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Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Jesús González Rebordinos

Glaube. Liebe. Leichenschau.

26.10.2015

"Ich würde lieber in Dortmund leben als in Berlin." Dieses Lob für unsere Stadt stammt von einem Wahlmünchner. Dortmund hat es Su Turhan angetan.

Zwei Tage lang hat der 49-Jährige verschiedene Orte der Stadt erkundet, jedoch nicht als Tourist. Für die Anthologie "Glaube. Liebe. Leichenschau." des Festivals "Mord am Hellweg" schreibt Turhan eine Kriminalgeschichte, und die spielt: in Dortmund. Die Dortmund-Redaktion hat Su Turhan beim Pressegespräch getroffen und erfahren, was ihn an Dortmund inspiriert und begeistert hat.

Su Turhan

Dortmund hat es Su Turhan angetan, zwei Tage lang hat der 49-Jährige verschiedene Orte der Stadt erkundet
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Stefanie Kleemann

Dortmund-Redaktion: Herr Turhan, zu der Hellweg-Region, in der die Krimigeschichten spielen, gehören ja viele Städte – warum nehmen Sie sich ausgerechnet Dortmund vor?

Turhan: Tatsächlich wollte ich als Schauplatz für meinen Krimi unbedingt Dortmund haben, das war ein Wunsch von mir. Ich wollte nicht aufs Land, ich bin ein Großstadt-Schreiber. Ich mag es schon sehr städtisch, urban, und das ist in Dortmund sehr präsent. Außerdem sympathisiere ich - wenn nicht der FC Bayern gerade spielt - mit dem BVB (lacht).

"Ich hatte eine harte Stadt erwartet, aber ich empfinde Dortmund gar nicht so. Dortmund ist halt ehrlich, ungeschminkt"

Su Turhan

Dortmund-Redaktion: Welche Orte in Dortmund haben Sie aufgesucht?

Turhan: Ich war in der Innenstadt, in der Nordstadt und in Brackel unterwegs. Vorab hatte ich eine Liste gemacht, was ich mir anschauen möchte. Da stand natürlich auch der Borsigplatz drauf, es war einfach mal schön da zu sein. Einen Abend war ich auch in einer Kneipe, wo überall BVB-Schals hingen. Begeistert war ich von der Zentralmoschee in der Kielstraße. Es ist einfach ein sakraler Ort, und da spürt man den Glauben der Menschen, das hat mich sehr berührt. Da habe ich mich gefühlt wie in Istanbul. Auch architektonisch ist die Moschee sehr interessant, die Kuppel sieht man von außen ja gar nicht. Außerdem war ich auf dem Hauptfriedhof und habe mir das muslimische Bestattungsfeld angesehen, das ist ja recht klein. Viele Muslime lassen sich in die Heimaterde überführen und ich habe mir erklären lassen, wie das von statten geht.

Su Turhan

Für die Anthologie "Glaube. Liebe. Leichenschau." des Festivals "Mord am Hellweg" schreibt Turhan eine Kriminalgeschichte
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Dortmund-Agentur / Stefanie Kleemann

Dortmund-Redaktion: Mit welchem Blick sind Sie durch die Stadt gelaufen, worauf haben Sie ein besonderes Augenmerk gelegt?

Turhan: Ich habe natürlich den Blick eines Außenstehenden. Ich glaube, das macht die Geschichten aus, dass du mit dem Blick eines Fremden hierher kommst. Ich hatte diesen Auftrag im Kopf, das Ziel vor Augen, etwas zu finden, was mir für die Geschichte hilft. Ich hab’ mich einfach treiben und mich wie ein Gefäß füllen lassen – mit Eindrücken, Blicken, Gerüchen. Da wird bei mir als Autor quasi die Gebärmaschine angeworfen (lacht). Ich bin an einem Dornengewächs vorbei gelaufen und habe mir vorgestellt, dass darin ein Mann auf- und durchgespießt hängen könnte.

