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Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Dortmund-Agentur / Stefanie Kleemann

Hochbegabte

Gemeinsame Spitze!

25.11.2010, Von Gaye Suse Kromer

Hochbegabte Menschen mit einem Intelligenz-Quotienten über 130 sind etwas verschroben und humorlos. Als Kinder sind sie auffällig bis unruhig, als Erwachsene reden diese Genies nur über Dinge, die kein Normalsterblicher versteht. Gleich nach dem Studium – natürlich mit einem komplizierten Fach wie Alt-Sumerisch oder Astrophysik – rutschen sie in Rekordzeit zum Nobelpreis durch. Kurz: Ihr Lebensweg ist umsäumt von beruflichen Erfolgen. Es wird Zeit, mit diesen Klischees gründlich aufzuräumen!

Jan-Philipp Halle

Jan-Philipp Halle, Projektleiter für Webentwicklung, ist einer von 8.500 deutschen Mensa-Mitgliedern

Gutgelaunt und entspannt sitzt Jan-Philipp Halle im Café. Er ist einer von insgesamt 8.500 deutschen Mitgliedern im Verein Mensa – ein internationaler Zusammenschluss von Menschen in 80 Staaten mit einem IQ von über 130. Nur etwa zwei Prozent erreichen einen solchen IQ. Der Durchschnittswert liegt bei 100.

1946 von einem Engländer und einem Australier gegründet, um intelligente Menschen an einen Tisch (lateinisch "Mensa") zu bringen, hat der Club inzwischen 110.000 Mitglieder weltweit. Aber: Von wegen hoher IQ gleich humorlos! In der nächsten Stunde wird viel gelacht. Es beginnt schon mit der Frage, ob Halle sich oft langweile.

Jan-Philipp Halle

Schon in der Schule war Jan-Philipp Halle allen zwei bis drei Schritte voraus

"Langeweile kenne ich nicht", schmunzelt der Projektleiter für Webentwicklung. "Dafür gibt es zu viele spannende Dinge, die ich machen kann." Da wäre etwa sein ehrenamtliches Engagement bei Mensa, Sektion Dortmund. Er lädt zum monatlichen Dortmunder Stammtisch und betreut den technischen Aufbau der Mensa-Seiten.

2009 hat Halle außerdem die Prüfung als Yoga-Lehrer abgelegt. Wenn ihm sein stressiger Job Zeit lässt, unterricht er inzwischen selbst in der hohen Kunst des geistigen und körperlichen Trainings. Außerdem gibt es weitere Leidenschaften wie das Kochen, Lesen, Kino...

Zwei Schritte voraus

Wenn er an die Schulzeit zurückdenkt, beschreibt sich Halle als ruhigen Schüler. Auffällig war vielleicht nur, dass er oft zwei Seiten vorarbeitete, besonders in den Fächern Mathe und Physik. Dass diese selbstgewählte "Lernart" einen Grund hat, kam bei dem Augenoptiker und studierten IT-Fachmann während eines beruflichen Coachings eher zufällig heraus.

Wieder war Halle oft zwei bis drei Schritte schneller als andere. Der Trainer schlug vor, den Mensa-Test zu absolvieren: "Der Test ist nicht alles. Trotzdem war es ein gutes Gefühl zu wissen, mit mir stimmt alles."

Plötzlich gab es neue Fragen und Perspektiven, neue Selbsterkenntnisse: "Welche Potentiale kann ich noch ausschöpfen?" Vor allem fällt es Halle seither leichter, Geduld im Umgang mit der Lerngeschwindigkeit anderer zu haben.

"Wenn junge Menschen besonders sportlich sind, werden sie gefördert. Warum nicht auch hochintelligente?"

Jan-Philipp Halle

Aber auch Hochbegabte stoßen an ihre Grenzen. Für den Durchschnittsschüler ist klar, dass das Lernen für gute Noten hilft und dass das Nichtlernen die Wahrscheinlichkeit von schlechten Noten steigert. Soweit, so einfach.

Für den 38-Jährigen stellte sich die Situation anders dar: "In der Schule ist mir der Stoff ohne lernen leichtgefallen. Ich war immer im oberen Drittel zuhause. Das änderte sich im Studium. Durch die Fülle der Aufgaben musste ich lernen zu lernen. Und das war hart."

Schnell, schneller, Mensa

Bei Hochintelligenten verläuft die Erfassung, das Verstehen und die Lösung von Problemen schneller als beim Durchschnitt. Es gibt eine Bandbreite psychologischer Theorien über weitere Indizien für einen hohen IQ, z. B. im Bereich der musischen Fähigkeiten, der Kreativität oder sozialen Kompetenzen. Diese Talente sind wissenschaftlich schwer messbar. Mensa verfährt nach dem Prinzip "Intelligenz ist, was der Test misst" und arbeitet mit einem anerkannten Verfahren, das vor allem das logische und räumliche Vorstellungsvermögen ermittelt.

