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Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Dortmund-Agentur / Stefanie Kleemann

Hip Hop Street Dance

Coole Jungs, toughe Mädels

10.02.2010, Von Alexander Nähle

Musik verbindet. Ein Satz, den viele den Fernsehikonen des gesetzteren Publikums, Carolin Reiber oder Florian Silbereisen, zuordnen. Auch Anita Cizmekovic (27) äußert ihn im Brustton der Überzeugung, und zwar nicht im glitzernden Fernsehstudio, sondern einem funktional eingerichteten Proberaum des Dietrich-Keuning-Hauses (DKH) in der multikulturellen Dortmunder Nordstadt. Sprossenwand, Bänke, Spiegel, Musikanlage.

Hip Hop Street Dance Combo: Systematic

Die Dortmunder Hip-Hop-Crew Stylematic heizten dem Publikum mächtig ein
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Hans Jürgen Landes Fotografie

Es sind nur wenige Minuten bis zum entscheidenden Auftritt von Stylematics, ihrer Crew, mit der sie bislang die 18. Offizielle Deutsche Meisterschaft im Hip Hop Street Dance aufgemischt hat. Nebenan im Saal tobt die Menge: Hip Hop-Crews reißen lässige Kids von den Sitzen. Coole Jungs mit Cappy, toughe Mädels, die Rastalocken- und Kapuzenpulli-Quoten sind enorm hoch.

Musik verbindet - ein spießiger Satz in einer solchen Szenerie, bemerkenswert und doch irgendwie cool. Hip Hop kommt nach Hause, ins DKH, wo sie diese Musikrichtung vor mehr als 20 Jahren sofort förderten, als sie aus den USA rüberschwappte. Zum ersten Mal hat Dortmund die Ehre, diese Veranstaltung auszurichten.

Anita Cizmekovic antwortet spontan, gut gelaunt und nicht gestresst. Körpersprache zählt in der Branche. Zwischendurch mal ein Tanzschritt, dann die nächste Aussage. Stylematics genießt den Heimvorteil. Die Crew, bestehend aus Philippiner, Brasilianer, Angolaner, Kroatin, Deutschem und weiteren Nationalitäten, Studenten, Schülern und Arbeitern, probt hier dreimal die Woche. "Die Räume sind perfekt, und jeder Mitarbeiter des Keuning-Hauses unterstützt uns, wo immer es geht", sagt die Tänzerin.

Verantwortung

Während des Weges zur Bühne, vor der sich mehr als 1.000 Zuschauer versammelt haben, melden sich Jugendliche. "Darf ich ihr Bändchen sehen?", fragen sie höflich, aber bestimmt.

Hip Hop ist multikulti und kommt überall an.

Markus Kier, Fachbereichsleiter für Kinder- und Jugendarbeit, erklärt: "Hier arbeiten Nordstadt-Kids. Sie kommen selbst hier her, um Musik zu machen. Heute helfen sie als Ordner." Junge Menschen lernen Verantwortung zu übernehmen. Leicht haben es viele hier in der Nachbarschaft nicht. So vielfältig die Nordstadt mit ihren Menschen verschiedener Kulturen pulsiert, so hart gestaltet sich der Alltag. "Wir können sie nicht, wie es immer so schön heißt, von der Straße holen, aber ihnen zumindest andere, kreative Wege aufzeigen." Einer davon heißt Streetdance. Die Nordstadt ist das ideale Pflaster für diese Musik. "Unsere jungen Musikbegeisterten sind so multikulti wie das Viertel. Das Schöne, Hip Hop kommt überall an."

Das Publikum beim Hip Hop Street Dance

Mit über 1.000 Zuschauern war das Dietrich-Keunig-Haus bis auf den letzten Platz gefüllt
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Hans Jürgen Landes Fotografie

Ein Blick auf die Bühne bestätigt das: Synchron, perfekt einstudiert, tragen hier die besten Gruppen der Republik ihre Choreographien vor. Schwarze und Weiße, Asiaten oder Südeuropäer bewegen ihre Körper. Kreative Outfits, harte Rhythmen, das hat etwas von Bronx. Der Betrachter liegt richtig: "New York", präsentiert Kier sein Wissen, "hier fing alles an. Hip Hop Battles, also Schlachten, Kräftemessen auf der Bühne, sollten die Gewalt auf der Straße ersetzen."

