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Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Dortmund-Agentur / Stefanie Kleemann

Ein Jahr Activity-Tour

Kulissen, Kanäle, Kinderbetreuung: Personaldezernent hat Beschäftigten bei der Arbeit über die Schulter geschaut

11.06.2019, Anja Kador

Christian Uhr hat das Amt des Personal- und Organisationsdezernenten am 1. April 2018 übernommen – und sofort damit begonnen, die Stadtverwaltung mit ihren rund 10.000 Beschäftigten zu besuchen. Nach einem Jahr ist seine "Activity-Tour" nun beendet. Alle 30 Fachbereiche der Stadtverwaltung hat er sich angesehen, sich informiert und vor allem neue Einblicke in die vielfältigen Tätigkeiten und Aufgabenbereiche bekommen, die eine so große Stadtverwaltung tagtäglich zu bewältigen hat.

Ich bin kein Personaldezernent, der sich in der 7. Etage des Stadthauses versteckt.

Personaldezernent Christian Uhr

Seine Motivation für die Besuche: "Ich bin kein Personaldezernent, der sich in der 7. Etage des Stadthauses versteckt. Mir war wichtig, dass die Menschen mich kennenlernen und die Kolleg*innen persönlich zu treffen, zu sehen, was vor Ort läuft und mich dabei über deren Arbeit zu informieren."

Obwohl Christian Uhr ein Mann der Verwaltung ist – er hat hier vor vielen Jahren seine Ausbildung zum Diplom Verwaltungswirt FH absolviert – wollte er auch die "entlegensten Ecken" dieser Stadtverwaltung aus nächster Nähe sehen: "Für mich als Verwaltungsmensch heißt entlegen zum Beispiel Reinigungsdienst, Tierpfleger*innen im Zoo, Schulsekretär*innen, Bühnenmaler*innen oder Stadtentwässerung."

Personaldezernent Christian Uhr im Interview

Personaldezernent Christian Uhr im Gespräch
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Stadt Dortmund / Katharina Kavermann

Menschen, die ihr Handwerk verstehen

Beeindruckt hat ihn auf seiner Tour die große Offenheit, Kontaktfreude und Neugier, die ihm von Seiten der Kolleg*innen entgegengebracht wurde: "Ich habe keine Situation erlebt, in der jemand gesagt hat, er wolle nicht mit mir sprechen." Sein Fazit lautet: "Wir haben es in den Fachbereichen mit erfahrenen Spezialist*innen zu tun, mit Menschen, die ihr Handwerk verstehen, mit Menschen, die einen ganz tollen Job machen – und das in dieser Bandbreite und Vielfalt."

Wir wollen online aktiv auf Bewerber*innen zugehen, um diese für die Stadtverwaltung zu gewinnen

Personaldezernent Christian Uhr

Aber natürlich haben die Mitarbeiter*innen ihn in seiner Funktion als Personaldezernent auch in die Pflicht genommen: "Ganz deutlich ist in vielen Bereichen die Personalnot. Dort müssen wir echt schauen, dass wir das Wissen der Beschäftigten erhalten, den Wissenstransfer sicherstellen und freie Stellen schneller besetzen." Dabei ist Christian Uhr schnelles Handeln wichtig. So sind Maßnahmen bereits angestoßen: "Wir haben letztes Jahr im Verwaltungsvorstand ein beschleunigtes Stellenbesetzungsverfahren für externe Einstellungen beschlossen." Auch geht die Verwaltung neue Wege: Zum Beispiel durch "E-Recruiting" – also, die Unterstützung der Personalbeschaffung durch den Einsatz elektronischer Medien und Personalsysteme. "Wir wollen online aktiv auf Bewerber*innen zugehen, um diese für die Stadtverwaltung zu gewinnen", so Uhr.

