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Bühne

Theater machen im digitalen Zeitalter - Kay Voges, Intendant des Schauspiel Dortmund

04.07.2019, Torsten Tullius

"Theater ist ein permanenter Prozess, Theater hat sich immer alles einverleibt, was auf dem neuesten Stand war." Diese Aussage gibt Kay Voges all jenen zur Antwort, die fragen, warum "das alte Schlachtschiff Theater" sich mit der Digitalisierung beschäftigen müsse. Er selbst lebt diesen Prozess: Theatermachen ist für ihn eine permanente Suche, ein stetiges Voranschreiten.

Kay Voges erläutert die Akademie für Theater und Digitalisierung

Kay Voges wird Dortmund auch über 2020 hinaus erhalten bleiben
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Dortmund-Agentur / Gaye Suse Kromer

Theater ist ein permanenter Prozess, Theater hat sich immer alles einverleibt, was auf dem neuesten Stand war.

Kay Voges

"Man schafft ein Werk, daraus entstehen wieder neue Fragestellungen und Herausforderungen. Diese Suche ist die einzige Chance, Kunst zu machen", sagt Kay Voges. Er wird das Theater Dortmund mit Ende der Spielzeit 2019/2020 verlassen. Als Intendant, Autor und Regisseur von Oper und Schauspiel werden ihn Kulturfreund*innen in Dortmund und darüber hinaus in bester Erinnerung behalten: Inszenierungen wie "Die Borderline Prozession", "Die Parallelwelt" oder "Tannhäuser" sorgten dafür, dass das Theater Dortmund in einem Atemzug mit anderen Spitzenhäusern genannt wird.

Akademie für Theater und Digitalität I

Tröstlich ist, der gebürtige Düsseldorfer, der seine Theaterlaufbahn 1996 am Theater Oberhausen begann, wird Dortmund auch über 2020 hinaus erhalten bleiben. Als Gründungsdirektor der "Akademie für Theater und Digitalität", deren Entstehung er seit 2015 vorantrieb, wird Voges zusammen mit einer Jury einmal im halben Jahr über die Aufnahme von 10 Stipendiaten, sogenannte Fellows, entscheiden. Fünf Monate lang bekommen junge Menschen, die gerade ihr Studium abgeschlossen haben, unter dem Oberbegriff "Kunst trifft Digitalisierung" die Möglichkeit, eigene Projekt zu verwirklichen und Ideen zu entwickeln.

Die Themenschwerpunkte setzen die Nachwuchskunstschaffenden selbst: "Vielleicht möchte jemand mit Robotik und Tänzer*innen arbeiten, ein anderer sich mit der Interaktion zwischen künstlicher Intelligenz und Schauspieler*innen beschäftigen? Wir werden uns sehr nach den Bedürfnissen der Fellows richten", erklärt Kay Voges, dessen Vision, "in Dortmund könnte das Theater des digitalen Zeitalters wachsen", mit dem geplanten Neubau der Akademie im künftigen d.-port des Hafens ein großes Stück realer geworden ist.

Theater der Gegenwart

Kein Wunder, dass Voges sich auch die Möglichkeiten der "digitalen Revolution" für sein künstlerisches Tun zunutze macht: "Ich möchte relevantes Theater machen und mit der Gegenwart agieren, also muss ich auch die Werkzeuge der Gegenwart nutzen." In seiner Inszenierung "Die Parallelwelt", die Mitte September 2018 in Berlin und Dortmund Premiere feierte, sorgt ein Glasfaserkabel dafür, dass die Darsteller*innen von Theater Dortmund und Berliner Ensemble über eine Entfernung von 500 Kilometern zeitgleich gemeinsam ein Stück spielen und chorisch sprechen können.

Wenn ich einen Abend über die Quantenphysik mache, die uns schwindelig werden lässt, dann ist ziemlich klar: Es gibt mehr als Materie.

