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Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Jesús González Rebordinos

Willkommenskultur

17.02.2015

Bildung, Bildung und viel Verständnis

Willkommens- oder Auffangklassen sind Schulklassen für neu aus dem Ausland zugereiste Kinder und Jugendliche, die kein oder nur wenig Deutsch sprechen. An Dortmunder Schulen gibt es insgesamt 55 Auffangklassen. Dort lernen die Schülerinnen und Schüler, damit sie in das regulär laufende Schuljahr aufgenommen werden können.

Holte Grundschule

Alle haben ein gemeinsames Ziel: den Kindern und ihren Familien eine Perspektive verschaffen
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Gaye Suse Kromer

Ziel ist, dass die Kinder und Jugendlichen möglichst schnell die deutsche Sprache erlernen. Die Holte-Grundschule im Dortmunder Stadtteil Lütgendortmund ist eine der Schulen, die sich mit großem fachlichem und persönlichem Engagement dieser nicht immer einfachen Aufgabe widmen. Die Dortmund-Redaktion sprach mit Dr. Martina Röhr, Leiterin der Holte-Grundschule, Martina Raddatz-Nowack, kommissarische Leiterin des Schulverwaltungsamtes und dem Schulsozialarbeiter Walter Walz über die Herausforderungen und Glücksmomente im Schulalltag.

Interview: Anja Kador

Dortmund-Redaktion: Frau Dr. Röhr, wie viele Schülerinnen und Schüler besuchen die Holte-Grundschule und wie viele der Kinder besuchen eine Auffangklasse?

Dr. Martina Röhr: Unsere Schule besuchen insgesamt 345 Kinder. Die Klassen 1 und 2 sind dreizügig, die Klassen 3 und 4 sind vierzügig. Wir haben im Moment eine Auffangklasse mit 24 Schülern. Das sind Kinder, die nach Deutschland kommen und keinerlei Deutschkenntnisse haben, die sozusagen als „Seiteneinsteiger“ in die Schulen kommen. Sie stammen zum Beispiel aus Syrien, Ägypten oder Armenien. Darunter sind sowohl Kinder, die schon Schulerfahrung haben, aber auch solche, die vorher noch nie eine Schule besucht haben. Zum Teil sind diese Schüler älter - vielleicht 3. oder 4. Schuljahr - und müssen alphabetisiert werden.

Dortmund-Redaktion: Wie können Sie 24 Kindern unterschiedlicher Herkunft und verschiedenen Alters Deutsch beibringen?

Dr. Röhr: Das ist die absolute Obergrenze. Wir machen es so, dass wir aus den 24 Kindern zwei Gruppen bilden. Es macht überhaupt keinen Sinn, diese 24 Kinder zusammen zu unterrichten. Sie sind einfach von den Leistungen her viel zu unterschiedlich. Die Kinder, die ganz neu nach Deutschland kommen, haben bei uns jeden Tag in der 1. und 2. Stunde Sprachkurs. Herr Walz als Sozialarbeiter und mindestens eine Lehrerkollegin sind immer dabei. Die intensive Betreuung ist ganz wichtig, denn es handelt sich bei uns um eine besondere Auffangklasse, nämlich die aus dem „Grevendicks Feld“. Das ist die Asylbewerberunterkunft der Stadt Dortmund bei uns im Bezirk und der Grund, weshalb wir vor drei Jahren eine Auffangklasse eingerichtet haben. Es ist deshalb eine ganz besondere Situation.

Holte Grundschule

Dr. Martina Röhr, Leiterin der Holte-Grundschule
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Gaye Suse Kromer

Dortmund-Redaktion: Worin besteht das Besondere?

Dr. Röhr: Bei uns an der Schule gibt es sehr häufige Schülerwechsel. Die Familien kommen ins Grevendicks Feld, bleiben dort ein paar Monate. Dann ziehen sie mit ihren Familien um in eigene Wohnungen. Manchmal haben wir auch Schüler, die bleiben wollen, weil es gut läuft und weil die Kinder gut integriert sind. Wir sind aber mittlerweile nicht mehr die einzige Schule, die Kinder aus Grevendicks Feld nimmt.