Nachwuchskräfte wollen neue Arbeitsmodelle

Dabei ist es wichtig, zu zeigen "was uns eigentlich als gute Arbeitgeberin ausmacht". Die Stadt bildet in rund 60 Ausbildungsberufen und Studiengängen aus: "Wir bieten ein breites Aufgabenportfolio, das für jeden etwas beinhaltet, sichere Arbeitsplätze, gute Arbeitsstrukturen und wir werden uns über den Masterplan Digitale Verwaltung – Arbeiten 4.0 über den Arbeitsplatz der Zukunft verstärkt Gedanken machen." Denn – und auch das ist eine Erkenntnis, die Uhr auf seiner Activity-Tour gewonnen hat – die jungen Menschen und Nachwuchskräfte erwarten, dass die Stadtspitze über neue Arbeitsformen, -methoden, -zeiten und -modelle nachdenkt. "Das müssen wir in Angriff nehmen, denn wir wollen Schritt halten als öffentliche Verwaltung – nicht nur mit anderen Stadtverwaltungen, sondern auch mit der Privatwirtschaft."

Personaldezernent Christian Uhr zu Besuch bei der Stadt- und Landesbibliothek Dortmund

Stadt- und Landesbibliothek informierte sich Uhr u.a. über den Einsatz der Radio Frequenz Identifikation (RFID). Eine Technik, die die traditionelle Verbuchung mittels Handscannern abgelöst hat und schnelleres Arbeiten an den Theken und bei der Selbstbedienungsausleihe und -rückgabe ermöglicht.
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Stadt Dortmund / Anja Kador

Auch wenn Christian Uhr wahrgenommen hat, dass das Thema Digitalisierung bei manchen Beschäftigten Ängste auslöst und dies sehr ernst nimmt, haben ihm dennoch viele vermittelt, sie könnten effektiver arbeiten, wenn digitalisiert wird. "Viele Menschen wollen flexible Arbeitszeiten haben und mehr von zuhause arbeiten, um zum Beispiel Familie und Beruf besser vereinbaren zu können."

Cyberkriminalität gegen Beschäftigte

Sorge machen dem Personaldezernenten die Gefährdungs- und Überlastungsanzeigen. "Wir haben einige Bereiche – und diesen Punkt habe ich auf meiner Tour auch oft gehört– bei denen diese Anzeigen vorliegen. Ich nehme jede Einzelne ernst." Gegensteuern will Uhr künftig mit standardisierten – auch elektronischen –Verfahren, um die Gründe für die Anzeigen in fest definierten Fristen abzustellen. "Ich bin verpflichtet, jährlich in der Politik zu dem Thema zu berichten. Wir sind mit dem Gesundheitsmanagement dabei, uns stärker in Sachen Betrieblicher Gesundheit und Prävention aufzustellen. Schon jetzt arbeiten wir mit Gesundheitszirkeln oder -tagen."

Personaldezernent Christian Uhr zu Besuch bei den Ordnungspartnerschaften

In der Nordstadt traf sich der Personaldezernent mit den Ordnungspartnerschaften
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Stadt Dortmund / Roland Gorecki

Ein weiteres Thema ist der Umgang mit Gewaltvorfällen und Cyberkriminalität – ein Bereich, von dem auch schon städtische Mitarbeiter*innen betroffen waren. Stadtrat Uhr dazu: "Wir müssen die geltende Dienstvereinbarung aus 2016 vor dem Hintergrund weiterentwickeln. Wir dulden keine Gewalt gegen städtische Bedienstete. Gewaltvorfälle im Netz müssen berücksichtigt werden und unsere Beschäftigten müssen rechtlich und psychologisch optimaler begleitet werden."

IT-Sicherheit: Systeme arbeitsfähig halten

Zum Thema Datensicherheit und dem Schutz der IT-Systeme vor Cyberangriffen hat der Verwaltungsvorstand beschlossen, ein sogenanntes Informationssicherheitsmanagementsystem (ISMS) zu installieren. "Wir haben 33 Millionen schadhafte Emails allein 2017 abgefangen. Das ist eine wahnsinnig hohe Zahl. Deswegen müssen wir die Sicherheitsstrukturen beim Dortmunder Systemhaus noch einmal robuster machen." Dazu gehöre auch ein IT-Sicherheitsbeauftragter. Die Beschäftigten werden davon in ihrer täglichen Arbeit nichts merken: "Es handelt sich um den Schutz nach außen. Es gilt, Gefahren rechtzeitig zu erkennen und uns davor zu schützen, damit wir unsere Systeme arbeitsfähig halten", so Uhr.

