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Humboldtpinguin

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Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Jennifer Beckmann

Dr. Frank Brandstätter

"Tiere brauchen auch Unterhaltung"

Seit nunmehr fast zehn Jahren managt Dr. Frank Brandstätter als Direktor den Zoo Dortmund mit etwa 1.500 Tiere in 230 Arten auf einer Gesamtfläche von 28 Hektar. Mit seinen 60 Mitarbeitern sorgt er täglich dafür, dass sowohl die Erholung für die Besucher, als auch Bildung, Forschung und Artenschutz in dem großen Betrieb nicht zu kurz kommen – und beschert den Tieren damit ganz nebenbei Unterhaltung, denn Langeweile soll auch bei diesen gar nicht erst aufkommen.

Die Dortmund-Redaktion sprach mit Dr. Brandstätter über die neue Nebelparder-Attraktion, die Philosophie des Suchens und komische Vögel, die Blondinen nicht mögen. Das Interview führte Anja Kador

Dr. Frank Brandstätter

Dr. Frank Brandstätter ist seit fast zehn Jahren Direktor des Zoo Dortmund

Dortmund-Redaktion: Herr Dr. Brandstätter, der Zoo Dortmund hat eine neue Attraktion: Vor kurzem ist ein Nebelparder-Pärchen eingezogen. Wo sind Nebelparder sonst zuhause und was macht diese Katzenart so besonders?

Brandstätter: Nebelparder sind eine Katzenart aus Süd-Ost-Asien. Dort sind sie in den Urwäldern zuhause. Man unterscheidet zwei Arten: den gewöhnlichen Nebelparder – das ist die Art, die bei uns gehalten wird – und sehr nahe Verwandte, die Borneo-Nebelparder. Für uns sind die Tiere besonders, weil der Zoo Dortmund einen Katzenschwerpunkt hat.

Die Nebelparder sind die zwölfte Katzenart, die wir Katzenfans zeigen können. Außerdem ist der Nebelparder ein Symboltier für seine Umwelt. Er lebt in einem sehr gefährdeten Lebensraum, der leider durch Abholzung zunehmend zerstört wird

Das erinnert mich ein bisschen an die ausgestorbenen Säbelzahntiger

Der Zoo Dortmund unterstützt das Naturschutzprojekt Mesangat auf Borneo. Dort hat eine Stiftung in letzter Sekunde ein Sumpfwaldgebiet aufgekauft, in dem eine große Plantage angelegt werden sollte. In diesem Gebiet leben einige der letzten Nebelparder, die es zu retten gilt. Systematisch betrachtet hat diese Art eine Besonderheit.

Man weiß nämlich nicht genau: Handelt es sich um eine Kleinkatze oder um eine Großkatze. Es ist eine für Kleinkatzen sehr große Art und für Großkatzen eben eine sehr kleine. Außerdem haben die Nebelparder die längsten Eckzähne aller Katzen und erinnern daher ein bisschen an die ausgestorbenen Säbelzahntieger.

Dortmund-Redaktion: Die Tiere bewegen sich in einem neu gebauten Gehege, das ihnen viel Freiheit beschert. Was erwartet den Besucher dort?

Brandstätter: Zunächst einmal ist die Anlage die modernste, die es zur Haltung von Nebelpardern in einem europäischen Zoo gibt. Sie ist gut durchdacht und erscheint sehr groß, wenn man bedenkt, dass die Katzen eben nun mal keine Großkatzen im klassischen Sinne sind.

Nebelparder

Dank der Unterstützung der Dr. Gustav-Bauckloh-Stiftung können die seltenen Nebelparder im Dortmunder Zoo gezeigt werden

Aber Nebelparder brauchen sehr viel Platz, weil sie starke Individualisten sind. Selbst das Paar muss die Möglichkeit haben, sich aus dem Weg zu gehen. Den Besucher erwartet, dass er nicht vor das Gehege tritt und sofort die Tiere sieht, sondern ein wenig suchen muss. Das ist eine Philosophie, die wir ohnehin im Zoo haben: Die Tiere sind nicht einfach auf dem Präsentierteller, so dass man sie 'anglotzen' kann. Wir versuchen vielmehr Haltungen zu konstruieren, die den Bedürfnissen der Tiere gerecht werden, damit sie sich auch mal zurückziehen können. Vom Besucher erfordert das etwas mehr Geduld, verstärkt aber das Wahrnehmen des Tieres.

Dortmund-Redaktion: Der Zoo Dortmund ist bekannt für seine in Europa einmaligen Zusammenstellungen von Tiergehegen: Das bekannteste ist sicherlich das Regenwaldhaus "Rumah hutan", in dem Sumatra-Orang-Utans und Schabrackentapire zusammenleben. Was ist der Vorteil dieser und anderer scheinbar ungewöhnlicher Mischungen?

