Dortmund überrascht. Dich.
Phoenixsee

Aus unserer Stadt

Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Dortmund-Agentur / Stefanie Kleemann

Chak-e-Wardak Hospital

Über jeden Berg gibt es einen Weg

13.11.2009, Von Gaye Suse Kromer

Krieg, Armut, Flüchtlingsströme: Jeden Tag erreichen Deutschland neue Schreckensnachrichten aus Afghanistan. Das Durchschnittsalter der Afghanen liegt bei 43, es gibt Korruption und Transportprobleme. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Inmitten des Unruheherds gibt es einen Hort der Menschlichkeit, der dem Wahnsinn der Vernichtung seit 20 Jahren eine Insel der Heilung entgegensetzt: das Chak-e-Wardak Hospital. Ein Gespräch mit der Leiterin und Direktorin Karla Schefter.

Bild

Zu Gast bei Karla Schefter, Leiterin des afghanischen Chak-e-Wardak Hospitals

Karla Schefter serviert an diesem nass-kalten Novembertag wärmenden Tee in ihrem Wohnzimmer, in dem sich Gegenstände aus Okzident und Orient angenehm mischen. Seit nunmehr zwei Jahrzehnten pendelt sie zwischen Deutschland - jeweils drei Monate - und Afghanistan - jeweils neun Monate. Von ihrem Wohnzimmer aus organisiert sie Termine, hält Kontakt zu Spendern und tankt wieder auf. Pünktlich nach einem Vierteljahr zieht es die unermüdliche, ehemals leitende OP-Schwester zurück nach Afghanistan, zurück ins Hospital.

Bild

Schwerpunkt der medizinischen Versorgung sind Frauen und Kinder

Nach Afghanistan kam Karla Schefter im Rahmen eines EU-Projektes. Und blieb. "Die raue Schönheit des Landes, die Vielfalt der Menschen haben mich verzaubert", so Schefter. Und: "Ich sah die Notwendigkeit, anzupacken, das Hospitalprojekt aufzubauen. Ich habe mehr als einmal Krieg in diesem Land erlebt. Es reicht nicht, ein Krankenhaus hinzustellen. Wichtig sind die Zeiten danach."

Womenpower

Seit dem Bau des Krankenhauses 1989 in der Provinz Wardak, Distrikt Chak, wächst das Projekt unentwegt. Die Anfänge mit 20 Betten, Küche, Wäscherei und Esssaal waren bescheiden. Inzwischen verfügt das Hospital über 60 Betten - 40 davon nur für Frauen und Kinder, einer Chirurgie, einer Röntgenabteilung, einer Apotheke, einem Labor und einem hervorragenden Ruf.

Bild

Seit 1989 ist das Krankenhaus in räumlicher und technischer Hinsicht immer weiter ausgebaut worden

Mit 60 erschöpft sich übrigens nicht die Patientenzahl. In den Hochzeiten zwischen Juni und September werden bis zu 800 Menschen pro Monat stationär behandelt! "Kein Patient wird abgewiesen. Zur Not stellen wir Feldbetten oder Zelte auf." Die Gebäude wurden größer, die technische Ausstattung wuchs und es kam immer mehr Personal hinzu.

"Mittlerweile beschäftigen wir knapp siebzig Mitarbeiter, darunter eine Gynäkologin, eine Zahnärztin, Pfleger, aber auch Bäcker, Köche und Wächter." Das Hospital bildet aktiv Frauen aus. Über ein Viertel des Personals besteht inzwischen aus weiblichen Mitarbeiterinnen, denn Schwerpunkt der medizinischen Versorgung mit 75 Prozent sind Frauen und Kinder: Alleinstellungsmerkmale in diesem streng nach dem Patriarchat strukturierten Land.

