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Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Jesús González Rebordinos

Zehn Jahre Aktionsplan Soziale Stadt – gemeinsames Engagement gegen Armut und Ausgrenzung

2007 zeigten der Sozialatlas und der Bericht zur sozialen Lage, dass einige Stadtteile Dortmunds mit besonderen Problemlagen umgehen müssen. Daher beschloss der Rat der Stadt den Aktionsplan Soziale Stadt. Ziel des Programms ist es, die soziale Teilhabe von Bürgerinnen und Bürgern zu verbessern. Die Dortmund-Redaktion sprach mit Birgit Zoerner – seit 2011 Dezernentin für Arbeit, Gesundheit und Soziales und seit 2013 auch für Sport und Freizeit – über Erfolge wie auch Herausforderungen.

Interview: Katharina Kavermann

Die Dezernentin an ihrem Schreibtisch.

Die Dezernentin an ihrem Schreibtisch.
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Dortmund-Agentur / Gaye Suse Kromer

Frau Zoerner, was genau ist der Aktionsplan Soziale Stadt?

Der Aktionsplan Soziale Stadt ist eine gesamtstädtische Strategie gegen Armut und Ausgrenzung. Grundlage war der 2007 veröffentlichte Bericht zur sozialen Lage in Dortmund. Und der hat uns gezeigt, dass die soziale Lage in einigen Bezirken schlechter ist als in anderen. Konkret wurde die Stadt in 39 Sozialräume unterteilt, die auf Basis konkreter statistischer Daten zur sozialen Lage untersucht wurden. Dazu gehören ganz unterschiedliche Zahlen wie zum Beispiel zur Bevölkerungsentwicklung und zur Erwerbstätigkeit, zum Sozialleistungsbezug und zur Arbeitslosigkeit, aber auch zu Ergebnissen der Schuleingangsuntersuchung. Diese Analyse hat uns gezeigt: In 13 Sozialräumen ist der Durchschnitt im Vergleich schlechter. Das hat dann die Frage aufgeworfen, welche Dinge wir tun können, um in diesen Stadtteilen einen positiven Trend zu setzen. Mit dieser Fragestellung startete 2008 ein Beteiligungsverfahren, das sehr breit angelegt war und in den benachteiligten Sozialräumen deutlich gemacht hat, wo wir aktiver werden müssen. Auf diesem Weg ist der Aktionsplan Soziale Stadt entstanden.

Ich fasse das zusammen unter "Daten für Taten!". Es ist wichtig, dass wir wissen, wie die Lage vor Ort in den Sozialräumen ist. Wenn wir das wissen, können wir auch damit umgehen.

Interessanterweise stellen in allen 13 Sozialräumen die Beteiligten drei Themen nach vorne: 1. Kinder stärken, 2. den sozialen Zusammenhalt im Quartier fördern und 3. Arbeit schaffen. Für die Umsetzung vor Ort haben wir gemeinsam überlegt, wie wir den Aktionsplan in den drei Bereichen ausstatten können und haben dann Projektideen entwickelt. Aus den Sozialräumen sollten Aktionsräume werden. Dort sollen Aktionen stattfinden, um die Situation vor Ort zu verbessern. Das Programm stellt finanzielle Mittel für größere und kleinere Projekte vor Ort zur Verfügung. Außerdem haben wir – ganz wichtig – Kolleginnen und Kollegen zu Aktionsraumbeauftragten gemacht, die vor Ort die Vernetzung organisieren.

Dezernentin für Arbeit, Gesundheit und Soziales sowie für Sport und Freizeit: Birgit Zoerner

Dezernentin für Arbeit, Gesundheit und Soziales sowie für Sport und Freizeit: Birgit Zoerner
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Dortmund-Agentur / Gaye Suse Kromer

Gesamtstädtische Strategie gegen Armut und Ausgrenzung

Wie sind die Aktionen entstanden?
In den Beteiligungsverfahren mit den Bürgerinnen und Bürgern sind die ersten Projektideen entstanden, weil wir davon ausgegangen sind, dass die Menschen vor Ort am besten wissen, was sie sich für ihr Quartier vorstellen können, was sie sich wünschen. Seitdem kommen von den Dortmunderinnen und Dortmundern, die in den Aktionsräumen leben, bis heute Anregungen für neue Projekte. Genauso gibt es Ideen von Aktionsraumbeauftragten. Dadurch ergibt sich ein bunter Mix an Aktionen.

