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Zur Sache

Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Jesús González Rebordinos

50 Jahre Verbraucherzentrale im Wandel der Zeit

26.02.2015

Am 13. Februar 1965 titelt die WAZ zwei Tage vor der Neueröffnung der "Haushalts- und Verbraucherberatungsstelle" im "Hause der Sparkasse" in der Hansastraße 22: "Hausfrauen machen bald Jagd auf Preise". Den Schwerpunkt der Arbeit legten die damals ausschließlich weiblichen Berater auf die "Marktberichte" mit Angaben über Lebensmittelpreise und Läden, in denen die Hausfrau billig einkaufen konnte.

In diesem Sinne flankierte die Neueröffnung der Beratungsstelle in Dortmund eine Ausstellung mit dem Titel "Frau und Geld", die Themen unter die Lupe nahm wie "Mit dem Einkommen auskommen", "Die kluge Hausfrau führt Buch", "Die Sparkasse im Dienst der Hausfrau" oder "Einkaufs-, Ernährungs- und Wohnberatung".

Helene Schulte-Bories

Helene Schulte-Bories weiß als Leiterin der Beratungsstelle Dortmund immer einen guten Rat
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Dortmund-Agentur / Stefanie Kleemann

Seither sind 50 Jahre vergangen. Die Beratungsstelle Dortmund der Verbraucherzentrale (VZ) NRW hat in den Jahren insgesamt sechs Ortswechsel innerhalb Dortmunds hinter sich gebracht. Der letzte Umzug in die ehemaligen Räume der Handwerkskammer Dortmund in der Reinoldistraße 7-9 liegt gerade mal einige Wochen zurück. Hier beraten Helene Schulte-Bories, seit 1985 Mitarbeiterin der Beratungsstelle und seit 1989 deren Leiterin, und ihr zehnköpfiges Team kompetent und unabhängig zu unterschiedlichsten Verbraucherfragen . Die Dortmund-Redaktion sprach mit Helene Schulte-Bories darüber, wie sich die Welt der Verbraucher verändert hat, ob es Dortmunder Eigenarten in Sachen Verbraucherfragen gibt und was der größte Erfolg für die Dortmunder Beratungsstelle war.

Dortmund-Redaktion: Heute schmunzeln wir bei der Lektüre des Zeitungsberichts in der WAZ, der beschreibt wie die Beraterinnen für die "Marktberichte" auf Wochenmärkten und in Geschäften Lebensmittelpreise verglichen, um den Hausfrauen die Kaufentscheidung zu erleichtern. Warum war diese Art der Beratung notwendig und revolutionär?

Schulte-Bories: 1965 war das Wirtschaftswunder Deutschland zu spüren. Angesichts der Warenvielfalt und des immensen Nachholbedarfs war Beratung um Preise und Qualität gefragt - nicht nur im Lebensmittelbereich. Es gab ganz neue Haushaltstechnik: Waschmaschinen, Tiefkühltruhen, Bügelmaschinen. Die engagierten Frauenverbände in Dortmund - der Hausfrauenverband und die die Koop-Frauengilde - setzten sich für Verbraucherbelange ein und ergriffen die Initiative, eine Beratungsstelle in Dortmund aufzumachen. Übrigens wurde in Dortmund die achte Beratungsstelle im Land NRW eröffnet.

Schaufenster Gnadenort 3-5

Der letzte Standort vor dem Umzug (2002 bis 2014): Gnadenort 3-5
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Verbraucherzentrale NRW e.V.

Dortmund-Redaktion: Die Beratungsstelle Dortmund hat vor 50 Jahren ihre Pforten geöffnet. Das schon damals per Satzung erklärte Ziel, Verbrauchern als dem schwächeren Marktpartner zu mehr Macht zu verhelfen, hat seinen Anspruch bis heute nicht verloren. Wie hat sich die Welt der Verbraucher in den Jahren verändert?

Schulte-Bories: Heute ist der Markt noch viel unübersichtlicher als 1965. Die Verbraucher benötigen immer noch Unterstützung. Profis übernehmen eine Lotsenfunktion, damit der Verbraucher bei dem vielfältigen Angebot weder Überblick und noch Geld verliert.

Dortmund-Redaktion: Welche Produktbereiche können Sie beispielhaft nennen?