Bild

Karla Schefter ist als europäische Frau inzwischen sogar in der Männergesellschaft akzeptiert

Das Patientenvolumen nimmt zu. Während in 1994 etwa 14.500 Erkrankte das Hospital aufsuchten, waren es 2008 mit 70.000 Menschen mehr als das fünffache. Aus den umliegenden Provinzen und sogar aus der 65 Kilometer entfernten Hauptstadt Kabul kommen Menschen Meile um Meile zur medizinischen Versorgung. Sie quälen sich vor allem unter Durchfällen, Thyphus, Rheuma, Infektionen. Aber auch Verbrennungen, Kriegs- und Mienenverletzungen sowie Schwangerschaften gehören zu den häufigsten Behandlungsfällen im Hospital.

Ausgezeichnete Gemeinschaft

Keine Entscheidung fällt über die Köpfe der Afghanen. Karla Schefter ist eines ganz wichtig: "Ich stemme das Hospital nicht allein. Nur gemeinsam mit den hiesigen Menschen kann so ein Projekt erfolgreich Früchte tragen.

Bild

Die Medizinausgabe findet in der eigenen Apotheke statt

Viele Talente wachsen hier zusammen." Das engagierte Personal besteht aus Afghanen, die das Krankenhaus als ihr eigenes Projekt begreifen. "Ich bewundere die Mitarbeiter dafür, dass sie trotz der problematischen Bedingungen durchhalten."

Karla Schefter ist zwar die Leiterin, aber auch unerschütterliche Optimistin. Und das zeigt Wirkung: Ihre beharrliche, kompetente Arbeit, die Erfolge haben ihr den Respekt der afghanischen Männergesellschaft eingetragen, ob im Ältestenrat, bei den Mudschahedin oder in den Arrangements mit den Taliban. Ja, auch die Taliban sind Thema. "Es gilt der Grundsatz: Wir wahren strikte Neutralität gegenüber allen politischen und religiösen Gruppen. So sichern wir unser Überleben."

Bild

Zahlreiche Ehrungen zeugen vom Erfolg des Hospitals

Zu Recht ist der Ruf des Hospitals ausgezeichnet - wortwörtlich. Ehrennadel der Stadt Dortmund, Bundesverdienstkreuz, Malalai-Orden - die höchste Auszeichnung Afghanistans - und zahlreiche weitere Ehrungen kann Schefter vorweisen. Sie liegen, stehen, hängen in ihrer Wohnung.

Nicht die Eitelkeiten bedienen sie, sondern die Sache und nur sie: "Die Preise verleihen dem Projekt die nötige Seriosität." Seriosität hilft bei den dringend benötigten Spenden, vor allem in einer Wirtschaftskrise. Gerade in solchen Zeiten ist Karla Schefter den treuen Spendern dankbar, die mit größeren und kleineren Beträgen das Projekt lebendig halten.

Effektivität durch Flexibilität

Zurzeit gilt es besondere Schwierigkeiten zu bewältigen. Da ist zum Beispiel das Problem der Anreise. Aufgrund der hohen Kidnapping-Gefahr kann kein Ausländer nach Chak. Das macht den Aufwand der Hospitalleitung zur Herausforderungen, denn der Betrieb geht weiter. "Aus Deutschland heraus zu agieren reicht nicht. Um effektiv arbeiten zu können, muss ich so nah wie möglich an Chak heran - nach Kabul." Zur Lagebesprechung kommen die führenden Mitarbeiter dorthin.

Bild

Der Betrieb geht trotz aller Schwierigkeiten weiter

Umständlich? Ja, aber:"Das Projekt ist kein planbares Touristenprogramm. Wir sind flexibel und stellen uns immer wieder auf neue Situationen ein." Trotz allem Optimismus, trotz aller Kraft gehen die Kriege an Schefter nicht spurlos vorbei. "Bei mir läuft ständig der Fernseher. Drüben, um die Kriegsgeräusche nicht zu hören. Hier, um Feuerwerksklänge zu überdecken. Sie erinnern mich an Krieg."

Es ist spät geworden. Der Abend wirft seine Schatten in die Wohnung. Karla Schefter wirkt nachdenklich. Und dann zeigt sich wieder die Kämpferin: "In Afghanistan gibt es ein Sprichwort: Über jeden Berg gibt es einen Weg!"