Inwiefern profitiert die Stadt Dortmund von dem Aktionsplan Soziale Stadt?
Ich denke, dass es Stadtgesellschaften immer dann besonders gut geht, wenn sie nicht zu weit auseinanderdriften. Das ist eine Gemeinschaftaufgabe von kommunaler, Landes- und Bundesebene. Da, wo wir örtlich etwas bewirken können, ist der Aktionsplan genau das richtige Instrument. Für das Programm haben wir städtisches Geld zur Verfügung gestellt, das bis heute in größere und kleinere Projekte investiert werden kann. Außerdem haben wir – ganz wichtig – Kolleginnen und Kollegen als Aktionsraumbeauftragte eingesetzt, die vor Ort die Vernetzungsarbeit organisieren.

Soziale Teilhabe ist ein ganz zentrales Thema. Es gibt Stadtteile, in denen viele Menschen wohnen, die schlechtere Startchancen haben als andere. Dort müssen wir dauerhaft unterstützen. Der Aktionsplan Soziale Stadt ist daher auch kein Projekt, sondern ein Programm. Im Unterschied zum Förderprogramm Soziale Stadt, das als Stadterneuerungsprogramm des Bundes aufgelegt wurde, ist der Aktionsplan ein Programm, das die Stadt Dortmund selber entwickelt hat und auch selber umsetzt. Für uns ist es wichtig, dass wir ganz konkret gemeinsam mit den Menschen in den Quartieren Dinge entwickeln, die ihre Lebenssituation wirklich verbessern.

Hände von Frau Zoerner

Im Interview
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Dortmund-Agentur / Gaye Suse Kromer

Gemeinsam mit den Menschen aus den Quartieren

Wie definieren Sie Teilhabe?
Teilhabe bedeutet, die Lebenssituation der Menschen in den Mittelpunkt zu stellen. Das gelingt zum Beispiel, wenn sie über ihre Mitentscheidung bei Projekten die Möglichkeit haben, eine Verbesserung nach ihren eigenen Vorstellungen zu bewirken. Teilhabe muss aber eben auch über strukturbildende Maßnahmen passieren.

Ein Beispiel aus dem Aktionsraum Eving: Dort wurde, weil Kinder aus sogenannten "bildungsfernen" Familien die Schule vor dem Abitur verlassen haben, ein Mentoringprogramm am Heisenberg-Gymnasium entwickelt. Ziel ist es, ihnen zum Abitur zu verhelfen. Zunächst lag dabei der Fokus auf Jungen mit Migrationshintergrund, weil diese Gruppe im Durchschnitt besonders häufig vor dem Abitur die Schule abbrach. Schulvertreterinnen kam dann gemeinsam mit Ehrenamtlichen die Idee, dass ältere Dortmunderinnen und Dortmunder den Kindern helfen können, ihren individuellen Bildungsweg weiterzugehen. Das Projekt ist sehr erfolgreich angelaufen und vor einiger Zeit auf Mädchen ausgeweitet worden.

Ich bin bei einer Abschlussveranstaltung gewesen und habe mit den jungen Leuten gesprochen. Sie sagen ganz deutlich, dass ihnen das Programm geholfen habe, etwa wenn ihre Eltern ihnen Fragen zur beruflichen Laufbahn nicht beantworten konnten. Überhaupt mal jemanden ansprechen zu können, der ihnen erklärt, welche Wege sich mit dem Abitur eröffnen, war eine große Hilfe für die Schülerinnen und Schüler. Dadurch erhalten sie die konkrete Begleitung, die andere vielleicht zu Hause bekommen.

Teilhabe bedeutet, die Lebenssituation der Menschen in den Mittelpunkt zu stellen.

Stadträtin Birgit Zoerner

Können Sie ein paar Beispielprojekte benennen?
In Westerfilde haben wir gemeinsam mit dem StadtSportBund "Sport vor Ort" aus der Taufe gehoben. Da geht es darum, Kinder in Sportvereine zu bringen. Wir wissen, dass Sport eine wichtige Bedeutung hat, wenn es darum geht, Sozialkompetenzen und kognitive Fähigkeiten zu entwickeln. Daher wollen wir "Sport vor Ort" ausweiten.

Außerdem gibt es in der Fischsiedlung in Eving eine Bürgerwohnung. Diese Initiative ist angestoßen worden, weil es für viele Kinder im Ort keine Angebote gab. In der angemieteten Wohnung gibt es nun zum Beispiel Computerarbeitsplätze und Nachhilfeangebote.