Brandstätter: Der Zoo Dortmund hat immer schon die Idee der Gemeinschaftshaltung verfolgt. Man hat sehr früh versucht in die weitläufigen Gehege mehrere Arten zu integrieren. Das kann man in der Regel nur in größeren Gehegen machen.

Unsere Anlagen bieten den Tieren mehr Unterhaltung

Diese Gemeinschaftsanlagen haben sowohl für den Besucher als auch für die Tiere Vorteile. Für die Tiere ist der entscheidende Vorteil, dass sie in dieser Art von Haltung "Entertainment" – Unterhaltung - haben. Viele Menschen meinen, die armen Tiere seien so eingesperrt in den kleinen Käfigen. Das war eigentlich nie das vorrangige Problem, sondern vielmehr war es die Langeweile. Tiere brauchen adäquate Beschäftigung. Und wenn sie nun mit anderen Tierarten zusammen sind, ergeben sich automatisch Interaktionen und damit ist ein Unterhaltungsaspekt da. Das heißt die Tiere sind nicht nur gezwungen aufeinander zu reagieren, sondern sie tun es auch gerne und freiwillig. Wie z. B. der kleine Pudu, der sich zwischen die beiden Tapire legt, weil er sich einfach wohlfühlt zwischen den beiden Kolossen. Und natürlich ist das auch für den Besucher spannend.

Dortmund-Redaktion: Was ist die "Welt-Zoo-Naturschutzstrategie"?

Brandstätter: Die Welt-Zoo-Naturschutzstrategie wurde in den 1980er Jahren vom Welt-Zoo-Verband erstellt und ist heute die Grundlage der Gesetzgebung. In Deutschland sind im wesentlichen zwei Vorschriften bindend für die Zoologischen Gärten: Die eine ist das deutsche Tierschutzgesetz. Dort gibt es einen Paragraphen, der sich konkret auf die Zoologischen Gärten bezieht. Und dann gibt es die bekannte EU-Zoorichtlinie, die Ende der 1990er Jahre verfasst wurde.

Beide fußen auf der Welt-Zoo-Naturschutzstrategie, die auch die Hauptaufgabe eines Zoos beschreibt, nämlich Tiere zu zeigen. Daraus folgt, dass wir Tiere halten und pflegen müssen und dass wir sie sogar züchten sollten. Diese Hauptaufgabe wird von vier Säulen gestützt: Jeder Zoo hat einen Erholungsfaktor, jeder Zoo ist eine Institution der Bildung, wir sind eine Forschungsinstitution und Stätte des Artenschutzes.

Dieses Video steht leider nicht mehr zur Verfügung.

Wir haben also eine ethisch-moralisch Verpflichtung, wenn wir Tiere zeigen, diese auch vernünftig zu halten und in den meisten Fällen sogar eine Erhaltungszucht zu betreiben. Wir wissen, dass die Umwelt immer weiter zerstört wird und damit haben viele Tierarten überhaupt keine Chance mehr zu überleben außer in Zoologischen Gärten.

Dortmund-Redaktion: Wie trägt der Zoo Dortmund der Welt-Zoo-Naturschutzstrategie Rechnung?

Brandstätter: Indem wir Schwerpunkte haben und die versinnbildlichen sich in unserer Leitbildphilosophie mit vier Eckdaten:

1. Unser Schwerpunkt ist und bleibt die südamerikanische Fauna. Damit positionieren wir uns innerhalb der Zoolandschaft Europas. Gerade im Ruhrgebiet ist ein solcher Schwerpunkt von ganz entscheidender Bedeutung, denn wir leben hier in einer Region mit der höchsten Zoodichte auf der Welt. 15 Zoologische Gärten in einem Umkreis- Durchmesser von 80 Kilometern. Dieser Konkurrenzsituation sind wir nur gewachsen durch unseren Schwerpunkt.

2. Wir sind der "Park unter den Zoos". Das ist historisch gewachsen. Hier galt von Anfang an eine Prämisse, die wir immer berücksichtigt haben: Die Tiergehege müssen sich der Parklandschaft anpassen und nicht umgekehrt. Und wir sind der einzige Zoo, in dem das so ist. In den meisten anderen Zoos wurde die Parklandschaft um die Gehege herum gebaut. Der Zoo in Dortmund ist in die Parklandschaft hineingewachsen.

3. Wir bringen unsere Besucherinnen und Besucher durch Kontaktzonen näher an das Tier heran. Wir versuchen unsere Anlagen so zu gestalten, dass Gäste in die Anlage hineingeführt werden wie beim Kamelgehege: 50 Jahre haben wir vor das Gehege einen Zaun gesetzt. Nun ist plötzlich eine kleine Terrasse entstanden, die die Besucherinnen und Besucher sozusagen in das Gehege hinein bringt. Und das haben wir auch an anderer Stelle gemacht wie bei den begehbare Volieren .

