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50 Jahre Wirtschaftsförderung Dortmund - Vom klassischen Flächenmanager zum modernen Netzwerker

Udo Mager, Dr. Utz-Ingo Küpper, Thomas Westphal, Dr. Burkhard Dreher, Werner Danneboom

Fünf Generationen Wirtschaftsförderer: (v.l.) Udo Mager, Dr. Utz-Ingo Küpper, Thomas Westphal, Dr. Burkhard Dreher, Werner Danneboom
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Dortmund attraktiv für Unternehmen machen, Flächen schaffen und die Arbeitslosigkeit senken - diese drei Ziele haben sich in den letzten 50 Jahren, seit Bestehen der Wirtschaftsförderung Dortmund, nicht geändert.

War es in den Anfangsjahren der Wirtschaftsförderung Thema, Ansiedlungsflächen für Unternehmen zu schaffen, lag die Herausforderung später darin, den Strukturwandel zu begleiten und besonders dem Verlust von Arbeitsplätzen entgegenzuwirken.

Die Dortmund-Redaktion sprach mit Thomas Westphal, der die Wirtschaftsförderung Dortmund seit 2013 leitet, über die Unternehmenslandschaft, den Wandel von Aufgaben und über drei deutsche Eichen.

Portraitfoto von Thomas Westphal

Thomas Westphal, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Dortmund seit 2013
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Wirtschaftsförderung Dortmund

Interview: Anja Kador

Herr Westphal, wie beschreiben Sie die Unternehmenslandschaft in Dortmund aktuell?
Zunächst einmal haben wir heute deutlich mehr Unternehmen als beispielsweise noch in der Zeit der Montanindustrie – mit einem hohen Anteil von jüngeren Firmen. Vor einiger Zeit haben wir eine Untersuchung gemacht. Da wurde festgestellt, dass die Unternehmen, die zwischen 1999 und 2009 überhaupt erst in den Markt kamen, heute einen hohen Anteil der Beschäftigungsverhältnisse in dieser Stadt halten.

Wie ordnen Sie diese Entwicklung ein?
Das macht deutlich, dass Dortmund einen kompletten Wandel hingelegt hat. Ich vergleiche das mit dem Bild einer Baumschule. Kohle, Stahl und Bier waren drei große deutsche Eichen, die hier standen. Die sind mit der Zeit innen hohl geworden. Irgendwann wurden sie abgesägt, nicht durch uns, sondern durch den Markt und andere Entscheider. Als diese Branchen wegbrachen - also die ersten Eichen faul wurden -, haben wir frühzeitig angefangen, Setzlinge zu pflanzen. Das Ergebnis sieht man heute. Es ist eine komplett neue Struktur von Unternehmen herangewachsen – als neuer Baumbestand, wenn man so will.

Kernaufgabe Flächenmanagement

Thomas Westphal erklärt.

"Ein Kernbestandteil von Wirtschaftsförderung bleibt immer, nämlich Flächen vorzuhalten und diese zu sichern"
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Wirtschaftsförderung Dortmund

Wie haben sich die Rolle und die Aufgaben in Abgrenzung zu Ihren Amtsvorgängern verändert?
Ein Kernbestandteil von Wirtschaftsförderung bleibt immer, nämlich Flächen vorzuhalten und diese zu sichern. Denn Unternehmen, die sich entwickeln, brauchen irgendwann Fläche.

Und was ist ganz neu?
Das, was wir heutzutage Netzwerk nennen. Die klassische Funktion der Wirtschaftsförderung in den Anfangsjahren war, als ein Scharnier zwischen den Unternehmen und der Verwaltung zu wirken. Heutzutage sprechen Unternehmen nicht mehr für sich alleine, sondern sind im Netzwerk organisiert. Denn Lieferanten- und Kundenverhältnisse oder auch Kooperationsverhältnisse in der Forschung bestehen aus vielen Beteiligten. Unternehmensgrenzen haben sich aufgelöst.

Wo kommt da die Wirtschaftsförderung ins Spiel?
Unsere Aufgabe ist es, den Unternehmen viel mehr als früher anzubieten, sie miteinander zu vernetzen, aufzudecken, wo es neue Trends oder neue technologische Entwicklungen gibt. Heute müssen wir viel mehr über Märkte, Produkte und Technologien wissen als in früheren Zeiten.

Netzwerkarbeit ist das Gebot der Stunde

Können Sie Beispiele dafür nennen, wie Beschäftigte der Wirtschaftsförderung mit den Unternehmen umgehen?
Nochmal in der Gegenüberstellung: Die klassische Situation: ein Unternehmen ruft an und bittet ‚Komm vorbei‘. Es gibt ein ganz klares Thema. Zum Beispiel ‚Ich will neu bauen‘ oder ‚Ich weiß nicht wie der Brandschutz funktioniert‘ oder ‚Ich suche neue Fachkräfte‘. Der Mitarbeiterin oder der Mitarbeiter der Wirtschaftsförderung liefert dann - ich überspitze -Formular A oder B, und nennt den zuständigen Sachbearbeiter, der in der Verwaltung weiterhilft.

Die Herangehensweise ist keine verwaltungstechnische, sondern eine unternehmerische. Das ist der gravierende Wandel.