Ein weiteres Beispiel gibt es in Marten: Mehrere Schulen bieten gemeinsame Frühstücke für ihre jeweiligen Schülerinnen und Schüler an.

Wenn wir nach Scharnhorst-Ost blicken, haben wir dort eine Kooperation zwischen Ehrenamtlichen und der Wohnungswirtschaft vor Ort. Sie gestalten ein vielfältiges Programm für Kinder und Jugendliche, aber auch für Senioren. Es gibt gemeinsame Ausflüge oder eine Spieletonne.

Die Sozialdaten – wie etwa Zahlen zur Beschäftigung oder zum Bezug von Sozialleistungen – sind für Scharnhorst-Ost und andere Aktionsräume im Vergleich zu anderen Quartieren ungünstig, aber das Miteinander in diesem großen Quartier funktioniert ganz hervorragend. Die Menschen leben meist dort gerne.

Und ein letztes Beispiel aus Eving: Das Projekt "Essen und Lernen". Da geht es um Kinder, die keinen Platz an einer Ganztagsschule bekommen haben oder nicht in der Nachmittagsbetreuung untergekommen sind. Innerhalb des Projekts haben sich verschiedene Akteure gemeinsam mit dem Netzwerk INFamilie zusammengeschlossen, um die Nachmittagsbetreuung auszuweiten. Das Ergebnis sind heute 30 zusätzliche Betreuungsplätze an der Herder Grundschule. Die Sparkasse unterstützt das Projekt finanziell. Mit dabei sind auch das städtische Familien-Projekt und die Bezirksvertretung. Das ist in jeder Hinsicht eine gute Kooperation im Sinne der Kinder. Sie bekommen ein gutes Mittagessen und können anschließend ihre Hausaufgaben dort machen. Die Betreuung gab es zunächst an vier Tagen die Woche von 12 bis 15 Uhr. Jetzt haben die Kinder den Wunsch geäußert, dass sie gerne bis 16 Uhr bleiben möchten. Das spricht deutlich für das Angebot.

Stadträtin Birgit Zoerner

"Wir sorgen für soziale Teilhabe durch das Zusammenspiel von Verwaltung, Ehrenamtlichen, Bürgerinnen und Bürger, die für sich formulieren, was sie zu tun bereit sind und was noch fehlt."
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Dortmund-Agentur / Gaye Suse Kromer

Was war denn für Sie bisher die größte Herausforderung des Programms?
Ganz wichtig ist, dass sich das, was wir vor Ort erarbeiten, immer mit unseren großen Strategien verbindet. Beispielsweise gibt es eine Initiative der Wirtschaftsförderung, mit der wir eng zusammenarbeiten. Die Kolleginnen und Kollegen akquirieren Praktikumsplätze für junge Menschen, bei denen sich andeutet, dass sie nach der Schule Schwierigkeiten haben, einen Ausbildungsplatz zu finden. Es geht darum, gezielt mit Unternehmen zu vereinbaren, dass diese Jugendlichen dort ein Praktikum machen können. Dadurch haben sie nach ihrem Abschluss mehr in der Hand – nicht nur ein Zeugnis, sondern auch praktische Erfahrungen. Damit steigern sie ihre Chancen, einen Ausbildungsplatz zu finden. Diese strukturellen Fragen sind immer große Herausforderungen, wenn es etwa darum geht, Antworten auf Fragen rund um das Thema Arbeitslosigkeit zu finden. Ich denke, dass uns das gegenwärtig schon gut gelingt.

Tiefste Arbeitslosenquote seit 37 Jahren

Wie hat sich das Thema soziale Teilhabe in den letzten Jahren entwickelt?
Bei Menschen, die schon lange in Dortmund leben, haben wir bei der sozialen Teilhabe schon einiges erreicht. Es gibt eine Gruppe von Menschen, die, bedingt durch den Strukturwandel, arbeitslos ist. Bei ihnen ist es uns gelungen, einiges zum Positiven zu wenden. So haben wir etwa die Langzeitarbeitslosigkeit gesenkt. Wir haben mit 9,8 Prozent die tiefste Arbeitslosenquote seit 37 Jahren.

