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Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Dortmund-Agentur / Stefanie Kleemann

Interkulturelle Kitas

Multikulti: Bei Kleinen hoch im Kurs!

19.01.2010, Von Cigdem Dolap

Die interkulturelle Gesellschaft - das Zusammenleben von Deutschen und Zugewanderten - ist in aller Munde. In Dortmunder Kitas wird sie gelebt.

Erzieherin sitzt mit Kindern auf dem Boden

Kreative Foto-Pause vom Cowboy- und Indianerspielen: (v.l.) Jeremie und Lea mit Erzieherin Justina Seugwou vor einem Indianerzelt.

Der vierjährige Jeremie nennt ohne zu zögern die Namen seiner besten Freunde in seinem Kindergarten Eberstraße in der nördlichen Innenstadt: "Nina, Raoul und Heinrich...". Für die nächste Frage, welcher Abstammung die drei sind, hat er nicht mehr als ein Achselzucken übrig. Auch, dass seine Eltern aus Togo stammen, kommt Jeremie erst später in den Sinn.
Und trotzdem: Es ist ihm schon aufgefallen, dass in seinem Kindergarten viele der rund siebzig Kinder aus unterschiedlichen Ländern stammen - genau genommen weit über die Hälfte.

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Bei warmen afrikanischen Klängen ist die Kälte draußen schnell vergessen.

Mit Spaß voneinander lernen

Jeremie hat soeben mit seinen 19 kleinen Kollegen den Bewegungsraum verlassen. Auch hier ist die Mehrheit der Kinder nichtdeutscher Abstammung. Im Büro von Martina Rudnik, der Leiterin des FABIDO-Familienzentrums, hört man sie in gelöster Stimmung mit ihren Eltern die Treppen hinabsteigen. Ein paar von ihnen haben offenbar einen Ohrwurm. Sie haben, versammelt um ein paar Äste und zwei Kerzen als Lagerfeuer, mit ihrer ghanaischen Erzieherin Koshi Larbie ein afrikanisches Lied gesungen.

Vorher hat Larbie sie mit einem ghanaischen Märchen aus dem schneebedeckten Dortmund in die tropischen Wälder Afrikas entführt: Das Märchen von den fünf Vögeln, die in ihrer Gier nach Futter heimlich versuchen, den Bauern mit ihrem Gesang zu verzaubern, um am Ende doch das Glück im gemeinsamen Teilen zu finden, ist bei den Kleinen gut angekommen. Die rhythmischen Liedverse „Kofi Sa Langa“ und „Kom Adende“ und die passenden afrikanischen Beats, für die Jeremies Vater auf seiner Trommel sorgte, ließen die Kinderherzen höher schlagen.

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Volle Konzentration: Erzieherin Koshi Larbie erzählt ein afrikanisches Märchen.

Die verbleibende Zeit vertreiben sich die Jungen und Mädchen mit Cowboy- und Indianerspielen in einem der Gruppenräume. Auch Jeremie muss warten, bis es nach Hause geht. Er lehnt entspannt neben der sechsjährigen Mafanta auf einem Rattanstuhl im Büro von Martina Rudnik. Das Büro der Leiterin ist für die Kinder genauso zugänglich wie jeder andere Raum der Einrichtung. "Mafanta geht schon in die Grundschule", sagt Rudnik, schaut das kleine Mädchen schmunzelnd an. "Sie kommt aber nachmittags immer noch gerne her". Mafanta nickt freudig und wirft ein, dass ja ihre kleine Schwester in diesem Kindergarten ist.

Vertrauen durch Gesten und Gespräche

Dann kommt Rudnik noch mal auf das afrikanische Märchen zu sprechen: "Es zeigt wunderbar, worauf wir den Schwerpunkt unserer Arbeit legen. Uns ist es wichtig, die Gemeinsamkeiten zwischen den Kulturen hervorzuheben und nicht die Unterschiede. Egal, ob wir den Kindern das Zuckerfest erklären oder etwas über andere religiöse Rituale erzählen", erklärt sie.