Schulte-Bories: Im Bereich der Neuen Medien ist das Angebot vielfältig und wenig transparent. Menschen verlieren schnell den Überblick und fühlen sich vor einer Kaufentscheidung oft überfordert. Sie haben ja heute nicht nur einen Handytarif zur Auswahl, sondern das heute günstigste Angebot ist morgen schon unterboten. Aber auch die Entwicklungen im Finanzdienstleistungsmarkt machen eine Entscheidung, Vorsorge für das Alter zu treffen, nicht einfach. Es gibt zahlreiche Angebote, die nur schwer vergleichbar sind und wenig Anreiz bieten, für die Altersvorsorge etwas zu tun oder das Ersparte anzulegen. 1965 gab es das Sparbuch, da hat der private Haushalt sich noch nicht am Aktienmarkt bewegt. Außerdem leben wir in der EU, die Grenzen sind weggefallen, wir können über das Internet einkaufen und Verträge abschließen. Daraus hat sich im Laufe der Jahre eine neue Rechtssprechung entwickelt. Neue gesetzliche Möglichkeiten z.B. das Widerrufsrecht auch bei Online geschlossenen Verträgen oder die Verlängerung der Gewährleistung von sechs Monaten auf zwei Jahre

Dortmund-Redaktion: Sie sind seit 30 Jahren bei der VZ Dortmund beschäftigt, erst als Mitarbeiterin mit dem Schwerpunkt „sozial-orientierte Arbeit“. Vier Jahre später haben Sie die Leitung der Beratungsstelle übernommen. Wo waren aus Ihrer Sicht die Wendepunkte in Dortmund?

Schulte-Bories: Einen wesentlichen Wendepunkt in unserer Arbeit gab es 1980 mit dem Umzug aus der Sparkasse in das Ruhrkohlegebäude in der Hansastraße 95. Wir wurden finanziell unabhängiger und wissenschaftlich ausgebildete Mitarbeiterinnen erhielten eine Anstellung. Die sich wandelnden Märkte und führten zu einem breiteren Themenspektrum. Unsere Arbeit wurde damals insgesamt professioneller.

Eingangsbereich Verbraucherzentrale NRW e.V.

Seit dem 1. Januar 2015 ist die Verbraucherzentrale NRW e.V. am neuen Standort in der Reinoldistraße 7-9 mit Rat und Tat und einer Vielzahl von Informationen für ihre Kunden vor Ort
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Dortmund-Agentur / Stefanie Kleemann

Dortmund-Redaktion: Inwiefern wurde die Arbeit professioneller?

Schulte-Bories: Der Gesetzgeber schuf die Grundlagen, dass die Beratungsstellen nicht nur Anlaufstelle für Produktinformation blieben. 1980 bekamen wir ein Instrument, um auch rechtliche Unterstützung bieten zu können. Wir erhielten die Befugnis zur außergerichtlichen Rechtsbesorgung für Verbraucherbelange, damals ein Alleinstellungsmerkmal. Ab da veränderte sich unsere Arbeit sehr. An der Haustür abgeschlossene Verträge konnten widerrufen werden und wir konnten Verbraucher kostenlos unterstützen, um zu ihrem Recht zu kommen. Die Rechtsberatung zu Kauf- und Werkverträgen bildete schnell einen neuen Nachfrageschwerpunkt. Auch die Medien griffen Verbraucherthemen zunehmend auf. Die Marktberichte über Preise und Güteklassen von Lebensmitteln wurden noch bis Ende der 80er Jahre veröffentlicht, die Berichterstattungen über Nitrate in Lebensmittel oder Formaldehyd in Möbeln rückten aber in den Vordergrund. Die Nachfragen hatten immer unmittelbar Einfluss auf die Weiterentwicklung unserer Angebote.

Dortmund-Redaktion: Heute ist die Verbraucherberatung eine professionelle Dienstleistung, die von wissenschaftlich geschulten Mitarbeitern durchgeführt wird. Welches Berufsspektrum bilden die Expertinnen und Experten der Beratungsstelle Dortmund ab?

Schulte-Bories: Mein Team arbeitet in dieser Konstellation schon seit einige Jahren zusammen. Die meisten haben Ökotrophologie studiert, eine Kollegin in der Schuldnerberatung ist Juristin. Des weiteren unterstützen uns zu bestimmten Verbraucherthemen und nur nach Terminvereinbarung zwölf Spezialberaterinnen und –beratern- Darunter sind vier Juristen, die spezielle Rechtsthemen übernehmen und vier Finanzdienstleister, die anbieterunabhängig zum Thema Versicherungen, Geldanlage, Altersvorsorge und Baufinanzierung beraten sowie Mitarbeiter der hiesigen Mietervereine.

Dortmund-Redaktion: Welche Themenschwerpunkte bearbeiten Sie und Ihr Team außerdem?