Der Bessere gewinnt also nicht mit den Fäusten, sondern auf dem Parkett. Derbe Sprüche sind erlaubt, aber keine Fäuste, Respekt vor dem Gegner zählt. Ein Modell für Deutschlands raue Viertel, also auch für die Nordstadt. Als Hip Hop nach Europa kam, war das Keuning-Haus zur Stelle. "Wir leben seit Jahrzehnten hier Jugendkultur."

Hip Hop Street Dance Combo: Systematic

Beim Hip Hop zählen präzise Bewegungen, aufeinander abgestimmte Choreographien und natürlich Spaß an der Sache
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Hans Jürgen Landes Fotografie

Und das erfolgreich. Bevor Stylematics um einen Platz ganz vorne tanzt, dürfen sich Dortmunder Crews präsentieren, die bald auch um Meisterehren mitmischen wollen. Dann Stylematics: Synchronität, Körpersprache, Gesichtsausdruck und Nutzung der Bühne machen einen gelungenen Auftritt, lernen wir vom Moderatoren: Eine Mischung aus verschiedenen Hip Hop und R'n'B-Stücken bietet den Takt für den umjubelten Auftritt, den Höhepunkt für die Kids aus dem Viertel im Publikum.

Streetdance ist hartes Training, so hart, wie das Leben manchmal auf den Straßen ist.

Heimvorteil! Die Zuschauer kreischen, Tänzer Axel Ketz lässt wie viele Fans die rechte Hand in der Luft kreisen. Der Saal bebt. Ketz kommt von der Bühne: "Kein Fehler, jetzt fällt alles ab. Die monatelange Arbeit hat sich gelohnt." Streetdance ist längst nicht nur Musik, gute Laune und Wettbewerb. Streetdance ist hartes Training, so hart, wie das Leben manchmal auf den Straßen ist, denen diese Musik entstammt.

Tänzer Simon fällt jedem in den Arm, der ihm über den Weg läuft. Glücksgefühle, die vielleicht erschöpfte Marathonläufer im Ziel kennen. Dabei steht das Ergebnis noch gar nicht fest.

"Der Hammer"

Dann die Jurywertung: Rang fünf bedeutet einen Riesenerfolg. Physical Funk aus der Nähe von Mannheim löst das Ticket für die Weltmeisterschaft in Las Vegas, das dem Gewinner vorbehalten ist.

Die Jury beim Hip Hop Street Dance

Die international besetzte Fachjury war streng, aber gerecht
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Hans Jürgen Landes Fotografie

Der amtierende Deutsche Meister verteidigt den Titel. Anita Cizmekovic hatte den Gewinnern, Albanern, Serben, Russin, Deutschem, Türkin, Italiener und Iraner, vorher im Proberaum bereits zum gelungenen Outfit gratuliert. "Ihr seht gut aus. Viel Glück." Das klingt nicht nach Battle, sondern nur nach Respekt.

Die Rastazöpfe Melisa (12) und Merve (11), die in der Juniorenklasse mit den City Smurfs abgeräumt haben, ziehen lieber in ihrer coolen Sprache das von allen bestätigte Fazit: "Dortmund mit den Super-Fans war der Hammer." Der Hammer zählt im Keuning-Haus zu den Lieblingsbegriffen.

Carolin Reiber oder Florian Silbereisen kennen ihn wohl nur als Werkzeug, die Streetdancer wissen dafür von Carolin Reiber und Florian Silbereisen wahrscheinlich gar nichts. Sie dürfen sich trösten, denn alle vereint die Erkenntnis: Musik verbindet!