Kay Voges

"Diese Nähe zueinander ist gigantisch!", ist Voges begeistert. Er plädiert dafür, "Digitalisierung und Globalisierung, zwei ähnlichen Entwicklungen der Menschheit", aufgeschlossen entgegenzutreten – auch wenn das gelegentlich überfordernd ist: "Man bekommt Nachrichten aus aller Welt, alles findet im Augenblick statt, das ist komplex - aber wir dürfen nicht so tun, als seien wir noch auf einem Bauernhof im Niemandsland!" Gegenwart bedeute, sich mit den Themen auseinanderzusetzen, die das Menschsein ausmachen: "Wo kommen wir her, wo gehen wir hin, und wie verhalten wir uns in der Zwischenzeit?". Voges stellt die Fragen, "die schon die alten Griechen, die das Theater erfunden haben", beschäftigten. Er stellt sie durchaus mit der Erwartung, darauf könnte es allgemeingültige, in der Metaphysik verortete Antworten geben: "Mit Goethes Faust möchte ich erkennen, 'was die Welt im Innersten zusammenhält', mit Shakespeares Hamlet teile ich die Überzeugung, dass es mehr gibt zwischen Himmel und Erde, als wir uns träumen lassen."

In "Die Parallelwelt" ähnelt das rasante Tempo der digitalen Technik einem Phänomen der Quantenphysik: Ein Ereignis kann an mehreren Orten gleichzeitig stattfinden. Kay Voges: "Wenn ich einen Abend über die Quantenphysik mache, die uns schwindelig werden lässt, dann ist ziemlich klar: Es gibt mehr als Materie. Das Außerstoffliche ist ein wesentlicher Teil unseres Seins. Es ist wichtig, dass wir uns damit beschäftigen."

Digitalisierung, Globalisierung, Migration

Gleichwohl ist ihm, der in seiner Jugend feuriger Christ und als Straßenmissionar unterwegs war, sich aber mittlerweile als Agnostiker begreift, jegliches Dogma fremd. Egal, ob weltlich oder religiös verbrämt. Angesichts von Globalisierung, Digitalisierung und Migration, "die drei großen Themen der Gegenwart" und seiner Arbeit als Künstler, fordert der Theatermacher Toleranz: "Die Regeln, die bei uns gelten, gelten nicht in China. Ich empfinde diese Widersprüchlichkeit und die Chance, den Blick global zu weiten, als Möglichkeit der Evolution, mündiger, weitsichtiger und toleranter zu werden."

Um nicht selbst Dogmen auf den Leim zu gehen, müssen die eigenen Bilder von der Welt immer wieder überprüft werden. Voges tat dies exemplarisch in der Inszenierung "Das 1. Evangelium" für das Schauspiel Stuttgart. In einem Bilderrausch werden den Zuschauer*innen Jesusbilder verschiedener Orte und Zeiten um die Ohren gehauen. Voges erläutert: "Jede*r hat ihre*seine eigene Konstruktion im Kopf", er (Jesus) müsse "als Patron der Soldaten, der Feminist*innen, der Kreuzritter oder Veganer*innen herhalten". Dann werde "ein Glaube instrumentalisiert".

Kehrseite der Digitalisierung

Mit einem an das Neue Testament angelehnten Zitat beschreibt Voges sein Unbehagen an der Kehrseite der Digitalisierung. "Nicht an ihren Worten, sondern an ihren Taten sollt ihr sie erkennen" – diese Aussage treibe ihn zurzeit sehr um. Das digitale Zeitalter sei auch das "der Wortblasen und Worthülsen". Wenn man nicht wachsam sei, laufe man denen hinterher, die am lautesten sind.

Die Empörungsgesellschaft, die sich gerade entwickelt, ist auch ein Resultat der Digitalisierung.

Kay Voges

Daraus resultierten Populismus, Nationalismus – und (Schein-)Identitäten: "Wir sind an der Schwelle von einer materiellen hin zu einer Identitätsgesellschaft", analysiert Kay Voges den Zeitgeist. Er wundert sich über die Eindimensionalität mancher Lebensentwürfe: "Wichtiger als die Frage 'Was habe ich? scheint jetzt die Frage zu sein, 'In welche Blase gehöre ich?'". Eine gefährliche Mischung, findet Voges, welche die soziale Spaltung in unserer Gesellschaft vorantreibe: "Die Empörungsgesellschaft, die sich gerade entwickelt, ist auch ein Resultat der Digitalisierung." Materialismus, Populismus, Nationalismus oder Identitäten - das sind Stoffe für engagiertes Theater. Stoffe, die Kay Voges ab dem nächsten Jahr andernorts umsetzt.