Gebäude Königswall 1

Als Verbraucher-Zentrale NRW e.V. am Königswall 1
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Verbraucherzentrale NRW e.V.

Schulte-Bories: Seit Mitte der 80er Jahre bot die VZ geprellten Kreditnehmern Unterstützung auch bei der Durchsetzung ihrer Rechte an. Mit dem Beratungsangebot für ver- und überschuldete Haushalte etablierte sich bald die sozialorientierte Verbraucherberatung und heute die Schuldner- und Verbraucherinsolvenzberatung. Ein absolut wichtiger Schwerpunkt der Dortmunder Beratungsstelle. Darüber hinaus gibt auch seit Mitte der 80er Jahre die Umweltberatung. Diverse Lebensmittelskandale, durch Haushaltschemikalien belastete Gewässer und nicht zuletzt Tschernobyl und die wachsenden Mülldeponien führten zu einer Nachfrage anderer Güte. Ratsuchende erwarteten nun Antworten und gesichertes Wissen über ökologische Risiken. Dank der finanziellen Unterstützung des Landes und der EDG bieten wir auch heute noch Beratung zum nachhaltigen und ökologisch verträglichen Konsum und zum Ressourcenschutz. Seit zwei Jahren haben wir eine Budget- und Rechtsberatung zum Thema Energiearmut. Ein kostenloses Angebot für Haushalte, die Probleme haben, ihren Zahlungsverpflichtungen gegenüber ihrem örtlichen Energieversorger nachzukommen oder sogar vor einer Stromsperre stehen. Nicht zu vergessen die Kernaufgabe überhaupt: die klassische Rechtsberatung für Verbraucherbelange. Es ist ein niederschwelliges Angebot Rechtsbeistand zu erhalten bei Problemen mit dem Telekommunikationsanbieter, der Online-Bestellung, dem Möbellieferanten oder wenn der Pauschalurlaub ein Reinfall war.

Dortmund-Redaktion: Seit wann gibt es die Schuldner- und Insolvenzberatung?

Schulte-Bories: 1983 legten Verbraucher den Beraterinnen zuhauf Privatkundenkreditverträge vor, die auffällig teuer waren. Eine Kreditaktion aller Verbraucherzentralen führte zu einem Ansturm in allen Beratungsstellen. Durch die sittenwidrigen Kredite mussten Verbraucher horrend hohe Zinsen zahlen, insbesondere wenn Zahlungsverzug vorlag. Schnell wurde deutlich, wie viele verschuldete Menschen abgezockt worden sind. Wir haben nicht nur per Computerprogramm nachgerechnet und die Verträge durch Anwälte rechtlich prüfen lassen, sondern uns auch engagiert, Kreditinstitute zur Beachtung gesetzlicher Vorgaben zu bewegen. Die überschuldeten Menschen brauchten mehr Rat als bei der klassischen Budgetberatung mit "schwarzen Zahlen". Der Weg von der Verschuldung in die Überschuldung kann kurz sein. Es wird dann immer eng, wenn man den Arbeitsplatz verliert oder eine Trennung ansteht.

Helene Schulte-Bories

Leiterin der Beratungsstelle Dortmund der Verbraucherzentrale NRW: Helene Schulte-Bories
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Dortmund-Agentur / Stefanie Kleemann

Dortmund-Redaktion: War das ein Dortmund spezifisches Problem?

Schulte-Bories: Nein, es war landesweit. Durch die schon erwähnte landesweite Kreditaktion haben wir das Problem öffentlich gemacht und zugleich Menschen den Weg gezeigt, dass und wie sie sich wehren können. Die Verbraucherzentrale hat im Rahmen der Verbandsklagebefugnis die Allgemeinen Geschäftsbedingungen dieser Kredite geprüft und rechtlich abmahnt. Es entwickelte sich eine Rechtssprechung und letzten Endes wurden auch Gesetze weiterentwickelt. Dortmund spezifisch war, dass das Aus von Hoesch und der Ruhrkohle viele Arbeitsplätze freisetzte. Bei 17 Prozent Arbeitslosigkeit gerieten sehr viele Haushalte in die Krise und brauchten Unterstützung. Hier galt es aber auch, sich zu vernetzen und sich mit anderen Akteuren auszutauschen. Damals wurde vom Sozialamt der Stadt Dortmund, den Wohlfahrtsverbänden und der Verbraucherzentrale die Arbeitsgemeinschaft Schuldnerberatung auf den Weg gebracht. Es war vielleicht Dortmund spezifisch, dass wir in diesem Verbund z. B. Fortbildungen für lokale Schuldnerberater auf den Weg gebracht haben. Jeder aus seinem Verband hat die entsprechende Fachkompetenz beigesteuert. Wir haben uns mit der Schufa und Inkasso-Dienstleistern gestritten und immer wieder gemeinsame Diskussionsveranstaltungen durchgeführt auch unter Einbeziehung von Bundestagsabgeordneten. Unser gemeinsames Ziel war, auch von Dortmund aus die schon laut geforderte und auf Bundesebene kontrovers diskutierte Verbraucherinsolvenz als Gesetz zu erwirken.1999 trat das Verbraucherinsolvenzgesetz endlich in Kraft. Eine noch unerfüllte Forderung aus der Zeit ist geblieben: das Recht auf ein Girokonto für Jedermann bei jeder Bank.