Jan-Philipp Halle

Wissenhschaftlich gesichert ist, dass bei Hochintelligenten die Erfassung, das Verstehen und die Lösung von Problemen schneller als beim Durchschnitt verläuft

Ein kleiner Prozentsatz an hochbegabten Kindern wird in der Schule auffällig durch Störungen, schlechte Noten oder quälend viele Fragen an ihre Umwelt. Das ist jedoch nicht die Regel, heißt, nicht jedes Kind, das den Unterricht stört, ist zwangsläufig hochintelligent. Das Feld der Hochbegabung ist sogar für manche Lehrer Neuland. Hochintelligente Kinder werden deshalb nicht immer entsprechend ihrer Leistungen gefördert.

Mensa füllt diese Lücke und unterstützt junge Menschen durch Workshops, Junior Camps oder Spielenachmittage. Halle stellt die berechtigte Frage: "Wenn junge Menschen besonders sportlich sind, werden sie gefördert. Warum nicht auch hochintelligente?"

Einmal gemischt, bitte

Ein paar Tage später, Jan-Philipp Halle hat zum Stammtisch in ein Restaurant in der City geladen: Lebhafte Gespräche sirren im Raum umher. Ein Trüppchen von etwa 20 Menschen sitzt um drei zusammengeschobene Tische. Alles Mensaner.

Manche sind seit Jahrzehnten dabei, andere haben erst vor kurzem den Test absolviert. Der Verein hat nur ein Aufnahmekriterium: den IQ von über 130. Beruf, Hobbys, Alter, politische oder religiöse Ausrichtungen sind völlig unerheblich.

Mensa-Treffen in Dortmund

Beim Mensa-Stammtisch sind Beruf, Hobbys, Alter, politische oder religiöse Ausrichtungen völlig unerheblich, wichtig ist der IQ von über 130

Zwischen Ende 20 und Ende 60 Jahren, vom Sachbearbeiter zur Biologin, vom Studenten zur Architektin reicht die Palette an Dortmunder Mitgliedern. Kein einziger Nobelpreisträger dabei. "Hochintelligenz schlägt sich nicht automatisch in außergewöhnlichen Lebensleistungen nieder", zwinkert Andreas Leidler, Audio-Mess-Ingenieur und seit 2002 im Verein. "Mir gefällt die Mischung an Menschen aus so unterschiedlichen Zusammenhängen. Ich bekomme Einblicke in Bereiche, in die ich sonst nicht hätte schauen können."

150 Hochgenüsse

Thema des heutigen Stammtisches ist unter anderem das Mensa-Jahrestreffen, immer im April, immer in einer anderen Stadt. Diesmal findet das Treffen, zu dem Mensaner aus der ganzen Republik kommen, in Dortmund vom 14. bis zum 18. April statt. Andreas Leidler ist einer der acht Organisatoren. Seine Motivation: "Vor allem mag ich die schnelle Reaktion meiner Vereinskollegen. Die Arbeitsdichte kurz vor dem Jahrestreffen ist hoch, die Aufgaben werden immer zügig und kompetent erledigt, die Kontakte sind intensiv."

Andreas Leidler

Audio-Mess-Ingenieur Andreas Leidler fühlt sich bei Mensa endlich angekommen

Leidler stieß beim Stöbern im Internet auf Mensa und den Vortest. Als dieser gut lief, meldete er sich, ehrgeizig und neugierig geworden, zum offiziellen Test an. Acht Jahre später zieht er sein Resümee: "Mein Wunsch, Gleichgesinnte zu treffen, ist erfüllt. Ich fühle mich angekommen."

Hochintelligenz schlägt sich nicht automatisch in außergewöhnlichen Lebensleistungen nieder.

Andreas Leidler

Mensanern ist kein Thema zu profan oder zu komplex: Die Events des Jahrestreffs setzen sich zusammen aus Firmen- und Museumsbesichtigungen, Fußballturnieren, Konzerten, IT-basierten, mathematischen oder philosophischen Vorträgen. "Wichtig ist das Lachen – darum gibt es auch Scherzvorträge", verweist Leidler auf einen, ihm wichtigen Aspekt des Programms. Etwa 150 Events insgesamt bieten die Dortmunder an. So viele wie nie. Zahlreiche Veranstaltungen sind auch für interessierte Gäste offen.

Etwas Lokalpatriotismus muss sein: "Wir wollen anderen Mensanern zeigen, was wir hier im Ruhrgebiet auf die Beine stellen können!" Nur über eines schweigen sich alle Mitglieder beharrlich aus: die ermittelte Höhe ihres IQs. Warum eigentlich? Halle und Leidler sind sich sehr einig: "Weil es unerheblich ist – alle Mitglieder liegen über einem IQ von 130. Niemanden macht eine Zahl zu einem besseren oder langweiligeren Menschen." Adieu Nobelpreis! Vielleicht ein anderes Mal.