Dortmund-Redaktion: Welchen Eindruck haben Sie von Dortmund?

Turhan: Du kommst hierher, und es ist halt eine Stadt. Ich hab mich gleich wohl und ganz schnell willkommen gefühlt. Ich liebe es, das Gefühl zu haben, man ist anonym und zur gleichen Zeit fühlt man sich gut aufgehoben. Ich hatte eine harte Stadt erwartet, aber ich empfinde Dortmund gar nicht so. Dortmund ist halt ehrlich, ungeschminkt. Hier passiert ständig was, aber es ist nicht so hektisch. In der Fußgängerzone geht alles recht entspannt vonstatten hatte ich den Eindruck. Und hier ist überall der BVB, man hat das Gefühl, die Menschen sind in einem Trainingslager (lacht). Ich könnte mir vorstellen, hier zu leben, das sage ich von anderen Städten nicht. In Berlin zum Beispiel würde ich nie wohnen wollen.

"Ich hatte den Eindruck, die Leute hier gehen offener mit einander um und reden auch lauter als in anderen Städten"

Su Turhan

Dortmund-Redaktion: Was hat Ihnen an Dortmund besonders gefallen?

Turhan: Die Kiosk-Kultur hier würde ich so eins zu eins nach München kopieren. Ich hatte den Eindruck, die Leute hier gehen offener mit einander um und reden auch lauter als in anderen Städten. Und ich finde es toll, dass das türkische Leben hier so offenherzig präsentiert wird. Die Multikulturalität hier ist viel ehrlicher. Außerdem bekommt man alles Mögliche an Essen! Das Stadtbild zeigt, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist.

Dortmund-Redaktion: Lassen Sie sich bei der Konzeption von Figuren auch schon mal von realen Personen inspirieren?

Turhan: Bei mir ist niemand gefeit davor, in abstrahierter Form in meinen Büchern aufzutauchen. Ich bin ein offener Mensch, komme mit Menschen ins Gespräch. Ich habe mir angewöhnt, alles zu horten und dann etwas daraus zu machen.

Su Turhan

Wahlmünchner zieht Dortmund der Bundeshauptstadt vor
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Stefanie Kleemann

Dortmund-Redaktion: Haben Sie schon eine Idee für Ihren Kurzkrimi?

Turhan: Die Grundgeschichte habe ich im Sinn. Es ist natürlich schon eine Herausforderung, auf zwölf Seiten eine spannende, lesenwerte Geschichte zu schreiben. Humor spielt bei mir immer eine Rolle. Der Ermittler muss keine staatliche Instanz, sondern kann auch eine Oma oder ein Opa sein. Akribische Polizeiarbeit brauche ich nicht.

Dortmund-Redaktion: Wann lesen Sie Ihre Geschichte in Dortmund?

Turhan: Das Festival "Mord am Hellweg" findet vom 17. September bis zum 12. November 2016 statt, der genaue Termin für meine Lesung steht noch nicht fest. Die Anthologie erscheint im Spätsommer nächsten Jahres im Grafit-Verlag.

Elena Hesterkamp

Zum Thema

  • Das achte Festival „Mord am Hellweg“ läuft vom 17. September bis zum 12. November 2016 in 23 Städten der Hellweg-Region.
  • "Mord am Hellweg" ist Europas größtes internationales Krimi-Festival. Es findet alle zwei Jahre statt.
  • Seinen Namen hat das Festival von der alten Heer- und Handelstraße von Duisburg über Essen, Dortmund, Unna und Paderborn abgeleitet.
  • Die Projektleitung liegt beim Westfälischen Literaturbüro in Unna und den Kulturbetrieben der Kreisstadt Unna.
  • Rund 25 Kommunen oder Einrichtungen der Hellweg-Region sind als Kooperationspartner beteiligt.
  • Der Krimiband zum Festival erscheint 2016 unter dem Titel "Glaube. Liebe. Leichschau".

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