Akademie für Theater und Digitalität II

In einer Mixed Reality – "echte" Schauspieler*innen agieren beispielsweise mit Computer generierten Hologrammen – auf der Theaterbühne arbeiten: Für Voges ist das längst keine Science Fiction mehr. Entsprechend gilt es, die rund 40.000 Mitarbeiter*innen an deutschen Theatern fit zu machen für das digitale Zeitalter. Die zweite Säule der Akademie bietet künftig Weiterbildungen an, welche die Vielfalt an Theatern abbilden: "Licht, Ton, Technik, Werkstätten, Schauspieler*innen, Tänzer*innen, Buchhaltung, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit – alle diese Menschen stehen den Auswirkungen des digitalen Zeitalters gegenüber", stellt Voges fest.

Portraitfoto von Kay Voges

Mit Hamlet und Faust die Welt betrachten: Kay Voges
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Dortmund-Agentur / Gaye Suse Kromer

Schmunzelnd fährt er fort: "Es ist eine Art VHS für Theatermitarbeiter*innen." Zusammen mit der FH Dortmund erarbeiten Voges und die Kolleg*innen der Akademie einen künstlerisch-technischen Studiengang mit dem Ziel, einen Masterabschluss in digitalem Theaterdesign anbieten zu können. "Das wird sicher noch zwei Jahre brauchen, aber: Die Planung läuft", versichert er. Auf drei Säulen ruht die Akademie, außerdem gebe es "eine dreieinhalbte", verrät der Künstler lächelnd: "Die Akademie soll kein Elfenbeinturm werden, sondern in die Stadt hineinwachsen und für Zuschauer*innen offen sein. Die Bürger*innen der Stadt können die Ergebnisse der Forschung betrachten und an Debatten über die Veränderung von Gesellschaft im digitalen Zeitalter teilnehmen."

Theater für die Stadt

Offenheit und Transparenz zeichnen Voges' Arbeit in Dortmund aus, er möchte kein elitäres Theater machen. Das spiegele sich in der bunten Palette der Zuschauer*innen: "Wir erlebten in den letzten 9 Jahren einen interessanten Besucherwandel. 15 bis 95-Jährige aus dem Norden und dem Süden der Stadt und von außerhalb besuchten die Vorstellungen. Als wir etwa die Bochumer Punkband 'Die Kassierer' hier hatten, kamen über 500 Punks aus dem ganzen Ruhrgebiet nach Dortmund." Unangefochtene Nummer 1 in der Gunst der Zuschauer*innen ist die inhaltlich und dramaturgisch komplex inszenierte "Parallelwelt". "Es gibt kein Stück, das jemals besser gelaufen ist, da sitzen 800 Menschen in Berlin und 500 in Dortmund. Das ist toll!", freut sich Voges.

Kay Voges mit einer Tasse Kaffee

Rückblick bei einer Tasse Kaffee
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Dortmund-Agentur / Gaye Suse Kromer

Zweifache Reise

Die Zeit als Intendant in Dortmund neigt sich dem Ende zu. Sein Fazit beinhaltet ebenfalls Motive der Suche und des Unterwegsseins: "Es war eine wunderschöne, abenteuerliche, anstrengende und glücklich machende Reise, die wir unternommen haben. Dieses letzte Jahr nutzen wir als schaffendes Team zum Rückblick: Was haben wir gelernt, welche Schlüsse ziehen wir aus unserer Arbeit. Was bleibt in uns als Kunstschaffende, was in den Menschen, die unsere Arbeit auf der Bühne erlebt haben?" Einen Plan "für die unmittelbare Zeit danach" gibt es bereits, sagt er. Ab Beginn der Spielzeit 2020/21 leitet Voges als Direktor das Volkstheater Wien. Mit einem Lachen fährt er fort: "Vorher setze ich mich aber im Juli nächsten Jahres in ein Flugzeug und mache eine kleine Weltreise. Ich werde also nicht nur über die Globalisierung reden, sondern sie ein bisschen 'durcharbeiten'". Glück auf!