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Interkulturell und auch interreligiös hält sich das FABIDO-Familienzentrum Eberstraße immer auf dem Laufenden.

Ein weiterer Schwerpunkt: Die Einbindung der Eltern. Zwei wöchentliche Nähkurse, die türkische Mütter als Honorarkräfte leiten, ein Töpferkurs, ein Elterncafe und viele weitere Kooperationsangebote wurden eingerichtet, um die Eltern der Kinder zusammenzubringen. Zwei weitere türkische Mütter, die im Gesundheitsamt zu Elternbegleiterinnen ausgebildet wurden, führen Projekte zur richtigen Ernährung und Bewegung durch. "Als zertifiziertes Familienzentrum haben wir mit der Unterstützung vom Land einen größeren finanziellen Spielraum. Das ermöglicht uns einerseits mehr Angebote für die Eltern, anderseits eine jährliche Fortbildung für unsere achtzehn Erzieherinnen zum Thema 'Interkulturelle Kompetenz'." Dass fünf der Erzieherinnen einen Migrationshintergrund haben, spricht für das integrative Konzept der Einrichtung.

Fünf unserer Erzieherinnen haben einen Migrationshintergrund!

Martina Rudnik

"Die Eltern unterstützen unsere Arbeit, wann immer sie können", freut sich die Leiterin, "wie etwa bei den Vorbereitungen zum internationalen Sommerfest der Nordstadt, wo beim letzten Mal eine türkische Mutter Trachtenkleider genäht hat, damit unsere Kinder russische Volkstänze aufführen konnten. Es ist ein partnerschaftliches Geben und Nehmen. Anders funktioniert es nicht."

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Mit Tüchern stellen die Kinder der Kindertageseinrichtung Luther einen Regenbogen nach.

Nächstenliebe und Toleranz verbinden

Das sieht Heike Schaup, Leiterin der evangelischen Kindertageseinrichtung an der Lutherstraße ebenfalls im Norden genau so. Über 85 Prozent der Kinder haben hier einen Migrationshintergrund. Die meisten von ihnen gehören der muslimischen Glaubensrichtung an. Für Heike Schaup gilt: "Es ist wichtig, die Gemeinsamkeiten groß zu schreiben, nicht die Unterschiede. Unsere Erfahrung ist, dass das zwischen den monotheistischen Religionen – Glaubensrichtungen, die einen einzigen Gott anerkennen – sehr gut klappt. Wir glauben alle an einen Schöpfer, egal ob wir ihn Gott oder Allah nennen, ob wir in die Kirche gehen oder in die Moschee. Das ist eine Gemeinsamkeit, aus der sich jenseits von Feiertagen und Festen viele verbindende Themen schöpfen lassen."

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Leiterin Heike Schaup unterstützt die Kinder beim Aufhängen von Walnussschalen mit Vogelfutter.

Gesagt, gezeigt – während die Kinder an einem Tag den wertschätzenden Umgang mit Lebewesen lernen, indem sie gemeinsam Futter für Vögel und Igel zubereiten, liest ihnen Heike Schaup ein anderes Mal die Geschichte der Arche Noah vor oder singt mit ihnen Lieder, in denen es um gemeinsame religiöse Werte wie Dankbarkeit geht. "Etwa zwanzig Prozent der muslimischen Eltern nehmen sogar an unseren Weihnachts- und Ostergottesdiensten teil. Wir erklären den Kindern wiederum wie die muslimischen Familien etwa das Zuckerfest feiern und bringen an diesem Tag Süßigkeiten mit. Gemeinsamkeiten, Gespräche und Gesten – auf diesen drei Säulen baut unsere Arbeit auf", ist Schaup überzeugt.

Also, keine Probleme? "Nein. Wenn überhaupt gibt es vielleicht mal ein Missverständnis aufgrund sprachlicher Barrieren, die sich mit unseren fremdsprachlichen Kolleginnen schnell ausbügeln lassen. Wir sind bekannt als eine Einrichtung, die die christlichen Werte der Nächstenliebe und Toleranz lebt."