Dortmund-Redaktion: Frau Raddatz-Nowack, wie werden die Kinder auf die verschiedenen Schulen verteilt?

Martina Raddatz-Nowack: Gemeinsam mit dem Schulamt teilen wir die Schüler den in Frage kommenden Schulen zu. Wir haben ja gewissermaßen einen ständigen Zuzug. Es gibt eine Warteliste für Kinder, die beschult werden müssen. Wir müssen sukzessive mit dem Schulamt und den Schulen gemeinsam herausfinden, wo noch freie Kapazitäten sind. In ganz Dortmund gibt es 55 Auffangklassen, die im ganzen Stadtgebiet verteilt sind. Jede Schule kann nur eine bestimmte Anzahl an Kindern aufnehmen.

"Die intensive Betreuung ist ganz wichtig, denn es handelt sich bei uns um eine besondere Auffangklasse"

Dr. Martina Röhr

Dortmund-Redaktion: Gibt es Schulen, die dabei besonders in Anspruch genommen sind?

Martina Raddatz-Nowack: In der Nordstadt sind die Kapazitäten ausgereizt, so dass wir in andere Stadtgebiete ausgewandert sind. Im Moment suchen wir noch weitere Schulstandorte und sind darüber mit dem Schulamt im Gespräch. Das Schulamt muss auch beurteilen, wie die Lehrersituation sich darstellt. Alles muss gut aufeinander abgestimmt sein, damit alle Akteure - auch um die Schule herum - gut organisieren und gut steuern können. Zu unserem Fachbereich Schule gehört das Dienstleistungszentrum Bildung. Da sitzt die Kollegin Irmgard Heitkemper-Niessen. Sie schaut, wo freie Plätze sind und nimmt Kontakt zu den Schulleitungen auf.

Dortmund-Redaktion: Gibt es für diese wichtige gesellschaftliche Aufgabe zusätzliches Personal?

Dr. Röhr: Wir haben das Glück, dass wir einen Schulsozialarbeiter haben, der sich nur um die Kinder der Auffangklasse kümmert und ganz engen Kontakt zum Grevendicks Feld hält. Er ist unser Ansprechpartner: Wenn neue Kinder kommen, hilft er bei der Orientierung im großen System, er ist in den Pausen auf dem Schulhof, er kümmert sich um Dolmetscher und er berät Eltern.

Holte Grundschule

Alle sind mit großem fachlichen und persönlichen Engagement bei der Sache
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Gaye Suse Kromer

Dortmund-Redaktion: Wie ist der Unterricht organisiert?

Dr. Röhr: In der 1. und 2. Stunde findet täglich der Sprachkurs für die ganz neuen Kinder statt. In der 3. und 4. Stunde sind alle Kinder im Unterricht der Klasse, wo sie vom Alter her hingehören, um mit deutschen Kindern zu lernen. Während der 5. und 6. Stunde haben wir einen Sprachkurs für die Kinder, die schon etwas fitter sind. Wir haben die 24 Kinder aufgeteilt, weil alle völlig unterschiedliche Voraussetzungen mitbringen und ein gemeinsamer Unterricht nicht möglich ist. In den Kursen der Auffangklasse helfen Ehrenamtliche mit, wie z. B. Studierende. Das ist immer eine große Unterstützung.

Dortmund-Redaktion: Wie verständigen Sie sich mit den Kindern?

Dr. Röhr: Es gibt keine Dolmetscher in den Klassen: Im Prinzip kann man sagen: Das machen unsere Kinder. Die ersten Wochen mit der Auffangklasse waren echt hart, weil wir nur Kinder hatten, die überhaupt kein Deutsch konnten. Jetzt ist es relativ einfach, weil wir ganz viele Kinder hier sitzen haben, die schon etwas Deutsch gelernt haben und übersetzen können. Als wir im Sommer Kinder ohne Sprachkenntnisse in Klasse 1 eingeschult haben, wurde am 1. Schultag ein älterer Schüler als Begleiter mitgeschickt, der dolmetschen konnte. So waren die Kinder nicht völlig verunsichert, denn für viele ist das ein totaler Kulturschock. Wir müssen die Kinder gerade am Anfang ganz eng begleiten. Irgendwann wissen sie dann, wie es läuft.