Dortmund-Redaktion: Wie werden die Fachleute geschult?

Schulte-Bories: Wir werden laufend fortgebildet. Das ist ein Muss. Wir sind auch darauf angewiesen, dass die wissenschaftlichen Mitarbeiter der Verbraucherzentrale in Düsseldorf Hintergrundmaterialien aufbereiten. Es gibt Netzwerkgruppen, die bundesweit zusammenarbeiten, so dass die Kompetenz gebündelt wird. Wir haben mittlerweile ein Wissensmanagementsystem, das wir Online abrufen können. So können wir uns ganz schnell auf den neuesten Stand bringen. Das wechselseitige Zusammenspiel von Geschäftsstelle und den 61 Beratungsstelle im Land ist Garant für Kundenorientierung, Aktualität und Wirtschaftlichkeit.

Dortmund-Redaktion: Was kann die Verbraucherzentrale, was andere Rechtsberatungsstellen nicht können?

Schulte-Bories: Unsere Stärke ist, dass wir in der Fläche eine Sensorfunktion übernehmen. Das Frühwarnsystem funktioniert, wenn irgendwo etwas im Argen ist, unseriöse Geschäftspraktiken- sei es Online oder an der Haustür - offenkundig werden und Verbraucher das Nachsehen haben. Wir sind Sensor und spiegeln dies an die Experten in der Geschäftsstelle. Nicht selten sind diese Rückmeldungen auch Auslöser, um Missstände durch rechtliche Schritte abzustellen, auf Verbesserungen durch gesetzliche Regelungen hinzuarbeiten oder unseriösem Geschäftsgebaren durch Informationskampagnen entgegenzuwirken.

Helene Schulte-Bories

Leiterin der Beratungsstelle der Verbraucherzentrale NRW in Dortmund: Helene Schulte-Bories
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Dortmund-Agentur / Stefanie Kleemann

Dortmund-Redaktion: Was war aus Ihrer Sicht der größte Erfolg für die Beratungsstelle Dortmund?

Schulte-Bories: Für uns ist es ein großer Erfolg - und da sind wir auch sehr dankbar, dass nicht nur das Land NRW, sondern auch die Stadt Dortmund uns seit 1994 finanziell unterstützt. Es war sicherlich manchmal in den Verhandlungen mit uns nicht einfach, aber man hat die Arbeit nie in Frage gestellt. Bei den knappen Haushaltslagen ist das nicht selbstverständlich. Wenn Sie die Frage auf unsere Arbeit beziehen, ist sicherlich herausragend, dass wir für Haushalte in der Krise Angebote unter einem Dach haben und für Betroffene oftmals eine Lebensperspektive geben konnten - so die Rückmeldungen. Aber auch das langjährige Engagement für den Fairen Handel und nachhaltiges Konsumieren ist ein lohnenswerter Einsatz. Insgesamt erfahren wir eine hohe Wertschätzung bei den Dortmunder Verbraucherinnen und Verbrauchern.

Dortmund-Redaktion: Gibt es eine Geschichte, die sich Ihnen besonders eingeprägt hat?

Schulte-Bories: Eine Kollegin aus der Insolvenzberatung hat kürzlich eine Email von einem Ratsuchenden bekommen, der vor zwei Jahren mit ihrer Unterstützung Privatinsolvenz beantragt hat. Seine Familie war in eine finanzielle Schieflage geraten und droht auseinanderzubrechen. Dieser Herr hat sich herzlich bei der Kollegin mit dem Satz bedankt: "Sie haben uns wieder eine Perspektive gegeben, uns aufgebaut und wir sind auch als Familie zusammengeblieben." Das war eine Rückmeldung, die mich sehr berührt und gefreut hat.

Interview: Anja Kador

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