Thomas Westphal

Heute könnte es so ablaufen: ein Netzwerk von fünf mittelständischen Unternehmen hat sich zusammengeschlossen. Sie alle sind Hersteller von Teilsegmenten von Gebäudetechnik – einer produziert Schaltungen, ein anderer macht das Licht, ein dritter installiert Heizungen. Jeder hat sein eigenes Produkt. Zusammen wollen sie eigentlich etwas verkaufen. Nun überlegen sie, wie sie technisch zusammen kommen, wie sie eine Kultur der Zusammenarbeit finden. Dafür brauchen sie jemanden, der das neutral für sie moderiert. Das übernehmen dann die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Wirtschaftsförderung. Sie müssen deshalb technisches Wissen mitbringen und sie müssen verstehen, wie Unternehmen intern funktionieren. Die Herangehensweise ist keine verwaltungstechnische, sondern eine unternehmerische. Das ist der gravierende Wandel.

Arbeitslosenquote: erstmalig seit 35 Jahren wieder unter 10 Prozent

Im Oktober 2018 konnte Dortmund erstmalig seit 35 Jahren mit 9,8 Prozent Arbeitslosenquote die Zehn-Prozent-Grenze unterschreiten. Welche Strategien haben Sie als Chef der Wirtschaftsförderung Dortmund, um diesen Erfolg zu festigen?
Wir in Dortmund verstehen Wirtschafts- und Beschäftigungsförderung als Einheit. Das ist ein ganz wichtiger Aspekt – und bundesweit eine einmalige Konstellation. Die Einheit von Wirtschafts-, Sozial- und Arbeitsmarktpolitik bedeutet, für die Zukunftspläne auch immer auf zwei Dinge zu achten.

Wir in Dortmund verstehen Wirtschafts- und Beschäftigungsförderung als Einheit.

Thomas Westphal

Erstens: Die Entwicklung von Innovation und Technologie, die wir in den letzten Jahren so hervorragend geschafft haben, darf nicht abgebremst werden oder gar stehen bleiben. Die Digitalisierung stellt uns hier vor große Herausforderungen. Darum ist es jetzt ganz wichtig, dass die Unternehmen, die sich darin gut behauptet haben, die Chance haben, sich weiterzuentwickeln.

Zweitens gibt es in der Stadt viele Menschen, die von ihrer Ausgangsqualifizierung nicht in einem akademischen Arbeitsmarkt sofort ein Zuhause finden. Deswegen ist es für uns als Wirtschaftsförderung wichtig, in so einer Entwicklung – die technischer und akademischer und digitaler wird – trotzdem Beschäftigungsperspektiven für Menschen mit einer geringeren Qualifizierung zu schaffen. Das ist unser Ansatz, Arbeitsmarktpolitik zu betreiben – und das machen wir z.B. in unserem Service Center lokale Arbeit. Das wollen wir verstetigen und werden gemeinsam mit unserer Sozialverwaltung und dem Jobcenter daran arbeiten.

Dortmund: ein Branchen-Tausendfüßer

Wie ist Dortmund denn bei den sogenannten Blaumannarbeitsplätzen aufgestellt?
Strukturell haben wir eine sehr gute gesunde Mischung, wir sind ein Branchen-‚Tausendfüßer‘. Das unterscheidet Dortmund übrigens auch von anderen Städten im Ruhrgebiet. Wir sind keine ‚Konzernstadt‘, in der eine Branche monothematisch dominiert. In Dortmund verteilen sich die Beschäftigungsverhältnisse auf viele, zumeist mittelständische, Unternehmen unterschiedlicher Zweige.

Obwohl es einen deutlich angestiegenen Anteil von akademischen Arbeitsplätzen gibt, machen die Facharbeiter- oder Blaumannarbeitsplätze immer noch den größten Bereich aus. Darüber hinaus gibt es einen ‚Ungelernten-Bereich‘, die sogenannten Helferarbeitsplätze.

War das immer schon so?
Die Struktur war früher eine ganz andere. Es gab wesentlich weniger Akademiker, der Anteil der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten Helfer am Arbeitsmarkt war höher als der der Akademiker. Das war die klassische Arbeiterstadt. Den Bereich der Facharbeiter haben wir immer noch und er wächst, besonders in der mittelständischen Industrie. Wie das Beispiel eines Unternehmens am PHOENIX See zeigt, das mit 80 Facharbeitern optische Sensoren produziert.

Obwohl es einen deutlich angestiegenen Anteil von akademischen Arbeitsplätzen gibt, machen die Facharbeiter- oder Blaumannarbeitsplätze immer noch den größten Bereich aus.

Thomas Westphal

Das Ziel muss es also sein, weiter Arbeitsplätze für alle zu schaffen. Die in Dortmund sehr starke Logistikbranche ist für mich in dieser Hinsicht ein gutes Beispiel. Sie ist eine der wenigen Branchen, die im Grunde Arbeitsplatzperspektiven für alle bietet. Sowohl von der einfachen Helfertätigkeit im Lager bis hin zum akademisch ausgebildeten Softwaresteuerer, der die Daten baut und verwaltet.

Herr Westphal, vielen Dank für das Gespräch

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