4. Bei unserem Tierbestandsmanagement überlegen wir sehr genau, welche Tierarten halten wir hier – wie z. B. bei den Nebelpardern. Hier war der ausschlaggebende Punkt: Es handelt sich um eine aussterbende Tierart. Es gibt ein internationales Zuchtprogramm dafür, dass dringend Halter gesucht hat, weil es noch nicht genug gibt, um die Bestände in den Zoos zu sichern. Auch wenn das nicht unser Südamerikaschwerpunkt ist, unterstützen wir aber konkret auch andere Projekte wie das auf Borneo – und da passt das Tier halt ganz hervorragend als Sympathieträger in dieses Konzept.

Angola-Giraffe

Die Giraffe hat alles im Blick
Bild (Bildlizenz/Fotograf/Grafiker): Fabio Welker

An diesen vier Eckpunkten orientieren wir uns, wenn wir unsere Konzeptionen machen.

Dortmund-Redaktion: Gibt es bei dieser Vielfalt an Lebewesen, für die Sie Verantwortung tragen, überhaupt so etwas wie Routine in Ihrem Arbeitsalltag als Zoodireektor?

Brandstätter: Es gibt natürlich ein gewisse Routine, aber es ist sicherlich flexibler als anderswo. Ein Zoodirektor hat zunächst einmal eine administrative Funktion. Einen unendlichen Berg von Verwaltungsarbeit. Das bedeutet sehr viel Schreibtischtätigkeit. Jeder Fall, den es zu bearbeiten gilt, ist aber ein anderer.

Gaur-Rinder im Zoo

Der Gaur - hier einjährige Kälber -, der in Süd- und Südostasien verbreitet ist, stellt den größten lebenden Vertreter der Rinder

Zur Zeit arbeiten wir daran Oncillas, eine Kleinkatzenart aus Peru für unseren Zoo zu bekommen. Das ist ein unendlicher Verwaltungsaufwand. Wir haben schon so oft Importe aus Brasilien bekommen und dachten halt, das läuft ähnlich mit Peru. Aber nein: hier gibt es vollkommen andere Bestimmungen, Vorschriften und Rahmenbedingungen. Langeweile kommt dadurch nicht auf.

Dortmund-Redaktion: Aus Ihrer Tätigkeit gibt es bestimmt allerhand Kurioses, das Sie zu berichten haben. Erzählen Sie uns Ihre "tierische Lieblingsanekdote".

Brandstätter: Als ich hier anfing gab es einen Seriema (eine Vogelart). Der war eine Handaufzucht. Ich weiß nicht, wer ihn aufgezogen hat, das war vor meiner Zeit. Auf jeden Fall ist er in der Folge völlig aggressiv geworden, sobald blonde Frauen in seine Nähe kamen.

Mischgehege im Zoo

Mischgehege - wie hier bei den Guanakos und Nandus - sorgen für Kurzweil bei Mensch und Tier

Er war eigentlich sehr umgänglicher Vogel. Vor allem als Mann konnte man zu ihm gehen und er war zutraulich und verträglich, aber bei Blondinen wurde er richtig kiebig. Einer Dame von der Presse hatten wir die Geschichte erzählt. Sie sagte dann "Ich würde das gerne mal ausprobieren". Also ging sie – eine Brünette – zu ihm und der Vogel war ganz arglos. Aber sobald sie mit einer blonden Perücke wieder in das Gehege kam, hat er sie sofort attackiert und ist auf sie losgegangen. So hat jedes Tier seine eigene Persönlichkeit. Man kann sie nicht einfach in Schubladen stecken, so wie Menschen das oft machen.

Dortmund-Redaktion: Gerade in den Schulferien ist der Zoo ein beliebtes Ausflugsziel: Was empfiehlt der Zoodirektor großen und kleinen Gästen im Moment auf keinen Fall zu verpassen?

Brandstätter: Die Jungtiere. Wir haben zur Zeit einige sehr interessante Jungtiere hier, die man auf keinen Fall verpassen sollte. Wir haben Jungtiere bei den exotischen Huftierarten, bei den Antilopen.

Wir haben aber auch einige Raritäten, z. B. bei den Chinagraubauchhäherlingen. Das ist ein Vogelart, die nur im Zoo Dortmund gehalten wird. Dann haben wir Nachwuchs bei den Binturongs, Schleichkatzen aus Südostasien. Bei den Orangs gibt es ein Baby, das man sich anschauen sollte. Bei den Steinkäuzen haben wir Jungtiere. Bei den Seebären haben wir zwei Jungtiere. Wie zu Anfang gesagt: Der Besucher sollte auf Entdeckungsreise gehen...

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