Dortmund überrascht. Dich.
Friedensplatz, Berswordthalle und altes Stadthaus

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Bild: Jesús González Rebordinos

Dortmunderisch - Beste Sprache, wo gibt

Mit Mundarten ist das so eine Sache. Der Bayer pflegt ihn, im Rheinischen ist man stolz drauf und auch der Sachse lässt sich im Gebrauch seines ortsüblichen Dialektes keineswegs beirren. Nur im Ruhrgebiet scheint es Nachholbedarf zu geben. 2011 zogen zwei Männer aus, der Dortmunder Sprache auf die Sprünge zu helfen.

Moritz Bergmann, Christian Tacke

Christian Tacke (l) und Moritz Bergmann bei der Präsentation der Imagekampagne "Dortmund Überrascht. Dich.", für die Dortmunderisch bloggt.
Bild: Dortmund-Agentur / Stefanie Kleemann

Texter Moritz Bergmann rief mit Designer Christian Tacke den Blog www.dortmunderisch.de ins Leben. Und der rennt wie dem Klopp seine Mannschaft Brussia, wonnich?

Stichwort "Wonnich": Auf Blog und Facebook feiern die beiden kreativen Köpfe mit den Dortmundern einmal jährlich den WWT – Welt-Wonnich-Tach, inklusive Mitmach-Aktionen. Ein Shop bietet Gebrauchsgegenstände von Accessoires über Unterhaltung bis Kleidung mit originell bedruckten Sprüchen wie "Ohne Dich is alles Gelsenkirchen", "Ich geh ma wacker nache Bude" oder schlicht "Football University Borsigplatz". Dortmunderisch funktioniert interaktiv: Die Rubrik Zitty-Tipps mit z. B. Biergärten und Pommesbuden wird gespeist von den Fans der Seite. Die Dortmund-Redaktion erwischte Moritz Bergmann am Telefon und fragte ihn nach Dialektpflege, Exil-Dortmundern und – klaaa – nachen BVB.

"Mit uns können Exil-Dortmunder ein Stück Heimat leben"

Moritz Bergmann

Frage: Warum tut man sich in dieser Stadt etwas schwer mit der Pflege der eigenen Mundart?

Moritz: Das Selbstbewusstsein hängt mit dem Image einer Region zusammen. Hier im Ruhrgebiet ist man in der Beziehung nicht mit der breitesten Brust ausgestattet. Noch immer kursieren Vorstellungen von Schwerindustrie, rauchenden Schloten und einer Farbgebung von grau bis schwarz – was natürlich nicht mehr stimmt. Die Bilder schlagen sich auf den Gebrauch der Sprache nieder mit Hochdeutsch als Ausgleich. Während des Strukturwandels hat man versucht, Spuren hinter sich zu lassen. Das kann berechtig sein, aber es gibt eben Dinge, die sich zu erhalten lohnen, wie eben den Dialekt.

Wenn wir es mit unserem Blog schaffen, unsere Sprache als Wert zu erhalten und zusätzlich Spaß vermitteln, geht es ja nicht besser. Die Dortmunder sind kommunikativ, witzig und haben Charme. Auch wenn sie reden. Nehmen wir etwa das Wort "Tempel" für das Stadion. Da steht so ein imposanter, riesiger Bau. Der Dortmunder kommt daher und überträgt ihn in ein ganz einfaches Bild. Der Humor, der hinter so einer Sprachschöpfung steckt, ist bemerkenswert. Der BVB nutzt das Wort „Spieltach“. Ich freue mich, dass solche Vokabeln inzwischen ganz offiziell auf fruchtbaren Boden fallen. Wir merken, dass die Identifizierung mit der eigenen Sprache voranschreitet, auch in intellektuellen Kreisen.

"Die Dortmunder sind kommunikativ, witzig und haben Charme"

Moritz Bergmann

Frage: Inwieweit unterscheidet sich das Dortmunderische vom etwa Essenerischen oder Bochumerischen?