Babyboomer und der demografische Wandel

In den nächsten 15 Jahren gehen die Babyboomer in den Ruhestand. Das bedeutet, dass die Stadtverwaltung über 4.000 Beschäftigte verlieren wird. "Damit schlägt die demografische Keule voll zu", bemerkt Christian Uhr. Deswegen sei die Ausbildung von Nachwuchskräften der entscheidende Baustein, um dem entgegenzuwirken. "Die Ausbildung liegt mir außerordentlich am Herzen." So werden die Ausbildungszahlen in diesem Jahr von bisher 235 auf 302 erhöht. Uhr weiter: "Der Rat der Stadt Dortmund ist in der vergangenen Sitzung dem Vorschlag der Verwaltung gefolgt, die Ausbildungszahlen in 2020 auf 362 und in 2021 auf 398 Nachwuchskräfte zu erhöhen. Solche Zahlen hat es in der Stadtverwaltung noch nie gegeben. Das ist Rekord in der Ausbildung und ein starker Beitrag zur Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit."

Personaldezernent Christian Uhr zu Besuch bei den Kanalbetrieben

Mit von der Partie: Christian Uhr (3.v.l.) bei den Kanalbetrieben
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Stadt Dortmund / Kanalbetriebe

Das allerdings bedeutet auch, die notwendige Infrastruktur an die neuen Ausbildungszahlen anzupassen. "Wir müssen Praxisanleiter*innen finden und wir benötigen Büroräumlichkeiten, um unseren Nachwuchs unterzubringen. Das Personal- und Organisationsdezernat geht mit gutem Beispiel voran und hat im Dezernatsbüros deshalb einen Ausbildungsplatz eingerichtet", macht der Personaldezernent deutlich.

Daneben besteht die Idee, ein Ausbildungs- und Qualifizierungszentrum nach Essener Vorbild einzurichten. Hier soll künftig – neben Fachhochschule, Studieninstitut Ruhr und Berufskollegs – die fachpraktische Ausbildung unterstützt werden: innenstadtnah und vor allem zeitnah: Das Konzept soll Anfang 2020 stehen, damit im Sommer darauf gestartet werden kann.

Solche Zahlen hat es in der Stadtverwaltung noch nie gegeben. Das ist Rekord in der Ausbildung und ein starker Beitrag zur Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit.

Personaldezernent Christian Uhr

Künftige Führungskräfte schulen

Aber Christian Uhr hat nicht nur die Auszubildenden im Blick. Er ist überzeugt, dass auf die Führungskräfte der Zukunft besondere Anforderungen zukommen – sei es durch Themen wie Digitalisierung, aber auch gesamtgesellschaftliche Einflüsse: "Werte wie Toleranz, interkulturelle Kompetenz und Demokratieverständnis werden wichtige Faktoren sein, die Führungskräfte an die Beschäftigten weitergeben und selbst vorleben müssen", ist Uhr überzeugt. Deshalb gelte es, die Führungskräfte der Zukunft früh genug aufzubauen und für diese Aufgaben fit zu machen.

Ein neu entwickeltes Personalentwicklungskonzept soll dabei helfen. Bereits ab Teamleitungsebene soll es verpflichtend werden, sich schon vor Übernahme einer Führungsrolle, zum Beispiel durch entsprechende Schulungsmodule, beraten zu lassen. Hinzu kommt, dass Führungskräfterückmeldungen zukünftig ebenfalls obligatorisch werden sollen.

Das Fazit, das Personaldezernent Christian Uhr nach einem Jahr im Amt und seiner Activity-Tour zieht: "Ich habe viele tolle Menschen kennengelernt, die einen richtig guten Job für die Bürger*innen machen. Die Stadt stünde nicht so gut da, wenn es nicht eine so gut funktionierende Stadtverwaltung gäbe. Trotzdem können wir bei unseren Dienstleistungen noch besser werden und Abläufe effektiver gestalten."