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Mahnmal zum Gedenken der Opfer des Nationalsozialismus in der Bittermark

Zur Sache

50 Jahre Mahnmal

Wolfgang Asshoff: "Die letzten Stimmen sind noch laut!"

Dortmund, März 2010. Wolfgang Asshoff, ehemaliger Lehrer am Max-Planck-Gymnasium, ist seit 1993 offizieller Beauftragter des Rates der Stadt Dortmund für die Bittermark. Jedes Jahr an Karfreitag wird dort in Dortmund der Opfer der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft gedacht.

In der Bittermark und im Rombergpark ermordete die Gestapo um Ostern 1945 etwa 300 Frauen und Männer. Sie kamen aus dem deutschen und ausländischen Widerstand, waren Zwangsarbeiter oder Kriegsgefangene. Das Mahnmal wurde 1960 vom Hagener Künstler Karel Niestrath und dem Dortmunder Architekten Will Schwarz im Auftrag der Stadt geschaffen. Asshoff befasst sich seit 50 Jahren mit der Geschichte des Mahnmals. In diesen Jahren hat er viele persönliche Kontakte zu ehemaligen französischen Deportierten geknüpft und aufrecht erhalten. Aus Anlass des 50. Jahrestages der Fertigstellung des Mahnmals legte Asshoff nun eine umfangreiche Dokumentation mit Zeitungsartikeln und Schriftstücken vor, die von 1945 bis heute die Entwicklung der Gedenkfeier veranschaulicht.

Wolfgang Asshoff hat eine Dokumentation zum Gedenken am Mahnmal in der Bittermark an Bürgermeisterin Birgit Jörder übergeben

Nach 50 Jahren Engagement für das Erinnern an die fast 300 ermordeten Frauen und Männer in den letzten Kriegstagen in Dortmund verabschiedet sich Asshoff mit einer Dokumentation, die er Bürgermeisterin Birgit Jörder übergab.

Die Dortmund-Redaktion sprach mit Wolfgang Asshoff über sein Engagement in der Bittermark und die Aktualität der Gedenkfeier. Das Interview führte Anja Kador.

Dortmund-Redaktion: Herr Asshoff, wer hat Ihr Interesse für das Mahnmal in der Bittermark geweckt?

Asshoff: Vor 50 Jahren lud mich mein damaliger Französischlehrer ein mit zur Bittermark zu kommen. Dort sei eine Franzosengruppe, die zu betreuen wäre. Da ich die Sprache einigermaßen beherrschte, sollte ich ihm bei dieser Betreuung helfen. Das waren die ersten Anfänge. Damals wusste ich von der Bittermark überhaupt nichts. Ich stand völlig unbedarft vor dem Mahnmal, als die Sache 1960 für mich begann.

Dortmund-Redaktion: Welchen Einfluss hatten die mit der Zeit entstandenen persönlichen Kontakte zu den ehemaligen französischen Deportierten auf Ihr Engagement?

Wolfgang Asshoff

Zum letzten Mal moderiert Wolfgang Asshoff, offizieller Beauftragter der Stadt für die Bittermark, die Gedenkveranstaltung.

Asshoff: Ich war damals nicht mit dem Gedanken angetreten dabei zu bleiben, sondern bin ja eigentlich zufällig dazu gekommen. Ich wurde neugierig und bin der Sache nachgegangen. Durch viele Nachforschungen im Laufe der Zeit ist mein Interesse immer größer geworden.

Mit den Jahren haben sich sehr viele freundschaftliche Beziehungen entwickelt, besonders mit der Familie des heutigen Ehrenpräsidenten Jean-Louis Forest. Meine Kinder waren zum Austausch mit seinen Söhnen und Töchtern in Frankreich. Die Enkel von Herrn Forest waren bei mir in der Familie. So haben sich Verbindungen ergeben und aus anfänglicher Neugier "Was ist das eigentlich: Zwangsdeportierte?" ist mittlerweile eine echte und tiefe Freundschaft geworden, die ich nicht missen möchte. Und ich sehe heute mehr denn je die Notwendigkeit sich mit dem Thema zu beschäftigen.

