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Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Stefanie Kleemann

sweetSixteen-Kino

Voll von der Rolle

15.10.2009, Von Gaye Suse Kromer

Karte kaufen, in den Sitz kuscheln, Naschwerk auf den Knien platzieren. Das Licht geht aus, über den Saal senkt sich Stille, auf der Leinwand beginnt die Reise in andere Dimensionen. So schön kann Kino sein!

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Das Kinoteam von links: Frank Haushalter, Susanne Solbach, Peter Fotheringham

Seit dem 2. Oktober 2009 ist Dortmund um ein Lichtspielhaus reicher. Peter Fotheringham, Susanne Solbach und Frank Haushalter fanden mit ihrem mobilen Filmclub sweetSixteen eine feste Heimat im Depot, ehemals Straßenbahnwerkstatt, heute Kulturzentrum. Den Auftaktfilm machte der moderne Klassiker "The Big Lebowski". Zur Eröffnung kamen über 140 Gäste aus Dortmund und - der gute Ruf eilte dem Kino voraus - aus Düsseldorf, Essen, Solingen...

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Mit viel Hilfe verwandelten die "Sweeties" das depot in einen Filmtempel

Sweet Home Depot

Der Umzug in feste Räumlichkeiten war eine echte Herausforderung. "Wir wollten eigentlich nur mieten, aber immer gab es einen Pferdefuß. Miete zu hoch, Platz zu klein... Dann kam die Chance im Depot ein Kino nach unseren Bedürfnissen zu schaffen", erklärt Susanne Solbach.

Der Vorraum des sweetSixteen-Kino

Zur Eröffnung kamen 140 Gäste aus Dortmund, Düsseldorf, Essen...

Eine Heerschar von Unterstützern krempelte die Ärmel hoch, halfen den "Sweeties" die renovierungsbedürftigen Hallen in einen lebendigen Filmtempel zu verwandeln. Vom Anstrich bis zur Technikinstallation wurde alles in Eigenregie geleistet.

Frank Haushalter: "Nur mit den vielen zupackenden Händen haben wir den Aufbau im Sommer geschafft." Das Ergebnis: einen Kinosaal mit 100 festen Kinosesseln, der auf 140 aufgestockt werden kann, Schneideraum, Foyer, einen Vorführraum mit zwei festinstallierten 35 mm Projektoren, Abstellräume für Filme, Technik und 16 mm Projektoren.

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Treppauf geht es zum Vorführraum mit zwei 35 mm Projektoren

Der Name "sweetSixteen" ist abgeleitet von dem 16 mm Format. Heute wird das Format kaum noch in einem Kino gezeigt und deshalb von den Sweeties mit besonderer Zuneigung erhalten.

Mission Film

2003 hoben die Filmfreunde, damals noch zu viert, den Club aus der Taufe. Mit Sachverstand beim Equipment und Liebe zum Detail bauten sie ihren Zellulouid-Traum aus: Sie bekamen alte Filme zugeliefert, ausgemusterte Projektoren geschenkt. Außerdem steckten sie jede Menge Eigenkapital in die Erweiterung der filmischen Ausrüstung.

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Die Einrichtung ist mit viel Liebe zum Detail gestaltet

Unbedarft, aber mit viel Leidenschaft für die "Mission Kino", gingen sie ans Werk. Mit dem Terry-Gilliam-Film "Brazil" legten sie einen furiosen Start im Theater des Depots vor. Ein halbes Jahr später wagten sie sich an ihre erste große Open-Air-Vorführung im Fredenbaumpark. "Unser 'erstes Mal' sollte der Knaller sein. Und dann fiel die Aufführung buchstäblich ins Wasser", erinnert sich Fotheringham. Es goss wie aus Kübeln, die Zuschauer blieben aus, das investierte Geld war weg.