Holte Grundschule

Martina Raddatz-Nowack, kommissarische Leiterin des Schulverwaltungsamtes
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Gaye Suse Kromer

Dortmund-Redaktion: Wie lang dauert die Eingewöhnungszeit?

Walter Walz: Wenn sie sehr klein sind, brauchen sie zwei bis drei Wochen. Dann weinen sie manchmal noch. Das lässt aber irgendwann schlagartig nach und sie kommen langsam mit und steigen ein, weil sie die ersten Wörter verstehen und den Abläufen folgen können. Es beruhigt sie, wenn sie ein paar Namen und den Lehrer kennen. Sie verstehen, dass wir nichts Böses wollen.

Dortmund-Redaktion: Gibt es spezielle Lehrpläne für Auffangklassen, besondere Fortbildungen für Lehrer?

Dr. Röhr: Unsere Kollegen machen regelmäßig Fortbildungen im Kommunalen Integrationszentrum Dortmund (MIA-DO/KI). Richtige Lehrwerke haben wir nicht. Die Kollegen suchen sich ganz viel selber zusammen. Sie schauen, was im normalen Unterricht passiert, um in den Auffangklassen mit dem Material weiterzuüben. Sie bereiten die Kinder auch auf das vor, was sonst im Unterricht passiert. Die Kollegen machen das alles sehr engagiert.

Raddatz-Nowack: Im Dienstleistungszentrum Bildung bieten wir Fortbildungen an, die eng mit MIA-DO/KI abgestimmt werden. Es gibt eine Kooperation mit der Uni Duisburg. Die haben sich spezialisiert bei den Lehramtsanwärtern. Dort wurden Angebote konzipiert, die sich besonders mit dieser Herausforderung auseinandersetzen. Das wird alles zentral organisiert, damit nichts nebeneinanderher läuft. Wichtig ist, dass die Familien eine Anlaufstelle haben.

Was wir machen können ist, den Kindern Wissen geben und ihnen vermitteln, dass es ihnen hier gut geht und dass sie keine Angst haben müssen"

Walter Walz

Dortmund-Redaktion: Die Kinder sind traumatisiert - z. B. durch Flucht, Zurücklassen der bekannten Lebensumstände oder der Freunde und Verwandten, durch Kriegserlebnisse. Wie wirkt sich das im Unterreicht aus und wie begegnen Lehrer dem, wie gehen die Kinder selbst damit um?

Walz: Ich kann ein Beispiel nennen. Ein syrischer Junge ist mit seiner Mutter angekommen. Auf der Flucht haben sie Vater und Bruder verloren. So konnte man verstehen, warum der Junge Schwierigkeiten beim Lernen hatte, auf einem Wissenstand hängen blieb, während die anderen ihn überholten. Jedes Kind bringt seine Schwierigkeiten mit, wenn etwas Schlimmes passiert ist. Ich kann leider nichts an der Situation ändern. Das, was wir aber machen können ist, den Kindern Wissen zu geben und ihnen zu vermitteln, dass es ihnen hier gut geht und dass sie keine Angst haben müssen. Mehr können wir nicht machen. Das ist ja schon eine ganze Menge.

Dr. Röhr: Ich glaube, deshalb kommen die meisten Kinder sehr fröhlich in die Schule. Sie kommen gerne und sehr regelmäßig. Wir haben leider keinen Platz in der OGS (Offene Ganztagsschule Anm. d. Red.) für die Kinder, aber eine zusätzliche Hausaufgabenbetreuung, Die Kinder können unter Aufsicht Schularbeiten machen, bekommen Hilfe und können spielen.