Moritz: Sicher können Unterschiede zwischen den Ruhrgebietsmetropolen ausgemacht werden. Am Ende des Tages gibt es eine eigene Stadtsprache, mit der wir selbstbewusst umgehen wollen. Wir sehen unsere Aufgabe darin, mit unserem Blog für den Dortmunder Dialekt zu sensibilisieren. Sprache verbindet uns. Sie ist ein lebendiges Medium, das eine Geschichte hat und sich immer weiterentwickelt. Der Dialekt trägt dazu bei und transportiert letztlich ein Gefühl von der Region, in der man lebt.

Beschreib bitte euren Blog in einem Satz.

Moritz: Dortmunderisch ist beste Sprache, wo gibt!

Frage: Wie entstand Dortmunderisch?

Moritz: Aus einem Spaß heraus habe ich damit auf Facebook begonnen. Bei uns Zuhause wurde Wert auf korrekten Sprachgebrauch gelegt, aber ich habe durch das Umfeld den Dialekt wahrgenommen. Er hatte für mich eine sehr unterhaltsame Qualität. Christian Tacke und ich haben dann den Blog mit Shop und Ausgehtipps gegründet, den wir nun aus den Kinderschuhen hieven, um ihn auf professionelle Füße zu stellen.

In diesem Rahmen werden wir weitere Produkte entwickeln und unsere Kooperationen wie die mit der Bergmann-Brauerei ausbauen. Wir haben Bock darauf, Leute zu unterhalten, deshalb bleiben wir auch nicht bei den jetzigen Sprüchen und Produkten stehen. Der Bedarf ist auf jeden Fall da! Christan Tacke und ich betreiben Dortmunderisch nebenberuflich, so dass die Entwicklung peu a peu vorangeht. Mit dem Schrittweise vorgehen sichern wir auch ein gesundes Wachstum.

Bild

Das Dortmund T-Shirt mit dem Aufdruck "Dortmunder Original" ist für alle Dortmunder, die gerne zeigen, wo sie wech kommen.

Frage: Ihr bekommt jede Menge Zuspruch, sogar von Exil-Dortmundern. Aus welchen Ländern schreiben sie euch? Kommen eigentlich auch Reaktionen aus Gelsenkirchen und Herne?

Moritz: Dortmunderisch wird weltweit gelesen: Amerika, Südamerika und Thailand waren dabei. Es gibt außerdem Reaktionen aus europäischen Ländern wie Spanien, Griechenland, Skandinavien. Das Internet ist toll, weil man etwas Gemeinsames grenzenunabhängig und sehr schnell teilen kann. Wir besetzen alle digitalen Felder, die für unsere Inhalte sinnvoll sind. Fans von Dortmunderisch erreichen uns über den Blog, Facebook und Twitter. Mit uns können Exil-Dortmunder ein Stück Heimat leben. Das "Dortmund-Feeling" stillt vielleicht sogar ein Stück Heimweh.

Aus Gelsenkirchen und Herne sind noch keine Reaktionen gekommen. Das hängt vielleicht damit zusammen, dass wir mit 30.000 Leutchen, die hinter uns stehen, eine Menge Verantwortung tragen. Wir kochen auch schon mal wieder runter, wenn Einträge heftiger werden. Humor ist gut, aber man soll den Bogen auch nicht überspannen.

Frage: Was macht Dortmund für euch persönlich besonders?

Moritz: Die Basis ist das soziale Umfeld, in das wir eingebunden sind. Kontakte werden in dieser Stadt gepflegt und haben Bestand. Man definiert sich hier nicht über Superlative. Dortmund ist wie ein schlafender Riese mit viel Potenzial. Obwohl die Stadt groß ist, fühlt man sich hier nicht verloren. Die Stadt lebt durch ihre Kontraste: Wir haben erhaltene – und aufbereitete – Industriegebiete und auf der anderen Seite unheimlich viel Natur. Man muss hier genauer hingucken, die Schätze entdecken und bergen.

Frage: Was ist dein Borussia-Tipp zum Abschluss der Saison?

Moritz: Ich denke, sie können in der Liga noch den 8. Platz schaffen und es ins Pokalfinale schaffen. Ich glaube an die Leistung des Teams. Es tut auch in diesem Bereich gut, nicht mit gekrümmten Rücken auf den Boden zu starren, sondern selbstbewusst nach vorne zu schauen.

Interview: Gaye Suse Kromer

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