimme. Er erhielt Preise, seine Bücher verkaufen sich erfolgreich. In Deutschland dauerte es zwei Dekaden bis zum literarischen Durchbruch. Der Durchbruch gab Bachtyar Ali die Kraft und den Mut, sich als Autor zu zeigen. Mit der neuen, deutschen Leserschaft geht für ihn allerdings eine neue Verantwortung einher.

"Aber", so der Bachtyar Ali, "der persönliche Aspekt ist nicht alles. Es ist wichtig, dass die Menschen im Westen die Geschichte des Orients nicht nur durch Nachrichten mitbekommen. Was dort passiert, kann man mit der Sprache der Politik oder der Medien nicht beschreiben. Nur Literatur kann die Realität der Ereignisse erläutern. Den wahren Orient kann man nur mit Hilfe der Literatur entdecken. Es macht mich sehr glücklich, wenn meine Literatur zu diesem Prozess etwas beitragen kann."

Der Durchbruch gelang in Deutschland 2016 mit "Der letzte Granatapfel", darauf folgte zügig der Roman "Die Stadt der weißen Musiker". Das deutschsprachige Feuilleton überschlug sich nach der Veröffentlichung der beiden Bücher vor Lob. Die beiden Romane sind allerdings nur ein kleiner Teil seines ruhelosen Schaffens. Knapp zehn Romane, sechs Gedichtbände und mehrere Essays umfasst sein bisheriges Werksverzeichnis. Zwei andere Romane sind inzwischen ins Deutsche übersetzt, darüber hinaus sind weitere Übersetzungen geplant.

Hüter der Sprache

Zwar lebt der Autor seit Mitte der 1990er in Deutschland, seine Texte verfasst er jedoch nach wie vor in seiner Muttersprache Sorani. Sorani zählt zu einer der drei Hauptsprachen im Kurdischen. Die kurdische Sprache litt seit Beginn des 20. Jahrhunderts in verschiedenen Staaten unter Beschränkungen und Verboten. Die Konsequenz: Ein Teil der Kurden verlor ihre Sprache, trotzdem es in späteren Jahren wieder Erleichterungen gab, z. B. gehört Kurdisch im Irak inzwischen zur 2. Amtssprache.

Bachtyar Ali, durch und durch ein Mann des Wortes, erklärt die Wahl seiner Schriftsprache so: "Unsere Generation muss die Sprache hüten. Nur die Literatur kann sie wirklich bewahren." Auch wenn er diese Romane in Sorani schreibt und im Herzen mit seiner Muttersprache verbunden ist, er ließ es sich nicht nehmen, die beiden bisher in Deutschland erschienenen Romane in der deutschen Übersetzung vor dem Druck gegenzulesen und zu korrigieren.

Bachtyar Ali

Impressionen von der Preisverleihung des Nelly-Sachs-Preises 2017
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Unionsverlag

Die Kraft der Kunst

Man kann Bachtyar Ali wohl als tiefgründigen Feingeist bezeichnen, denn seine Hingabe zur Kunst reicht weit über das geschriebene Wort hinaus: "Ich war immer ein großer Liebhaber der Kunst. Maler wie Pieter Bruegel, Hieronymus Bosch, Marc Chagall, René Magritte, Maurits Cornelis Escher haben mich genauso wie große Erzähler beeinflusst. Ich höre gerne klassische Musik. Zu meinen Favoriten zählen Béla Bartók und Benjamin Britten." Die melodiöse Tonalität ist in seinen Büchern immer wieder zu finden. So wirken die Beschreibung der Musiker und ihrer Kunst in seinem Buch "Die Stadt der weißen Musiker" natürlich und ganz und gar organisch.

Es wundert also nicht, wenn sein Respekt vor der Kunst eine große ist – auf eine pragmatische Weise: "Ich glaube an die Kraft der Kunst und Literatur. Sie sind zwar keine Zauberinstrumente, aber sie sind die einzige Waffe gegen die Grausamkeit und Erbarmungslosigkeit, die überall dominieren. Wenn ich nicht an Kunst glauben würde, würde es bedeuten, dass ich meine Rettung nur in der Politik, der Religion oder der Wissenschaft suchen könnte. Das halte ich für äußerst fatal", erklärt der Autor und setzt hinzu: "Wenn Kunst und Literatur die Welt nicht beeinflussen können, dann hat die Nacht für die Welt kein Ende."

Was mir fehlt ist die Normalität. Alles was ich erzähle, hat mit der absurden Suche nach Normalität zu tun. Es ist erstaunlich, wie die Welt ihre Normalität verliert und wir das nicht merken.

Bachtyar Ali

Das Universelle der Dualität

Es fällt auf, dass Bachtyar Ali das Wort "Verantwortung" groß schreibt. Nicht nur gegenüber seiner – neuen – Leserschaft fühlt er sich verantwortlich. Gefragt nach der Motivation, gegen Diktatur und für Menschlichkeit einzutreten, sagt er überzeugt: "Um gegen Barbarei einzutreten, braucht es keine Motivation, es braucht innere Kraft und Mut zur Verantwortung!" Und das ist die Intention seiner Kunst, die Botschaft an seine Leser: "Ich schreibe über das, was uns Menschen verbindet, über unsere Verantwortung Mensch zu sein und gehe der Frage nach: Was macht den Mensch zum Menschen?"

Aber alle Ideen, jeder Gedanke hat zwei Seiten. Vielleicht ist die Zerrissenheit, das Wanken zwischen dem Guten und dem Bösen, ein zutiefst menschlicher Aspekt. Das Motiv "Gut gegen Böse, Böse gegen Gut" ist jedenfalls universell – ganz gleich in welcher Kultur. In "Die Stadt der weißen Musiker" heißt es "Kunst, die nicht auch etwas Böse in sich hat, gibt es nicht." Diese Dualität findet sich entsprechend bei Bachtyar Ali: "Ich schreibe über die Unmöglichkeit der Liebe. Bei mir ist die Liebe mit Enttäuschung verbunden. Trotz der vielen Hoffnungselemente kann ich den Lesern nicht helfen, diese bittere Wahrheit zu vergessen. Was ich erzähle, kann die Leser in Unruhe und Verzweiflung versetzen."

Nach all den Jahren, den Schmerzen, den schlimmen Erfahrungen und Erlebnissen bleibt die Frage wie er sich eine andere, eine ideale Welt vorstellt. Die Antwort ist überraschend und dann wiederum auch nicht: Sein Ziel sei keine ideale Welt. Bachtyar Ali würde eine "normale" Welt schon reichen: "Was mir fehlt ist die Normalität. Alles was ich erzähle, hat mit der absurden Suche nach Normalität zu tun. Es ist erstaunlich, wie die Welt ihre Normalität verliert und wir das nicht merken."