Dortmund-Redaktion: Sie haben eine Dokumentation vorgelegt. Haben sich die Gedenkveranstaltungen im Laufe der Jahrzehnte verändert?

Asshoff: Aus einer sehr lokal begrenzten Veranstaltung, die an die Morde in Dortmund erinnerte, ist mit der Zeit eine europäische Großveranstaltung geworden. Nicht zuletzt dank der Redner und der Medien, die zunehmend Interesse an der Veranstaltung fanden und mehr und mehr den Gedanken des Friedens in Europa in den Vordergrund stellten. Auch die Stadt Dortmund hat ihren Anteil an dieser Entwicklung, denn sie war von Beginn an darauf bedacht, die Erinnerung an diese Zeit wach zu halten. So gab es bereits 1945 auf dem Hansaplatz eine 'Trauerkundgebung zum Gedenken der Gemordeten des Faschismus'.

Wolfgang Asshoff im Gespräch mit Birgit Jörder

Wolfgang Asshoff im regen Gespräch mit Birgit Jörder zur ausgehändigten Dokumentation.

Dortmund-Redaktion: Auch heute noch gibt es in unserer Gesellschaft Menschen, die dem politischen Ungeist, gegen den die Veranstaltung mahnt, nahe stehen. Wie wichtig ist es, aus der direkten Auseinandersetzung mit der Geschichte die Sensibilität für heutige Vorgänge zu stärken?

Asshoff: Es wird zunehmend wichtiger gerade die jungen Menschen dafür sensibel zu machen, wie schnell sich solche Gedanken verbreiten können. Leider ist es so, dass viele Menschen aufgrund ihrer sozialen Bedingungen empfänglich sind für diese neuen ‚deutschen Parolen’. Umso wichtiger ist es mit Hilfe der Vergangenheit zu zeigen, dass man gegen solche Ideen früh etwas unternehmen sollte, um damit Konsequenzen für die Zukunft zu ziehen.

Dortmund-Redaktion: Seit 2002 sprechen auf der Gedenkveranstaltung am Karfreitag Schülerinnen und Schüler. Wie finden Sie diese Entwicklung und was wünschen Sie sich für die Vermittlung der deutschen Geschichte an unseren Schulen heute?

Ich wünsche mir, da ich jetzt nach 50 Jahren Schluss mache, dass diese Veranstaltung weiter läuft und durch junge Leute getragen wird.

Asshoff: Dass die Jugend sich mit dem Thema beschäftigt, finde ich sehr, sehr erfreulich. Ich habe schon während meiner aktiven Zeit als Lehrer versucht, das Interesse durch Besuche in der Bittermark und durch Hinweise auf die Vergangenheit zu wecken. Ich stelle fest, dass diese Hinweise offensichtlich auf fruchtbaren Boden gefallen sind. Die Jugend zeigt sich zunehmend interessiert. Für den Geschichtsunterricht würde ich mir wünschen, dass die Geschehnisse von damals heute mehr denn je in den Unterricht eingebunden werden, zumal wir sonst von der Zeit zu weit weg rücken. Die Epoche der Zeitzeugen geht langsam zuende. Wir sollten davon profitieren, dass die letzten Stimmen noch laut sind.

Dortmund-Redaktion: Herr Asshoff, Sie hören nach 50 Jahren auf. Was ist Ihr Wunsch, wie es mit der Gedenkveranstaltung weiter gehen soll?

Asshoff: Ich wünsche mir, da ich jetzt nach 50 Jahren Schluss mache, dass diese Veranstaltung weiter läuft und durch junge Leute getragen wird. Die Botschaft, die dahintersteht, ist heute so aktuell wie damals und der damalige französische Präsident der Vereinigung Jean-Louis Forest hat sie auf einen Nenner gebracht: Niemals vergessen – Freundschaft! Soll heißen: Erinnert euch an das, was früher war. Und: Wir wollen uns die Hand reichen, damit so etwas nie wieder geschieht.

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