Holte Grundschule

Walter Walz, Schulsozialarbeiter
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Gaye Suse Kromer

Dortmund-Redaktion: Gibt es Auffangklassen nur an Grundschulen?

Raddatz-Nowack: Nein, das ist Schulform übergreifend. Es war eine Zeitlang so, dass die Hauptschule die beliebteste Schule war, die angefragt wurde. Das hat aber aufgehört. Das musste auch aufhören, weil dort die Kapazitätsgrenzen erreicht waren. Die Formel geht nicht auf ‚Jedes Kind, was zugewandert ist, hat nur Hauptschulniveau’. Ich sage das ganz bewusst provokant. Es gibt sehr viele Kinder, die sehr wohl ein gymnasiales Niveau haben. Mittlerweile wird das nicht mehr in Frage gestellt. Alle Schulformen werden in Anspruch genommen.

Dortmund-Redaktion: Inwieweit werden die Eltern der Kinder in den Auffangklassen mit eingebunden?

Dr. Röhr: Bei uns an der Schule gibt es zum Beispiel ein Elterncafe. Das ist aber ganz schwierig, so etwas für Eltern zu machen, die kein Deutsch können. Wir versuchen die Eltern auf anderen Wegen zu unterstützen. Es gibt zum Beispiel eine Familie aus Armenien, der drohte die Abschiebung. Die Mutter war völlig verzweifelt. Das ältere Kind dieser Familie ist hier im Fußball integriert und macht an der Musikschule Jeki-Unterricht. Die Familie ist supernett und sehr an Bildung interessiert, die Mutter kam auch ohne Deutschkenntnisse zu jedem Elternabend und hat uns immer bei Festen geholfen.

Die Schwester ist jetzt in der Klasse 1 und plötzlich kriegen sie die Abschiebung. Die Mutter war fix und fertig. Dann hat Herr Walz angeboten, sie zum Anwalt zu begleiten. Er war mit ihnen beim Ausländeramt und beim Sozialamt. Jetzt haben sie endlich Pässe und noch mal einen Aufenthaltsstatus erst einmal für ein halbes Jahr. Wir hoffen, dass die Familie bleiben kann. Das ist jedoch nicht die Regel. Im Prinzip gucken wir aber auch, wie wir unbürokratische Hilfe leisten können.

"Es ist ganz, ganz wichtig, dass wir diesen Familien eine Perspektive verschaffen"

Dr. Martina Röhr

Dortmund-Redaktion: Wenn Sie die Kinder in einem so hohen Maße mit ihren Familien unbürokratisch begleiten, was ist letztlich Ihr Ziel dabei?

Dr. Röhr: Dass die Kinder hier integriert sind und in Deutschland gut leben können. Das ist unsere gesellschaftliche Aufgabe. Es ist ganz, ganz wichtig, dass wir diesen Familien eine Perspektive verschaffen Da haben wir als Schule eine ganz wichtige Aufgabe. Wo soll es denn passieren, wenn nicht hier?

Raddatz-Nowack: Wenn wir die Bildung nicht hinbekommen, dann scheitert es. Neben der hervorragenden praktischen Arbeit, die jeden Tag an den Schulen geleistet wird, haben wir ein theoretisches Konzept erarbeitet, damit alle Kinder beschult werden können. Bisher haben wir uns nur stückchenweise angenähert. Jetzt gibt zum ersten Mal, das kann man mit Stolz sagen, ein Konzept, was die ganze bildungsbiografische Kette überspannt, von 6 bis 25 Jahren. Es wird auch deutlich, wie viele Akteure sich in dieser Stadt überall mit der Thematik beschäftigen. Teilweise wissen sie nichts voneinander. Unser Konzept ist ein sehr gutes gesamtstädtisches Beschulungskonzept für Zuwanderung. Wir spannen den gesamten Bogen über alle Institutionen, über alle Träger, und fassen es einen Rahmen fassen, damit Verbindlichkeit für die Schulen da ist.

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