Die Cineasten legten sich die Karten: Wie geht's weiter, geht's überhaupt weiter? Aus dem Quartett wurde ein Trio, das vierte Vereinsmitglied stieg aus. Das Beinahe-Ende war für die drei anderen der eigentliche Startschuss. "Jetzt erst recht!", lautete die Devise. "Wir hatten unsere Lektion gelernt. Heute kann uns so ein Reinfall nicht mehr passieren. Wir sichern uns ab, können jederzeit auf Alternativen ausweichen", erklärt Solbach die inzwischen bewährte Strategie.

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Autorenfilme, Klassiker und Actionstreifen sichern ein vielfältiges Programm

Dreimal ganz anders

Angesprochen fühlen sollen sich alle zwischen 0 und 90 Jahren. Sonntagsnachmittags zum Beispiel ist das sweetSixteen für die Kleinen reserviert: "KinderKinoBrause", heißt das Programm, bei dem es außer Film und Naschereien auch jede Menge Kuscheltiere verteilt im Kino gibt. Die Großen können Autorenfilme, Klassiker, Actionstreifen, Genrefilme genießen. Es gibt keine dogmatische Richtlinie zur Filmwahl. Was zählt ist neben absehbaren Erfolgsfilmen - das Kino soll wenigstens kostendeckend betrieben werden - der Geschmack der Sweeties sowie ihres Publikums. Die unterschiedlichen Geschmäcker sicheren ein vielfältiges Programm.

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Alte Schätzchen werden gesammelt und gepflegt

Jeder hat ein Spezialgebiet. Während Solbach Kinderfilme bevorzugt und sich um das Kinderprogramm kümmert, zählt Kinokollege Fotheringham Frederico Fellini zu einem seiner Lieblingsregisseure. Für Haushalter steht das Kino als solches im Vordergrund: "Ich mag die großen Bilder, den Kinoraum. Wenn man so will das große Leben des Films."

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Ton, Licht und Veranstaltungen werden perfekt aufeinander abgestimmt

Sechs-Tage-Betrieb, intensive Zusammenarbeit, manchmal rund um die Uhr, ist das nicht unheimlich nervtötend? "Es ist ein bisschen wie eine Beziehung", schmunzelt Haushalter: "Klar, gibt es mal heftige Streits. Da wir unsere Stärken und Schwächen kennen, können wir uns aber immer wieder die Hand geben." Film verbindet, manchmal offensichtlich stärker als ein goldener Ring.

Mehr als Kino

Allerdings ist es nicht nur die Liebe zum bewegten Bild, die die Cineasten antreibt. "Es geht darum, über Kino hinaus etwas zu bieten, ein passendes Rahmenprogramm auf die Beine zu stellen", sagt Fotheringham.

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Vom Anstrich bis zur Technikinstallation entstand alles im Kino in Eigenregie

"Wir haben zum Beispiel mal 'Dirty Dancing' gezeigt. Vorab gab's die Lesung einer entsprechenden Doktorarbeit und eine Sambatruppe danach. Wir hatten das Haus voll mit hundertervierzig überwiegend kreischenden und tanzenden Damen", lacht Haushalter. Auch zu ihren Wurzeln des mobilen Kinos bekennen sie sich weiterhin. Die Möglichkeiten sind weit gefächert von der privaten Vorführung daheim über eine Aufführung im Depot-Kino für eine geschlossene Gesellschaft bis hin zum Beatlesfilm in einer Kirche. Mitte November werden zu "Elektrokohle", ein Film über die Band Einstürzende Neubauten, seltene Plattencover der Band im Foyer ausgestellt.

Haushalter: "Unsere Gesamtkonzepte sind mit Ton, Licht und dem Drumherum perfekt aufeinander abgestimmt. Kino soll etwas besonders sein!"

Den drei Unermüdlichen, die als Theatertechniker (Peter Fotheringham), Bildende Künstlerin (Susanne Solbach) und Kulturmanager (Frank Haushalter) tätig sind, ging und geht es immer um das Filmerlebnis, um das Filmerleben. Mit dem sweetSixteen schenken sie den Besuchern den unerklärlichen Zauber des Kinos, wenn das Licht verlöscht, die Ruhe einkehrt und die Leinwand erstrahlt.