Die Teilhabe aller Menschen in der Stadt weiter zu verbessern, das ist besonders durch die Vielzahl der Menschen, die seit 2014 zu uns gekommen ist, eine große Aufgabe. Eine Aufgabe, der wir uns stellen, anders wird das nicht funktionieren. Daher arbeiten wir weiter daran, dass Menschen zum einen Teilhabechancen eröffnet werden und sie diese zum anderen dann auch wahrnehmen können.

Unsere Gesellschaft wird in den nächsten Jahren in Bewegung bleiben. Wir müssen lernen, damit umzugehen und uns sagen: "Hier gibt es eine neue Herausforderung, hier müssen wir neue Antworten finden."

Stadträtin Birgit Zoerner

Unsere Gesellschaft wird in den nächsten Jahren in Bewegung bleiben. Wir müssen lernen, damit umzugehen und erkennen: "Hier gibt es eine neue Herausforderung, hier müssen wir neue Antworten finden." Das bezieht sich aber nicht nur auf den Aktionsplan, sondern ist für Dortmund insgesamt eine große Aufgabe. Wenn Menschen neu dazukommen, dauert es seine Zeit, bis sie wirklich angekommen sind und sich in den neuen Strukturen zurechtfinden.

Aktuell kommen beispielsweise viele Menschen, die die Sprache noch nicht können und die aus einer anderen Kultur kommen. Ich habe in Lütgendortmund eines unserer "lokal willkommen"-Büros eröffnet. „lokal willkommen“ ist ein Integrationsnetzwerk, das die Integration von Flüchtlingen in die Stadtgesellschaft fördert. Vieles, was uns alltäglich erscheint, ist für Neuhinzugezogene erklärungsbedürftig. Menschen, die nicht verstehen, können nicht teilhaben. Umgekehrt: Menschen, die verstehen, können teilhaben.

Birgit Zoerner zeigt eine Broschüre, die zum Jubiläum des Programms erschienen ist

Über 10 Jahre Aktionsplan Soziale Stadt: Birgit Zoerner mit einer Broschüre, die zum Jubiläum des Programms erschienen ist
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Dortmund-Agentur / Gaye Suse Kromer

Wie kann jeder etwas persönlich zur Teilhabe beitragen?
Zunächst einmal ist wichtig zu sehen, dass ganz viele Leute schon ganz viel machen. Der erste Punkt, um zur Teilhabe beizutragen ist, Verantwortung zu übernehmen und zu verstehen, dass jede und jeder für das eigene Leben und Wirken Verantwortung trägt. Der zweite Punkt ist, mitzuwirken. Das ist in dem Aktionsplan ein ganz wichtiger Punkt: Die Menschen vor Ort sollen darüber reden, was ihnen fehlt und was sie im Sinne der drei Handlungsfelder, 1. Kinder stärken, 2. sozialen Zusammenhalt im Quartier fördern und 3. Arbeit schaffen, gut gebrauchen könnten. Ein dritter und ganz zentraler Punkt ist, die Unterstützung für die Menschen zu organisieren, die sie benötigen.

Wir sorgen für soziale Teilhabe durch das Zusammenspiel von Verwaltung, Ehrenamtlichen, Bürgerinnen und Bürgern, die für sich formulieren, was sie zu tun bereit sind und was noch fehlt. So machen wir das bei "lokal willkommen" und so machen wir das beim Aktionsplan Soziale Stadt. Gemeinsam darüber nachdenken, wie man Ideen und Projekte ins Leben ruft: Das ist genau das, was Menschen innerhalb des Aktionsplans machen.

Können Sie einen Ausblick geben?
Für mich ist es, wie gesagt, wichtig, dass wir die Dinge, die wir machen, miteinander verknüpfen. Wir haben Strukturen wie etwa "lokal willkommen", die Aktionsbüros und den Aktionsplan. Dann haben wir hier in der Innenstadt noch Angebote für die Zielgruppe der EU-Bürgerinnen und Bürger. Ich wünsche mir eine noch stärkere Vernetzung dieser Ansätze. Ein Beispiel ist Hörde, wo die Aktionsraumbeauftragte und damit der Aktionsplan Soziale Stadt mit "lokal willkommen" unter einem Dach zusammenarbeiten. Dadurch können wir die verschiedenen Aktivitäten besser bündeln. Nach und nach möchte ich, dass uns das für alle Projekte gelingt, also eine Bündelung von Wissen, Fähigkeiten und Netzwerken. Ich stelle mir vor, dass wir das in zehn Jahren geschafft haben.

Frau Zoerner, vielen Dank für das Gespräch.

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